Der vierte Mann

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Oscar Seborer in der hintersten Reihe, Dritter von links (roter Kreis).

In den USA geben Forscher die Antwort auf die Frage: Wie gelangte die Sowjetunion 1949 so früh zur Atombombe? Insbesondere: Wie kamen die Russen an den Zündmechanismus, ein Kernstück der amerikanischen Bombe Fat Man?

  • Am 16. Juli 1945 erreichten die US Anstrengungen, noch vor den Nazis die erste Atombombe zu besitzen, ihren vorläufigen Höhepunkt.
  • Um 5.29 Uhr Ortszeit explodierte auf einem Testgelände im US-Bundesstaat New Mexico erstmals eine amerikanische Atombombe.
  • Nur vier Jahre später, im August 1949, testete die Sowjetunion zum Entsetzen des Westens ihrerseits die Bombe – und schuf damit das Gleichgewicht des Schreckens, das den Kalten Krieg bis 1989 prägte.

Der vierte Mann

Der Bau der sowjetischen Bombe war durch Spionage zur Operation “MANHATTAN” (der US Code) beschleunigt worden. Drei Spione wurden früh enttarnt:

  • der aus Deutschland 6emigrierte Physiker Klaus Fuchs
  • und die beiden Amerikaner David Greenglass und Theodore Hall.
  • Nun sind Forscher auf einen vierten Spion gestossen: Oscar Seborer, ein Elektroingenieur aus New York, lieferte zwischen 1942 und 1946 zentrale Informationen an die Sowjetunion,so auch den Zündmechanismus.

Oscar Seborer, Code “GODSEND”, der vierte Mann.

Flucht in die Sowjetunion

Aus Angst aufzufliegen, floh Seborer 1951 aus den USA. Er lebte bis zu seinem Tod 2015 unter falschem Namen in Russland.

  • Wie die Historiker Harvey Klehr und John Haynes in der aktuellen Ausgabe des CIA-Magazins Studies in Intelligence berichten, hatten die Amerikaner Seborer auf dem Radar – aber erst Jahre nach seiner Flucht.
  • Die Ermittlungen gegen ihn und Mitglieder seiner Familie, die ebenfalls für die Sowjetunion tätig waren, wurden unter Verschluss gehalten.

1942 Eintritt in die Armee

Seborer, Jahrgang 1921, trat 1942 in die amerikanischen Streitkräfte ein und forschte zunächst in einer Ingenieureinheit in Oak Ridge, Tennessee. Das Team arbeitete an der Urananreicherung für “MANHATTAN”.

1944 wurde Seborer in die aus dem Wüstenboden gestampfte Forschungsstadt Los Alamos in New Mexico versetzt, die das Herzstück des Bomben-Projekts bildete. Beim ersten Test im Juli 1945 war er aktiv dabei: Seine Einheit war für die „Überwachung der seismologischen Effekte“ zuständig und wertete diese aus.

Los Alamos, August 1945: Die Wasserstoffbombe Fat Man, die dann am 9. August in Nagasaki Zehntausende tötete.

Archivakten des sowjetischen Geheimdiensts KGB machten Klehr und Haynes auf den Fall aufmerksam. Daraus ging hervor, dass es in den USA ein Netzwerk von Informanten gab, dem mehrere Brüder angehörten.

Ein Bruder galt als besonders wertvoller Agent: Er lieferte die Informationen zur sowjetischen Atombombe. Jetzt veröffentlichte Dokumente zu einer FBI-Operation in den 1950er-Jahren wiesen die heisse Spur zu Oscar Seborer und zu seinen beiden Brüdern Stuart und Max.

Oscar Seborer trug im KGB den Code “GODSEND”, Geschenk des Himmels. Die Spionage-Operation in Los Alamos lief unter dem Decknamen “ENORMOUS”.

Das FBI im Dilemma

Dem FBI war es 1952 gelungen, zwei Kader der kommunistischen Partei der USA (CPUSA) als Agenten zu rekrutieren. In deren Berichten tauchten die Seborers auf. 1955 wurde klar: Oscar und sein Bruder Stuart hatten sich in die Sowjetunion abgesetzt.

„Oscar war in New Mexico, du weißt, was ich meine“, erfuhr einer der FBI-Spitzel von einem Verbindungsmann zum KGB. Er habe „die Formel für die Atomombe“ weitergegeben, aber später seien „die Dinge zu heiss geworden“.

“Heiss” war die Sache auch für das FBI, da Ermittlungen zu den Seborers die Informanten im kommunistischen Führungszirkel der USA gefährdeten. Deshalb wurde die Angelegenheit nicht allzu energisch verfolgt und unter dem Deckel gehalten: Die Spitzel-Operation in der CPUSA lief bis 1989.

Der Atompilz über Nagasaki.

Roter Stern und letzte Ehre

Die Brüder verließen die USA 1951 in Richtung Europa. Kurioserweise beantragten sie 1952 in Wien noch neue Pässe, ehe sie in der DDR untertauchten und sich später in Moskau niederliessen.

Oscar Seborer wurde dort 1964 der Orden des Roten Sterns für “herausragenden Dienst im Zuge der Verteidigung der Sowjetunion” verliehen. Er heiratete eine Russin und erzählte später einem Besucher, sich vollkommen “sowjetisiert” zu haben. Bei einer Rückkehr in die USA, sagte er damals, drohe seinem Bruder und ihm die Todesstrafe.

Klehr und Haynes zufolge starb Seborer im April 2015. Bei seinem Begräbnis soll ein Repräsentant des russischen Geheimdiensts FSB anwesend gewesen sein. Sein Bruder Stuart überlebte ihn offenbar – alle Versuche der Historiker, ihn zu kontaktieren, blieben aber erfolglos.