Die Schlacht um Moskau 1941

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Stalins Propaganda zeigt die drei Hauptachsen der sowjetischen Gegenoffensive. Roter Punkt = Moskau.

Grosse Karte: Ostfront 5. Dezember 1941. Kleine karte unten links: Weitester dt. Vorstoss vom nördl. Frontbogen bis zum Raum Tula im Süden.

Text Dr. Peter Forster, Illustrationen russ. und dt. Kriegsarchive

Wenn wir uns der Schlacht um Moskau zuwenden, dann ist eine Vorbemerkung angebracht. Der sowjetische Durchbruch vom 5./6. Dezember 1941 kam so jäh, dass er schon in den Folgetagen zur Entscheidung gegen die Wehrmacht führte. Der Verlauf ist sowjetisch gut belegt, eindeutig zu erfassen und prägnant zu schildern.

Komplexe Vorgeschichte, kurze Entscheidung

Die weitaus längere Vorgeschichte begann auf deutscher Seite bereits im Spätsommer mit einem zähen, verdeckten Konflikt zwischen Hitler und Generaloberst Franz Halder, dem Generalstabschef des Heeres.

Dem “Führer” ging es in seinem Weltanschauungskrieg politisch und ideologisch um Raumgewinn, um Prestige, um Propaganda-Erfolge. Er forcierte die Flügel der Heeresgruppe Mitte. Halder dagegen, ein bayerischer Generalstabsoffizier alter Schule, bündelte die Kräfte, namentlich die Panzergruppen 3, 4 und 2 zu einem zentralen Stoss auf Moskau. Zudem unterliefen Hitler, aber auch der militärischen Führung im Vorfeld der Schlacht schwere Fehler.

Auch im sowjetischen Lager wogen die Vormonate schwer. Der allmächtige Stalin und die Rote Armee begannen sich von den Sommer-Niederlagen zu erholen. Sie erkannten die Gefahr, die ihrer Hauptstadt drohte. Stalin nahm junge, unbelastete, unverbrauchte Offiziere nach. Die Stavka, der Generalstab der Streitkräfte, zog ganze Armeen nach vorn und stellte Division um Division neu auf: Eine Phalanx unerhörten Ausmasses schützte fortan Moskau.

So nimmt in der Folge das Vorspiel zur Schlacht mehr Raum ein als die Schlacht selbst. Das kann vorkommen.

Stalins Macht- und Kraftzentrum

Als Adolf Hitler am 29. November 1941 aus Rom den Grafen Ciano empfing, prallte er, der Feldzug gegen Russland sei so gut wie gewonnen: “Der Widerstand kommt nur noch von der Natur, nicht mehr vom Feind.”

Doch es kam anders. Am 1. Dezember notierte Franz Halder, der Generalstabschef des Heeres: “Ein äusserst schwieriger Tag.” Halders Hauptquartier lag bei Angerburg in Ostpreussen und trug den Code “MAUERWALD”. Von Hitlers vorgeschobenem HQ, der 30 Kilometer entfernten “WOLFSSCHANZE” bei Rastenburg, war ein Telegramm eingetroffen: “Feldmarschall Rundstedt, Befehlshaber Heeresgruppe Süd, ist abgesetzt. Panzer verstärken Front vor Rostow.”

Rundstedt hatte es gewagt, dem “Führer” zu widersprechen. Das III. Panzerkorps hatte Rostow am Don verloren – das erste Mal, dass die Wehrmacht im Osten eine Stadt taktisch preisgeben musste. Rostow wog indes weit weniger schwer als Moskau, das Macht- und Kraftzentrum der Sowjetunion.

Das Denken der deutschen Führung kreiste um den Kreml, von dem aus sein Josef Stalin das sowjetische Imperium beherrschte. Den Generalen ging es um die Hauptstadt, um die Kapitale, in dem die Rote Armee ihre Stavka eingerichtet hatte: den stets kompakter kämpfenden Führungsstab. Operativ liefen in Moskau Strassen und Eisenbahnen konzentrisch zusammen – ein Netz, das es der Armee erlaubte, auch Grosse Verbände zeitgerecht aus dem unendlich weiten Land an die Front zu verschieben.

In Moskau noch vor Weihnachten?

Vom 22. Juni 1941 an überrannte die Wehrmacht Stalins schlecht vorbereitete Westfront. Im Herbst schloss sie in den Kesseln von Kiew, Wjasma und Brjansk jeweils Hunderttausende sowjetische Soldaten ein.

Die Schlacht bei Wjasma, eine der Kesselschlachten 1941.

Zuversichtlich löste die Heeresgruppe Mitte am 2. Oktober 1941 das Unternehmen “TAIFUN” aus: den Angriff auf Moskau. Ihr Befehlshaber, Feldmarschall Fedor von Bock, war bitter entschlossen, die Hauptstadt des Gegenreiches noch vor Weihnachten in Besitz zu nehmen.

Im Morgengrauen des ersten Angrifftags liess Fedor von Bock den deutschen Soldaten Hitlers Tagesbefehl verlesen. Der “Führer” kündigte die letzte Entscheidungsschlacht des Jahres an – in grosser Gefahr, wie sie “seit den Zeiten der Hunnen und später der Mongolenstürme entsetzlicher nicht mehr über dem Kontinent schwebte“.

Nach der Doppelschlacht von Wjasma und Brjansk stand Fedor von Bock, Spross einer preussischen Offiziersfamilie, im Zenith seines Ruhmes. Gross gewachsen, elegant, operativ kühn und erfahren, hatte sich der Sohn eines Generals und der Schwester Erich von Falkenhayns, des Generalstabschefs 1914–1916, schon in Polen und Frankreich hervorgetan. Am 14. Juni 1940 befehligte er in Paris die Siegesparade der 18. Armee am Arc de Triomphe.

Fedor von Bock, ein Offizier aus der preussischen Militärtradition.

14. Juni 1940, Paris, Arc de Triomphe: Fedor von Bock nimmt die deutsche Siegesparade ab.

Im Herbst 1941 führte Fedor von Bock in der Wehrmacht die weitaus stärkste Heeresgruppe. Er ging auf einer Front von 740 Kilometern vor – das entsprach fast den 750 Kilometern, die 1916 Erich von Falkenhayns gesamte Westfront umfasst hatte. Den Stoss auf Moskau bemessen Kartographen mit einer Frontbreite von 500 Kilometern. Die Heeresgruppe Mitte zählte 75 Divisionen, ein Vielfaches der Kräfte, die der Japaner Teruchai in Malaya oder der Deutsche Rommel in Nordafrika befehligten. Von Nord nach Süd liess Bock vor Moskau aufmarschieren:

  • die 9. Armee unter Generaloberst Adolf Strauss;
  • die Panzergruppe 3 unter Generaloberst Hermann Hoth;
  • die Panzergruppe 4 unter Generaloberst Erich Hoepner (operativ der 4. Armee unterstellt);
  • die 4. Armee unter Feldmarschall Günther von Kluge;
  • die 2. Panzerarmee unter Generaloberst Heinz Guderian (bis 5. Okt. 1941 Panzergruppe 2);
  • die 2. Armee unter Generaloberst Maximilian von Weichs.

Unterstützung aus der Luft kam von Teilen der Luftflotte 4 (Generaloberst Alexander Löhr). Hitler hatte am 15. November die Luftflotte 2 (Feldmarschall Albert Kesselring) nach Italien abgezogen. Die Luftflotte 4 diente zwei Herren. Unterstellt blieb sie der Heeresgruppe Süd.

Kälte macht dem Funk den Garaus

Die Heeresgruppe Mitte hatte ihr HQ in Smolensk an der 390 Kilometer langen “Rollbahn” nach Moskau aufgeschlagen. Am ersten Dezembertag kamen die Panzergruppen 3 und 4 dem Kreml am nächsten. Das V. Armeekorps unter dem General der Infanterie Richard Ruoff und das XXXXVI. Armeekorps mot. des Generalobersten Heinrich von Vietinghoff standen noch einen knappen Tagesmarsch vor Moskau. Die Schiesskommandanten der Artillerie beobachteten, wo in der Stadt ihre Granaten einschlugen. Die vordersten Panzeroffiziere erkannten in den Ferngläsern die Umrisse des Kremls.

Allein Hitler und die Wehrmacht hatten die Rechnung ohne den pickelharten russischen Winter gemacht. Fünf Monate und zehn Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion waren die deutschen Angriffsspitzen erschöpft. Die Panzerverbände hatten im Kampf, in Staub, Schlamm und Eis empfindliche Ausfälle erlitten. Vor Moskau sank das Thermometer auf minus 20°, minus 30°, minus 40°. Der unsägliche Dilettant und Rechthaber Hitler hatte im Oktober die Lieferung von Winteruniformen strengstens verboten. Mehr Deutsche erfroren als dass sie im Feuer fielen.

Die Ausrüstung der Wehrmacht erwies sich teils als zu hochgezüchtet, teils war sie elementar der feindlichen Natur nicht gewachsen. In jedem Fall war sie der robusten, allwettertauglichen Sowjetrüstung unterlegen:

  • Die Eiseskälte machte dem deutschen Funk den Garaus. Selbst im schweren Gefecht mussten die Truppenführer auf Telefon und Meldeläufer zurückgreifen.
  • Karabiner, Maschinengewehre und -pistolen waren mit falschem Oel versehen. Bei 40° minus versagten die Waffen im entscheidenden Moment.
  • Die Infanterie war mit Gepäck Hunderte Kilometer marschiert. Die Knobelbecher der Landser waren ausgelatscht, zerschlissen, kaputt. Intaktes Schuhwerk gelangte nicht bis kurz vor Moskau. In der Not nahmen Soldaten russischen Bauern warme Stiefel ab; oder sie wickelten Wollfetzen um die Füsse.

Ausgangslage zur Schlacht um Moskau.

Von Sibirien und Fernost

Drückender noch lastete auf den Deutschen das Gespenst der Niederlage. Sie waren vom Erfolg verwöhnt, von ihren Siegen berauscht worden. Vor Moskau mussten sie erkennen: Der Feind leistete erbitterten Widerstand, er hatte aus Fehlern gelernt. Wohl hatte er mit Blut bezahlt und eine siebenstellige Zahl Soldaten verloren. Aber jetzt verteidigte er mit allem, was er hatte, die eigene Hauptstadt.

Und vor allem: Der Gegner war weder geschlagen noch zerstört. Im Gegenteil: Er zog aus der Tiefe des Raumes Reserve um Reserve an die Front. Er füllte vermeintlich zerstörte Verbände wieder auf und stabilisierte die Hauptkampflinie. Als Fedor von Bock “TAIFUN” mit der Einnahme Moskaus vollenden wollte, hatte die Stavka die Abwehr um 291 Grosse Verbände verstärkt:

  • 70 Divisionen hatte sie aus Sibirien herangeschafft,
  • 27 Divisionen aus Fernost nach Moskau transportiert,
  • 194 Divisionen neu aufgestellt.

Alles in allem ein kolossaler Kraftakt, den eine neue, dynamische Führung in der Not vollbracht hatte. Ihm setzte die Wehrmacht, die an überdehnter Front kämpfte, keinen gleichwertigen Ersatz entgegen. Und den Nachrichtenoffizieren der deutschen Aufklärung “Fremde Heere Ost” war der gegnerische Aufmarsch verborgen geblieben. Sie wussten nur: Der Bestand ihrer eigenen Divisionen, auch in der Heeresgruppe Mitte, war auf die Hälfte abgesunken.

Dr. Sorges Funkspruch aus Tokio

Dem gerissenen Strategen Stalin kam der Funkspruch seines Agenten Dr. Richard Sorge aus Japan zugute, der ihm früh freie Hand gegen die Deutschen verheissen hatte. Der Spion war als Korrespondent der Frankfurter Zeitung gut getarnt. Er wusste und meldete: Kaiser Hirohitos Kronrat hatte beschlossen, den Kampf gegen die Sowjetunion von Mandschukuo aus einzustellen. Eher wäre Japan bereit, einen Krieg gegen die USA und das Vereinigte Königreich vom Zaun zu brechen. Die Rohstoffe im Süden bedeuteten der Tokioter Führung mehr als die Feindschaft zur Sowjetunion.

Dr. Richard Sorge.

Geschichtsschreiber messen Sorges Information enorme Bedeutung bei. Sie habe der Stavka die strategische Chance eröffnet, raus Sibirien und dem Fernen Osten riesige Reserven in den Raum Moskau zu verlegen. Die sibirischen Verbände, 700’000 Mann, waren in der Roten Armee die letzte gut ausgerüstete, gut ausgebildete Reserve.

Die Militärtransporte führten über 8’000 Kilometer von Wladiwostok in den Westen und nahmen gesamthaft mehrere Wochen in Anspruch. Am Pazifik zog die Stavka nur noch einen dünnen Schleier auf. Die Deckungstruppe täuschte den Japanern mit fingiertem Funk eine Präsenz vor, die es nicht mehr gab. Die Sibirische Eisenbahn verzichtete auf ihr angestammtes Blocksystem und fuhr direkt auf Sicht. Die Rote Armee hatte absoluten Vorrang. Ihre Züge rollten am Tag 750 Kilometer westwärts. Das reichte.

Die grosse “Säuberung”

Dass der Kraftakt gelang, war alles andere als selbstverständlich. Denn das Verhältnis zwischen dem allgewaltigen Stalin und seinen Generalen war – gelinde gesagt – komplex. Die Einschätzung “ambivalent” trifft den Nagel eher auf den Kopf. Stalin war erfüllt von krankhaftem Misstrauen, Paranoia, Starrsinn und kaltem Machtkalkül. Vier Jahre vor Hitlers Überfall hatte er fast die ganze militärische Führung seiner Arbeiter- und Bauernarmee umgebracht.

Allen voran liess er Marschall Michail Tuchatschweski, den Chefdenker der Streitkräfte, denunzieren, verhaften, zum Tod verurteilen und sofort erschiessen. Der grossen “Säuberung”, der Tschistka, fielen zwei weitere der fünf Marschalle, Bljucher und Egorow, zum Opfer. Stalin liquidierte 13 von 15 Truppenführern im Rang der Armeebefehlshaber, 62 von 85 Korpskommandanten, 110 von 195 Divisionchefs, 220 von 406 Brigadekommandanten, die Hälfte der Regimentsobersten, insgesamt 35’000 Offiziere: Das entspricht 50% des Offizierskaders der Roten Armee und Flotte.

Wie der Teufel das Weihwasser fürchtete Stalin Offiziere, die ihre Prägung noch in der “bourgeoisen” Armee des Zaren erhalten hatten.

Marschall Boris Schaposchnikow.

Obwohl Schaposchnikow der zaristischen Armee entstammte, hatte er Stalins Vertrauen.

Die Ausnahme von der Regel bildete Marschall Boris Schaposchnikow, der Chef des Roten Generalstabs. Als 59-Jähriger war er ein Altersgenosse seiner deutschen Gegner Halder und von Brauschitsch; aber wie letzterer war er nicht ganz gesund. Dennoch behandelte ihn Stalin mit ungewöhnlich hohem Respekt. Er sprach ihn mit dem Patronym “Boris Michailowitsch” an. An der Kaiserlichen Nikolai-Akademie hatte Schaposchnikow das Handwerk des Generalstabsoffiziers gelernt. Jüngere Generale akzeptierte er, wenn sie tüchtig waren.

Stalin zog bewusst gut 40-Jährige nach, wie Aleksandr Wassilewski, Schaparoschnikows Stellvertreter, den Troupier General Iwan Konew, den polnischstämmigen Konstantin Rokossowski oder Alexei Antonow, den brillanten Stabschef der Südfront, der von 1942 die Operationen der gesamten Roten Armee prägte.

Gescheit, energisch, rücksichtslos

Sein Urvertrauen schenkte Stalin vor Moskau dem Kommandanten der zentralen Westfront, dem General Georgi Schukow. Der Zufall wollte es, dass Schukow am 1. Dezember 1941 in seinem HQ 45-jährig wurde: Er war 16 Jahre jünger als sein direkter Widersacher, der 61-jährige Fedor von Bock.

Schukow besass einen überragenden Intellekt, strotzte vor Energie und kannte im Krieg keine Rücksicht; er respektierte weder Feind noch Freund. Im Bürgerkrieg von 1918–1920 hatte er sich als Kavallerieoffizier ausgezeichnet. Den Offensivdrang der Reitertruppe bewahrte er sich zeitlebens. Er fügte sich perfekt in Tuchatschweskis Angriffsdoktrin. Diese wurzelte in Clausewitzens Diktum “Angriff ist die beste Verteidigung”, in Graf Schlieffens Umfassungsplan vor dem Ersten Weltkrieg und in der französischen offensive à l’outrance.

Der Mongolenchef Chorloogiin Tschoibalsan und Georgi Schukow (rechts) am Chalchin Gol.

Stalin wurde 1939 in der Mongolei auf Schukow aufmerksam. Am Fluss Charkin Gol bereitete der Kommandant des 57. Sonderkorps  den Japanern ein klassisches Cannae. Früh verknüpfte er Infanterie und Kavallerie mit Panzern, Artillerie und Luftwaffe. Er umstellte und zerstörte eine ganze feindliche Division. Von da an galt er in der Roten Armee als der Fürsprecher kühner Angriffe in die Tiefe des Raumes. Für den Sieg am Charkin Gol erhielt er erstmals den Titel des Helden der Sowjetunion.

Im düsteren Herbst 1941 übertrug Stalin dem aufsteigenden Schukow einen Auftrag, der zunächst nach Abwehr aussah. Der Gewaltherrscher traute nur ihm die für das Imperium entscheidende Verteidigung von Moskau zu. In Leningrad hatte Schukow die Stadt vor dem Fall gerettet. Nach der Übernahme der Westfront organisierte er diese innert Tagen zweckmässig. Im hinhaltenden Kampf gegen Fedor von Bock bewies er taktisches Geschick. Er schindete die Zeit heraus, die Stalin brauchte, um das Abwehrdispositiv vor Moskau zu stärken.

Im Willen, dem deutschen Invasoren die Stirn zu bieten, kannte Schukow nichts. In panischer Angst flüchteten die Kommandanten zweier Divisionen. Der Frontbefehlshaber liess sie festnehmen und auf der Stelle erschiessen – ganz nach Stalins Gusto.

Stavka plant Gegenoffensive

Unter strenger Geheimhaltung begann die sowjetische Führung  mit der Planung ihrer Gegenoffensive. Will heissen: Die Stavka rüstete nicht nur zur Abwehr vor Moskau; sie traf vielmehr auch alle Vorkehrungen, aus der Defensive zum Gegenangriff überzugehen und das Blatt an der Ostfront zu wenden.

Als der deutsche Angriffsschwung im sich versteifenden gegnerischen Widerstand erlahmte, gliederte die Stavka ihre Kräfte in drei Fronten, die alle die Fähigkeit zur Verteidigung und zum Gegenschlag in sich trugen. Von Nord nach Süd hielten sich zur Offensive aus der Nachhand bereit:

  • Die Kalininer Front unter Armeegeneral Iwan Konew
  • Die Westfront unter Armeegeneral Georgi Schukow
  • Die Südwestfront unter Marschall Semen Timoschenko

Zwei der drei Frontbefehlshaber vor Moskau: Marschall Semen Timoschenko und Armeegeneral Georgi Schukow (oben links).

Iwan Konew (hier im Mai 1945 in Prag) führte die Kalininer Front. Er war ein Rivale Schukows und musste diesem 1945 den Ruhm des Berlin-Eroberers überlassen.

Schwergewicht: Schukows Front

Wie die Ordre de bataille zeigt, befehligte Schukow die stärkste der drei Fronten:

  • Im Norden führte Konew an der Kalininer Front von West nach Ost gegenüber der deutschen 9. Armee und Hoths 3. Panzergruppe die 22., 29., 31. und 30. Armee. Die Stadt Kalinin lag im Besitz der feindlichen 9. Armee. Die 3. Panzergruppe bedrohte Moskau von Nordosten direkt.
  • Im Zentrum verfügte Schukow von Nord nach Süd in Front über die 20., 16., 5., 33.,  43., 49 . und 50. Armee. In zweiter Staffel hielt er die 1. Stossarmee, die 20., 26. und 10. Arnee für den Gegenangriff bereit. Vor Moskau hatte er es mit der deutschen 4. Armee und Hoepners Panzergruppe 4 zu tun, welch letztere an der Hauptachse angriff, entlang der “Rollbahn” Smolensk–Moskau.
  • Timoschenkos Südwestfront umfasste in Front die 3. und 13. Armee. In der Nachhand hielt der Marschall für die geplante Offensive die 61. Armee. Seine direkten Gegner waren Guderians 2. Panzerarmee und die 2. Armee.

Tarnung, Täuschung, Schutz

Sowjetische Fliegerabwehr auf dem Hotel Moskva beim Kreml.

Fast übermenschlich muten auch die Anstrengungen an, die Soldaten und Frauen zum Schutz der Stadt Moskau leisteten. In der Nacht galt strenge Verdunkelung. Der zivile Strassenverkehr wurde weitgehend unterbunden. Gegen die deutsche Luftwaffe veränderten Tarnkünstler die Umrisse fast der gesamten Stadt. So sahen erkannten die gegnerischen Aufklärer den Swerdlow-Platz und das Bolschoi-Theater nicht mehr; aus der Luft betrachtet waren das nur noch kleine Häuslein. Farbe stilisierte die Kreml-Mauern zu Reihenhäusern um, die goldenen Kuppeln der Kirchen leuchteten plötzlich grün. Auf allen grossen Straßen malte man Zickzack-Linien, die von oben wie Hausdächer aussahen.

Über den Schleifen der Moskwa lagen Holzdecken, die den deutschen Fliegern die Orientierung erschwerten. Schwere Ffliegerabwehr-Batterien schützten die Stadt. An den Ausfallstrassen stiegen Fesselballons auf: Sie sollten Tiefflieger abhalten. Die Moskauer Luftverteidigung war stärker als die von Berlin oder London. Die U-Bahn lief nur noch auf wenigen Strecken. Ihre unterirdischen Bahnhöfe und tiefen Schächte dienten Raum als Luftschutzbunker.

Frauen heben einen Panzergraben aus.

Panzergraben im Vorfeld von Moskau.

Unter dem Kommando des Militärbezirks Moskau wurde die Hauptstadt militarisiert. In den Kasernen rüsteten Jägerbataillone zum Kampf gegen deutsche Fallschirmspringer. Dem Stadtkommandanten, dem Generalleutnant Pawel Artemjew, wurde selbst die Bevölkerung unterstellt.
Er mobilisierte sie zu Schanz- und Befestigungsarbeiten und bewaffnete Arbeiterbataillone. Artemjew besass ausserordentliche Vollmachten: Er war auch für die Industrie, die Transporte, das Nachrichtennetz und die Versorgung mit Lebensmitteln verantwortlich.
1’524 statt 1’435 Millimeter
Derweil blieb der deutsche Vormarsch stecken. In Angerburg musste Generaloberst Halder zur Kenntnis nehmen: Von den Panzern der Heeresgruppe Mitte waren gerade noch 34% einsatzbereit. 23% wurden in Deutschland repariert. Die anderen waren zerstört.
Eine hohe Ausfallquote meldeten auch die Transportkolonnen, deren Lastwagen der Witterung und den schlechten Strassen nicht mehr gewachsen waren. Die deutschen Fahrer schüttelten den Kopf, wenn die Radio-Propaganda von “Rollbahnen” sprach. Die Wahrheit bestand aus Morast, Schnee, Eis.
Als mangelhaft erwies sich auf der langen Linie ebenso die Versorgung mit Treibstoff. Fedor von Bocks Heeresgruppe hatte ihre Vorräte fast aufgebraucht. Die Rote Armee hinterliess auf ihrem Rückzug “verbrannte Erde”: Sie sprengte Schienen und zündete Depots an.
Wo deutsche Züge noch fuhren, bot die russische Breitspur von 1’524 Millimetern ein zusätzliches Problem: Sie passte nicht zur europäischen Normalspur von 1’435 Millimetern. Alles in allem standen für die Wehrmacht für ihre “Entscheidungsschlacht” die Vorzeichen schlecht.

Von einem sowjetischen Offizier ist ein Eintrag in sein Tagebuch überliefert: “Es herrschen sehr tiefe Temperaturen. Die Deutschen haben nur ihre Sommeruniform. Der grösste Teil von ihnen hat erfrorene Beine. Manche sind erfroren. Schaust du auf deinen Gegner, erfasst dich Mitleid. Welche Grausamkeit gehört dazu, eine Armee in diesem Zustand zu lassen.”

Auf Skiern lautlos mobil

Demgegenüber hatte die Rote Armee ihre Sturmtruppen gut gerüstet. Ihre Chefs wussten, was sie dem Winterkrieg schuldig waren. Die sibirischen Divisionen trugen wattierte Jacken mit weissen Tarnüberzügen und preschten auf Skiern lautlos vor.

So muss man sich die Rote Armee im Winterkrieg vorstellen. Es handelt sich um einen T-26 mit dem neuen, konisch geschweissten Turm und einem neuen Turmdrehkranz aus der Produktion ab 1940.

Eines der raren Bilder vom sowjetischen Vorstoss zeigt einen Panzer, der am Turm weiss getarnte Grenadiere mitführt. Rechts vom T-26 greifen sibirische Skisoldaten an, im Hintergrund stösst eine ganze Kompanie vor. Im Gegensatz zu den Sowjets hoben sich die dunklen, feldgrauen Uniformen der Deutschen von den unendlichen Schneefeldern ab – leicht erkennbare Ziele für die feindlichen Yak-Jäger und Schturmowik-Schlachtflieger.

Den eigentlichen Kampfverlauf schildert die deutsche Geschichtsschreibung summarisch. In seinem monumentalen, in zehn Bänden mehr als 10’000 Seiten umfassenden Standardwerk widmet das Militärgeschichtliche Forschungsamt den Vormonaten Hunderte Seiten – und den ersten Tagen der Schlacht um Moskau gerade mal einen Abschnitt; immerhin bietet das Beiheft die originalen und mithin besten Militärkarten.

Die russischen Quellen geben reicher Bescheid, versteht sich.

Am 1. Dezember holte Feldmarschall Kluges 4. Armee zum letzten Sturm auf Moskau aus. Der eisige Wind trieb hohe Schneewehen zusammen. Die Deutschen kämpften mit letzter Kraft gegen die Natur und den Gegner. Gegen die  33. Sowjetarmee erreichten sie die Strasse Smolensk–Moskau. Doch im Schneesturm blieb der Angriff liegen; und Georgi Schukow warf Kluges Grossem Verband alles entgegen, was er mobilisieren konnte. Die schnelle 32. Schützendivision schloss die Lücken; wenig überraschend bestand sie aus frischen sibirischen Soldaten.

Blau: Vorstoss der deutschen 7. Panzerdivision. Rot: Gegner. Rechts unten Moskau. Karte des Aufklärungsbataillon der 7. Pz Div.

Somit war das Unternehmen “TAIFUN” vor Moskau endgültig aufgelaufen. Die Operation “BARBAROSSA” scheiterte, während sich die Rote Armee zur Gegenoperation “KUTUSOW” ihre Angriffsgrundstellung bezog.

5. Dezember 1941, 3 Uhr, an der Wolga

Den Gegenschlag eröffneten am 5. Dezember 1941 um 3 Uhr die beiden Armeen der linken Kalininer Front. Ihre Offensive begann gemäss Doktrin mit einem überraschenden Trommelfeuer auf die feindlichen Stellungen. Der 31. und 29. Armee war es vorbehalten, gegen die überdehnte, zu schwach besetzte deutsche Front als erste durchzubrechen. Die Wolga war gefroren. Mit seiner ersten Attacke stiess Konew über den Strom in den langen deutschen Frontbogen vor.

Kampf um Kalinin im Nordsektor.

Am 6. Dezember zogen beide Flügel der Westfront, der nördliche und der südliche, mit ganzer Kraft nach – wieder eingeleitet vom konzentrierten Feuer der starken Sowjetartillerie.

Sowjetische Artillerie.

Unterstützt wurde Schukows Front von der rechten, der nördlichen Flanke der Südwestfront. Auch die 1. Stossarmee, die 20., 16., 5., 33., 43. und 49. Armee erzielten Geländegewinne. Aus der zweiten Staffel drangen die 26., 10. und 61. Armee durch die Breschen vor, die die erste Staffel geschlagen hatte.

Aus der Hinterhand setzte Marschall Schukow Generalmajor Lew Dowatows 2. Gardekavalleriekorps nordwärts Tula auf die Deutschen an. Die Kosakenpferde überwanden den Schnee und holten die feindliche Fussinfanterie ein, die sich durch Verwehungen verzweifelt nach hinten kämpfte. Feldmarschall Kluges Landser brachen vor Kälte und schierer Erschöpfung zusammen. In der 23. Infanteriedivision schrieb ein Gefreiter seiner Frau: “Ich kann Dir nicht schildern, was das heisst. Erstens der Schneesturm; und zweitens der Russe mit seinen Panzern und Rossen.”

Auf breiter Front führten die Sowjets ihren neuen Tank, den T-34, ins Treffen. Der T-34, in der Folge oft als “Jahrhundertpanzer” gelobt, kam dank breiten Ketten mit Schnee und Eis zurecht. Deutsche Kampfwagen I und II versagten den Dienst. In der Luft erlangten sowjetische Piloten erstmals die Oberhand. Ihr robustes, zweckmässiges Gerät widerstand dem Winter. Der Gegner blieb im grausamen Frost teils am Boden sitzen.

Einer der ersten T-34. Der robuste, einfache Tank sollte bis 1945 enorme Bedeutung gewinnen. Ein Exemplar steht noch heute im Berliner Tiergarten.

Sowjetischer KV-1-Tank in Deckung.

Im Süden nahmen sich die 50. und die 3. Armee die deutsche 2. Panzerarmee vor. Verstärkt von Tanks und Kavallerie suchten sie Generaloberst Guderian einzukesseln. Aber der gewandte Taktiker und erfahrene Panzerführer zog das Gros seines Verbandes aus der Schlinge. Aber die Wiederherstelliung der deutschen Front gelang nicht einmal ihm.

Denn Marschall Rokossowski hatte bereits die 13. Armee auf ihn angesetzt. Guderians Armee krebste nochmals 80 Kilometer zurück. Zwischen ihm und der dezimierten  2. Armee riss eine 175 Kilometer breite Lücke auf. So schlecht stand es auf Generaloberst Bocks rechtem Flügel.

“Der deutsche Soldat geht nicht kaputt”

Am 9. Dezember bat Bock den Generalstabschef Halder am Telefon um Ersatz. Halder wiegelte ab. Bock solle zuerst seine Etappe “durchkämmen”. Der Frontkommandant erwiderte:

“Das tue ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln; es wird alles durchgekämmt.”

Halder: “Wir müssen nun hoffen, dass unsere Armee die Angriffe der Russen mit letzter Kraft noch aushält. Ich nehme an, das dauert noch bis Mitte oder Ende des Monats. Dann wird es ruhiger.”

Bock: “Dann ist aber unsere Armee kaputt!”

Halder: “Der deutsche Soldat geht nicht kaputt!”

Schukow: Umgeht Widerstandnester!

Allerdings war auch in der Führung der Roten Armee nicht alles Gold, was glänzte. Auf taktischer Stufe fehlte den Kommandanten die Erfahrung in der Offensive. An den ersten Angriffstagen attackierten sie die deutschen Widerstandsnester frontal. Vor allem aus Dörfern leisteten aus Stützpunkten kleine Einheiten zähen Widerstand.

Marschall Schukow wollte nicht mehr zusehen, wie beste Angreifer verbluteten statt sie tief in die Flanken oder gar den Rücken des Gegners gelangten. In einem Befehl an alle Truppenführer an der Front verbot er das frontale Anrennen. Er untersagte das sinn- und phantasielose Vorrücken entlang der Strassen. Wie gewohnt setzte sich Schukow durch. Als sie flexibler vorgingen, rückten die Sowjets zügiger vor als bei ihren starren Attacken.

Ende Jahr war die Rote Armee auf einer Breite von fast 500 Kilometern um 80 bis 150 Kilometer in die Tiefe des Raumes vorgestossen.

Sibirische Soldaten. Schukow befahl: Gegnerische Stützpunkte umgehen.

Weiss getarnter Sowjetpanzer.

Das 4. Luftlandekorps als Speerspitze

Im Januar 1942 liess Schukow südwärts Smolensk das 4. Luftlandekorps absetzen – verstärkt durch Teile der 33. Armee und des 1. Gardegardekavalleriekorps, die durch feindliche Linien vorgestossen waren. Die Fallschirmspringer bedrohten das HQ der Heeresgruppe Mitte, die Feldmarschall Kluge von Generaloberst Bock übernommen hatte.

Die aus der Luft gelandete vorderste Sowjettruppe bildete die gegen Westen gerichtete Speerspitze der Roten Armee. Die Sowjetunion hatte früh eine beachtliche Aviatik aufgebaut und in den 1930er-Jahren die Luftlandetruppe erfunden – noch vor den Deutschen und Amerikanern. Marschall Tuchatschewski liess in Manövern erste Elitesoldaten aus der Luft “gegnerische” Verbände infiltrieren.

Partisanen – wie “der Fisch im Wasser”

Im Januar 1942 kamen dem 4. Luftlandekorps in Wäldern und Dörfern Partisanen zugute. Die gegnerischen Okkupanten behandelten Russen, Weissrussen, Ukrainer und Polen wie “Untermenschen”; sie verscherzten es mit der zivilen Bevölkerung gründlich. Die Einheimischen bogten den Untergrundkämpfern Unterschlupf und Nahrung (was Mao 1949 den “Fisch im Wasser” nannte).

Die Stavka entsandte unerschrockene, führungsstarke Majore und Hauptleute zu den Partisanen. Sie landeten nachts an Fallschirmen hinter den deutschen Linien und versahen den Widerstand mit Waffen und Munition. Namentlich aber bildeten sie die Partisanen zu schlagkräftigen Verbänden aus, die die Besatzern und deren Nachschub gezielt sabotierten.

Mir sind die Kriegsjahre eines Majors bekannt, der 1942 über den polnischen Wäldern absprang und in einer markierten Lichtung landete. Er organisierte und führte Hunderte Partisanen, die er in einem Bataillon mit Einsatz-Kompanien, -Zügen und Gruppen gliederte. Er verliebte sich in eine Partisanin, die in seinem Stab Sprachen und die Kunst des schnellen Morsens beherrschte. Der Major und die Polin heirateten im Untergrund und liessen sich 1945 in Russland nieder.

Noch weiter südwärts Smolensk, beidseits Brjansk, entstanden, geschützt von weitläufigen Wäldern, zwei weitere Partisanen-Bataillone. Sie setzten der Logistik der 2. Armee und der 2. Panzerarmee zu. Wie das Smolensker Maquis spielten sie der Roten Armee wertvolle Nachrichten über den Feind zu. Und sei hielten in den Dörfern, die ihnen halfen, den Widerstandsgeist gegen die fremden Eindringlinge aufrecht.

Kaukasus, Stalingrad, Kursk 

Der Rest ist Geschichte.

Er ist geprägt von grossräumigen Operationen der Sowjets und immer schlimmer werdenden Fehlern und Verbrechen Adolf Hitlers. Aus der geschlagenen 31. Infanteriedivision schrieb ein Obergefreiter seiner Frau in Deutschland: “Man hat einfach ein ungutes Gefühl: Dieses riesige Russland geht doch über unsere Kräfte.”

Wohl trat die Wehrmacht im Sommer 1942 noch einmal zur Offensive an. Im Süden hissten Gebirgsjäger der Heeresgruppe B auf dem 5’642 Meter hohen Elbrus die Reichskriegsflagge. Doch war die Kaukasus-Front derart löchrig und verworren, dass Freund und Feind sie auf ihren Karten durchbrochen, provisorisch einzeichneten.

Vollends scheiterte die auf Stalingrad vorrückende Heeresgruppe A. Sie stiess an die Wolga vor und suchte Stalins Stadt einzunehmen. Jedoch schloss Marschall Schukow in der Operation “URANUS” die 6. Armee bei Kalatsch ein. Rund 290’000 Mann gingen vom 30. Januar bis zum 2. März 1943 in Gefangenschaft.

Und vom 5.–16. Juli 1943 wies im Kursker Bogen Schukows tief gestaffeltes Abwehrdispositiv das letzte deutsche Aufbäumen ab:  das Unternehmen mit dem hehren Code “ZITADELLE”.