Div Heer 1: Lassen wir uns nicht täuschen!

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Wacher Zeitgenosse: Divisionär Fred Heer.

Divisionär Fred Heer, ehemaliger Panzerbataillons-, Regiments- und Brigadekommandant, zudem stellvertretender Kommandant Heer und prominenter Panzerhistoriker, übermittelt uns am 100. Tag des Ukrainekrieges kritische Gedanken.

Gedanken zum Krieg in der Ukraine   

Von Div Fred Heer, Steffisburg 

Auch nach drei Monaten gehen die Kämpfe in der Ukraine mit unverminderter Härte weiter. Daran ist der Westen mit seinen Waffenlieferungen nicht unschuldig. Nach wochenlangen Kämpfen ist mit dem Azovstal-Stahlwerk die letzte ukrainische Bastion in der Hafenstadt Mariupol gefallen und mit der vollständigen Einnahme der Stadt ist die Ukraine vom Asowschen Meer abgeschnitten. 

Nachdem der russische Präsident bisher sehr viel in seine “militärische Sonderoperation” investiert hat (militärische Massnahmen, politisches Kapital, Geld und Propaganda), kann er jetzt nicht – ohne etwas erreicht zu haben – einfach das Ende der Kriegshandlungen befehlen. Das könnte für ihn im schlimmsten Fall zu seiner Amtsenthebung und für Russland zu politischen Umwälzungen führen, deren Folgen nicht nur für Russland, sondern auch für grosse Teile der Welt nicht abzusehen sind … 

Lassen wir uns nicht täuschen! 

Russland scheint mit seinen militärischen Operationen nach dem Osten nun auch im Süden der Ukraine kaum vorwärts zu kommen und in den Medien wird immer wieder genüsslich über “Pleiten, Pech und Pannen” in den russischen Streitkräften berichtet. So entsteht bei uns der Eindruck, dass die Ukraine früher oder später den Krieg doch noch gewinnen könnte. Dieser Eindruck könnte gewaltig täuschen, denn Russland ist vermutlich immer noch viel stärker, als viele glauben. Es hilft uns nicht weiter, wenn wir uns einreden, dass sich die russischen Streitkräfte in einem schlechten Zustand befinden, denn das täuscht darüber hinweg, wie heikel die Lage wirklich ist! 

Wenn man die militärische Stärke der Ukraine mit jener von Russland vergleicht, dann zeigt sich eine klare Überlegenheit auf Seite Russlands. Zu Jahresbeginn betrug die Truppenstärke Russlands mit rund 850’000 aktiven Kräften mehr als das Vierfache der ukrainischen.

Auch hinsichtlich der Ausstattung mit Panzern, Raketenwerfern oder Kampfflugzeugen liegt Russland im Vergleich deutlich vorne. Zu Beginn des Krieges besass Russland etwa 12’500 einsatzbereite Panzer und damit rund das Fünffache im Vergleich zur Ukraine. Auch wenn davon bisher 1’000 Panzer abgeschossen wurden, ändert das nichts an der numerischen Überlegenheit der Russen. Daher fordert der ukrainische Präsident Selenskij vom Westen die Lieferung von Kampfpanzern. Das Problem sind aber nicht die abgeschossenen Panzer, sondern die dabei gefallenen Panzerbesatzungen – diese können nicht problemlos ersetzt werden… 

Auch durch das langsame Vorstossen der russischen Verbände sollte man sich nicht täuschen lassen. Zu Beginn der russischen Invasion griffen die Spezialkräfte der ukrainischen Verteidiger die langen russischen Kolonnen mit Erfolg aus dem Hinterhalt an. Doch diese Taktik dürfte jetzt nicht mehr aufgehen. Die russischen Panzerverbände stossen nicht mehr “artrein” und in langen Kolonnen vor, sondern entfaltet, auf breiter Front und mit massiver Unterstützung durch Infanterie und Artillerie.

Dadurch schaffen die Angreifer zwar nur noch einen bis zwei Kilometer pro Stunde, verhindern aber mit diesem Vorgehen, dass sie in Hinterhalte geraten. Zusätzlich jagen nun auch russische Sonderkräfte (Speznaz) die ukrainischen Spezialkräfte … 

Lassen wir uns also durch das langsame Vorstossen der russischen Streitkräfte nicht täuschen. Die Langsamkeit ist vermutlich nicht Schwäche, sondern gewollt um damit die eigenen Verluste zu minimieren.