Der Tod des Meisterspions

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Beirut, damals an der Levante der Umschlagplatz Nummer 1: Shoshan als “Taxifahrer” mit seinem Oldsmobile.

  • In Tel Aviv starb am 28. Dezember 2020, zwei Tage nach dem Tod des niederländischen Erzverräters George Blake, der israelische Meisterspion Isaac Shoshan. Agenten, seien sie Verräter oder loyal, leben biblisch lang: Blake wurde 98 Jahre alt, Shoshan 96.

Muttersprache Arabisch

  • Isaac Shoschan, geboren 1924 als Zaki Shasho in Aleppo, profitierte ein Leben lang von seiner Muttersprache. Als Kind jüdischer Syrer sprach er das weitherum gebräuchliche syrische Arabisch perfekt. Zudem schickten ihn seine Eltern auf die örtliche französische Schule; und an der orthodoxen Yeshiva lernte er Hebräisch.
  • 1942 infiltrierte er ins das britische Mandatsgebiet Palästina. Dort nahm ihn der Palmach auf. Die Palmach-Kämpfer und -Agenten bildeten die tapfere Elite der Haganah, der Vorläuferin der israelischen Armee im Yishuv. Die Palmach-Führung teilte Shoshan im “Arabischen Zug” ein, in einer topgeheimen Einheit, welche die Begabtesten aus arabischen Ländern als Spione, Saboteure und Killer einsetzte.

Shashons Bild in seinem “libanesischen Pass”.

Aufklärung, Morsen, Commando-Raids

Der 18-jährige Shoshan erhielt die Ausbildung, aus der später Generationen israelischer Agenten Nutzen zogen. Das Training umfasste:

  • Aufklärung, Nachrichtenbeschaffung in feindlichen arabischen Staaten;
  • Kommunikation im Untergrund, in Shoshans Fall auch das damals gebräuchliche, in Résistance-Netzen erprobte Morsen;
  • Commando-Taktik, -Überfälle und -gezielte Tötungen;
  • Waffen- und Sprengstoff-Einsatz.

Der Überfall auf den Waffenschmuggler

1948 setzte der Palmach Shashon zu einer gezielten Tötung ein: Der berüchtigte libanesische Waffenhändler Sheikh Nimr al-Khatib musste auf seinem Schmuggelpfad nach Palästina eliminiert werden.

  • Der Killertrupp sollte al-Khatib in dessen Automobil mit Maschinenpistolen umbringen.
  • Der Überfall mit den automatischen Waffen verletzte den Waffenschmuggler schwer.
  • Shashon hatte den Auftrag, in der Rolle des “guten Samariters” zum Wagen zu rennen, al-Khatibs Tod festzustellen und ihn, sollte er noch leben, endgültig “aus dem Verkehr zu ziehen”.
  • Jedoch hinderten Polizisten den Agenten Shashon, sich dem Fahrzeug zu nähern und die Pistole zu ziehen.
  • Al-Khatib war aber vom MP-Feuer schwer getroffen. Seine Leibgarde brachte ihn nach Beirut zurück. Von seinen Wunden erholte er sich nicht mehr; jedenfalls spielte er danach im Waffenschmuggel nach Palästina keine Rolle mehr.

Adolf Hitlers Privatjacht

Der “Taxichauffeur” Shoshan führte weiterhin spektakuläre Aktionen aus. Er sprengte in einer Autogarage eine feindliche Terrorzelle in die Luft, versenkte Adolf Hitlers Privatjacht, die in Beirut gestrandet war, und plante die Ermordung des libanesischen Premiers Raid al-Solh, die dann aber von Israels Regierung als “politisch zu riskant” abgeblasen wurde – zu Shashons lebhafter Enttäuschung.

Der gebürtige syrische Jude verstand sein Handwerk derart raffiniert, dass ihm der Palmach die Führung arabischsprachiger Spione und Killer anvertraute. Agenten sind bekanntlich nicht immer einfach zu führen. Doch bewies Shashon auch an der Spitze der nun zur “Arabischen Abteilung” angewachsenen Einheit seine geschickte Hand.

Gründung der “Sayeret Matkal”

Namentlich trieb Shashon die Rekrutierung voran. 1948/49 gelangten in der Operation “FLIEGENDER TEPPICH” aus arabischen Staaten Hunderttausende Flüchtlinge nach Israel – ein unerschöpfliches Reservoir an Agenten. Nun gelang Shashon ein weiteres Meisterwerk: Er wirkte an der Gründung der “Sayeret Matkal” mit, der “Späher des Generalstabs”, nüchtern der Einheit 269.

Die “Sayeret”, wie sie bis heute genannt wird, ist und bleibt unter den israelischen Spezialkräften die Nummer 1.

Fast endlos mutet die Liste prominenter Israeli an, die – etliche als “Sayeret”-Chefs – in der Einheit 269 gedient hatten: die Premiers Netanyahu und Barak, letzterer auch Generalstabschef, wie die Verteidigungsminister Mofaz und Yaalon; die Geheimdienstchefs Dichter, Yatom und Argaman; Betser, später Gründer der Shaldag, der Spezialeinheit der Luftwaffe, der in einem potentiellen Iran-Krieg eine zentrale Rolle zugemessen wird; oder Yonathan Netanyahu, der Bruder des Premiers, gefallen 1976 in Entebbe.

Shashon trainierte und führte die Agenten, auch “Kidon”, Männer mit der Lizenz zum Töten, die verdeckt in Arabien wirkten.

“Der ältere Herr aus Arabien”

Offiziell ging Isaac Shashon 1982 in Pension. Nur holte ihn der Mossad immer dann zurück, wenn er einen Agenten brauchte, der als älterer Herr inkognito Aufträge in feindlichen Araberstaaten übernehmen konnte. Oft riskierte Shashon für Israel das Leben; doch auch seine “Opa”-Missionen überstand er unerkannt.

Bis ins hohe Alter übernahm Shashon die Rolle des “älteren Herrn”.