“Unabhängig und neutral”

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Ex-Botschafter Uli Sigg (sc).

Uli Sigg, Industriepionier in China und ex-Botschafter in Peking (1995–1998) stand der NZZ in einem längeren Interview Red und Antwort. Zwei bemerkenswerte Zitate.

NZZ: “Die Schweiz war das erste Land, dem es gelang, mit China ein Freihandelsabkommen abzuschliessen. Geniesst unser Land in China einen Sonderstatus?”

Sigg: “Vielleicht schon. Der Schweiz hat im Verhältnis zu China ihre Unabhängigkeit und Neutralität geholfen. Weil sie nie verschränkt war mit den früheren Kolonialmächten, konnte sie auch historisch unbelastet auftreten. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie keinem übergeordneten Staatenverbund angehört.”

1984: “Krieg ist Frieden. Freiheit Sklaverei.”

NZZ: “Kann man (in China) von einer Neuerfindung der Diktatur sprechen?”

Sigg: “Harmonie heisst: Dissens wird sofort bestraft. Und wenn ein solcher Mechanismus mit einer sofortigen Belohnung oder Bestrafung zur Verfügung steht, wie jetzt mit dem Social-Credit-System absehbar, wird es sehr schwer aufzubegehren.

Zumal der Staat auch weiss, mit wem seine Bürger am Telefon verkehren oder wer seine WeChat-Partner sind. Er kennt alle Transaktionen, alle Präferenzen, alle Telefongespräche. Eine andere Meinung zu vertreten, als die Algorithmen einfordern, ist dann kaum mehr möglich.”

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Der Brite George Orwell, Autor von “1984”.

Dem ist wenig anzufügen. Es sei denn die Erinnerung an das umheimliche Buch “1984”, das George Orwell 1948 schrieb. 1984 sucht sich ein unbescholtener Bürger in einer grausamen linken Diktatur seine Freiheit und Integrität zu bewahren, bis er der Gehirnwäsche unterzogen wird.

Wie jetzt in China verdrängt “Neusprech” die Alltagssprache („Altsprech“). “Neusprech” baut den Wortschatz derart ab, dass der Bürger nicht mehr differenziert, nicht mehr nuanciert denken kann. Krieg ist Frieden, Freiheit Sklaverei.