Geschichte 3: USA, Präsidenten und ihre Zitate

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New York, 1789: George Washington im 2. Stock der Federal Hall auf dem Balkon (heute gegenüber Wallstreet und Stock Exchange).

Wie vorgeschrieben legte am 20. Januar 2021 auf den Stufen des Capitols der Wahlsieger Joe Biden als 46. Präsident den Amtseid ab.

Als Biden den Eid schwor, herrschten a.o. Bedingungen. Aus dem Capitol waren Bilder wie aus einem Hollywood-Film gekommen: Soldaten und Kader der National Guard ruhten auf den Fliessen des mächtigsten Parlaments der Welt – im Kampfanzug, bewaffnet, Helm in Griffnähe, wie in einem bedrohten Belagerungsring.

Im Brennpunkt der Amtseinsetzung steht immer die Inaugurationsrede des neuen Präsidenten.

Blicken wir in die Geschichte zurück, gab es pathetische, letztlich nichtssagende Ansprachen, aber auch solche, die Raum und Zeit überdauern. Berühmte Zitate prägten die denkwürdigen Auftritte markanter Präsidenten.

1789 in Manhattan: George Washington

1789 war es die Eidesformel, die General George Washington als erster Präsident sprach. Er zählt – nach Meinung amerikanischer Historiker – mit Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt zu den drei grossen Präsidenten gehört.

I do solemnly swear that I will faithfully execute the office of President of the United States, and will to the best of my ability, preserve, protect, and defend the Constitution of the United States. So help me God.”

Die Formel war in den letzten 232 Jahren Änderungen unterworfen. So erwies sich George Washingtons letzter Satz als fakultativ. Ebenso könnte ein neuer Präsident rein rechtlich swear (schwören) durch affirm (bestätigen, bekräftigen) ersetzen – wie in der Schweiz “schwören” durch “geloben”.

Lincoln 1861.

Abraham Lincoln und Ulysses S. Grant

  • Abraham Lincoln am 4. März 1861, gut einen Monat, bevor die Kanonade von Fort Sumter am 12. April den Sezessionskrieg auslöste, den der Norden unter dem genialen General Grant 1865 gewann: “This country, with its institutions, belongs to the people who inhabit it. Whenever they shall grow weary of the existing Government, they can exercise their constitutional right of amending it or their revolutionary right to dismember or overthrow it.  
  • General Ulysses S. Grant, nach dem Sieg im Bürgerkrieg Präsident 1869–1877: “In every battle there comes a time when both sides consider themselves beaten, then he who continues the attack wins.”

2 x Roosevelt, Kennedy, Reagan

  • Theodore Roosevelt 1901: “‘Speak Softly and carry a big stick”.

Washington 1933: Franklin D. Roosevelt.

  • Franklin D. Roosevelt 1933 in der wohl bedeutendsten Inaugurationsrede, mit der er sein Land aus der tiefsten Depression der Geschichte führte: “The only thing we have to fear is fear itself” – unter Anknüpfung an Shakespeare, Macbeth: “Fear knocked at the door, Faith answered and no one was there.”

1961: Kennedy. Links mit weissem Schal General Eisenhower. Rechts die Vizepräsidenten Johnson (neu) und Nixon (abtretend).

  • John F. Kennedy 1961: “Forgive your enemies, but never forget their names. Und: “Let every nation know… that we shall pay any price, bear any burden, meet any hardship, support any friend, oppose any foe, to assure the survival and the success of liberty.” Und das eternelle Wort, der die Jugend der frühen 1960er-Jahre prägte, nicht die 68er: “Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.”
  • Ronald Reagan, der in 1980er-Jahren die Sowjetunion zur Kapitulation rüstete: “Peace is not absence of conflict, it is the ability to handle conflict by peaceful means.” Und an der Berliner Mauer: “Mr. Gorbatschew, tear down this wall!”

George W. Bush, Barack Obama – und Joe Biden?

  • George W. Bush, der die USA in zwei langwierige Kriege führte – Afghanistan und Irak – 2001: “America is a Nation with a mission – and that mission comes from our most basic beliefs. We have no desire to dominate, no ambitions of empire. Our aim is a democratic peace – a peace founded upon the dignity and rights of every man and woman.George W. Bush.”
  • Barack Obama, der erste farbige Präsident: “We remember the Americans who put country above self, and set personal grievances aside for the greater good. We remember the Americans who held this country together during its most difficult hours; who put aside pride and party to form a more perfect union.”

Was bleibt wohl von Joe Bidens Rede 2021? Der Satz etwa: “It is time to end this uncivil war”?

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Historiker neigen zu (willkürlichen) Ranglisten, gerade an der Ostküste der USA. Eine Jury suchte die besten und schlechtesten Reden zur Amtseinführung zu eruieren – getreu Schillers Wort zu Generalissimus Wallenstein: “Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.” Unter diesem Vorbehalt das “Urteil” der Juroren:

Fünf beste Reden

  • 1861 Lincoln
  • 1933 Roosevelt
  • 1961 Kennedy
  • 1981 Reagan
  • 2009 Obama

Parteipolitisch sind das zwei Republikaner (1861m 1981) und drei Demokraten (1933, 1961, 2009).

Zwei schlechteste Reden

  • 1841 Harrison (er redete fest zwei Stunden lang in einem schweren Schneesturm und zog sich eine Lungenentzündung zu, an der er 32 Tage später starb; die Jury nennt seine Ansprache die langfädigste der Geschichte).
  • 2017 Trump > siehe oben > das Schiller-Zitat.

Parteipolitisch gehörte Generalmajor Harrison zur relativ kurzlebigen Whig Party. Sie sprach konservative Wähler an und ging dann mit Lincolns Aufstieg in der Republikanischen Partei auf. Trump übernahm die Grand Old Party 2016 im Handstreich.

Dass die aus dem linksliberalen Ostküsten-Establishment stammende Jury zwei letztlich mit den Republikanern verbundene Präsidenten als schlechteste Redner einstuft, erstaunt wenig …