Erdogan gegen Finnland – Was will er?

Standard

 

 

Kurdischer Guerillakrieger.

Bekanntlich funktioniert die NATO nach dem Prinzip der Einstimmigkeit – gerade wenn es um die Frage der Fragen geht: “Wer gehört zu uns? Wer darf bei uns mitmachen?”

Der Beitritt Schwedens und Finnlands schien eine Formsache zu sein. Der Norweger Stoltenberg lachte: “Wenn ihr am Mittwoch an klopft, seid ihr Freitag dabei.” Jetzt stellt sich der Türke Erdogan quer, er, der mit dem anatolischen Landblock die Südostflanke des Bündnisses beherrscht. Doch was will er? Das ist nicht so leicht zu ergründen, weil in jedem Fall emotional.

  • Sein Hinweis auf die Förderung, welche die kurdische PKK in Skandinavien erhalte, ist ernst zu nehmen. Kaum ein Stachel sitzt schmerzhafter im türkischen Fleisch als der kurdische. In Südostanatolien dominiert das Kurdentum das Volk. In Diyarbakir steht die türkische 8. Armee, die stärkste der Nation (nicht die 3. in Istanbul und Thrakien, ungeachtet des griechischen Erzfeindes). In Ankara heissen die Kurden nicht Kurden, sie heissen “Bergtürken”.
  • Seit ihrem Scheitern an der Pariser Friedenskonferenz 1919 streben die Kurden ihren Staat Kurdistan an. Doch kein bestehender Staat will ihn: nicht Iran, nicht Irak, nicht Syrien und schon gar nicht die Türkei, die je einen Achtel der Fläche und des Volkes verlöre.
  • Es kommt nicht darauf an, wer die Türkei regiert: die Kemalisten in der Tradition des grossen Republikgründers Mustapha Kemal Atatürk – oder seit Erdogans Aufstieg der konservative, frauenfeindliche Islamismus der Gegenwart. Für alle war und ist die Kurdenfrage das Kardinalproblem. Auf dem Territorium des imaginären Staates Kurdistan rumort es permanent, Kurden und Türken fechten den Kampf mit allen Mitteln aus.

Da ist es für Erdogan mehr als ein Randnotiz, dass skandinavische Staaten die PKK, für die Türkei eine Terrorbande, vermeintlich hätscheln. Die NATO tut gut daran, Erdogans Einwurf nicht zu unterschätzen und seinen Widerstand politisch zu entschärfen. Es wäre der Witz des Jahrzehnts, wenn jetzt, wo Putin dem Bündnis die Finnen und Schweden in die Arme treibt, der kurdische Traum von Kurdistan den Beitritt scheitern liesse. Eigentlich undenkbar.

PS. Spekuliert wird auch, Erdogan wolle von den USA die Lieferung der ursprünglich versprochenen F-35 erzwingen. Möglich! Auch das affaire à suivre.

Der kurdische Anspruch. Der Staat Kurdistan beraubte die Türkei und die NATO der Südostflanke.