Shirreff und Petraeus: “Robuste Doktrin”

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Eine glückliche Hand haben die Londoner Sender BBC und Sky mit ihren Militärkorrespondenten. Der britische Afghanistan-Veteran Richard Shirreff, Autor des brillanten Buches “War with Russia”, und sein Kamerad, der Amerikaner David Petraeus, auch er ein Vier-Sterne-General und CIA-Direktor, verfallen nicht ins Bla-Bla anderer Lehnstuhl-Champions beiden Geschlechts. Die Substanz ihrer Lagebeurteilungen:

  • Schon hat die russische Luftwaffe die Luftüberlegenheit errungen. Über Kiew brausen Suchoi-34 hinweg, offenbar ungestört.
  • An der Belgorod-Front im Osten direkt sind an der ukrainischen Grenze Dutzende, wenn nicht Hunderte russische Militärfahrzeuge zu beobachten, die “ungeniert” auf ukrainisches Territorium eindringen. Es sind dies: T-72-Kampfpanzer, alle Typen Schützenpanzer, 2S19-MSTA-Panzerhaubitzen vom Kaliber 152 mm, Raketenpanzer und die verheerenden 9A-52-Smerch-Mehrfachraketenwerfer vom Kaliber 300mm.
  • Die Kolonnen bewegen sich zügig in die Ukraine hinein. Sie fahren dicht an dicht > siehe oben die Luftüberlegenheit. Belgorod selber liegt 30 Kilometer von der Grenze entfernt. Nach Charkow, dem Zwischenziel der Russen, sind es 97 km.
  • Gemäss Petraeus stösst das russische Heer gemäss robuster Doktrin vor: Verlassen der Lager oder Kasernen mit Bezug der Bereitstellung 20–30 km hinter der Front, bereits geordnet; Bezug der Angriffsgrundstellung 6–10 km von der Front unter Einnahme der Gefechtsgliederung; Überschreiten der Ablauflinie mit der 1. Staffel; Nachstossen der 2. Staffel und so fort.
  • Zerstörung gegnerischer Schlüssel-Infrastruktur durch weit reichendes Feuer, Raketen und Marschflugkörper. Ausgeschaltet werden Ministerien, Kommandozentralen, kritische Logistik, Verbindungen, gegnerische Schlüssel-Waffen und -Ansammlungen. Lahmgelegt wurde komplett der Flugplatz Mariupol, der Hafen der Stadt geriet unter das Feuer von Kanonenbooten.
  • Vertrauen zur russischstämmigen Bevölkerung: in Charkow sprechen 75% der Einwohner russisch. Entsprechend gut gesinnt sind sie der angreifenden Armee.
  • Zum strategischen Luftlandung auf dem Internationalen Flughafen Kiew müssen die Bodentruppen innert 72 Stunden den Erdschluss herstellen: Sie müssen die gelandeten Kameraden versorgen und vor allem auch verstärken. Die gelandeten Truppe ist Gegenangriffen unterworfen.
  • Kiew rückt in den Brennpunkt. Präsident Putins Ziel lautet: Enthauptungsschlag, Entfernung des NATO-Freundes Selensky samt seines prowestlichen Kabinetts und Einsetzung einer neuen prorussischen Regierung. Satellitisierung der Ukraine. Das Land soll fortan zu Putins Machtbereich gehören, sofern der Krieg so verläuft, wie sich der Kriegstreiber vorstellt.
  • Wie weit geht Putin? Erkennbar sind klar die drei Fronten Nord mit dem Hauptziel Kiew, Ost mit dem Zwischenziel Charkow und vermutlich dem Auftrag, zügig den Dnjepr zu erreichen, und Süd mit den Brennpunkten Odessa und Mariupol, primär mit dem Auftrag, die Ukraine vom Meer zu trennen, sekundär eventuell mit einem Stoss gegen Norden, um sich mit anderen Russen am Dnjepr so zu vereinigen, dass die gesamte östliche Ukraine entlang des beherrschenden Stroms geteilt wäre.
  • Zu beachten Transnistrien und das NATO-Nicht-Mitglied Moldawien (Moldau).
  • Was aber geschieht mit dem Rest? Dem Nordwesten der Ukraine mit der alten Habsburgerstadt Lemberg (Lwiw)? Hat die ukrainische Armee Rückfallpositionen, um den Krieg in die Länge zu ziehen? Bedroht Putin auch das Baltikum? Verstärkt die NATO dort ihre Präsenz am Boden und in der Luft so stark, das Putin versteht: “Bis hierher und nicht weiter”? Liefert der Westen der Ukraine, den Balten, Polen und Rumänen genug Geld, Waffen, Instruktion?
  • Und was die Russen betrifft: Beherrschen sie die operative Führung einer Drei-Fronten-Offensive? Ist ihre Führungsstruktur, sind ihre Teilstreitkräfte und Verbände untereinander kohäsiv genug?