Exklusiv: “Air2030” und Neutralität – deutsche Studie

Standard

Florian Troester ist Fähnrich der Bundeswehr und Student der Geschichtswissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Im Rahmen seines Praktikums an der Deutschen Botschaft in Bern verfasste er die folgende Studie zum Thema: „Air 2030“ vor dem historischen Hintergrund der bewaffneten Neutralität der Schweiz.

Wir freuen uns, diese gehaltvolle, sehr lesenswerte Studie exklusiv zu veröffentlichen und danken Fähnrich Troester wie auch Oberst i Gst Peter Beschnidt für die freundliche Überlassung des Originaltextes.

 

„Air 2030“ vor dem historischen Hintergrund der bewaffneten Neutralität der Schweiz

Die Schweiz steht mit der Beschaffung eines neuen Kampfflugzeuges im Rahmen von „Air 2030“ vor dem teuersten Rüstungsprojekt ihrer Geschichte. Gleichzeitig könnte es auch das bedeutendste Rüstungsprojekt nach 1945 werden, denn mit der Beschaffung (oder Nicht-Beschaffung) wird maßgeblich auch über die sicherheitspolitische Zukunft der Schweiz entschieden, die seit 1848 die Neutralität als einen der staatstragenden Grundsätze in ihrer Verfassung stehen hat. Doch inwiefern stellt „Air 2030“ die historische Konsequenz für die Gegenwart aus der bewaffneten Neutralität der Schweiz dar?

Diese Frage soll nachfolgend umfassend beantwortet werden. Hierzu wird vor allem die Schweiz in Zeiten von kriegerischen Bedrohungen aus dem europäischen Ausland in der jüngeren Geschichte und dabei ganz besonders die Rolle der Schweizer Luftwaffe betrachtet. Die Literaturrecherche zu dieser Fragestellung wurde durch die tagespolitische Relevanz und das allgemein breite Interesse an der Thematik sehr vereinfacht, vor allem die führenden sicherheits- und militärpolitischen schweizerischen Fachzeitschriften berichteten vor allem 2018 sehr ausführlich über „Air2030“.

Zudem gaben dort auch hochrangige Mitglieder aus Armee und Politik ihre Ansichten zu den schweizerischen Luftrüstungsplänen wieder, was äußerst informativ und daher hilfreich war. Auch das VBS2 selbst veröffentliche vielfältige Grundsatzdokumente zu „Air2030“, von denen der Bericht der Expertengruppe Neues Kampfflugzeug das weitreichendste und vertiefendste Dokument darstellt.

Des Weiteren feierte die Schweizer Luftwaffe im Jahre 2014 ihr 100-jähriges Bestehen. Dieses Jubiläum nutzten verschiedene Verlage zur Publikation von Chroniken und Sammlungen von Zeitzeugen der Schweizerischen Militärluftfahrt von stark variierender Qualität, unter denen das Werk von Jürg Nussbaum4 mit seinem umfassenden und fachlich hoch-qualitativen Dokumentationsansatz, der auf die Parallelität von Zeitzeugen und geschichtswissenschaftlichen Texten setzt, als wissenschaftlich geeignetstes hervorsticht.

Allgemein ist, gerade im Vergleich zu Deutschland, feststellbar, dass das historische und politische (Grundsatz-) Wissens-Interesse der Schweizer Bevölkerung stark ausgeprägt ist und daher vielfältige Publikationen zu den staatstragenden Grundsätzen wie der Neutralität, der (schweizerischen) Geschichte insgesamt und auch ihrer wichtigsten Epochen verfügbar sind. Außerdem existieren vielfältige Chroniken zu den Zeiten des „Aktivdienstes“ und den Dynamiken im Kalten Krieg für die Schweizer Armee, die hauptsächlich der Erinnerungskultur der Schweizer zuarbeiten, aber zugleich wissenschaftlich und zum Teil sehr übersichtlich und anschaulich diese schweren Zeiten der Schweizer Geschichte für die Nachwelt greifbar machen.

Die Schweiz steht wohl wie kein anderes Land für direkte Demokratie und außen- bzw. bündnispolitische Neutralität. Beides hat einen historischen Hintergrund, eine geschichtliche Entwicklung und dementsprechend natürlich auch Auswirkungen, sowie Bestand bis zur Gegenwart.

Gerade die Verknüpfung der schweizerischen (Ur-) Eigenschaften von Volksherrschaft in ausgeprägter Form und einer Neutralitätspolitik, die das Land immerhin vor den beiden wohl verheerendsten Kriegen auf europäischem Boden nach dem Dreißigjährigen Krieg bewahrte und mit zum Wohlstand des Landes beitrug und -trägt, zeigt sich in den zukunftsorientierten Planungen und gleichzeitigen öffentlich ausgetragenen Diskussionen zur Rüstungskampagne „Air 2030“.

1. Neutralität und Luftraum

Denn die Neutralität, gerade die eines so zentraleuropäischen Staates wie der Schweiz, kann nur glaubwürdig und tatsächlich gewahrt werden, wenn das Land seine Grenzen ernsthaft schützen und verteidigen, sowie darüber hinaus hoheitliche Aufgaben auch und gerade in seinem Luftraum wahrnehmen kann. Hintergrund von „Air 2030“ ist eine zunehmend alternde Schweizer Luftwaffe, die dringend neue Mittel zur taktischen Luftverteidigung vom Boden und darüber hinaus vor allem neue, zeitgemäße und zukunftsfähige, Kampfflugzeuge benötigt. Ohne eigene (moderne) Mittel und Systeme zur Wahrnehmung der eigenen Lufthoheit verfällt diese und kann dementsprechend nicht mehr glaubwürdig kommuniziert werden. Dies ist gerade bei einem wirtschaftlich bedeutenden Luftraum wie dem der Schweiz mutmaßlich nicht hinnehmbar und in kommenden Krisen ebenfalls nicht erstrebenswert.

Die Bedeutung der Neutralitätspolitik zeigt sich vor allem in kriegerischen Zeiten, die gerade in Europa leider lange Zeit Konjunktur hatten. Im ersten Weltkrieg konnte die Schweiz ihre Bürger vor Materialschlachten und Grabenkrieg bewahren, wenn auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Folge von Handelsunterbrechungen und Kriegshandlungen auch in der Schweiz zu sozialen Unruhen führten. Eine national-historische Zäsur wie in vielen anderen europäischen Staaten konnte aber für die Eidgenossenschaft abgewendet werden, während vor allem Mittel- und Osteuropa politisch neu gestaltet wurden.

Im Zweiten Weltkrieg war die Ausgangslage durch die zügigen Erfolge der Achsenmächte in den frühen Kriegsjahren nochmals erheblich schwieriger, da die Schweiz ab 1940 vollständig eingeschlossen war. Durch eine ausreichend gerüstete Armee mit gut ausgebauten Defensiv-Stellungen im Gebirge konnten jedoch der Verteidigungswillen und auch die materielle Fähigkeit hierzu zweckmäßig und nachhaltig kommuniziert werden. Die Sprachregelung des (militärisch) „hohen Eintrittspreises“ in das Territorium der Schweiz konnte nach Ende des zweiten Weltkrieges auch in den Spannungen zwischen NATO und Sowjetunion im sogenannten „Kalten Krieg“ aufrechterhalten werden.

Mit Zunahme der Bedeutung von Luftstreitkräften und den Erfahrungen der Konfliktparteien im zweiten Weltkrieg wurde hierfür in zunehmendem Maße eine schlagkräftige Luftwaffe benötigt. Diese musste in der Lage sein, die Heeresverbände am Boden durch Aufklärung und Feuerunterstützung (sowohl CAP als auch AI15) zu unterstützen. Wichtiger war und ist aber die primäre Aufgabe jeder Luftwaffe, Operationen von bodengebundenen Verbänden durch Sicherstellung der (temporären) Luftüberlegenheit überhaupt erst zu ermöglichen. Im Regel-Tagesdienst erwartet die Luftwaffe zudem die Wahrnehmung luftpolizeilicher Aufgaben, die im Wesentlichen die (Sicht-) Identifikation von Flugobjektion umfasst, die zuvor die Verbindung zur Bodenstation gänzlich verloren haben oder von vornherein unbekannter Identität sind.

Um diese Anforderungen auch in Zukunft noch gewährleisten zu können, beziehungsweise im Fall von Luftnahunterstützung wieder erlernen zu können, benötigt die Schweizerische Luftwaffe ein neues und modernes Kampfflugzeug, das im Rahmen der bereits erwähnten Kampagne „Air 2030“ beschafft werden soll.

Die Modernisierungsbestrebungen nach „Air 2030“ sind notwendig geworden, nachdem eine Volksabstimmung im September 2013 die Beschaffung von 22 modernen Mehrzweckkampfflugzeugen aus schwedischer Produktion abgelehnt hatte. In Deutschland unrealistisch, da schlichtweg nicht umsetzbar, hat die Schweiz das mutmaßlich direktdemokratischste politische System in Europa. Dessen ist sich die Bevölkerung der Schweiz auch bewusst und im Allgemeinen sehr stolz darauf.

2. Das politische System der Schweiz

Die umfangreichen direktdemokratischen Elemente im politischen System haben ihren Ursprung in den über Jahrhunderte etablierten Selbstverwaltungssystemen der Dörfer, Städte, Gemeinden und Kantone der Schweiz und dem starken Glauben der Schweizer an Kompromiss und Ausgleich, gerade auch in politischen Angelegenheiten. Der historische Ursprung dieser für die Schweiz staatstragenden Gedanken liegt neben vielen Mythen und Legenden wohl vor allem in den Worten von Niklaus von der Fühe („Darum möget ihr schauen, dass ihr einander gehorsam seit!“ – Wobei Gehorsam hier als Konsensbestrebung und Bereitschaft zur Kommunikation zu verstehen ist), der einen Bürgerkrieg in der jungen Eidgenossenschaft um 1480 abwenden konnte und in der Folge den schweizerischen Staatsgedanken wie kaum ein anderer ausprägte.

Dementsprechend hat die Schweiz eine Vielzahl an politischen Besonderheiten: So gibt es de jure etwa kein Staatsoberhaupt und auch keine Opposition. Die Regierung tritt als Einheit auf und über Verfassungsänderungen, außenpolitische Verträge sowie, bei gegebenem (politischem oder ökonomischem) Anlass auch über Gesetze, stimmt die Bevölkerung in vierteljährlichen Referenden ab.20 Die Rüstungsbeschaffung hingegen wurde bisher transparent, aber innerhalb der (fach-)politischen Institutionen spezifiziert und abschließend zur Abstimmung gebracht. Jedoch besteht hierbei grundsätzlich nach Annahme durch das Parlament die Möglichkeit einer Volksinitiative, die nach Sammlung von ausreichend Unterschriften (mindestens 100.000) ebenfalls ein Referendum durch das gesamte Volk einleitet.

Somit sind die direktdemokratischen Grundwerte gewahrt, während Fachpersonal und Volksvertretung in einem angebrachten zeitlichen Rahmen eine zweckmäßige Entscheidung für die Schweiz fällen können. Das nun bei „Air 2030“ angestrebte Volksreferendum erweckt gerade bei den konservativeren Kräften in Armee und Politik die negativen Erinnerungen an die gescheiterte Kampfflugzeug-Beschaffung von 2014.

Es wird befürchtet, dass diese Referenden Präzedens-Fälle auf dem Weg zu Rüstungs- und auch allgemeinen Finanzreferenden darstellen können, die von linken Kräften in Gesellschaft und Politik angestrebt werden, von der bürgerlichen Mitte und den konservativeren Kräften sowie insbesondere dem Offizierskorps der Schweizer Armee aber strikt abgelehnt werden.

Die Sinnhaftigkeit wie auch die Notwendigkeit solcher zusätzlichen Referenden im Sinne der Verfassung ist außenstehend betrachtet nur bedingt ersichtlich, da die Möglichkeit einer Volksinitiative grundsätzlich immer besteht und öffentliche Abstimmungen über wehrpolitisch relevanteste Themen immer in Gefahr stehen, durch (private) Medien und/ oder ausländische Akteure, gerade in Zeiten von „Fake-News“ nicht im Sinne der Schweiz und ihrer Bevölkerung manipuliert zu werden. Die weitere real-politische Entwicklung bleibt hierbei allerdings abzuwarten, das Schweizer Volk wird sich die angekündigte Abstimmung über “Air 2030“ wohl nicht mehr nehmen lassen. Positiv anzumerken ist allerdings die, zumindest subjektiv erfahrene, Begeisterung und das große Interesse der Schweizer (gerade im Vergleich zu Deutschland) an der nationalen Rüstungspolitik und der spezifischen Rüstung ihrer Luftstreitkräfte.

Aber auch im (zunehmend wahrscheinlicheren) Falle eines Referendums durch das Schweizer Volk ist davon auszugehen, dass eine Mehrheit der grundsätzlichen Finanzierung der Beschaffung positiv gegenübersteht. In dem geplanten Referendum soll es auch nur um die grundsätzliche Finanzierung gehen, Typenentscheid und weiteres werden hingegen erst später, vermutlich 2020, nach ausführlicher Erprobung und anschließender Bewertung durch eine Expertenkomission schließlich durch den Bundesrat entschieden werden.

3. Entwicklung der Schweizer Luftwaffe

Das also mutmaßlich 2025 – 2030 einzuführende neue Kampfflugzeug wird sich in eine Reihe bewährter und unterschiedlicher Flugzeuge der Schweizer Luftwaffe einordnen, die mittlerweile seit über 100 Jahren besteht. Die Anfänge waren etwas wild und aus heutiger Zeit betrachtet überaus hektisch, doch gab es 1914 aufgrund des ausgebrochenen Krieges eine konkrete Bedrohung für die Schweiz, die strategisch zwischen der deutschen und der französischen Front gelegen für Umgehungsangriffe bestens geeignet gewesen wäre. Aber durch die Mobilmachung und Grenzbefestigung der Armee und den Aufbau einer Luftwaffe konnten alle Kriegsparteien von Verletzungen der schweizerischen bewaffneten Neutralität abgehalten werden.

Hierzu trug im Zuge aufkommender Gefechte zwischen Luftfahrzeugen auch die eilig aufgebaute Luftwaffe bei, die zunächst auf finanzieller Grundlage von Spenden aufgebaut wurde, da politische Uneinigkeit und militärische Orientierung an vergangen Gefechtsszenarien der neuen Waffengattung in der Schweiz lange negativ entgegenstanden. Aufgrund des Krieges konnten die bereits in Deutschland (selbstverständlich erst nach ausführlichster Erprobung) bestellten Flugzeuge nicht mehr ausgeliefert werden. Daher wurden die angeworbenen Zivil-Piloten und Mechaniker aufgefordert, ihre eigenen Maschinen mitzuführen.

Dies führte zu einem kuriosen Maschinen-Pool von Versuchsflugzeugen über Ausstellungsstücke, frühe Agrarflieger und winzige Wasserflugzeuge. Dennoch war Moral der ersten Fliegertruppen hoch, auch weil das Personal bestens ausgebildet und mit Material und Tätigkeit bestens vertraut war. Erst 1915 gab der Bundesrat die Aufstellung der Fliegertruppen amtlich bekannt, die zunächst noch den Genietruppen untergeordnet wurden. Somit gelang es innerhalb kürzester Zeit, eine zweckmäßige und einsatzbereite Schweizer Luftwaffe aufzustellen, die die Politik der bewaffneten Neutralität auch im Zeitalter industrieller Kriege wirksam aufrechterhalten konnte.

Allerdings plante nach heutigen Erkenntnissen wohl keine der Kriegsparteien einen Angriff auf die Schweiz: 1914 ging man auf allen Seiten noch von einem schnellen Sieg aus und als sich diese Hoffnungen nicht realisierten, hatte sich die Schweizer Armee bereits eingegraben und hatte eine Umgehung der feindlichen Stellungen durch helvetisches Gebiet damit militärisch begrenzt zweckmäßig und politisch völlig nutzlos, wenn nicht sogar schädlich gemacht.

Anders hingegen war die Ausgangslage nur wenige Jahrzehnte später, als die Achsenmächte, vor allem das Deutsche Reich, ab dem ersten September 1939 in kombinierten Boden-Luft-Angriffen fast ganz Europa eroberten und nach dem erfolgreichen Blitzkrieg gegen Frankreich die Schweiz ab 1940 völlig einkesselten, da Italien unter Mussolini ebenfalls den Achsenmächten beigetreten war. Die Schweizer Luftwaffe war jedoch ab 1934 schrittweise auf 300 Maschinen vergrößert worden und man hatte erste Schritte in Richtung einer bodengebundenen Luftverteidigung unternommen.

Das Material hierfür stammte ironischerweise in der Masse aus deutscher Produktion. So waren viele Angehörige der ersten Stunde vorher Kunstflug- oder Transportpiloten im Inland oder sogar Testpiloten für ausländische Hersteller gewesen. Eine sehr kleine Gruppe hatte sogar schon militärische Flugerfahrungen als Kriegsfreiwillige Flieger in den Balkankriegen sammeln können. Neuerungen auf den Markt bringen und war darüber hinaus auch als einzige bereit, der Schweiz die Lizenzproduktion zu genehmigen.

Auch bei diesen Beschaffungen war im Vorfeld vielfältig geprüft und abgewogen worden, aber im Zuge des Krieges veralteten die beschafften Muster dennoch zügig. Im Verlauf des deutschen Angriffes auf Frankreich kam es dann zu den ersten Einsätzen für Jäger und Flugabwehr der Schweizer Luftwaffe, nach ersten Toten Piloten auf deutscher und schweizer Seite, sowie dem siegreichen Ausgang des Frankreichfeldzuges für das Deutsche Reich, kam es kaum noch zu Verletzungen des schweizer Luftraumes. Im Zuge dieser Entlastung begann die Schweizer Luftwaffe mit intensiven Übungen zur Unterstützung von Bodentruppen, im Zuge der Reduit-Strategie insbesondere auch in alpiner Umgebung.

Durch diese Maßnahmen konnte ein Angriff der Achsenmächte auf die Schweiz wirksam unterbunden werden, wobei die Schweiz auch wirtschaftlich mit diesen kooperierte und somit strategisch und ökonomisch wertvoller war als ein besetztes Territorium. Trotzdem wurde im April 1941 mit dem Überwachungsgeschwader die erste permanent besetzte Einheit der Luftwaffe eingeführt und mit ihr das bis heute bestehende Konzept, das eine Mehrheit von Berufspiloten den Kern der Schweizer Luftwaffe bildet und wenn nötig von Miliz-Personal ergänzt wird.

Ab 1943 erlebte die Schweiz dann erneut den Einsatz ihrer Luftverteidigung unter der Verletzung ihres Luftraumes durch US-Bomber, deren Ziel die deutsche Industrie in Süddeutschland war. Durch die massive Bombardierung Deutschlands wurde auch die Schweiz betroffen: Navigationsfehler der jungen Besatzungen und ungünstige Witterungsverhältnisse führten wiederholt zu Bombardierungen der Schweiz, die allerdings später durch die amerikanische Regierung finanziell entschädigt wurden.

Durch teils erzwungene, teils technisch alternativlose Notlandungen alliierter und deutscher Flugzeuge in der Schweiz konnte sich diese laufend über die technischen Neuerungen informieren. So gelangte die Schweiz auch schon 1945 in den Besitz einer vollfunktionsfähigen Me 26231, die wegen Triebstoffmangel auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft notlanden musste. Die Reduit-Strategie basierte auf den Beobachtungen der modernen Kriegsführung (vor allem Panzerkräfte und Luftlandetruppen); Diese Bedrohungen sollten im Schweizer Hochgebirge in tief-gestaffelten Stellung im zermürbenden Abwehrkampf möglichst lange Zeit unter möglichst hohen Feindverlusten verzögert und in ihrer militärischen Wirkung somit vermindert werden.

Damit endete der Zweite Weltkrieg und mit ihm eine der bedrohlichsten Zeiten in der jüngeren Geschichte der Schweiz. Gerade die Luftwaffe mit Flab33 und Flugzeugen hatte einen aktiven Anteil zur Wahrung der Freiheit und Neutralität der Schweiz geleistet. Im nun beginnenden Kalten Krieg begann die Schweiz zunächst auf der Grundlage der notgelandeten Me 262 und weiterer Düsenkampfflugzeuge mit der Entwicklung eigener Jagdmaschinen, die sich nach Anfangserfolgen aber nicht langfristig durchsetzen konnten, weshalb die Eidgenossenschaft wieder zur Vorkriegspraxis der Beschaffung ausländischer Maschinen überging.

Im Zeitalter der Jets wurden Neubeschaffungen immer teurer und komplizierter, weshalb die Schweiz weiterhin genau prüfte und abwägte, bevor ein bestimmter Typ ausgewählt wurde. Dieses bewährte Verfahren wird auch bei „Air 2030“ zur Anwendung kommen. Die Neubeschaffungen, gerade für die Luftwaffe, wurden im Kalten Krieg stark erhöht und fast schon auf dem Niveau einer Großmacht durchgeführt, da die Schweiz eine militärische Begegnung mit diesen fürchtete und sich präventiv zu wappnen versuchte.

Die Praxis einer Aktiv-Staffel aus Berufspiloten mit ständiger Bereitschaft wurde beibehalten, dennoch wurde weiterhin bei Beschaffungen auf eine Kompatibilität mit der Milizarmee geachtet, bis in die 1980er bedeutete dies, dass auch alle Flugzeuge von Milizpiloten geflogen werden mussten. Erst mit der der Beschaffung der F/A-18 Ende der 1980er Jahre wurde dieses Prinzip teilweise36 aufgegeben. Die Schweizer Luftrüstung wurde nach den Erfahrungen in den Weltkriegen stark intensiviert, bei einem überraschenden Kriegsausbruch sollte eine große und moderne Luftflotte zur Verfügung stehen.

Zur Minimierung der Abhängigkeit vom Ausland sollte und soll durch Kompensationsgeschäfte immer auch die industriell-technologische Basis der Schweiz profitieren, um im Ernstfall den Betrieb der Luftflotte zumindest für die ersten Wochen eines Angriffs auf die Schweiz zu garantieren, was potenzielle Angreifer abschrecken soll, oder aber im schlimmsten Fall mindestens die Mobilmachung und das Erreichen bzw. den Aufbau von Auffang-Stellungen durch die Bodentruppen aus der Luft sichern und damit überhaupt erst ermöglichen soll. Auch aufgrund weiterführender Rüstung der Luft- und Bodentruppen war die Schweiz im Zeitalter des Kalten Krieges niemals ernsthaft militärisch bedroht.

So prüfte man sogar eine atomare Bewaffnung der Schweizer Luftwaffe, die allerdings von keiner Atommacht unterstützt und daher auch nicht verwirklicht werden konnte. Die Flugplätze wurden an die neuen Bedrohungen angepasst und bei neu gebauten Autobahnen wurden Teilabschnitte so konstruiert, dass sie im Ernstfall auch als behelfsmäßige Start- und Landebahnen dienen können.

Auch der Zivilschutz wurde, wie überall in Europa, stark ausgebaut. Nach dem Fall der Berliner Mauer und der beginnenden Entspannungen in ganz Europa verkleinerte auch die Schweiz Ausgaben und Personalstärke ihrer Armee. Bei der Luftwaffe wurden die Fähigkeiten von Luftaufklärung und Unterstützung der eigenen Bodentruppen zunächst aufgegeben, sollen im Zuge der Beschaffungen im Rahmen von „Air 2030“ allerdings erneut aufgebaut werden.

4. „Air2030“

Die primäre Beschaffung eines neuen Kampfflugzeuges für die Schweizer Luftwaffe erfolgt nach gründlichen Erprobungen und anschließenden Vergleichen zwischen bewährten Mehrzweckkampfflugzeugen aus ausländischer Produktion. Derzeit getestet werden der unter anderem auch von Deutschland verwendete Eurofighter, die französische Rafale und die amerikanischen F/A-18E/F Super Hornet, sowie die F-35 Lightning II. Nach Aussage der zuständigen Schweizer Behörden haben grundsätzlich alle Flugzeuge die gleiche Chance, neben den Flug- und Kampffähigkeiten sollen aber auch Wartungsaufwand, Kompensationsmöglichkeiten und Industriebeteiligung, sowie Interoperabilität und benötige Infrastruktur bei der Typenauswahl berücksichtigt werden.

Nicht zuletzt auch aus wirtschaftlicher Sicht wäre für Deutschland eine schweizerische Entscheidung in Richtung Eurofighter wünschenswert, da man die Flugzeuge gemeinsam beschaffen und somit die Kosten reduzieren könnte. Allerdings muss angemerkt werden, dass alle möglichen Kampfflugzeuge sich in einem sehr ähnlichen Leistungsspektrum bewegen und letztlich womöglich Kleinigkeiten den Unterschied beim Typenentscheid machen werden. Die Schweizer Bevölkerung erscheint jedenfalls, wie bereits erwähnt, äußert interessiert. Gerade in den militärischen und sicherheitspolitischen Fachmedien wird „Air 2030“ ausführlich diskutiert. Dies hängt auch damit zusammen, dass durch das Schweizer Milizsystem viele Politiker und Journalisten anteilig oder sogar vollständig über relevantes Fachwissen und/oder praktische Erfahrungen durch ihre Zeit bei der Armee verfügen.

Dies kann zwar auch zu Fehlinformationsverbreitung und fälschlichen Erwartungen führen, scheint gegenwärtig jedoch eher die Begeisterung und das Interesse an der Thematik zu vergrößern. Es bleibt zu hoffen, dass die Bevölkerung bei einem kommenden Referendum im Sinne einer Neubeschaffung stimmt und die Geschichte der wehrhaften Schweizer Luftwaffe auch für die nächsten 100 Jahre geschrieben werden kann. Kann man nun aber „Air 2030“ als historische Konsequenz der bewaffneten Neutralität der Schweiz sehen?

Nun, die Schweizer sind unabhängig, liberal und demokratisch – als Konsequenz und damit konkrete Verpflichtung zu etwas kann man „Air2030“ daher wohl nur bedingt betrachten. Allerdings wäre es durchaus konsequent, die Errungenschaften der Eidgenossenschaft seit mindestens 1848, die das Land so einzigartig, so wohlhabend und zugleich so wehrhaft gemacht haben, sodass es sogar vor den beiden Weltkriegen verschont blieb, auch für die Zukunft im Sinne einer weiterhin wehrhaften (also bewaffneten) Neutralität zu betrachten und in diesem Geiste fortzusetzen.

Wenn die Schweizer Luftwaffe nicht ab spätestens 1940 die deutschen Jäger und ab spätestens 1944 die US-amerikanischen Bomber bekämpft hätte, wäre die Schweiz wohl heute nicht mehr das, was sie einmal war und was sie im Sinne ihrer Verfassung sein sollte. Die Neutralität eines Staates im Umfeld hochgerüsteter, sicherheitspolitisch global aktiver Staaten kann, dies gilt sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zukunft, nur dann ernsthaft und real-politisch gewahrt bleiben, wenn der neutrale Staat über wirksame Mittel zur Durchsetzung seiner Neutralität verfügt.

Im 21. Jahrhundert gehört es hierzu, die eigenen Hoheitsrechte selbständig und autonom wahrnehmen und durchsetzen zu können. Spätestens im Zuge von kriegerischen Spannungen, das zeigen die Erfahrungen der Schweiz in den Weltkriegen, gehört es dann ebenfalls dazu, die Landesgrenzen ernsthaft und aufrichtig militärisch zu sichern und dies entsprechend diplomatisch und politisch zu kommunizieren.

Dies ist ohne eine moderne Luftwaffe heutzutage nicht mehr vorstellbar. Es liegt also im Sinne der Schweizer Bevölkerung, der einst durch ihre Volksspenden aufgebauten Luftwaffe den Weg zu einem wohlevaluierten Neuerwerb von Kampfflugzeugen zu ebnen, die die Sicherheit und den Wohlstand der Eidgenossenschaft bis weit über die 2040er Jahre hinaus sichern würden.