Die Sache mit den Spurweiten – wer profitiert?

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Diese harmlose Eisenbahn-Karte zeigt auf den ersten Blick Russlands Sonderstellung. Sehen wir von Spanien, Irland und Finnland ab, fahren die Züge in ganz Europa auf der Normalspur 1’435 Millimeter. Das weisse Gebiet im Osten mutet anachronistisch an. Der westliche Rand gibt exakt die Grenze der 1991 untergegangenen Sowjetunion an. Im scheinbar unerschlossenen Territorium gilt die überkommene Breitspur 1’520/1’5024 Millimeter.

Für den Ukrainekrieg heisst das: Beide Parteien fahren auf Breitspur. Die Bedeutung der Eisenbahn für jede Armee muss hier nicht hervorgehoben werden. Im verhängnisvollen August 1914 planten die Generalstäbe in Paris, Berlin, Wien und St. Petersburg ihre Mobilmachungen nicht zuletzt anhand von “Fahrplänen”. Die Heere marschierten weitgehend auf Schienen auf. Am 26. August 1914 überlisteten in Ostpreussen Hindenburg und Ludendorff den Zaren, indem sie vor der Schlacht bei Tannenberg Truppen unerkannt auf ihrem Bahnnetz verschoben. Umgekehrt überrumpelte Stalin die Deutschen am 5. Dezember 1941 vor Moskau mit seinen frischen Divisionen, die er mit der Transsibirischen Eisenbahn an die Front geholt hatte.

Der Vorzug der inneren Front

In der Ukraine profitieren zunächst einmal die Verteidiger vom Breitspurnetz.

  • Ihre Staatsbahn funktioniert auch im Krieg gut. Wenn sich Macron, Scholz und Draghi nach Kiew begeben wollen, ist jegliche Flugverbindung gesperrt: Wie Nationalrätin Kälin oder Aussenministerin Baerbock fahren die Drei im nächtlichen Luxuswaggon von Polen nach in Selenskys Hauptstadt, wo sie ausgeruht ankommen.
  • Als es nach der Schlacht um Kiew galt, das Gros der ukrainischen Armee in den Donbass zu verlegen, leistete die Bahn unermessliche Dienste. Zahlreichen Brigaden kam die kürzere innere Front zugute, während die Russen ihre Feldarmeen mühsam, langsam auf der äusseren Front an ihr neues Schwergewicht dislozierten.
  • Tadellos arbeiten Kiews Eisenbahntruppen auch in der Logistik. Sie erledigen Nach- und Rückschub zur Zufriedenheit der Frontverbände.
  • Flüchtlinge fahren per Bahn aus dem Osten weg von der Front. So dient Kramatorsk als Auffangbahnhof im Donbass. Einmal schlugen Tochka-U-Geschosse im Bahnhof ein, als Flüchtlinge auf den rettenden Zug warteten.

1’520/1’524 Millimeter auch im besetzten Land

Allerdings ziehen auch die Angreifer Nutzen aus der geschichtlichen gewachsenen Breitspur.

  • Ihnen kommt die einheitliche Spur von 1’520/1’524 Millimetern zugute, sobald ihre Logistiker den Übergang von Russland ins besetzte Feindesland planen. Aus der UdSSR verlaufen die breiten Geleise nahtlos in die Ukraine. Im Februar und März 2022 versagte die russische Logistik in der Schlacht um Kiew; die 64 Kilometer lange Lastwagenkolonne von der Grenze bis Gostomel stellte ihr ein ungenügendes Zeugnis aus.
  • Inzwischen haben die Russen gelernt – wie sie sich im Sommer 1941 zuerst von den anfänglichen Rückschlägen erholen mussten, bevor sie die Wehrmacht zurückwarfen. An der Donbassfront, aber auch im Süden profitieren sie von kurzen Nachschubwegen und intakten Bahnlinien. Zwar macht der ukrainische Widerstand genau das, was ihnen die Internationalen Brigaden gegen Franco oder Frankreichs Résistance gegen Hitler vormachten: Ihre Sabotage gilt vornehmlich den Bahnen. An operativ wichtigen Linien sprengen sie die Trasse in die Luft – oder sie bringen, in der Hohen Schule, Brücken zum Einsturz, so über den Dnjepr.

Die historische Karte: Russlands Breitspur.