Giftanschlag 4: Der Pipeline-Poker

Standard

 

  • Zum Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Nawalny konstatiert Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz: Wegen der undurchsichtigen Affäre erreicht das Verhältnis von Russland und Deutschland einen neuen Tiefpunkt.
  • Dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem Moskau und Berlin im Pipeline-Poker um die Erdgas-Doppelleitung Nordstream 2 dringend aufeinander angewiesen sind.

De quoi s’agit-il? (DQS)  –  Worum geht es?

  • Die USA unter Führung von Donald Trump (“America first”) wollen die Fertigstellung der beiden Leitungen um jeden Preis verhindern. Sie wollen in Europa ihr eigenes Fracking-Gas verkaufen.
  • Zu diesem Zweck erpressen die USA Firmen, die am Fertigbau der Pipelines beteiligt sind. Sie drohen ihnen mit Sanktionen und schweren wirtschaftlichen Einbussen,
  • Deutschland und Russland wollen die Verbindung unbedingt fertigstellen. Deutschland erhält eine günstige, direkte Anbindung an das russische Netz. Russland umgeht unsichere Kantonisten wie Ukraine und Polen. Präsident Putin stärkt geopolitisch seine Stellung.

Wie weit ist der Bau der beiden Leitungen?

  • Die Strecke vom russischen Wyborg durch die Ostsee nach Lubmin bei Greifswald misst 1’234 Kilometer. Der zweite Arm von St. Petersburg ist im Wasser kürzer, da der erste Abschnitt über das Festland führt. Erst bevor er Estland erreicht, zweigt er ins Meer ab.
  • Vor Lubmin fehlen an beiden Strängen je 76 Kilometer: Es müssen noch 152 Kilometer gebaut werden. Derzeit ruhen die Bauarbeiten.

Gazprom-Gesellschaft mit Sitz in Zug

Im professionell gestalteten Internet-Auftritt nennt der Betreiber der neuen Pipelines den Zuger Hauptsitz und zwei Niederlassungen in Russland:

  • Nord Stream 2 AG, Baarerstrasse 52, Zug 
  • Niederlassung MoskauPlotnikov pereulok 17
  • Niederlassung St. Petersburg, ul. Reshetnikova 14a

Nach russischen Angaben befindet sich die eigentliche Herrschaft in Moskau bei Gazprom, einem Giganten der dortigen Wirtschaft. In der Hauptstadt ist das riesige Hauptquartier des Erdgas-Riesen schon aus der Weite nicht zu übersehen. 2016 übernahm Gazprom Nord Stream 2 als alleiniger Gesellschafter. Die bis 2016 beteiligten europäischen Gesellschafter übernahmen jeder 10% der Bausumme von 9,5 Milliarden Euro:

  • Shell (Niederlande)
  • Uniper, Deutschland
  • OMV, Österreich
  • Engie (Frankreich)
  • Wintershall (Deutschland)

Wirkt sich die Nawalny-Affäre aus?

In Brüssel und Berlin, aber auch im direkt betroffenen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist der Widerstand gegen die amerikanische Erpressung ungebrochen:

  • 24 der 27 EU-Staaten verwahrten sich Mitte August 2020 beim amerikanischen Aussenministerium in einem harten Protestschreiben gegen die Erpressung. Ungarn, Rumänen und Lettland verweigerten die Unterschrift.
  • Der deutsche Aussenminister Heiko Maas: “Deutschland und Europa entscheiden selbständig über ihre Energiepolitik.”
  • Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern: “Das lassen wir uns nicht gefallen. Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie den USA klarmacht, dass wir dieses Verhalten nicht akzeptieren.”

Was hält die Nord Stream 2 AG bereit?

  • Im Hafen von Sassnitz, Rügen, liegt das Verlegeschiff “Akademik Cherskiy” am Quai. Es wird so umgebaut, dass es mit seinem grossen Kran die restlichen 152 Kilometer Leitungen verlegen kann. Das russische Schiff soll die Schweizer Schiffe ersetzen, die abgezogen wurden.
  • Die drei amerikanischen Senatoren Ted Cruz (Texas), Tom Cotton (Arkansas) und Ron Johnson (Wisconsin) drohen dem Fährhafen Sassnitz mit “fatalen Sanktionen, dem Einfrieren von Guthaben und Einreiseverboten.” Alle drei vertreten Fracking-Staaten.
  • Das Schicksal der beiden unvollendeten Gasleitungen hängt davon ab, ob die “Akademik Cherskiy” auslaufen kann. Dies wiederum wird vom Ausgang des Pokers zwischen Washington, Moskau und Berlin bestimmt. Wie sich der Todeskampf des Politikers Nawalny auf Deutschlands Haltung auswirkt, bleibt zu sehen.