General Brauss: Scharfe Warnung vor Putin

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Generalleutnant Brauss (Bild NATO).

Iskander-Abschuss. Die Warnung vor Putin gründet primär auf der Iskander-Rakete und deren Reichweite (DoD).

Es folgt ein Aufruf des deutschen Generalleutnants Brauss, den ich für das Bulletin mit Bedacht auswählte.

Seit der Zeitenwende von 1989 wundere ich mich, wie frivol, wie leichtsinnig in den linksliberal-rot-grünen Kreisen von Bundesbern behauptet wird, in Europa sei der ewige Frieden angebrochen. Von dieser Kritik sind realistische Persönlichkeiten wie die Geheimdienstchefs Regli, Wegmüller, Gaudin oder Vuitel ausdrücklich auszunehmen.

Das pazifistisch angehauchte Gesäusel der VBS-Sicherheitspolitik schadet unserem Land. Es verschliesst einflussreichen (Spar-)Politikern die Augen; und es schmälert die Wehrhaftigkeit der Schweiz.

Den Autor Brauss erlebte ich mehrfach an deutschen Konferenzen. Zusammen mit General Naumann und dem Diehl-CEO Günther prägt er oft die Debatten als kompetenter, ruhiger Analytiker – kein Eisenfresser, überhaupt nicht. Dass er jetzt derart eindeutig vor Präsident Putins Russland warnt, muss auch uns zu denken geben – Bundesbern inklusive.                                                       Dr. Peter Forster

 

Mittelstreckenraketen: Reichweiten ab Moskau.

Wirkungsdistanzen russischer Raketen, westlich auch von Kaliningrad aus (Karten WELT).

Generalleutnant Heinrich Brauss verantwortete bis 2018 in Brüssel die NATO-Strategie. In der Zeitschrift «Sirius» beantwortet er die Frage: «Was will Russland mit den vielen Mittelstreckenraketen?» Er kommt zum Schluss: Russlands Hochrüstung geht nicht auf die Doktrin von Aktion/Gegenreaktion zurück, sondern zielt auf die Dominanz in Europa ab. In den NATO-Staaten schlug Brauss gewaltig ein. Die folgenden Gedanken basieren auf der Einschätzung von Heinrich Brauss.

Ende Juli 2019 lief der für Europa entscheidend wichtige INF-Vertrag ab. Er hatte in Europa landgestützte Raketen von kürzerer und mittlere Reichweite (500 bis 5500 Kilometer) verboten.

Die sonst zurückhaltene Russische Armee gab Iskander-Bilder frei, hier am Kran (DoD).

Rüstung übersteigt Befürchtung

Laut Brauss:übersteigen das Ausmass und die Breite der russischen nuklearen Mittelstreckenraketen alles bisher Befürchtete. Schwergewichtig geht es um Marschflugkörper, deren Radar die Rakete in niedriger Höhe dem Terrain anpasst und die mit hoher Präzision Ziele treffen: •

  • In Verletzung von INF wurden im westlich-europäischen Russland vier Bataillone 9M729 (NATO SSC-8) mit insgesamt 64 Werfern stationiert.
  • Mit einer Reichweite von 2600 Kilometern führte die Marine das nukleare Cruise Missile Kalibr 3M14 ein. Die Waffe wird von Überwasserschiffen und von getauchten U-Booten der Kilo- und Yasen-Klasse verschossen.
  • In Syrien trafen Kalibr vom Kaspischen Meer aus über 1600 Kilometer hinweg 26 Ziele punktgenau; so wie U-Boot-Raketen vom Mittelmeer aus.

Ein besonders Augenmerk richtet Brauss auf die Exklave Kaliningrad, Russlands westlichsten Punkt.

Iskander-Stellung bei Pravdinsk, Kaliningrad.

Iskander in Kaliningrad

Als bedrohlich hebt Brauss die Hochrüstung im alten Königsberg hervor: In der West-Exklave Kaliningrad stellte Russland die ballistischen Raketen Iskander auf, die Warschau, Breslau und Berlin direkt bedrohen. Zudem führt die Strategische Raketentruppe den ballistischen Flugkörper RS-26 Rubezh ein, der Ziele über 5800 Kilometer angreift.

Generalleutnant Brauss weist die Theorie zurück, wonach die Waffen primär gegen China gerichtet seien. Er erinnert an Standorte, die eindeutig auf Europa zielen: an erster Stelle Kaliningrad, an zweiter die Halbinsel Kola im hohen Norden, gegenüber Skandinavien gelegen.

USA bauten massiv ab

Laut Brauss trifft Präsident Putin derart hohe Investitionen nicht defensiv. Er erkennt eine Strategie, die auf «Krieg und den Krieg gewinnen» ausgerichtet ist.

Entgegen kommt Putin die Tatsache, dass die USA ab 1987 mit dem INF-Vertrag in Europa ihre nuklearen Pershing-II-Raketen und die Marschflugkörper BGM-109G Gryphon zerstörten. Zurück blieben rund 200 Atombomben B-61, die von verwundbaren Bombern eingesetzt würden.

Die USA verzichteten in Europa auf die effektiven Cruise Missiles Tomahawk, die sie im Nahen und Mittleren Osten erfolgreich anwenden. Grossbritannien und Frankreich reduzierten ihre Kernwaffen-Arsenale.

Nach wie vor begründet Russland sein Selbstverständnis von seiner Einmaligkeit her: mit einer Jahrhunderte alten Grossmachtstellung, einem Territorium, das einen Achtel der Weltlandesfläche umfasst, 20’027 Kilometern Landesgrenze zu 14 Nachbarn und der atomaren Hegemonie in Europa – als nukleare Supermacht nur vergleichbar mit den USA.

Kritische Infrastruktur

Brauss misst den 9M729 Novator zentrale Bedeutung zu: 

  • Das System sei mobil, zu identifizieren und kaum zu bekämpfen: «9M729 kann mit geringer Vorwarnzeit jedes Ziel im grössten Teil Europas erreichen – Hauptstädte, militärische Hauptquartiere und für die Überlebensfähigkeit kritische zivile und militärische Infrastruktur.» 
  • «Wegen der geringen Vorwarnzeit könnte 9M729 die Reaktionsfähigkeit der NATO und die Aufmarsch- und Verteidigungsfähigkeit der Verbündeten womöglich früh entscheidend schwächen und die Entscheidungsfähigkeit einzelner Alliierter oder der NATO ganz paralysieren.» 
  • «Da 9M729 zwar fast ganz Europa bedrohen kann, nicht aber die USA, könnte hinter dieser Beschaffung die Absicht stehen, die USA aus einem Konflikt in Europa herauszuhalten, zumal wenn er eine nukleare Dimension hätte. Dies könnte die strategische Einheit des Bündnisses aufbrechen und in zwei Zonen unterschiedlicher Sicherheit aufteilen.» 

Das würde dann Nordamerika von der Sicherheit Europas abkoppeln – der Albtraum europäischer Regierungen schon im Kalten Krieg.

Den Krieg gewinnen

In der Folge arbeitet Brauss die unterschiedliche Risikobereitschaft und Aggressivität von Russland und der NATO heraus: Russisches Denken gehe nicht vom Primat der Vermeidung und raschen Beendigung von Kriegen aus, sondern davon, Kriege zu gewinnen – und auch nur jene Kriege zu initiieren, bei denen man sicher sei, sie zu gewinnen.

Das russische Selbstverständnis als Hegemonialstaat verlange die Unterwerfung der Nachbarstaaten unter Russlands Machtanspruch.

Cyber vor dem Angriff

Russland greift zu allen militärischen und nichtmilitärischen Mitteln:  Desinformation, siehe Krim. Destabilisierung, dito. Cyberkrieg schon vor dem Angriff. Hybride Attacken noch unterhalb der Kriegsschwelle. Konzentration gepanzerter Verbände an Grenzen, siehe wieder Krim. Anwendung militärischer Gewalt. Klassische konventionelle Operationen zur Besetzung von Territorien. Einsatz nuklearer Waffen.  

Als mögliche Schauplätze nennt Brauss die Ukraine, das Baltikum und Ostpolen: «Die Ausdehnung der militärischen Ukraine-Operationen mit dem Ziel, deren Lebensfähigkeit als unabhängiger Staat noch stärker zu bedrohen oder deren Staatlichkeit zu zerstören.» Ein Angriff «gegen einen oder mehrere baltische Staaten und Teile Polens mit dem Ziel, die Glaubwürdigkeit der NATO zu unterminieren.»

In beiden Fällen würde Russland versuchen, mit schnellen Vorstössen militärische Fakten zu schaffen, bevor die NATO eingreifen könnte.

Der Fall Ukraine

Im Donbass bindet Russland erhebliche Streitkräfte der Ukraine. Die Halbinsel Krim wurde zu einer mächtigen Festung ausgebaut. Die dortige Flab, die Cruise Missiles, konventionelle/nukleare Kurz- und Mittelstreckenraketen gegen Boden-, Luft- und Seeziele, die weitreichende Artillerie und EKF decken das Schwarze Meer, die Nordtürkei und Ostrumänien ab.

Die Ukraine verlor am 1. März 2014 de facto die Krim (Karte Gov).

Brauss entwirft das Szenario: Provokationen. Einsickern von Spezialkräften. Zwischenfälle im Asowschen Meer. Sperrung der Strasse von Kertsch und des Asowschen Meers (See und Luft). Bindung der Ukraine-Armee im Osten. Vorstoss entlang des Meeres über Mariupol hinaus. Schliessen der Landbrücke zur Krim. Besetzung des Raums südlich Dnjepr.

In Richtung Odessa

Hernach könnte Russland Odessa nehmen, den bedeutendsten und grössten Hafen der Ukraine – Die Grossstadt mit ansehnlicher russischer Bevölkerung.

Die Kriegsmarine kann Odessa vom Schwarzen Meer her blockieren und eine Lebensader abschneiden: «Die Regierung in Kiew könnte vor die Wahl gestellt weder: Fortsetzung des Kriegs, Zerstörung und Besetzung weiter Teile des Landes – oder die Assoziierung mit Russland.»

«Darüber hinaus könnte die Russland das Schwarze Meer sperren. Putin wäre auf allen Kanälen mit der Warnung zu vernehmen, dass Russland Nuklearmacht sei und sich nicht scheuen würde, seine Interessen mit allen Mitteln zu verteidigen.»

Rumänien und die Türkei stünden dann einer grundlegend neuen Konstellation gegenüber. Die NATO müsste ihre gesamte Verteidigungsplanung anpassen.

Der Fall Baltikum/Polen

Heinrich Brauss hält eine Operation im Ostseeraum für «ungleich risikoreicher, aber nicht auszuschliessen.» Denn Estland, Lettland, Litauen, Polen, Dänemark und Deutschland gehören dem Nordatlantikpakt an. Für sie gälte die Beistandsgarantie der NATO. Die USA haben in Europa ihre Land-, Luft- und Seestreitkräfte wieder verstärkt.

Die baltischen Staaten sind unter dem Schutz des Nordatlantikpaktes (Karten NATO).

Die vier multinationalen Kampfgruppen der NATO signalisieren Putin, dass er bei einem Einfall im Baltikum oder Polen direkt mit Krieg rechnen muss – einschliesslich der drei Atommächte Frankreich, Grossbritannien und USA.

Gefährdete Suwalki-Lücke

Gleichwohl erinnert Brauss an Russlands geostrategische Vorteile: Balten und Polen grenzen an Russland. Der Generalstab in Moskau kann Verbände zügig an die Westgrenze verlegen und dort konzentrieren. Die NATO muss Grenzen und grössere Entfernungen überwinden. Die Festung Kaliningrad ragt wie ein Keil ins NATO-Gebiet hinein.

Auch die Baltische Flotte kann den Aufmarsch des Bündnisses verzögern. Zu Beginn hat Russland den klassischen Raum-Zeit-Kräfte-Vorteil. Die Lücke von Suwalki wirkt wie ein Flaschenhals für den Zugang von NATO-Kräften ins Baltikum. Die Lücke könnte das Ziel eines frühen Angriffs sein. Die Balten würden von Polen und der NATO abgeschnitten.

NATO-Austritt der Balten?

Sodann schneidet Brauss ein heikles politisches Thema an: die Sprunghaftigkeit Trumps und dessen Abneigung gegen die NATO, die immer noch zu drei Vierteln von den USA finanziert wird – für Europa.

Brauss: Nukleare Drohungen «würden dazu dienen, europäische Regierungen zu entmutigen, ihre Streitkräfte einzusetzen. Diese Drohungen könnten desto glaubhafter sein, je grösser die Unsicherheiten darüber wären, wie glaubhaft die amerikanischen nuklearen Garantien noch sind.»

Könnte Russland das Baltikum in Besitz nehmen, bevor die NATO eingreift, könnte Putin innehalten und den Westen vor die Wahl stellen: Entweder Krieg mit unabsehbaren Folgen oder die Zustimmung dazu, dass die Balten die NATO verlassen und neutralisiert würden. Brauss: «Es könnte das Ende der Allianz einläuten.»

Politische Drohkulisse

Gründlich geht Brauss auch auf die NATO-Gegenmassnahmen ein: «Die EU, Kanada und die USA könnten eine politische Drohkulisse aufbauen, die vor allem Sanktionen beinhalten sollte, die Russland massiv treffen würden.»

Entscheidend sei, dass es im gesamten NATO-Bereich – von Nordnorwegen bis Nordafrika – keine wesentlichen Lücken gibt, die Russland nutzen könnte, um die NATO zu erschüttern und zu erpressen.

Je 30 Bataillone, Staffeln, Schiffe

Brauss nennt fünf NATO Imperative: «Die Reaktionsfähigkeit wird weiter erhöht, indem Aufklärung und Alarmierung verstärkt und die Entscheidungsverfahren weiter beschleunigt werden.» «Die Kommandostruktur der NATO, also das Netz ihrer HQ, wird wieder befähigt, Verteidigungsoperationen mit Grossverbänden, nun auch unter Cyber-Bedrohung, zu führen.» «Cyber-Abwehr und die Fähigkeit, Cyber-Operationen zu führen, werden weiter verstärkt.»

«Die Einsatzbereitschaft von 30 Bataillonen, 30 Kampfjetstaffeln und 30 Schiffen wird so erhöht, dass sie in maximal 30 Tagen im Einsatzraum sein können. Sie werden zu hoch einsatzbereiten Brigaden, Geschwadern und maritimen Einsatzgruppen.»

«Die Bedingungen für die rasche Verlegung alliierter Truppen in Europa über Grenzen hinweg werden durchgreifend verbessert.»

Vertragsbruch beantworten

Politisch kommt Brauss zum Schluss, der Bruch des INF-Vertrags und die Aufstellung der 9M729 durch Russland müsse beantwortet werden.

Dabei komme es darauf an, die Geschlossenheit des Bündnisses zu wahren und die Glaubwürdigkeit der NATO zu erhalten – genau so wie die nukleare Abschreckung durch die USA. Es kämen daher nur Lösungen in Betracht, die die strategische Einheit des Bündnisgebiets über den Atlantik hinweg wahren und die Anbindung der NATO an das nuklearstrategische Potential der USA gewährleisten.

Braussens Wort in Gottes Ohr.

 

Zum Autor Generalleutnant Brauss

Heinrich Brauss (Bild BW).

Heinrich Brauss fiel und fällt durch sein Wissen und Können auf. Der Artillerieoffizier führte im Wechsel mit Stabdiensten eine Batterie, das Pz Art Bat 165 und die Pz Br 42. Er war in Bosnien SFOR-Stabschef und zeichnete von 2013–2018 für die NATO-Strategie verantwortlich.