Geschichte 1: Faktencheck Lawrence of Arabia

Standard

 

1917 “auf nach Damaskus, keine Gefangenen”, 1962 der Film.

Der erste Tag des zweiten Lockdowns bietet Zeit und Musse für Militärgeschichte. Gestern, am 17. Januar 2021, zeigte 3Sat das monumentale Epos von Lawrence of Arabia – ohne lästige Werbung, in der zweiten, stärkeren restaurierten Fassung in originaler Länge von dreieinhalb Stunden.

  • Wie der Schiwago-Film von 1965 ein grandioses Werk – mit Peter O’Toole als Lawrence, Alec Guinness als Fürst Faisal, Omar Sharif als Sherif Ali und Jack Hawkins in der Rolle des Generals Allenby.
  • Auch wenn der Regisseur David Lean die bildmächtigen Wüstenszenen nicht in auf der Arabischen Halbinsel aufnahm, vermitteln die im Original längeren Passagen einen dramatischen Eindruck von der Einsamkeit, der Hitze, dem Durst, den Halluzinationen, denen Menschen im Orient unterworfen sind.

Gesamthaft faktentreu

Was aber ist der Film historisch Wert? – der Faktencheck.

  • Gesamthaft hält sich das Drehbuch gut an die grossen Linien der Heldentaten des britischen Majors Thomas E. Lawrence.
  • Der singuläre Marsch durch die arabische Wüste, das Leiden auf den 200 Kilometern durch die Nefud, die Einnahme Akabas, der Zug östlich des Jordans nach Syrien und die Eroberung von Damaskus halten dem Faktencheck stand. 
  • Major Lawrence vollbrachte die einzigartige Tat, die rivalisierenden Beduinenstämme für einen Wimpernschlag der Geschichte in einer Armee zu vereinen. Peter O’Toole bringt Lawrences Vertrautheit mit dem Orient, der Wüste, dem Islam, das psychologisches Geschick und das Charisma meisterhaft zur Geltung.
  • Die überkommene Zerstrittenheit der Araber, wird von der Damaszener Schlussphase korrekt übermittelt. Gnadenlos deckt der britische Film Londons zwiespältige Rolle auf.

Seltsame Details

Weniger gut schneiden die prallen 210 Minuten im Detail ab:

  • Krass daneben liegt die location von Akaba. Jordaniens Zugang liegt am Ende des gleichnamigen Golfes, der im Gegensatz zum Golf von Suez den östlicheren Nordarm des Roten Meeres bildet.
  • Lean konnte die Schlüsselszenen nicht in Akaba filmen. Er wich an eine wunderbar runde, tiefblaue Bucht in Spanien aus und baute behelfsmässig in Weiss “sein” Akaba auf. Nur hat der Strand von Playa del Algorocibo (bei Almeria) mit dem engen Golf von Akaba so wenig zu tun wie Lawrence mit seinen osmanischen Peinigern von Deraa.

Tiger Moth – Erstflug erst 1931.

  • Zeitlich nicht akkurat muten im Ersten Weltkrieg die rotgestrichenen türkischen DH.82 Tiger Moth an, die den Beduinen in der Wüste grausam zusetzen. Das Schulflugzeug hatte seinen Erstflug erst 1931 und war keine Kampfmaschine.
  • Überzeichnet wirkt Jack Hawkins’ brutaler, skrupelloser General Allenby. Immerhin war es der spätere Feldmarschall, der 1922 gegen die Londoner Politik Ägyptens begrenzte Unabhängigkeit erstritt (der Suezkanal, das Nadelöhr auf dem Seeweg nach Indien, blieb allerdings britisch).
  • Gläubige bewahren Allenby ein Andenken für seinen demütigen Einzug in die heilige Stadt Jerusalem. Der General verzichtete auf den “standesgemässen” Einzug zu hoch zu Ross und marschierte zu Fuss durch das Jaffa-Tor. Die Araber ehren seinen Namen in der Allenby-Brücke unten am Jordan, die er anlegen liess (heute die Landverbindung Jordanien–Israel).
  • Eine einzige Männergestalt wirkt aus mehreren historischen Figuren “komponiert”: Sherif Ali. Den Sherifen-Titel trug damals der Sherif Hussein von Mekka. Er war ein Haschemit und begründete die Herrschaft seines Stammes in Transjordanien. Omar Sharifs Ali, ein Hari, existierte so nicht wie im Film.

Überragend

Dennoch: Nehmen wir alles nur in allem, zählt Leans Lawrence zu Recht zu den zehn gewaltigsten Filmepen des 20. Jahrhunderts – so wie der in Damaskus zum Colonel beförderte Thomas E. Lawrence in der Geschichte des Orients eine überragende Stellung einnimmt.