BISS – Die Bombe platzt: Gaudin geht!

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Jean-Philippe als Direktor des NDB.

Der Tages-Anzeiger lässt heute die Bombe platzen: Auf den Seiten 1 und 4 berichtet er eingehend über das bevorstehende Ausscheiden des Geheimdienstchefs Jean-Philippe Gaudin.

Damit geht innert kurzer Zeit zum zweiten Mal ein Romand-Offizier mit zwei Sternen in die Wüste:

  • Divisionär und F/A-18-Pilot Claude Meier, führungsmässig und intellektuell ein Chef erster Güte, verliess den Armeestab, den er nach allen Bekundungen tadellos befehligt hatte. Er arbeitet nun im Genfer Sicherheitszentrum – wie etliche Zeit vor ihm der damalige Korpskommandant und Ausbildungschef Luc Fellay, anschliessend zwölf Jahre Syndic von Champéry.
  • Divisionär Jean-Philippe Gaudin war Attaché in Paris und als solcher sogar Doyen des dortigen Attachécorps, als ihn 2018 Bundesrat Guy Parmelin zum neuen Direktor des NDB berief. Der NDB ist der Nachrichtendienst des Bundes, entstanden aus der Fusion der herkömmlichen Inland- und Ausland-Geheimdienste.

Da schien noch ein gutes Einvernehmen zu herrschen: Gaudin, Amherd.

Trotz allem überraschend

Gaudins Weggang kommt überraschend, obwohl bekannt war, dass er und seine Vorgesetzte, die Departementschefin Bundesrätin Viola Amherd, das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne hatten. Die Wellenlänge stimmte nicht, die Chemie versagte. Der gelernte Panzeroffizier spricht gerne Klartext, er geht direkt und unkompliziert vor, er führt von vorne.

An Gaudins Leistung wird nicht gezweifelt:

  • Er brachte Ordnung in den NDB. Im Schweizer Geheimdienst waren die Nachwehen der Fusion von DAP und SND (1. Januar 2010) noch zu spüren, als Gaudin das Amt antrat. Darum ist es wichtig, wer seine Nachfolge antritt. Es braucht wieder eine Persönlichkeit mit Führungsstärke.
  • Gaudin legte schon in der Panzertruppe, sei es als Berufsoffizier, sei es in seiner Milizfunktion, entschlossene Führung und Schwung an den Tag. Als er stellvertretender Chef des MND war, des Militärischen Nachrichtendienstes, war bekannt, dass er mit seiner Tatkraft den Dienst führte.
  • In Gaudins drei Jahren liess sich der Geheimdienst keine Skandale zu Schulde kommen. Der ehemalige Divisionär führte den Dienst korrekt und geradlinig. Tricks und Unterzüge sind seinem Wesen fremd.
  • Die Crypto-“Affaire” – so sie denn eine war – ist überhaupt nicht Gaudin anzulasten. Jene Ereignisse fallen in eine Zeit, in der er mit dem Geheimdienst nichts zu tun hatte.
  • Gaudin gelang das, was zuvor in kleinen Schritten mühsam erkämpft worden war: die dringend notwendige Aufstockung an Personal. Unter seiner Leitung wurde ein Ausbau um mehr als 100 Stellen eingeleitet. Dazu muss man wissen: Der Nachrichtendienst musste früher Jahre lang um zwei, drei Stellen kämpfen, die notwendig geworden waren.
  • Analog zur jetzt erreichten permanenten Einsatzbereitschaft der Luftwaffe sorgte Gaudin für den operationellen Durchbruch des NDB: Dieser arbeitet nun 24/7 – 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche.

Inhaltliche Differenzen?

Wie der Tages-Anzeiger schreibt, habe Gaudin “über Wochen und Monate” keinen direkten Zugang zu Frau Amherd gehabt. Gaudin gehört zur Denkschule, der Begriffe wie “Krieg”, “Aggression”, “Bedrohung”, “Landesverteidigung” nicht fremd sind. Allerdings gibt es öffentlich (noch) keine Belege, dass es inhaltliche Differenzen gab, die zu seinem Abgang geführt hätten.

Gaudin, als Divisionär, Attaché und Doyen des Attachécorps in Paris.

Den problematischen neuen “Sicherheitspolitischen Bericht” hat Botschafterin Pulvi Pälli zu verantworten. Er verrät aber verschiedene Handschriften, nicht nur der ursprünglich aus Finnland stammenden Chefin der Sicherheitspolitik. Einzelne realistische Einsprengsel in der Bedrohungslage könnten vom NDB und damit letztlich von Divisionär Gaudin stammen. Aber es sind, wie gesagt, kleine, unscheinbare Sternchen im weichen, modischen Mosaik.

Wer nun?

In der Nachfolge brauchen wir, wie gesagt, eine Persönlichkeit, die nachrichtendienstliches Wissen und Können mit Führungserfahrung verbindet; unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Konfession.

Kommt eine interne Regelung? Sucht man im Departement? In der Sicherheitspolitik? In der Privatwirtschaft gar? Oder in der Armee, wo es mehrere angesehene HSO mit nachrichtendienstlichem Hintergrund gibt?