Div Heer 2: Waffen verlängern Krieg

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Es folgt Teil 2 der kritischen Gedanken von Div Fred Heer zum Ukrainekrieg.

Das Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat: “Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!” stammt nicht – wie oft kolportiert wird – vom deutschen Dramatiker. Der Slogan der Kriegsgegner wird dem amerikanischen Lyriker Carl Sandburg zugeschrieben. Ein unbekannter Autor hat später den Satz: “Dann kommt der Krieg zu Euch!” und das Ende einer Kantate von Brecht hinzugefügt:

Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Euch!

Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muss sich vorsehen;

Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal den Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will;

Denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds, wer für seine Sache nicht gekämpft hat.

Soweit der Auszug aus: “Koloman Wallisch Kantate”.

Brecht hat die Kantate nie fertiggestellt, aber sie regt doch zum Nachdenken an:

Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muss sich vorsehen;

Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage.

Im März dieses Jahres sagte der Präsident des EU-Rates, Charles Michel: “Sie kämpfen nicht nur für sich selbst, sondern auch für unsere gemeinsamen Werte und Prinzipien“, und Kiews Bürgermeister, Vitali Klitschko, sagte letzte Woche am WEF in Davos: “Wir kämpfen auch für euch und für die Zukunft eurer Kinder. Wir verteidigen die europäischen Werte. Bis wir sterben!”.

Mit den Waffenlieferungen will der Westen in erster Linie ein Zeichen setzen: “Wir tun etwas!”. Gleichzeitig können wir damit unser schlechtes Gewissen beruhigen, weil wir den tapferen ukrainischen Präsidenten Selenskij in seinem Glauben belassen, wir ständen fest an seiner Seite und er könnte diesen Krieg gewinnen.

Ohne die Unterstützung mit Waffenlieferungen durch den Westen kann die Ukraine in diesem Krieg nicht bestehen, weil die grossen Stahlwerke in Mariupol, die Panzerschmieden in Charkow und das Gros der Raffinerien, Munitionsfabriken und Reparaturwerkstätten von den Russen weitgehend durch Raketen-, Flieger- und Artilleriebeschuss zerstört worden sind. Die Luftabwehr-Systeme, durch welche die russischen Flugzeuge bisher weitgehend von den ukrainischen Städten ferngehalten werden konnten, wurden noch in der Sowjetunion produziert; daher ist die entsprechende Munition nicht mehr zu bekommen. Aus diesen Gründen spielen Waffenlieferungen aus dem Westen für die Ukraine eine entscheidende Rolle.

Die Lieferungen von modernen und längst ausgemusterten Waffensystemen (mit oder ohne Schweizer Munition…) ändern nichts an der militärischen Überlegenheit Russlands, aber sie führen zu einer Verlängerung des Kriegs. Mit den westlichen Waffenlieferungen kann die Ukraine den Vormarsch verzögern, aber nicht stoppen.

Die Waffenlieferungen aus dem Westen sind aber auch ein Wettlauf gegen die Zeit! Nach US-Angaben sollen die Waffen, welche der Westen innerhalb einer Woche in die Ukraine liefert, innerhalb eines Tages verbraucht sein! Dazu kommt, dass ein nicht unwesentlicher Teil dieser Waffen bereits auf dem Transport von den Russen zerstört oder später erbeutet wird.

Neu wird nun aber auch befürchtet, dass Russland die Lieferung von schwerem Kriegsgerät (Kampfpanzer, Panzerartillerie usw.) als Kriegseintritt der NATO werten könnte. Bisher konnten kleinere Waffensysteme und Munition unauffällig auf dem See- und Landweg oder per Luftfracht in die westliche Ukraine geliefert werden.

Das dürfte bei einem Transport von schwerem Kriegsgerät auf der Bahn oder auf Tiefbettanhängern schwieriger werden. Solche Bahn- oder Strassentransporte könnten bereits vor der ukrainischen Grenze aufgeklärt und anschliessend mit Raketen oder Kampfbombern angegriffen werden. Würde nach einem russischen Angriff auf einen Grenzbahnhof, bei welchem auch die Infrastruktur auf der polnischen Seite betroffen war, sofort der Bündnisfall nach Artikel V des NATO-Vertrages eintreten?

Eigentlich müssten wir es besser wissen. Mehr als 20 Jahre hat der Westen die afghanische Armee mit Waffen ausgerüstet und ausgebildet. Trotzdem hat sie am Ende verloren, die westlichen Truppen mussten am Schluss das Land im Eilzugtempo verlassen und haben die dort lebenden Menschen (neben einem riesigen Waffenarsenal und Fahrzeugpark) einfach ihrem Schicksal überlassen.

Aber das haben wir offenbar bereits wieder vergessen.