Die Stunde des Königs

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War es Theater? eine Operette? eine Komödie? als heute vor 40 Jahren der schnauzbärtige Oberstleutnant Antonio Tejero im spanischen Parlament ans Rednerpult stürmte und mit dem Revolver in die Decke schoss? Die Szene flimmerte auf den Bildschirmen in die guten Stuben. Die Kinder riefen, halb erschrocken, halb lachend: “ein Räuber, ein Räuber!”

Aber Tejero, seine Spiessgesellen im Saal und die Hintermänner in ihren Hauptquartieren meinten es Ernst. Sie führten mehrere Minister ab und verkündeten die Revolution – zurück zum Franquismus, zurück zur Herrschaft des Königs und der Armee. Im Parlament verkrochen sich die Abgeordneten unter ihre Sitze – bis auf den Premier Adolfo Suarez, den Verteidigungsminister und den Kommunistenführer. Santiago Carillo, den Nachfolger der legendären Dolores Ibárruri. Carillos sagte nachher, er habe im Bürgerkrieg dem Tod so oft ins Auge geschaut, dass er vor einer Pistole nicht in Deckung krieche.

Am Abend liess General Jaime de Bosch in Valencia seine Panzer in die Stadt rollen. Am Radio verhängte er den Ausnahmezustand über die Region am Meer. Die Armee erwarte nun die Befehle seiner Majestät, des Königs Juan Carlos I. Die royalistischen Putschisten vertrauten auf Francos Zögling, den General Armada vom elften Altersjahr an erzogen, geprägt und beraten hatte.

Juan Carlos I.: Die Nacht der Bewährung

Das Land hielt den Atem an, jäh rückte der 33-jährige Monarch in den Brennpunkt. Sofort begab sich im Zarzuela-Palast in sein Büro. Er wusste, von ihm hing der Fortbestand der jungen spanischen Demokratie ab. Und er bewährte sich in der schwersten Stunde seines Lebens; er versagte nicht, auch nicht im Angesicht der Gefahr.

Am 24. Februar, nachts um 1.14 Uhr, trat er vor die Kamera des nationalen Fernsehens. Sein Aufruf ging in die Geschichte ein: “Die spanische Monarchie, das Symbol der Kontinuität und Einheit unseres Vaterlandes, duldet keine Handlungen und Gesinnungen, die den demokratischen Prozess gewaltsam unterbinden.” Dann befahl er Kader und Soldaten in die Kasernen zurück. So scheiterte der Staatsstreich royalistischer Offiziere am Widerstand des Königs, dessen demokratische Überzeugung sie unterschätzt hatten.

Die Szene im Zarzuela-Palast flog wie Tejeros Aufritt um die Welt: der junge König, in der Uniform des Oberbefehlshabers, der die Verfassung schtzt, vor einem herrlichen Wandteppich mit dem Landeswappen. Die Putschisten gaben klein bei. Tejero, sein Geleitschutz, Generale und Admirale wurden verhaftet.

Seither ist Juan Carlos I. wegen amouröser Affären in der Achtung seines Volkes gefallen; die Justiz wirft ihm Bestechlichkeit vor. 2014 gab der König den Thron seinem Sohn Felipe VI. frei. Jüngere im Land verachten ihn wegen seiner Nächte mit der dänisch-deutschen Geliebten Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Ältere Semester jeoch bewahren die Erinnerung an den Mann, der am 23./24. Februar 1981 Spaniens fragile Demokratie rettete. In jener Stunde der Bewährung versagte er nicht: Er entschied richtig: für das Volk, gegen die Tradition, gegen den Putsch.