General Arlt: “Der Wettlauf gegen die Zeit”

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Brigadegeneral Jens Arlt, Kommandant Luiftlandebrigade 1.

Brigadegeneral Jens Arlt kommandiert in der Bundeswehr die Luftlandebrigade 1. In Kabul schuf er Ordnung, nachdem die deutsche Evakuierung chaotisch angelaufen war. Über Usbekistans Hauptstadt Taschkent konnten viele Menschen gerettet werden, auch Schweizer. Zurück in Berlin, gab Artl dem Militärblog “Augen geradeaus!” Auskunft über sein Engagement in Afghanistan.

Klar zum Ausdruck gelangt die überragende Bedeutung des Faktors Zeit. Artl spricht von einem “Wettlauf gegen die Zeit.” Die Rettungskation stand und fiel mit dem Schutz, den amerikanische Marines und Fallschirmjäger den Airport Kabul garantierten. Doch auch die USA handelten unter enormem Zeitdruck. Mit der Taliban-Führung hatte sich General McKenzie über den Schlusstag verständigt. Spätestens am 31. aufust 2021, Mitternacht, gehe der Flugplatz für westliches Militär zu; am 30. August, 23.59 Uhr, hob die letzte C-17 ab.

Der Faktor Kraft kam auch zum Tragen. Ohne 5’200 Amerikaner und 1’000 Briten, alle Elite-Soldaten, wäre der innere Ring um das Flugfeld zusammengebrochen. Und in der Endabrechnung war es das US Air Mobility Command, das mit seinen C-17 und C-130 über 100’000 Flüchtlinge ausflog. Den Faktor Raum bestimmten die räumlichen Gegebenheiten des Flugplatzes mit seinen Toren und die happigen Flugdistanzen nach Doha, Dubai, Abu Dhabi, Bahrain und Kuwait – samt den Anschlüssen nach Ramstein und in die USA.

Bundeswehr in Afghanistan. 59 Deutsche liessen ihr Leben.

Lesen Sie, was Thomas Wiegold, der Herausgeber von “Augen geradeaus!”, von den Generalen Ertl und Zorn zu berichten hat.

“Evakuierungsmission aus Kabul „ein Wettlauf gegen die Zeit“

Nach dem Ende der militärischen Evakuierungsmission aus Kabul hat der deutsche Kommandant, Brigadegeneral Jens Arlt, einige Eindrücke aus der Operation geschildert. Der Wettlauf gegen die Zeit sei von vielen, nicht primär militärischen Problemen geprägt gewesen, sagte Arlt bei einem Briefing für Journalisten.

Im offenen Teil des Briefings betonte der General: Sie müssen dort robust auftreten. Die deutschen Soldaten hätten ebenso wie die Soldaten anderer Nationen bei diesem Einsatz auch vor dem geschützten Bereich des Flughafens von Kabul, vor den sogenannten Gates, physisch aktiv werden müssen. Dabei habe es über die Dauer der gut zehntägigen Mission erkennbare Veränderungen gegeben:

  • Während in den ersten Tagen viele Frauen und Kinder versucht hätten, Zugang zur Evakuierung zu bekommen, seien es dann immer mehr junge Männer gewesen.
  • Für die Schwächeren habe es deshalb dann immer mehr Probleme gegeben, überhaupt bis zu den Soldaten vorzudringen, die den militärischen Bereich des Flughafens sicherten.

Recht schnell hätten deshalb alle beteiligten Nationen gemerkt, dass die ursprüngliche Planung, grössere Gruppen von zu Evakuierenden durch die Tore des Airports zu bringen, nicht funktionieren würde – eine Lektion, die alle Hauptstädte für solche Aktionen künftig berücksichtigen müssten. Gezeigt habe sich auch, wie wichtig in Zukunft eine bessere Koordination einer solchen Evakuierung sei: Alle haben versucht, die gleichen Dinge durchzuführen.

General Eberhard Zorn.

Trotz der Probleme bei der Mission bewertete Generalinspekteur Eberhard Zorn die Operation als vollumfänglich gut gelaufen und abgeschlossen. Grundsätzlich habe sich die Krisenvorsorge für solche Evakuierungen in der Summe bewährt, die Bundeswehr müsse aber in der Auswertung des Einsatzes prüfen, wo es Veränderungen nicht nur in den Prozessen, sondern auch bei der Ausstattung geben müsse.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, nicht minder diplomatisch als ihr höchster Soldat, nannte scheinbar beiläufig ein Datum: Bereits am 12. August habe ihr Ressort angesichts der Lagemeldungen mit Hochdruck eine militärische Evakuierungsmission ausgeplant. Die Entscheidung, wann diese Mission tatsächlich begann, lag dann nicht in der Hand des Verteidigungsministeriums – das wird ja auch zum Teil der politischen Debatte in Berlin.”