Ein ärgerliches Buch — dröge, parteiisch, perfid

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Der Lehrer Ernst Mühlemann, später Brigadier und Nationalrat, strich jeden “wurde”-Satz rot an; “aktiv, nicht passiv” schrieb er an den Rand.

Er wollte sagen: “Wenn ihr nicht schreiben könnt, wer handelt, dann lässt es bleiben.” Schreibt nicht: “Die Römer wurden geschlagen”. Schreibt: “Hannibal schlug die Römer.”

Jetzt liegt ein Buch unter dem Christbaum, in dem zu lesen ist: “Eigenartigerweise wurden …. (hier folgt eine unlesbare Verschachtelung) …. die Wehrpflichtsjahre und die Maximaldienstleistungen …. nochmals gekürzt. Die Wehrpflichtsjahre für Soldaten wurden vom 34. auf das 30. Altersjahr und die Ausbildungsdienstpflicht wurden (sic!) von 260 auf 245 Tage abgesenkt, während die Wehrpflichtsjahre und die Ausbildungsdienstpflicht für Kader ausser leichten Retuschen nicht verändert wurden.”

Was für ein Deutsch! Schachtelsätze auf 548 Seiten, Wort-Ungetüme, Wort-Drei- und Vier-Master, und nicht einmal Ein- und Mehrzahl unterscheidet der Autor. Ernst Mühlemann, ein Mann des Wortes und der Tat, würde sich im Grab umdrehen.

Schlimmer noch als das Bürokraten- und Gelehrtendeutsch ist in Rudolf Jauns „Geschichte der Schweizer Armee” die Methode. Das Buch müsste heissen: “Die Geschichte der Schweizer Doktrinzwiste“, mit dem Untertitel: “Aus der Sicht eines gedankenblassen Archivars und beamteten Professors”.

Dass unsere Armee lebt, dass sie, wie es Dominique Andrey festhielt, “ohne Menschen” keine Armee wäre, dass es Truppen gibt, dass der Korpsgeist zählt, die Kameradschaft, auch der Wille, dem Land nobel zu dienen, notfalls unter Einsatz des Lebens, all das entgeht dem drögen Chronisten. Würden wir ihn so qualifizieren, wie er laufend kraftvolle, weniger griesgraue Persönlichkeiten abtut, müssten wir schreiben: “truppenfremd, realitätsfremd, blutleer, hat von Miliz keine Ahnung.”

Peinlich mutet Jauns Umgang mit Menschen an. Wer seinem Bild widerspricht, wer viel wagt, viel bewegt, der kommt schlecht weg. Ulrich Zwygart studierte in Fort Leavenworth, als ob das ein Verbrechen wäre – nebenbei gesagt, aber von Jaun verschwiegen, erhielt Zwygart als einziger Schweizer den „Eisenhower Award“ seines Jahrgangs.

“Oberst. i. Gst. (sic!) René Eggenberger” habe die rollende Planung “propagariert” – welch schlimmer Währschaftsmangel!

Divisionär Hans-Ulrich Scherrer hatte ein Bataillon, ein Regiment und die redoutable Felddivision 7 geführt, als er Generalstabschef und Korpskommandant wurde. Wie aber stellt Jaun den Toggenburger vor? Als Bundesrat Ogis “Jugendfreund” – Punkt, fertig. Trösten kann sich Scherrer mit Oberstdivisionär Karl Brunner, Dr. iur., Anwalt, mehrmals abkommandiert an Kriegsfronten, Chef zweier Divisionen und ETH-Dozent, was Jaun alles verschweigt. Dafür qualifiziert er Brunner als “ambitiös” ab – im Kontext mit der virtuellen Position des Armeeinspektors.

Ich kenne kein anderes “grosses” Geschichtswerk, das bedeutende Männer derart perfid identifiziert wie Jauns Armeebuch.

Der Wälzer kommt teuer daher, protzig und final. Der Verlag stattete das Buch reich aus. Farbbilder, mehr als 750 Fussnoten, Waffen- und Bestandestabellen verleihen der Fleissarbeit die Aura einer gültigen Geschichte. Eben das ist es nicht. Vielmehr ist es eine verpasste Chance, die wohl – was in solchen Fällen oft vorkommt – einer Generation von Historikern den Weg verbaut, eine truppennahe, gerechtere Armeegeschichte zu schreiben.

Schliesslich liegt jetzt eine pedantische, mühsam geschriebene, parteiische Darstellung vor, ermöglicht durch “grosszügige” Donationen auch staatlicher Stellen wie der MILAK und der Bibliothek am Guisanplatz, Bern.                            Peter Forster