Kabul: Die USA scheitern

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Ashraf Ghani und Präsident Trump (agov).

Es gibt sie noch: Kriegskorrespondenten, die von Militär etwas verstehen. Jüngstes Beispiel: die Afghanistan-Reportage des deutschen Korrespondenten Christoph Reuter, erschienen im SPIEGEL vom 30. November 2019 (Seiten 86–90).

Offenbar imponierte die Reportage auch der Redaktion in Hamburg, die Reuters Text und den packenden, authentischen Bildern von Christian Werner volle fünf Seiten einräumte (vermögliche Verlage senden schon aus Sicherheitsgründen gerne Zweier-Teams an die Front, mit dem Vorteil natürlich, exklusive Bilder zu erhalten).

Eine gute Kriegsreportage sollte enthalten:

  • eine lebhafte, taktisch-technisch sachkundige Schilderung von der Front;
  • die operativ-strategische Einordnung des Gesehenen;
  • womöglich starke Bilder.

Rot Territorium, das die Taliban beherrschen oder hart umkämpft ist (wv).

All das erfüllt der Bericht von Reuter und Werner. Den Front-Bericht muss man selber lesen. Die letztlich erschütternde Einordnung dagegen lässt sich zusammenfassen:

  • 18 Jahre nach dem verbrecherischen Terroranschlag von al-Qaida auf die Türme von New York und das Pentagon (9/11), 18 Jahre, nachdem die USA den Artikel 5 der NATO-Charta anriefen und kurz nach 9/11 am Hindukusch militärisch eingriffen, sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch.
  • All die Bemühungen, den gescheiterten Staat Afghanistan aufzurüsten und dort fähige Armee- und Polizei-Truppen aufzubauen, erweisen sich als morsch.
  • Der grosse Blutzoll, den die USA und ihre Verbündeten seit 2001 erbringen, wie auch die immensen finanziellen Aufwendungen könnten vergebens sein.
  • Bereits beherrschen die Taliban wieder weite Landstriche, so im Norden, wo die Deutschen kämpften, an den Grenzen zu Turkmenistan und Pakistan, dem Rückzugsgebiet der Taliban, und ganz im Süden. Allein die USA beklagen seit 2011 über 2400 Gefallene.

Ashraf Ghani, Präsident eines gescheiterten Staates (agov).

  • Wie immer in der Geschichte erweist sich Afghanistan als Land, dass sich nicht beherrschen lässt, als Zone der Warlords, als Spielball der Stämme. Die Briten scheiterten, die Russen scheiterten, was den Zerfall der UdSSR beschleunigte, und jetzt scheinen auch die USA und die NATO zu scheitern.
  • Die Taliban nutzen den Fehler der Präsidenten Obama und Trump, frühzeitig anzukündigen, die US Truppen würden abgezogen, gnadenlos aus > sie können warten, sie greifen an, wo und wann es ihnen gelegen kommt – und das korrupte Regime von Ashraf Ghani verliert jeden Tag Rückhalt im ohnehin zersplitterten Volk.

Die US Armed Forces beklagen seit 2001 mehr als 2400 Gefallene (pent).