Expertin zersaust Taliban-Kopfgeld-Story

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In den USA herrscht Wahlkampf. Der Heuler der Woche ist seit dem 24. Juni 2020 eine Story der New York Times (NYT), zusammen mit der Washington Post und dem Wall Street Journal die stärkste Tageszeitung des Landes. Die NYT schreibt, der russische Armeegeheimdienst GRU habe den afghanischen Taliban mehrere 100’000 $ vorgeschossen – als Kopfgeld für die Tötung amerikanischer Soldaten! Mit dem Ziel, den US Rückzug aus Afghanistan zu beschleunigen. Im Lager des demokratischen Herausforderers Biden fällt die Geschichte auf fruchtbaren Boden; aber es werden Zweifel laut. Fragen wirft jetzt von die Expertin Barbara Boland auf; sie ist Autorin mehrerer anerkannter Militärbücher.

  • Wenig Bedeutung misst Barbara Boland dem Dementi des Weissen Hauses bei, wonach weder Präsident Trump noch Vizepräsident Pence von den Kopfgeldern Kenntnis hatten. Der Präsident erhalte jeden Morgen vom obersten Geheimdienstchef John Ratcliffe den President’s Daily Brief (PDB), eine Tageszusammenfassung, die auch “rohe” Meldungen enthalte; will heissen: noch unbearbeitete erste Nachrichten. Trump sei aber notorisch dafür bekannt, den PDB nicht zu lesen.
  • Ratcliffe bestätigte am 25. Juni 2020, Trump sei nie über russische Kopfgeld für Taliban unterrichtet worden. Barbara Boland stellt zum NYT-Bericht drei Fragen:

1. Warum nennt die NYT lediglich anonyme Quellen?

Barbara Boland nimmt Anstoss an der Tatsache, dass die NYT als Quellen wiederholt nur namenlose “American intelligence officials”  nennt, amerikanische Geheimdienstbeamte. Auch die Washington Post and das Wall Street Journal brächten die Story prinzipiell ohne namhafte Quellen, stets abgeschwächt mit “if true” oder “if confirmed”, “wenn wahr” oder “wenn bestätigt”.

Das genüge für einen Angriff von derartiger politischer Tragweite nicht: “Es fehlt der Beweis, es fehlt der rauchende Colt.”

2. Wem würden Kopfgelder dienen?

Barbara Boland argumentiert, Donald Trump habe dem amerikanischen Volk schon im Wahlkampf 2016 versprochen, er werde als Präsident das Expeditionskorps aus Afghanistan zurückziehen. Er habe daraus nie ein Geheimnis gemacht. Er habe “100 x” gesagt, er werde die Soldaten nach Hause bringen. Er habe mit den Taliban ein Abkommen geschlossen, in dem er die USA zum Rückzug verpflichte.

Warum nur sollte Präsident Putin die brüchige, aber doch vorhandene Beziehung zu Trump und den USA mit dummen Kopfgeldern aufs Spiel setzen? Zudem habe Putin den GRU nach Vorfällen in Europa (Salisbury) hart an die Kandare genommen. Eine Kopfgeld-Operation gegen amerikanische Soldaten hätte die Zustimmung Putins erfordert.

3. Warum bringt die NYT die Story gerade jetzt?

Die NYT schreibe selber, Geheimdienstleute im Weissen Haus hätten schon “early 2019”, früh im Jahr 2019, von den Kopfgeldern Kenntnis gehabt. Nachdem die Zeitung von 2016 an mit ihrer Geschichte über Trumps angebliche Verwicklung in russische Wahlkampf-Einmischungen gescheitert sei, hätte sie die Kopfgeld-Story “früh im Jahr 2019” bringen müssen. Sie habe sie aber als Munition auf das Wahljahr 2020, auf die heisse Phase des Wahlkampfs, aufgehoben. Sie habe das inzwischen misslungene Impeachment gegen Trump vorbei gehen lassen und schlage jetzt zu: vier Monate vor der Wahl.

Es sei ein letzter Versuch, die Trump-Regierung in einen Russland-Skandal zu verwickeln.

Fazit

  • Eine höchst undurchsichtige Geschichte. Aussage gegen Aussage. Auch Russland dementiert hart, versteht sich. Kein Geheimdienst gesteht offen Fehler ein.
  • Von den Argumenten Barbara Bolands hat das zweite etwas an sich. Jedes Kind weiss: Trump will die USA aus auswärtigen Kriegen heraushalten: “I bring our boys home.” Er schwächte die amerikanische Präsenz in Syrien, auf dem Buckel der tapferen Kurden; er zog den angreifenden Jets gegen Iran im letzten Moment zurück; er hält die USA aus dem Libyen-Schlamassel heraus. Warum nur soll der erfahrene KGB-Agent Putin in Afghanistan Kopfgeld auf einzelne Amerikaner aussetzen, wenn doch Trump selber schon mit aller Kraft heraus will?
  • Zu den Argumenten 1 und 3: Die Verhaltensweisen der NYT sind im amerikanischen und europäischen Journalismus nicht unüblich. Die Süddeutsche Zeitung hielt die Strache-Mallorca-Geschichte zwei Jahre bis zur Europawahl zurück, um die Wiener ÖVP/FPÖ-Koalition im “richtigen” Moment zu sprengen.