Deutsches Tagebuch: “Hier ist Krieg”

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Markus Götz mit seinem Kriegstagebuch.

Der deutsche Hauptfeldwebel Markus Götz führte in Afghanistan in seiner Kampfkompanie eine Gruppe. Todesgefahr, Ohnmacht, Angst! Götz hielt seine Erlebnisse im Raum Kunduz in einem Kriegstagebuch fest, das nun in Buchform erschienen ist. Seine Notizen zeugen vom aussichtslosen Kampf gegen die Taliban – und von der Leidensfähigkeit der Soldaten. Auszüge aus der vorzüglichen Zeitschrift “Loyal”:

5. März 2010 – Freitag
Der Vogel hebt ab und los geht’s. Nach etwa 30 Minuten landen wir auf dem Kunduz-Airfield. Über die Landebahn, an einer US-Hercules vorbei, geht’s in den Tower. Hier hat sich kaum was verändert, seit ich im Juli 2008 das letzte Mal hier war. Nach kurzer Wartezeit fahren wir in der zweiten Welle mit vier Mungos ins PRT.
(…)
Nachdem wir uns kurz orientiert haben, geht’s zum Essen, danach auf einen Kaffee ins „Lummerland“. Dort komme ich mit einem Major ins Gespräch. War mal Zugführer in Oberviechtach in der 6. Kompanie. Fliegt heute aus. War sechs Monate hier
im Stab als S3-Offizier. Operationsplanung und solche Geschichten. Gibt mir ein paar Tipps. Resümee für mich: Hier ist Krieg – wenn es kracht! – und es kracht bei jedem, der rausfährt! Vollgas, Feuerüberlegenheit mit allen schweren Waffen – Panzerfaust, MILAN und Granatmaschinenwaffe!
(…)
Um 1900 Uhr Einrücken in die „Festung“, die Betreuungseinrichtung der 1. Infanteriekompanie. Der Kompaniechef, genannt Hauptmann Barbarossa, hat Geburtstag und gibt ein Bier aus. Die ganze Führung der 3. Kompanie, Fallschirmjägerbataillon 373, plus einige Unterstützer, wie z. B. die Pioniere, sind da. Außerdem der Zugführer des Foxtrott-Zuges, Oberfeldwebel Benno, Oberfeldwebel Borsti, der Spieß – langsam krieg ich die Gesichter rein und die Namen dazu. Wir trinken etwas. Dann geh ich mit Obi zum Duschen. Noch ein bisschen mein Zeug sortieren, diese Zeilen schreiben und dann schlafen. (…) Erst heute hatte die QRF einen TIC, wobei es den Kompaniechef gleich erwischt hat – Steckschuss Oberschenkel. Den ganzen Nachmittag bis spät abends kreisen Kampfjets über Kunduz. Wir sind da!

13. März 2010 – Samstag
Wir marschieren los. Mulmiges Gefühl. Ich bin, Gott sei Dank, mit Orientieren und Führen beschäftigt, sodass ich wenig zum Grübeln komme. Aber irgendwie rechne ich an jeder Ecke damit, dass es kracht. Dann mitten in Kunduz ein ploppendes Geräusch und seltsamer Geruch aus meinem Transportpanzer, der den Gestank der Stadt kurzzeitig übertüncht. Panisches Gequatsche mit Wolle über Bordverständigung. Es dauert, bis ich einigermaßen detaillierte Informationen von ihm kriege, was mit unserem Transportpanzer los ist und ich an Oberleutnant Mike melden kann.
Es stellt sich heraus, dass die Feuerlöschanlage mit Halon ausgelöst hat. Wir halten mitten in der Stadt an und lassen Nahsicherer absitzen. Hab keine Gelegenheit zu registrieren, wie heikel diese Situation ist und mit Wolle, der immer noch panisch rumspringt und plappert, versuche einen Sachstand zu bekommen. Dann, nach endlosen Minuten, geht’s weiter.

15. März 2010 – Montag
Lasse meine schweren Waffen auf der Höhe in Stellung gehen. Hier oben sieht es so aus wie bei Verdun 1916. Laufgräben, Hescobunker und Sandsackstellungen – wie im Film. (…) Gegen 1430 Uhr – ich hab mich endlich in den Schatten verzogen – kracht es. Danach noch zwei, drei weitere Detonationen. Ich springe in die Stellung. Heftiges MG- und Granatmaschinenwaffen-Feuer. Der Golf-Zug wird mit RPG’s angegriffen. Beide Transportpanzer getroffen. (…) Über drei Stunden
immer wieder heftige Feuergefechte. Wir sehen die Einschläge der Granatmaschinenwaffe, hören und sehen MG-Feuer, können aber keinen Feind aufklären. Alles nur etwa 1,5 Kilometer weg von uns im Bereich westlich der Ortschaft Isa Khel. Unterhalb unserer Stellungen geht der Alltag ungeachtet des Gefechts weiter. Bauern auf den Feldern – Kinder.

2. April 2010 – Karfreitag
Unruhig und nicht gerade fest geschlafen. (…) Bin mit Toni auf dem Wachturm. Gegen 1000 Uhr kommt ein afghanischer Polizist zu uns rauf. Mit Händen und Füßen hole ich mir Informationen über die Taliban im Norden von Chahar Dara. (…) Gegen 1300 Uhr Hektik auf der Zugfrequenz. Ich vermute Troops in Contact und habe Recht. (…) Compound beschossen. Plötzlich kommt ein wichtig aussehender Afghane mit Interpreter und drei afghanischen Polizisten im Schlepptau auf den Wachturm und berichtet von einem Feuergefecht. Tactical Operation Center-Information über Tetrapol: „Blitzschlag“ – ein Verwundeter.

Hauptfeldwebel Markus Götz.

Lasse Rille wecken und den Transportpanzer von der Mauer in die Mitte des Polizeihauptquartiers vorziehen und stelle mich darauf ein, eventuell Force Protection mit Obi für den Beweglichen Arzttrupp zu stellen. Hektik. Mehrere Verwundete. Thommy hat’s wohl erwischt. Arm- und Beintreffer.

1344 Uhr: IRF beim Meldepunkt Weser im Anmarsch. Zug Golf hat Thommy geborgen und versucht ihn zum Fahrzeug zu bringen. Barbarossa plant, die Verwundeten bei Höhe 432 mit Black Hawk holen zu lassen. 1350 Uhr: IRF passiert Polizeihauptquartier in Richtung Höhe 431. Zug Golf hat drei Verwundete – Thommy am Bein, ein weiterer am Kopf, ein weiterer ebenfalls am Bein. 1355 Uhr: Zwei Black Hawks kreisen über der Höhe 432.

Pit meldet, Motor Schützenpanzer springt nicht mehr an. Zug Golf kann sich nicht lösen. Obi kommt mit Beweglichem Arzttrupp nicht ran. Zug Golf meldet Beginn Reanimation und schreit nach Beweglichem Arzttrupp. Fliegerleittrupp meldet Show-of-Force in wenigen Minuten. Funkspruch von Barbarossa – Aufgesessen! Tactical Operations Center meldet 18 weitere Insurgents von Haji Amanulla in Richtung Isa Khel. Obi ist jetzt endlich
bei Zug Golf (1407 Uhr). Geschreie im Funk. Thommy noch vorne – noch nicht stabil. Kompaniechef ruhig. Bei Zug Golf im Hintergrund MG-Feuer. Ich zittere leicht. Verdammte Scheiße. Ich kann hier nichts machen. Jungs, bringt die Verwundeten raus!
(…)
1417 Uhr Medical Evacuation landet. Zug Foxtrott bei Zug Golf. (…) Verbringen zweiten Verwundeten. IRF mit einem Fahrzeug und Beweglichem Arzttrupp zu Zug Golf – holen restliche Verwundete. (…) Zug Golf markiert und weicht unter Rauch aus. Deckungsfeuer von den Schützenpanzern. Die Black Hawks kreisen wieder. (…) 1457 Uhr Zug Golf benötigt Bergebereitschaft für Dingo. Barbarossa meldet: „IRF hat keine Bergebereitschaft.“ Dingo wird vermutlich aufgegeben.
(…)
1510 Uhr: Feuer von Westen aus dem Bereich Meldepunkt 92. Wir gehen mit
dem Transportpanzer in Stellung nach Westen. Zug Golf meldet RPG-Treffer in Dingo – rollt aber noch. 1528 meldet weiteren Schwerverletzten bei einem Compound.
1530 Uhr Ruhe im Bereich Zug Golf. Bergung von Material aus angesprengtem Dingo. Dann Knall und Rauch südlich von uns. (…) Wir können nichts aufklären. Ich lasse mit MG und Granatmaschinenwaffe entlang der Erdhügel abstreuen. Ich melde über Kompanie-Kreis, dass wir angegriffen werden. (…) Toni hämmert an der Schule vorbei. Hat dort Feind aufgeklärt. Lasse immer wieder Granatmaschinenwaffe nach Norden schiessen. (…) Das Drama in Isa Khel geht weiter.

Die deutsche Bundeswehr verlor in Afghanistan 53 Soldaten.

3. April 2010 – Samstag
Ab 2100 Uhr stellen wir die Totenwache. Chris und ich sind von 0030-0130 Uhr dran. Morgen ist so wohl gegen halb zehn Trauerfeier. Nachmittags Überführung der Särge nach Deutschland. Bin gespannt, was das in den Medien und der Politik noch für Wellen schlägt und wie wir hier die nächsten Monate weitermachen. Jetzt den Kopf in den Sand zu stecken, wäre bestimmt fatal. Den Erfolg und die Genugtuung sollten wir den Arschlöchern nicht geben. (…) Vor allem herrscht neben der Trauer Frustration darüber, dass wir dauernd einstecken müssen, aber nie wirklich mit aller Macht zurückschlagen dürfen und erkannte Insurgents einfach mit den Jets wegbomben können, bevor sie uns wieder Verluste zufügen. Aber im Moment ist es so schwer für mich, auch nur daran zu denken, wieder rauszufahren. Das wird die Hölle!

Zum Buch

„Hier ist Krieg“
Afghanistan-Tagebuch 2010
von Markus Götz, herausgegeben von Christian Hartmann.
Vandenhoek & Ruprecht, 2021
486 Seiten, 45 Euro