Iran 1: Der verdeckte Krieg

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Explosion in Natanz.

Israel gegen Iran > gegen die Bombe

Wieder schaltet am 11. April 2021 eine Explosion die Uranaufbereitung von Natanz für unbestimmte Zeit aus. Erneut – und zum x-ten Mal – lässt Jerusalem verlauten: “Wir bestätigen nicht, wir dementieren nicht.” Will heissen: Das ist das Signal an die israelische Bevölkerung, dass der Mossad gegen den Todfeind Iran erfolgreich zuschlug.

Um wie viel Zeit der Anschlag die Iraner zurückwirft, ist noch offen. Erste Quellen sprechen von Wochen, andere von Monaten, in einem Fall sogar von neun.

Gut geschützt in Zentraliran

Natanz liegt gut geschützt in der zentraliranischen, geschichtlich hoch interessanten Provinz Ishafan. Die Provinzhauptstadt wird überragt vom 3’899 Meter hohen Karkas, an den sich der Zentrifugen-Standort anlehnt.

Hoher Besuch in Natanz.

Auf dem Weg zur iranischen Atombombe nimmt die Anlage von Natanz unter den insgesamt 18 dezentralisierten Nuklear-Einrichtungen des Landes einen herausragenden Platz ein. Im Wettrennen um die Bombe spielt die Urananreicherung – jetzt vor allem von den erlaubten 3,67% zur entscheidenden Schwelle von 20% – die Schlüsselrolle. Sind die 20% einmal erreicht, geht es dann ungleich schneller bis zu den 90, 95, 100%.

Der Mossad weiss über die iranischen Atomrüstung Bescheid. Der israelische Auslandgeheimdienst hat die entsprechende “Communitiy” mit einem raffinierten Agentennetz durchzogen. 2018 raubte der Mossad in Teheran das gesamte iranische Atomarchiv. In aller Öffentlichkeit belegte Premier Netanyahu, dass Iran den atomaren Bomben- und den entsprechenden Raketen-Bau seit Jahrzehnten vorantreibt.

Seit ebenso langer Zeit führen Israel und Iran einen brutalen verdeckten Krieg, der mitunter sogar in offenen Kampfhandlungen kulminiert – immer dann, wenn iranische Offiziere und Agenten die von Israel gezogene 60-Kilometer-Linie östlich des Golan überschreitet; die rote Linie ist identisch mit der Hauptstrasse Damaskus–Deraa zur jordanischen Grenze.

General Aviv Kochavi: “MOMENTUM”.

Begleitet wird der Geheimkrieg durch die Grossoperation “MOMENTUM”, die General Aviv Kochavi, Generalstabschef der Armee, erfolgreich durchzieht. Er richtet die Streitkräfte auf eine neue Doktrin aus. Sie soll primär nicht mehr Raum gewinnen, sondern vor allem gegnerisches Potential zerstören. Ein neues, starkes Kommando fasst alle Kräfte zusammen, die wo nötig über Tausende Kilometer hinweg feindliche Einrichtungen zerschlagen. “MOMENTUM” ist direkt gegen Iran gerichtet.

Den bisher schwersten Schlag versetzte Israel den Iranern digital. Mit der Operation “STUXNET” griffen von Tel Aviv aus die Hacker der legendären “Einheit 8200” direkt in den Betrieb der Zentrifugen ein. Neutrale Experten schätzen: Das warf Israels Gegner um ein Jahr zurück.

Immer wieder tötet der Mossad führende iranische Atomphysiker und Ingenieure. Der jüngste Anschlag gelang Ende November 2020 ausserhalb von Teheran. Als Mohsen Fakhrizadeh, der Vater der Atombombe, in einem Schutzkonvoi zu seinen Schwiegereltern fuhr, legten schwer bewaffnete Agenten ihn und seinen Begleittross um. Sie verrichteten ganze Arbeit – und Jerusalem verbreitete den üblichen Sermon, siehe oben. Mohsen Fakhrizadeh war der fünfte iranische Spitzenphysiker, den die Israeli gewaltsam eliminierten.

Verwüstung in Natanz.

Schon im Juli 2020 brannte es in Natanz. Dass der Mossad seine Agenten bevorzugt in der Urananreicherung placiert, ist kein Zufall. Je öfter diese den Betrieb stören, unterbinden, für Wochen sabotieren, desto länger geht es, bis die Iraner die Bombe zündet (immer vorausgesetzt, es gelinge ihnen, die angepeilte, relativ grosse Bombe so zu verkleinern, dass sie in eine der iranischen Raketen passt, welche die Agglomeration Tel Aviv erreichen; Jerusalem würde wegen den heiligen Stätten des sunnitischen Islam, Felsendom und al-Aksa, nicht angegriffen).

Den Krieg der Killer und Saboteure begleitet, wie könnte es anders sein, die Propaganda. Ein spezieller Schlag versetzte die Luftwaffe dem Feind. Zwei F-35I Adir der 140. Staffel, der “Goldenen Adler”, klärten geheim das Nuklear-Dreieck Isfahan–Natanz–Buscheer auf, ohne dass sie vom iranischen Radar entdeckt wurden. Es war eine klassische Geheimoperation. Aber bald sickerte durch, dass die beiden F-35I-Piloten die gefürchtete iranischen Fliegerabwehr überwunden und elend blamiert hatten.

Start in Nevatim, Negev. F-35I Adir der 140. Staffel, der “Goldenen Adler.” Die zweite F-35-Staffel ist die 116., mit den “Löwen des Südens”.

Unangenehm war für die Ayatollahs auch die Aufdeckung einer nicht gemeldeten neuen Anlage in Natanz. Die internationalen Bildagenturen verbreiteten zuerst das Luftbild, das gemäss ihren Angaben in Natanz neue Strassen zeigt:

Das erste Bild: Strassennetz und Hauptanlage.

Dann zogen mehrere angesehene Strategische Institute mit einem Bild nach, das eingekreist an einer Nebenstrasse einen neuen, nicht kontrollierten Zentrifugen-Standort belegt – ein gefundenes Fressen für die israelische Propaganda, die alles unternimmt, um die Glaubwürdigkeit des Ayatollah-Regimes zu unterminieren.

Im Kreis der neue Standort. Dieses Bild stammt vom neutralen kanadischen Strategischen Institut in Montreal.

Wie weiter?

  • Solange Iran für die Atombombe rüstet, führt Israel den verdeckten Krieg – mit allen Mitteln, stets auch mit neuen, die den Gegner überraschen. Für den Überfall auf Mohsen Fakhrizadeh stellte der Mossad ein absolutes Sonder-Commando zusammen. Es operierte mit Tarnung und Täuschung, aber auch mit minutiöser Planung und bei der Exekution mit einer Brutalität, die absolut sicher stellte, dass das Attentat gelang (wie dann auch die Exfiltration).
  • Premier Netanyahu und Generalstabschef Kochavi liessen in den letzten Wochen nicht die geringsten Zweifel an Israels Kampfwillen aufkommen. Beide machten in aller Öffentlichkeit klar: Wenn Iran der Bombe gefährlich nahekommt, ist das der “casus belli”. Dann treten die israelischen Streitkräfte zum Zerstörungsschlag an. Sie sind bereit; die Aufklärung und die Pläne sind gemacht.

Shaldag, die Sondertruppe der Luftwaffe. Ihr käme bei einem Zerstörungsschlag am Boden eines zentrale Rolle zu. Kochavi hat alle Spezialkräfte unter einem Kommando gebündelt.

  • Das Ayatollah-Regime steht im politischen Kampf. Corona verwüstete ihre ohnehin angeschlagene Wirtschaft bös. Obwohl es wie überall Schleichwege gibt, Sanktionen zu umgehen, treffen vor allem die amerikanischen Massnahmen Iran schwer. In Teheran wittert das Regime Morgenluft, seit Präsident Biden den ausgeprägten Israel-Freund Trump ersetzte. Sogar der 2018 gescheiterte Wiener Atom-Deal kommt wieder ins Spiel.
  • Der Ausgang des Dramas um die iranische Bombe ist völlig offen. Auch Irans unmittelbare Nachbarn auf dem Westufer des Persischen Golfes beobachten Irans Fortschritte argwöhnisch. Das Prinzip “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” bildet den Schlüssel zur historischen Annäherung von Bahrain und den VAE an Israel, wie auch zu den diskreteren Kontakten von Kuwait, Oman und vor allem Saudi-Arabien nach Jerusalem.