Die Schlacht um Berlin 1945

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Die Rote Fahne über dem Reichstag – zusammen mit den US Marine über Iwo Jima eine Ikone des Zweiten Weltkriegs.

Berlin 1945: Der Kampf um die Innenstadt im Spreebogen.

Siehe auch > Die Schlacht um die Seelower Höhen und Das Wunder an der Marne und Wenn Untergebene mehr können …

 

Text Dr. Peter Forster, Illustration dt., russ., brit. Archive

Es ist der 19. April 1945. Die Agonie des Dritten Reiches hat begonnen. Auf den Seelower Höhen überwinden acht Sowjetarmeen den deutschen Widerstand, so tapfer die Verteidiger auch kämpfen. Auch im Süden steht den Russen das Portal nach Berlin sperrangelweit offen. Die Reichshauptstadt rüstet zum Endkampf. Hitlers Herrschaft versinkt im Chaos. Nach zwölf Jahren geht ein Reich unter, dessen Gründer 1933 von 1’000 Jahren fabuliert hatten.

Adolf Hitler spricht erstmals von Suizid. Seine Heerführer wissen: Der Krieg ist verloren. Im Westen stehen die Alliierten an der Elbe. Vor der heranflutenden Roten Armee verfolgen die deutschen Heerführer ein humanitäres Ziel: Sie wollen an der Elbe möglichst viele Soldaten über die alliierte Demarkationslinie retten – in amerikanische Gefangenschaft, nicht in russische, nicht in die Lager von Sibirien.

Doch noch steht ihnen, ihren Soldaten und der Berliner Bevölkerung der Strassen- und Häuserkampf bevor. Nach Fläche bildet die Hauptstadt mit 883 Quadratkilometern das sechstgrösste urbane Siedlungsgebiet der Welt; nach Menschen gezählt liegt sie mit 4’430’000 Einwohnern auf Rang 3. Niemals zuvor und nicht wieder ist militärisch eine Metropole solches Ausmasses im Kampf genommen worden.

40’000 Mann gegen 464’000

Nach der Seelower Niederlage erahnten die deutschen Soldaten, die das Inferno überlebt hatten, was in Berlin auf sie zukam: ein letzter verzweifelter Widerstand gegen die Übermacht der Roten Armee, einer Streitmacht, die sich auf ein weit verzweigtes Eisenbahnnetz stützte und ungeachtet langer Linien personell wie materiell selbst schwerste Verluste – wie auf den Höhen ostwärts Berlin – wettmachte.

Der Volkssturm, mit der Hitlerjugend und dem Reichsarbeitsdienst das letzte Aufgebot.

40’000 Verteidiger sollten 464’000 Angreifer zurückschlagen; und von den 40’000 waren 26’000 Volkssturm, Hitlerjugend und Reichsarbeitsdienst: Heterogene, rudimentär ausgebildete, schlecht bewaffnete Haufen waren ausersehen, den Sowjets Paroli zu bieten, die von Nord, Ost und Süd zu allem entschlossen in den Kern des Deutschen Reiches vorrückten. Gut 50’000 Mann umfasste das Clausewitz-Aufgebot, das innert sechs Stunden mobilisiert werden konnte; nur war es so unbedarft wie der Volkssturm.

Im innersten Kern geisterte ein gebrochener Mann durch die Reichskanzlei. Adolf Hitler lebte unter Morphium und war seiner Sinne nicht mehr mächtig. In der Kapitale wechselte er die Stadtkommandanten wie die Hemden. Am 19. August übertrug er den Befehl dem ehrenhaft gescheiterten Abwehrtaktiker von Seelow, dem General Gotthard Heinrici. Schon am 22. entband ihn der irre Diktator von der Verantwortung – und unterstellte die Stadt sich, dem militärischen Amateur, selbst.

Vom Todesurteil zum Stadtkommando

Am selben Tag verurteilte er den General der Artillerie Helmuth Weidling zum Tode; dessen LVI. Panzerkorps hatte Berlin südwärts umgangen.

Am 23. stand Weidling, Träger der Schwerter zum Eichenlaub des Ritterkreues, ein hochdekorierter Offizier, vor dem an Hand und Bein zitternden “Führer”, an dem er “ein aufgedunsenes Gesicht und die Augen eines Fieberkranken” bemerkte. Der General verteidigte sich so geschickt, dass ihm Hitler auf der Stelle zum neuen (und letzten) Stadtkommandanten von Berlin ernannte.

Als solcher ging Helmuth Weidling in die Militärgeschichte ein. Wie Heinrici genoss er den Ruf, eine Abwehr trefflich führen zu können. In letzter Not suchte er die Verteidigung Berlins nochmals zu festigen. Als er erkannte, dass das Nazi-Reich dem Untergang geweiht war, handelte er aus eigenem Antrieb – und kapitulierte vor Wassili Tschuikow, dem Befehlshaber der gefürchteten 8. Stossarmee. 1952 verurteilten die Sowjets Theodor Weidling in Moskau zu einer langen Haftstrafe. 1955 starb er gefangen in einem Krankenzimmer der Lubjanka. Den Giftbecher hatte er eine Dekade zuvor genommen, als er in Hitlers Bunker das Stadtkommando akzeptierte.

Mitten im Chaos arbeitete der Grosse Generalstab noch immer preussisch präzis. Sein Augenmerk galt der Innenstadt mit dem Reichstag, den Ministerien, der Reichskanzlei und dem Führerbunker. Um die Hauptstadt hatte die Wehrmacht mehrere Verteidigungslinien gezogen. Um das Stadtinnere verlief der innere Abwehrgürtel, der sich mit dem Berliner U-Bahn-Ring deckte.

  • Als General Weidling am 24. April Berlin in Zonen aufteilte, liess auch er den (noch) tragenden Institutionen im Zentrum höchsten Schutz angedeihen. Er fasste sie in einer speziellen Zone Z zusammen. Sie führte vom Brandenburger Tor im Westen bis zum Alexanderplatz im Osten, südlich begrenzt von der Leipzigerstrasse, nördlich von der Spree und dem Bahntrassee.
  • Die anderen acht Sektoren unterteilten die Stadt radial, ausgehend im Zentrum von der Zone Z. Im Uhrzeigersinn erhielten sie die Codes A bis H, beginnend mit A rittlings der nach Osten führenden Landsberger Chaussee, im Norden endend mit H an der Prenzlauer Allee.

“Bis zum letzten Mann”

Wie sich die Führung die Abwehr vorstellte, war im Grundsätzlichen Befehl vom 3. März festgehalten:

  • “Fanatismus, Hingabe, Hass und rücksichtsloser Kampf ohne alle Hemmungen.”
  • “Verteidigung der Stadt bis zum letzten Mann, bis zur letzten Patrone – nicht in offener Feldschlacht, sondern im Strassen- und Häuserkampf.”
  • “Nutzbarmachung der U-Bahn, der unterirdischen Kanalisation, der Nachrichtenmittel, der vorzüglichen Stellungen und Tarnungen in den Häusern, insbesondere deren festungsmässigen Ausbaus, vor allem in Eisenbetonbauten.
  • “Feind verblutet im Netz der Widerstandsnester, Stützpunkte und Abwehrblocks.”
  • “Stosstrupps nutzen unterirdische Gänge, fallen den Feind von hinten an und vernichten ihn auch im Rücken.”

Klang martialisch, kühn, todesmutig! Nur: Wie klang es in den Ohren der 40’000, die auf dem europäische Kriegstheater die finale Schlacht schlagen sollten? Der 15-jäjhrigen Hitlerjungen? Der 60-jährigen Volkssturmmänner?

Kraft für noch einen Schwerpunkt

Wenn Theodor Weidling im Bendlerblock auf die Stadtkarte schaute und die Reste seines LVI. Korps auf die Sektoren legte, dann musste er von jeglicher Rundum-Verteidigung Abstand nehmen. Er konnte noch einen letzten Schwerpunkt bilden – gegenüber der gefährlichsten Bedrohung. Diese erkannte er korrekt in der 1. Weissrussischen Front, die sein Korps schon am 18./19. April überrannt, teils zerschlagen, teils abgedrängt hatte.

Marschall Schukow hatte seinen Befehlsstand am inneren Abwehrring zwischen Landsberger Chaussee und Frankfurter Allee eingerichtet und setzte von Osten und Südosten die 5. Stossarmee, die 1. Gardepanzerarmee und die 8. Gardearmee an. Dieser ausserordentlichen Kräfteballung stellte Weidling gegenüber:

  • Auf dem linken Flügel zwischen der Friedrichstrasse und dem Alexanderplatz die Reste der 9. Fallschirmjägerdivision .
  • Im Zentrum zwischen dem Alexanderplatz und der Jannowitzbrücke die Reste der Panzerdivision Müncheberg.
  • Auf dem rechten Flügel südlich der Spree die skandinavischen SS-Panzergrandiere der arg ramponierten Division Nordland.

Die Artillerie des LVI. Korps – will heissen: die Geschütze, die um Seelow intakt geblieben waren – hatte im Tiergarten Stellung bezogen. Die Reste der 18. Panzerdivision sollten südlich des Zoos der 1. Ukrainischen Front standhalten. Im Westend erwarteten die verbliebenen Panzergrenadiere der 20. Division den Angriff der 2. Gardepanzerdivision, die in der Jungfernheide ihre Ausgangsstellung eingenommen hatte.

Berlin wie Stalingrad – eingekesselt 

Seiner Frau schrieb General Weidling: “Das Schlimmste ist nicht der Russe, sondern die Kurzsichtigkeit und Unfähigkeit der vorgesetzten Dienstellen. Wir verdienen unser Schicksal nicht anders. Das zu sagen ist tief tragisch und bitter, aber es ist nun mal so.”

Schon am ersten Kommandotag ereilte Weidling aus dem Süden eine Hiobsbotschaft: “Letzte Versorgungszufuhr für Armee durch Einbruch Grünau unterbunden. Damit eingeleitete Massnamen hinfällig. Versorgungszufuhr durch Luftlandung oder Abwurf.” Die Grünau lag damals im Bezirk Köpenick und war dem Gegner in die Hand gefallen. Die Sowjets hatten die Verbindung nach Berlin auf einen Schlauch von 4’000 Metern zusammengepresst, der voll im Schussbereich ihrer Artillerie lag. So konnten sie den Nachschub in die Stadt beliebig unterbinden.

Flakturm auf dem Berliner Zoo-Bunkers. In Wien ist der letzte Flakturm im Hof der Stiftskaserne zu besichtigen.

Für Weidling kam es noch schlimmer, als die Angreifer im Westen die 4000-Meter-Lücke noch vollends eindrückten. Nordwestwärts Potsdam, bei Ketzin, vereinigten sich die Panzerspitzen der 1. Weissrussischen und der 1. Ukrainischen Front: Fortan war die Reichshauptstadt Berlin komplett eingekesselt, von der Aussenwelt abgeschnitten. Schukow besass reichlich Erfahrung in der Umfassung von Frontstädten: Am 23. November 1942 hatte die Rote Armee Stalingrad eingeschlossen. Im Westen tat es General Eisenhower den Russen im Ruhrgebiet gleich: Am xx. xx schlossen seine 1. und 9. Armee 300’000 Deutsche samt dem wirtschaftlichen Zentrum des ihres Reiches ein.

In Berlin kappten die Russen alles, was sie kappen konnten. Sie schnitten die Telefonleitungen ab und störten den deutschen Funk. Sie sprengten Abwehrriegel und drängten am Stadtrand “Divisionen” zurück, die Skeletten glichen.

Weidling stellte Hitler den Antrag auf Ausbruch, solange ein solcher noch Chancen habe. Aber der Fanatiker in der Reichskanzlei blieb seiner Devise treu, nie, nie, nie Terrain preiszugeben – ein fundamentaler Fehler, der seine besten Offiziere an allen Kriegsfronten zur Verzweiflung getrieben hatte. Allerdings war ungewiss, ob die dezimierte Wehrmacht den Durchbruch gegen acht Sowjetarmeen am Boden und zwei in der Luft geschafft hätte. Wohl eher nicht.

Den Gegner aufspalten

Auch den Strassen- und Häuserkampf hatten die Befehlshaber Schukow und Konew gründlich gelernt. Als sie den finalen Angriff auf Berlin planten, wussten sie: Es bringt nur Verluste, wenn wir auf allen Achsen wahllos in eine Grossstadt einfallen. Vielmehr fassten sie den Entschluss, ihre überlegene Kraft in mehreren Stosskeilen zu bündeln. Es ging ihnen darum,

  • die gegnerische Abwehr aufzuspalten,
  • die ohnehin gestörten, unterbrochenen Verbindungen noch ganz zu kappen
  • und die deutsche Führung zu lähmen.

So sollte ihnen Berlin wie ein reifer Apfel in den Schoss fallen. Auf der Zeitachse achteten sie auf Stalins Vorgabe: Die Rote Armee musste Berlin am 1. Mai erobern, am Tag der Arbeit.

Zu diesem Zweck vertrauten die Sowjets auf ihre Überlegenheit in Feuer und Bewegung. Insgesamt warfen ihre beiden Fronten eine Feuerkraft ins Gefecht, der die Reste der deutschen Verbände nicht gewachsen waren, nicht gewachsen sein konnten. Die Russen liessen rund um Berlin 1’500 Panzer, 12’700 Geschütze und 21’000 Granatwerfer auffahren.

Verstärkte Sturmbataillone

Wieder, wie auf den Seelower Höhen und an der Neisse, ballten die Marschalle ihre Verbände in variabel schmalen Angriffsstreifen:

  • Die Stossarmeen griffen auf Abschnitten von fünf bis zehn Kilometern Breite an.
  • So rückte Schukows 5. Stossarmee auf einer Breite von fünf bis sieben Kilometern vor.
  • Das XIX. Korps der 3. Stossarmee erhielt einen Streifen von fünf Kilometern, das IV. Gardekorps der 8. Gardearmee von 2,5 und das XXXII. Schützenkorps der 5. Armee 2,6.

In jeder Stossdivision bildeten die Regimentskommandanten verstärkte Sturmbataillone. Den Kern bildete jeweils ein Infanteriebataillon. Hinzu kamen eine Pionierkompanie, ein Granatwerferzug und eine Panzerkompanie – seien es T-34 oder die schweren Stalin-Tanks. Artilleristisch bekam das Sturmbataillon eine 122-mm-Haubitzenbatterie und je einen Zug 76- und 45-mm-Geschütze. Wo es die Lage erforderte, unterstellte man dem Bataillon auch eine 152-mm- oder eine 160-mm- oder eine 203-mm-Batterie.

Die Sturmgruppe – nicht im Sinn der Acht-Mann-Gruppe, sondern erheblich stärker – trug der urbanen Struktur und dem gegnerischen Dispositiv Rechnung. In der Regel umfasste sie eine Kompanie oder einen Zug Infanterie, verstärkt mit zwei Pioniergruppen, drei bis fünf Flammenwerfern, eine Panzerfaustequipe und drei Spezialisten mit Nebel- und Brandwaffen. Zusätzlich waren dem Kompaniechef oder dem Zugführer drei bis vier Kampfpanzer unterstellt.

Trommelfeuer aus 12’700 Rohren

Zur Schlussoffensive setzten Schukow und Konew am 25. April 1945 an. Auf diesen Tag datieren Gelehrte gemeinhin den Beginn der Endschlacht um Berlin, die dann am 2. Mai “ausklang”.

Um 5.30 Uhr eröffneten rings um die Stadt die genannten 12’700 Rohre das Trommelfeuer in den Kessel. Eine Stunde lang prallten aus Kanonen, Haubitzen und Katjuscha-Raketenwerfern tödliche Brisanzgeschosse auf Hitlers letztes Aufgebot und die zivile Bevölkerung. Es entbrannte ein gnadenloser, brutaler Ortskampf. Wie zuvor in Stalingrad und um die Nazi-Festungen im Osten rangen die Russen mit drei Generationen Deutschen um Strassen, Häuserzeilen, befestigte Blöcke, Barrikaden, Ruinen, Gräben und Schächte.

Entlang der Einfallsachsen, in den Stosskeilen, verliessen sich Schukow und Konew auf die russische Dreiergliederung. In Front attackierte auf jeder Strassen- oder Alleeseite ein Regiment, in zweiter Staffel das dritte. Dies entsprach der in vier Kriegsjahren bewährten Ordre de bataille der Roten Armee mit jeweils drei Kampfregimenten.

Infanterie trägt Hauptlast

Die Hauptlast trug die Stossinfanterie. Die Panzer unterstützten die Fusstruppe und mieden den “artreinen” Angriff. Dieser hätte im Orts- und Strassenkampf unweigerlich zu brutalen Verlusten geführt. Einzig General Bogdanaows 2. Gardepanzerarmee erhielt von Nordwesten her in vergleichsweise offenem Gelände freieHand. In Front führte der Befehlshaber das 1. Mechanisierte Korps und das XII. Gardepanzerkorps ins Gefecht. Ein Panzerkorps umfasste drei Panzerbrigaden und eine Mechanisierte Brigade. Beim Mechanisierten Korps verhielt es sich genau umgekehrt.

Über der inneren Stadt hing eine dichte Rauch- und Staubglocke. Sie band die Schturmowik-Schlachtflieger, die die Bodentruppen noch auf den Seelower Höhen so nachhaltig unterstützt hatten. Die beiden sowjetischen Luftarmeen kamen über Berlin nicht voll zur Geltung. Im Südwesten, über der 3. Gardepanzerarmee, liessen sie sich dennoch auf den Erdkampf ein – mit Opfern in den eigenen Reihen. Vom schönfärberischen Umschreibung der Angelsachsen, vom friendly fire, hatten sie noch nicht gehört.

Der denkwürdige 25. April 1945

Der 25. April 1945 ging als denkwürdiger Tag in die Geschichte der Roten Armee ein:

  • In Berlin gelang es den Stosskeilen, von allen Seiten in die Innenstadt einzudringen. Als die Nacht hereinbrach, zogen sich die Verteidiger, hinhaltend kämpfend, in die letzten Refugien zurück. Im Schwergewicht ging es in Richtung Regierungsviertel, im Westen in den Grunewald, in Steglitz in den Birkbuschriegel. Am Zoo schossen von den mächtigen Flaktürmen aus immer noch die gefürchteten 8,8-cm-Kanonen; doch bildete ihr Maschinenfeuer die Ausnahme von der Regel: das letzte Aufflackern deutscher Kampfkraft (ein intakter Flakturm ist immer noch im Innenhof der Wiener Stiftskaserne zu besichtigen, weil ihn die Mineure dort nicht sprengen können).
  • Von der 1. Ukrainischen Front meldete Marschall Konew die triumphale Begegnung seiner 58. Gardedivision mit der amerikanischen 69. Infanteriedivision, den berühmten Sixty Nines. Bei Torgau an der Elbe feierten Ost- und Westalliierte Verbrüderung. Sie sollte nicht lange währen und noch 1945 in den Kalten Krieg übergehen sollte: Quer durch Kontinentaleuropa, von Stettin bis Triest, senkte sich Churchills “Eiserner Vorhang”.

“Wann kommt Wenck?”

Im eingeschlossenen Berlin gingen am 27. April auch noch die Flugplätze Tempelhof und Gatow verloren. Auf der Siegesallee mitten in der Stadt errichtete die Luftwaffe eine Landebahn, sozusagen einen Feldflugplatz. Aufsehen erregten weniger die spärlichen Ju-52-Versorgungsmaschinen als die Kunstfliegerin Hanna Reitsch, die den Ritter von Greim einflog, Görings Nachfolger als Befehlshaber der zerschlagenen Luftstreitkräfte.

Am selben Tag eroberte die 5. Stossarmee den Abschnitt vom Schlesischen Bahnhof bis zum Alexanderplatz. Ihre beiden Frontverbände, das XXXII. Schützenkoprs und das XXVI. Gardeschützenkorps, drangen in das Sperrzone aller Sperrzonen ein: in den Sektor Z.

Hitler verkannte die Lage. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es seinen Generalen nur noch darum ging, möglichst viele Soldaten nach Westen zu retten. Der im Halbe-Kessel eingeschlossenen 9. und der 12. Armee liess er durch die Feldmaschalle Jodl und Keitel persönlich die Befehle zum Entsatz von Berlin überbringen. General Theodor Busse durchschlug die Umfassung mit Resten seiner 9. Armee. General Walter Wenck stiess von der Elbe bis Potsdam vor, von wo er die Besatzung an die Elbe evakuierte, nachdem er schon den Überlebenden der 9. Armee geholfen hatte.

Weiter drang die 12. Armee nicht mehr vor, schon gar nicht zur Reichskanzlei. Dort rief Hitler in höchster Not: “Wo ist Wenck?”, “Wann kommt Wenck?” Vergeblich, für die Katz!

Makabre Heirat

Am 28. April ernannte Schukow den Generalobersten Nikolai Bersarin, den Befehlshaber der 5.Stossarmee, zum ersten sowjetischen Stadtkommandanten von Berlin. Die deutsche Abwehr löste sich auf. Die Schlacht verkam zu Einzelgefechten. Hitler unterschrieb sein Testament, das drei Generalstabsoffiziere auf verborgenen Pfaden aus der Stadt schleusten. Zu seinem Nachfolger bestimmte der Diktator den Grossadmiral Karl Dönitz, der im Norden an der Ostsee ausharrte.

In der Nacht zum 29. April heiratete der Adolf Hitler in makabrem Vorgang Eva Braun. Ein aus dem Volkssturm geholter Standesbeamter traute das Paar im Bunker, der unter dem Feuer sowjetischer Kanonen lag.

Als der Morgen graute, hörte die Festung Berlin zu existieren auf. Ein paar Dutzend Freiwillige der französischen SS-*Division” Charlemagne unternahmen den letzten deutschen Gegenangriff. Die Männer aus den Pyrenäen, der Bretagne und dem Artois rannten für Reich und “Führer” an. Am Abend bestand ihr Gespensterverband nicht mehr.

Clausewitz lehrte es anders

Längst hatte die deutsche Führung den Zeitpunkt verpasst, an dem sie das Kriegsende hätte anstreben müssen. Ihr Vorbild, Claus von Clausewitz, liess im Krieg “den politischen Zweck vorwalten”: “Wenn der Wert des politischen Zwecks dem Kraftaufwand nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, so muss dies aufgegeben werden.” Auch wenn der Feind seit Casablanca 1943 die bedingungslose Kapitulation forderte, hätte eine Einsicht gemäss Clausewitz unendlich viel Menschen unendlich viel Leid erspart.

Mit dem Vorstoss in den inneren Stadtkern wurden die sowjetischen Angriffsstreifen schmäler und schmäler. Nun stiessen die Schützenregimenter auf 200 bis 250 Metern vor. Die Kommandanten brachen ihre Verbände auf Bataillonsstufe herunter – immer in der Dreier-Formation. Auf je einer Strassenseite attackierte ein verstärktes Bataillon, das dritte durchkämmte die Häuser und löschte Widerstandsnester aus.

Der Angriff des LXXVIIII. Gardekorps

Am 30. April erlangte Generaloberst Wassili Kusnezows 3. Stossarmee den Grossen Preis: das Ziel, das die Rote Armee angestrebte, seit ihre sibirischen Divisionen im Dezember 1941 Moskau vor der Wehrmacht gerettet hatten. Kusnezows Verband war es vorbehalten, den Reichstag, das Symbol der Nazi-Herrschaft, in Besitz zu nehmen.

Von Moabit kommend, nahm das LXXVIIII. Gardeschützenkorps das Innenministerium und den Königsplatz. Am Morgen schon setzte der Sturm auf den Reichstag ein. Doch das Gardekorps, eine erlesene Elitetruppe, stiess auf härteren Widerstand als erwartet. Wehrmacht und SS-Einheiten verteidigten Paul Wallots neobarocken Bau erbittert; von Flensburg waren zur Verstärkung mehrere 100 Mann Marine-Infanterie eingeflogen worden.

Die letzte “Garnison” hatte den wuchtigen Klotz in eine Festung verwandelt. Die Fenster und Türen waren zugemauert, das Vorgelände vermint. Aus Schiessscharten nahmen die Deutschen die Rotarmisten unter den Beschuss ihrer starken M-42–Maschinengewehre. Gräben hatten sie tief ausgehoben und mit Wasser gefüllt. So blieb der erste Garde-Angriff im Sperrfeuer der Verteidiger liegen.

Der Reichstag fällt

Generalmajor Semjon Perewjortkin, der Kommandant des LXXVIIII. Korps, führte über die Moltkebrücke T-34-Panzer auf den Königsplatz. Allein noch am Vormittag und dann nach der Mittagsstunde erlitten die Angreifer nochmals schwere Verluste. Perewjortkin beschloss, für den letzten Ansturm die Dunkelheit abzuwarten. Nach der Dämmerung stiessen die Sowjets zu den Reichstagsstufen vor und brachen das zugemauerte Tor auf. Im Gebäude selbst entbrannte ein blutiger Nahkampf, mano a mano, Mann gegen Mann. Die Angreifer kämpften sich mit Handgranaten und Maschinenpistolen die Treppen hoch. Die Deutschen verschanzten sich im Keller.

Am Schluss überwältigte die Garde die Verteidiger dank schierer Überzahl. Um 22.40 Uhr erklomm eine Gruppe Gardisten das Reichtagsdach. Dem Soldat Michail Minin hatte sein Chef die Rote Fahne mitgegeben. Nur hatte Minin keine Stange. Auf dem Dach fand er ein Rohr, an das er das rote Tuch heftete. Dann steckten seine Kameraden die “Fahnenstange” in eine zerbombte Frauenskulptur: Die Szene, die Stalin so sehr gewünscht hatte, war da.

Ein anderes Chaldei-Bild: Königsplatz und Reichstag am 2. Mai 1945. Der Königsplatz heisst heute Platz der Republik.

Allein es war Nacht, und es fehlte ein Fotograf. Am 2. Mai stellte der ReporterJewgeni Chaldei die Szene mit Minin nach; selbst der Kamerad, der ihn hoch über dem Königsplatz stützte, fehlte nicht. Doch nun lief ein Detail schief. Als Chaldei in der Dunkelkammer den Schwarz-Weiss-Film entwickelte, entdeckte er an Minins Arm erbeutete Uhren. Zu seinem Glück waren schon die Bolschweisten Meister der Retouche. Wie Stalin auf dem Lenin-Bild von Petrograd 1917 seinen Widersacher Trotzki verschwinden liess, putzte Chaldei im Labor das Diebesgut weg.

Warum war den Sowjets der Reichstag wichtiger als Hitlers Reichskanzlei? Immerhin lebte der Diktator noch, als das LXXVIIII. Korps den Reichstag stürmte. Seit der Reichstag am 27. Februar 1933, im ersten Monat der Nazi-Herrschaft, gebrannt hatte, galt der Wallot-Bau den Kommunisten als das Symbol des braunen Terrors. In Stalins Denken setzte die Verfolgung der deutschen Kommunisten mit der Verordnung ein, die Hitler am 28. Februar 1933 gegen seine inneren Gegner erlassen hatte: Nach sowjetischer Lesart begann dier nationalsozialistische Schrecken mit dem Brand des Reichstags.

Vom Eid entbunden

In der Reichskanzlei, dem letztem Schlupfloch der Nazis, entzog sich Hitler derweil feige der Verantwortung. Um 15.30 Uhr schoss sich er sich unter Beton eine Kugel in den Kopf, nachdem er seiner Frau Eva Gift gegeben hatte. Nach neuer Forschung ging Hitler auf todsicher: Er soll mit dem Schuss auf eine Zyankalikapsel gebissen haben.

Sein Adjutant, der SS-Sturmbannführer Otto Günsche, der Diener Heinz Linge und der Fahrer Erich Kempa schütteten im Garten zehn Kanister Benzin über die Leichen. Günsche schleuderte eine Papierfackel auf die Toten, worauf Adolf und Eva Hitler verbrannten, während in der Reichskanzlei dichter denn je russische Salven einschlugen. Dennoch wollte Stalin, misstrauisch, wie er war, lange nicht glauben, dass das Leben seines Todfeindes erloschen war.

Hitler Tod entband die deutschen Offiziere vom Treueeid, den sie auf den “Führer” geschworen hatten. In der Nacht zum 1. Mai, um 3.50 Uhr, schlug sich General Hans Krebs, der Chef des Generalstabes, mit dem sprachenkundigen Obersten Theodor von Duvfing quer durch die feindlichen Linien nach Tempelhof durch. Dort, am Schulenburgring 2, mitten in den Trümmern Berlins, lag der nächste höhere Gefechtsstand der Roten Armee, von dem aus Generaloberst Wassili Tschuikow die 8. Gardearmee befehligte.

Tschuikow: “Das wissen wir”

Krebs legte Tschuikow dar: “Sie sind der erste Gegner, dem ich mitteile, dass Hitler gestern um 15.30 Uhr freiwillig von uns ging und Selbstmord verübte.” Tschuikow nahm das ungerührt zur Kenntnis: “Das wissen wir.” Noch heute streiten die Gelehrten, ob das gut zwölf Stunden nach Hitlers Tod zutraf oder nicht. Hernach verlas Krebs das Schreiben, dass Joseph Goebbels an den Obersten Befehlshaber der Roten Armee aufgesetzt hatte: an Stalin persönlich.

Goebbels teilte Stalin mit, Hitler habe ihn zum Reichskanzler ernannt und dem Grossadmiral Dönitz die Regierungsgewalt. Er, Goebbels, habe Auftrag, einen Separatfrieden auszuhandeln; schliesslich hätten Deutschland und die Sowjetunion im Krieg die schwersten Verluste erlitten; was stimmte.

Aber Hitlers “Trommler” prallte an Tschuikow ab, der 1942/43 Stalingrad mit äusserster Brutalität gehalten hatte. Der Generaloberst schrieb: “Glaubten denn die Anführer des Dritten Reiches, wir hätten ein so kurzes Gedächtnis, wir hätten die Millionen von Toten und Abermillionen Witwen und Waisen vergessen? Und die Galgen und Krematorien? Majdanek und die anderen Todeslager?” Vorerst muteten die Positionen unvereinbar an. Krebs schlug zur Beendigung des Krieges zwei Phasen vor:

  • Eine sofortige Waffenruhe; Dönitz kommt nach Berlin und berät mit dem neuen Kabinett das weitere Vorgehen.
  • Verhandlungen mit der Sowjetunion über die Kapitulation der deutschen Streitkräften, namentlich über die Konditionen.

“Der Schuft hat ausgespielt!”

Tschuikow lehnte schroff ab und rief Schukow an. Der Befehlshaber der siegreichen 1. Weissrussischen Front entsandte seinen Stellvertreter, den General Wassili Sokolowsksi, zur 8. Armee. Um 5.05 Uhr informierte Schukow Stalin per Telegramm. Dann erreichte er den Generalissimus in dessen Datscha. Stalin frohlockte: “Der Schuft hat ausgespielt!” Wie Schukow, Sokolowski und Tschuikow erwartet hatten, beharrte Stalin auf der bedingungslosen Kapitulation. Für Goebbels und Dönitz gab es nichts zu verhandeln.

Zuerst suchte Oberst Duvfing die Reichskanzlei auf. Tschuikow hatte ihm zum Schutz einen Major beigegeben, den ein fanatischer SS-Soldat anschoss. Als Duvfing vor Goebbels das Wort “bedingungslose Kapitulation” fallen liess, schrie der neue Reichskanzler: “Nie, nie, nie!” Krebs traf erst gegen 14 Uhr ein und gestand, seine Mission sei “vollständig gescheitert.”

Dann vergifteten Magda und Joseph Goebbels in einer grausigen Mordtat vergifteten ihre sechs Kinder, fünf Töchter und einen Sohn, bevor sie sich selber umbrachten. Auch Hans Krebs schied aus dem Leben. Hitlers getreuer Martin Bormann und der selbsternannte “Kampfkommandant” Wilhelm Mohnke suchten sich und ihre Paladine vor russsicher Gefangennahme zu bewahren. Sie planten in der Nacht zum 2. Mai den Ausbruch aus der Reichskanzlei, die 400 Meter vom Reichstag entfernt lag.

Mohnke wollte über den Wilhelmplatz zur damaligen U-Bahn-Station Kaiserhof gelangen, dann entlang der Geleise zur Friedrichstrasse marschieren, über die Spree den Stettiner Bahnhof erreichen und sich im Nordwesten zu den imaginären eigenen Truppen retten. Für die allermeisten scheiterte der Fluchtplan kläglich.

“Achtung! Achtung!*

In derselben Nacht fing ein Funker der 79. sowjetischen Gardedivision eine Meldung in deutscher Sprache auf: “Achtung! Achtung! Hier ist das LVI. deutsche Panzerkorps. Wir bitten, das Feuer einzustellen. Um 0.50 Uhr Berliner Zeit entsenden wir Parlamentäre zur Potsdamer Brücke. Erkennungszeichen: Weisse Fahne. Warten auf Antwort.”

Die Gardedivision antwortete: “Verstanden! Verstanden! Wir leiten Bitte an Armee-Befehlshaber weiter.” Tschuikow befahl, an der Passierstelle sei das Feuer einzustellen. Er bestimmte den Obersten Semtschenko und einen Dolmetscher, die die Deutschen empfangen sollten. Erneut schärfte er ihnen ein:”Bedingungslose Unterwerfung, nichts anderes!” Der Feind müsse die Waffen sofort strecken.

Noch am 1. Mai, gegen 23 Uhr, hatte General Weidling seine Unterführer in den Bendlerblock gerufen. Sie sahen ein: Den Kampf um Berlin, die Opfer, das Leiden der Menschen und die Zerstörung der Stadt – all das war sinnlos geworden.

Weidling beauftragte Duvfing, den Russen die bedingungslose Kapitulation zu überbringen. Duvfing begab sich mit einem Dolmetscher und der weissen Fahne zur Potsdamer Brücke. Oberst Semtschenko war ermächtigt, das deutsche Angebot anzunehmen. Er sicherte den unterlegenen Offizieren “ehrenvolle Konditionen” zu: Sie müssten die Pistole abgeben, dürften indes “kleine Seitenwaffen” wie Dolche oder Degen behalten. Jeder sollte so viel Handgepäck mitnehmen, wie er tragen konnte.

Gespenstische Stille

Einzig die Uhrzeit der de-facto-Kapitulation gab zu reden. Tschuikow hatte auf sofortiger Feuereinstellung bestanden. Duvfing erinnerte Semtschenko daran: “Ihr habt fast alle Verbindungen gekappt. Zur fechtenden Truppe brauchen unsere Meldeläufer drei Stunden.” Also einigten sich der Deutsche und der Russe auf 6 Uhr. Duvfing informierte Weidling im Bendlerblock um 3 Uhr, worauf der General sofort die Meldegänger aussandte. Er ging zwischen 5.30 und 6 Uhr in sowjetische Gefangenschaft und brachte Tschuikow zur förmlichen Kapitulation die Urkunde, die er unterschrieben hatte.

Schwiegen nun die Waffen, wie die Presse nach Kriegen so schön zu schreiben pflegt? Fast, doch nicht ganz! Versprengte SS-Reste leisteten Widerstand, bis sie die Sowjets gegen 17 Uhr vernichtet hatten. Gespenstische Stille senkte sich über die geschundene Stadt. Die Waffenruhe trat ein. Kampflos übernahm die Rote Armee in Berlin die letzten engen Refugien, die der Wehrmacht geblieben waren.

Von Flensburg aus suchte Dönitz Soldaten und Zivilpersonen aus dem Machtbereich zu schleusen, den Stalin mit Blut und Eisen, unter unfassbaren Opfern, bis zur Elbe errichtet hatte. Politisch strebte der Grossadmiral einen Sonderfrieden mit den Westalliierten an. Jedoch hatte er, in Verkennung der Verbündeten, die Rechnung ohne Churchill, Truman und Stalin gemacht. In Reims unterschrieb am 7. Mai 1945 Generaloberst Jodl vor den Amerikanern und Briten die Kapitulation – bedingungslos, wie gefordert.

Stalin will eigene Zeremonie

Im Kartenraum des Collège Moderne et Technique bezeugte Schukows Abgesandter, General Iwan Susloparow, Jodls Unterschrift. Artikel 1 der Urkunde stipulierte die deutsche Unterwerfung gegenüber dem westalliierten Befehlshaber (Eisenhower) und dem Oberbefehlshaber der Sowjetarmee. Aber kaum war in Reims die Tinte auf dem Dokument trocken, sandte General Alexei Antonow, in Moskau stellvertretender Generalstabschef, ein Protest-Telegramm an Eisenhower. Der Text der Urkunde widerspreche der Abmachung unter den Verbündeten!

Stalin bestand darauf, die Zeremonie sei zu wiederholen – in Schukows HQ bei Berlin. So entsandte Eisenhower, der Schukow die Ehre verweigerte, den Luftwaffengeneral Carl Spaatz nach Karlshorst. Die Briten ordneten den Luftmarschall Arthur Tedder ab, die Franzosen Panzergeneral Jean de Lattre de Tassingny, den erfolgreichen Kommandanten der 1re armée.

Am 8. Mai landeten drei britische Flugzeuge mit den Deleationen in Tempelhof. Auch die Deutschen, mit Feldmarschall Wilhelm Keitel an der Spitze, wurden nach Kerlshorst geleitet. Im Casino der dortigen Pionierschule bat Schukow die Verbündeten Spaatz, Tedder und de Lattre de Tassigny in sein Büro, wo sie letzte Details regelten. Um Mitternacht betraten sie feierlich das Casino. Schukow befahl, die Deutschen zu holen. Es wurde still im Saal. Keitel war von Admiral Hans-Georg von Friedeburg und General Hans-Jürgen Stumpff begleitet. Der Preusse hielt sich kerzengerade und erhob den Marschallstab zum Gruss.

Karlshorst: Feldmarschall Keital unterschreibt die bedingungslose Kapitulation. Auf dem Tisch der Marschallstab, die Mütze und der rechte Handschuh. Keital wurde in Nürnberg hingerichtet.

Doch dann bekundete Keitel Mühe, Haltung zu bewahren. Schukow erinnert sich: “Sein Monokel fiel herunter und baumelte an der Kordel. Im Gesicht leuchteten rote Flecken auf.” Der Feldmarschall legte Mütze und Marschallstab zur Seite, legte den rechten Handschuh ab und klemmte das Monokel ins linke Auge, bevor er um 0.16 Uhr die fünf Exemplare der Urkunde unterschrieb. Es waren fünf Ausfertigungen, weil mit de Lattre de Tassignys Unterschrift auch der machtbewusste Franzose Charles de Gaulle zu seinem Recht kam.

An der Nachfeier verbrüderten sich die Verbündeten. Schukow legte einen Kasatschok aufs Parkett, zum Dessert gab es gefrorene frische Erdbeeren. Keitel spedierten die Briten am 9. Mai um 10 Uhr nach Flensburg zurück. Sieht man von böhmisch-mährischen Scharmützeln ab, hatte der Krieg in Europa sein Ende gefunden.

Noch einmal furchtbare Opfer

Die Rote Armee bezahlte für ihre Berliner Operation noch einmal mit mehr als 120’000 Gefallenen. Am meisten Opfer beklagte Schukows 1. Weissrussische Front, die auf den Seelower Höhen und in der Reichshauptstadt schwere Last trug. Die untergehende Wehrmacht führte nicht mehr so genau Buch. Sowjetische Historiker beziffern die deutschen Gefallenen auf über 100’000. In beiden Parteien wurden mehr Soldaten verwundet als getötet. Und die Russen machten auch in Berlin nochmals Zehntausende Gefangene.

Ein erschütterndes Kapitel stellt die Massenvergewaltigung Berliner Frauen dar. Die deutsche Geschichtsschreibung arbeitet das Grauen auf. Im massgebenden Werk des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes nimmt die Analyse “Die Rote Armee auf deutschem Boden” fast 100 Seiten, die Schilderung der Berliner Operation gut 60. Die deutschen Historiker halten einerseits die ungeheuerlichen Verbrechen des Dritten Reiches getreulich fest; anderseits verschweigen sie nicht, welch unendliches Leid russische Soldaten deutschen Frauen antaten.

Die kontrafaktische Geschichtsschreibung, die Spielwiese der “hätte, hätte, würde, würde”-Historiker fragt: “Was wäre geschehen, hätte der namenlose deutsche General am 20. Juli 1944 Stauffenbergs Tasche nicht hinter ein massives Tischbein geschoben? Was wäre der Welt erspart geblieben, hätte die Bombe Hitler getötet und wäre der Aufstand geglückt?

Dazu nur so viel: Es stimmt – Zwischen Juli 1944 und Mai 1945 kamen in Europa noch einmal so viel Menschen ums Leben wie vom September 1939 bis zum Sommer 1944. Doch das ist, wie gesagt, “hätte, wäre, würde.” Begnügen wir uns mit dem Achselzucken, mit dem Kriegsteilnehmer den Kontrafaktikern begegnen. Auch Marschall Schukow, von der Schlacht um Moskau 1941 bis Karlshorst die treibende Kraft der Roten Armee, tritt in seinen Erinnerungen nicht auf Spekulationen ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • n einer letzten Massnahme übertrugen die beiden erfahrenen Frontoffiziere im Abschnitt Seelow die Führung dem LVI. Panzerkorps unter Helmuth Weidling. Der panzerstarke Verband löste an Schukows Durchbruchachse das XXXIX. Armeekorps ab. Dem Artilleriegeneral Weidling unterstellten sie zusätzlich die Panzerdivision Müncheberg, die 20. Panzergrenadierdivision und die 9. Fallschirmjägerdivision; so setzten sie Schukows Gardearmeen die särksten Kräfte entgegen, die sie noch hatten – das letzte Aufgebot.

TEXT WEIDLING

„Am 30. April 1945 hat der Führer Selbstmord begangen und damit alle, die ihm Treue geschworen hatten, im Stich gelassen. Getreu dem Befehl des Führers wart ihr, deutsche Soldaten, bereit, den Kampf um Berlin fortzusetzen, obwohl eure Munition zur Neige ging und die Gesamtlage den weiteren Widerstand sinnlos machte. Ich ordne die sofortige Einstellung jeglichen Widerstandes an. Jede Stunde, die ihr weiterkämpft, verlängert die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung Berlins und unserer Verwundeten. Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der sowjetischen Truppen fordere ich euch auf, sofort den Kampf einzustellen. Weidling, ehemaliger Befehlshaber des Verteidigungsbereichs Berlin.“

FUNK 2. MAI

„Am 2. Mai, kurz vor 1 Uhr morgens, fing die 79. russische Gardeschützendivision einen Funkspruch auf. Er lautete: ‚Hier LVI. Panzerkorps. Wir bitten, das Feuer einzustellen. Um 12 Uhr 50 Berliner Zeit ??????? entsenden wir Parlamentäre auf Potsdamer Brücke.‘ […]

Die Russen antworteten: Verstanden. Verstanden. Übermitteln ihre Bitte an Chef des Stabes. Als General Tschuikow die Botschaft erhielt, ordnete er sofort die Einstellung des Feuers an.“