“Du hattest 90 Minuten …”

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Kroos: “… dass du aus Deutschland kommst.”

Toni Kroos bricht Interview ab: „Was ist das für eine Frage?“

Längst gehört es am Fernsehen bei Sportreportagen dazu, dass Fussballcracks, Hockeychampions, Skifahrer, 100-Meter-Läufer innert Sekunden vor die Kamera gezerrt werden, im Eishockey sogar jeweils am Ende der Drittel auf dem Weg in die Kabine. Der ausgeruhte Reporter: “Was ist Ihr Eindruck vom Drittel?” Der völlig ausgepumpte Spieler, den Helm schräg über dem Gesicht: “Schweres Drittel, wirklich schwer. Starker Gegner, stark” – und ab zum Pausengetränk.

Krass wurde es am Samstag nach dem Champions-League-Final in Paris. Kaum war der Kampf abgepfiffen, rempelte der ZDF-Kommentator Béla Réthy den nun fünfmaligen Gewinner Toni Kroos dumm an. Kroos, verschwitzt, zuerst vor Freude strahlend, hörte nicht Recht: “Du hattest 90 Minuten, dir vernünftige Fragen zu überlegen, und dann stellst du mir zwei solche Fragen. Das ist Wahnsinn” – und wandte sich ab: “Ganz schlimm, ganz schlimm. Da weiss man direkt, dass du aus Deutschland kommst.“

Der 32-jährige Kroos, der nicht als Hitzkopf bekannt ist, kann sicher sein: Dass er es wagte, direkt nach Abpfiff den aufdringlichen Réthy in den Senkel zu stellen, trägt ihm in der Sportwelt noch mehr Sympathien ein, als er schon hat.

Er, Weltmeister, vielfacher Landesmeister, fünfmal die Champions League gewonnen, seit acht Jahren Stammspieler bei Real Madrid, kann sich so einen Affront leisten. Manch ein Sportler mag seufzen: “Könnte ich das nur auch!” – und der TV-Zuschauer denkt: Endlich hat es wieder einmal einer gesagt. Ein paar Minuten warten, bis der Sieger wieder bei Atem ist, das wäre doch nur anständig, sportlich fair …

“Ich lege mich jetzt erstmal drei Tage in die Eistonne“

Réthys Kollege Per Mertesacker, der mit Kroos 2014 Weltmeister geworden war, befand nach dem Eklat: „Ich habe es auch schon erlebt, dass mir nach einem positiven Ausgang negative Fragen gestellt wurden.“ Mertesacker hatte 2014 während der WM nach einem Sieg einen Reporter abgewiesen und den legendären Satz gesagt: „Ich lege mich jetzt erstmal drei Tage in die Eistonne.“