Der Sieg der Taliban

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Die Karte unterscheide Gebiete mit starker (dunkelroter), mittlerer (hellroter) und geringer (grauer) Taliban-Präsenz.

Wir könnten den Beitrag auch mit dem grob falschen Titel überschreiben: “Das Ende des 20-jährigen Afghanistan-Krieges” – in Anlehnung an den 30-jährigen Religions- und Machtkrieg, der Europa von 1618–1648 verwüstete.

Jedoch wäre der “20-jährige Krieg am Hindukusch” doppelt falsch:

  • Um Afghanistan toben seit Jahrhunderten Kriege. Schon Briten und Russen holten sich gegen die zähen, tapferen Stämme des Hochlandes blutige Nasen. Die Rote Armee marschierte am Stephanstag 1979 ein und zog am 15. Februar 1989 schwer geschlagen nach Tadschikistan ab. Die Niederlage gegen die von der CIA unterstützten Mudjahedin trug zum Untergang der Sowjetunion bei.
  • Auch wenn am 11. September 2021 – was für ein ominöses Datum, genau 20 Jahre nach dem furchtbarsten Angriff auf die USA seit Pearl Harbor 1941 – der letzte Amerikaner Kabul räumt, ist der Afghanistan-Krieg längst nicht zu Ende.

Denn dann stehen die Taliban, die 2001/2002 aus dem Land vertrieben wurden und seither systematisch zurückkamen, gegen die sog. Regierungsarmee. Ein Blick auf die Karte genügt: Die Aufständischen haben zahlreiche Gebiete, auch Schlüsselprovinzen, bereits wieder in Besitz genommen.

Taliban mit Flab, mit Funk, mit Kalaschnikow.

2. März 2020, Laghmar-Provinz: Taliban feiern den Deal mit den USA. Vermeintlich ein wilder Haufen, in Tat und Wahrheit eine straff geführte, motivierte Armee.

Sie schlossen mit den Vereinigten Staaten am 29. Februar 2020,am Schalttag, einen gerissenen Vertrag. Sie hatten erkannt, dass primär ein Wunsch die amerikanische Politik steuerte: Trumps Wahlversprechen “We bring our boys home”, ich bringe unsere Soldaten nach Hause. Die Taliban-Unterhändler machten das eine oder andere Scheinversprechen und erhielten die Zusage, die USA zögen am 1. Mai 2021 ganz ab.

Trump ist (vermutlich) Geschichte, aber sein Nachfolger Biden scheint von Trumps Wunsch erfüllt zu sein. Auch er will sagen können: Ich beendete das unglückliche Afghanistan-Abenteuer, ich ziehe unsere Streitkräfte ab.

Die totale Niederlage

  • Auch wenn sich die NATO-Alliierten bemühten, gegen die Aufständischen loyale Polizei- und Militärverbände aufzubauen, steht den Taliban vom September 2021 keine valable Streitmacht entgegen. Beobachter sind sich einig: Wenn es bisher gelang, einzelne Provinzen zu verteidigen, dann ist das den NATO-Truppen zu verdanken, allen voran den Amerikanern mit derzeit noch 3’500 Mann (das zweitstärkste Kontingent stellt die deutsche Bundeswehr mit 1’300 Mann). Wie sich die “Regierungsarmee” schlagen wird, bleibt zu sehen.

Das Fragezeichen: Was ist die sog. Regierungsarmee ohne NATO-Truppen Wert? Wie hoch ist ihre Kampfwert?

  • Hochkant gescheitert ist das in den Nuller-Jaren so hochgepriesene “Nation Building”: der vermeintliche zivile Aufbau nach einem vermeintlichen militärischen Sieg. Wie Libyen, Yemen, Irak und Syrien präsentiert auch Afghanistan heute das Bild eines “failed state”, eines gescheiterten,kaputten Staates (man verzeihe die angloamerikanischen Originalbegriffe, aber so ist es halt in der amerikanisch-britisch dominierten westlichen Verteidigungswelt).
  • Viele 1’000 westliche Soldaten liessen seit 2001 in Afghanistan ihr Leben, nicht nur Amerikaner, sondern auch Kanadier und Europäer. Noch mehr wurden verwundet, teil schwer. Wofür nur setzten sie 20 Jahre lang Leib und Leben ein?
  • Bleibt die politische Niederlage. Zuerst ging es dem Präsidenten George Bush um Rache für 9/11, um seinen “Kampf gegen den Terror”. Die Taliban hatten in Afghanistan Osama bin Ladens al-Qaida grosszügig Unterschlupf und Trainingscamps geboten. Dieses Refugium sollten die Operationen “ANACONDA” und “ENDURING FREEDOM” eliminieren. Das schien 2002 einigermassen gelungen zu sein, auch wenn Osama bin Laden nach Pakistan entwischte (NavySeals legten ihn erst am 2. Mai 2011 in Abbottabad um).
  • Aber dem Erfolg blieb die Dauer verwehrt. Das politische Ziel, ein stabiler, freiheitlicher, demokratischer, frauenfreundlicher Rechtsstaat blieb Fata Morgana. Jetzt stehen Präsident Biden und seine Verbündeten vor dem Scherbenhaufen. Sie bemühen sich, die Scherben ehrenhaft aufzuwischen.

PS. Dass sich die Taliban jetzt lauthals darüber beklagen, die USA zögen erst am 11. September und nicht am 1. Mai ab, würde dem Dialektiker Hegel alle Freude bereiten. Einen schlau errungenen diplomatischen und militärischen Erfolg so zu veredeln – dazu braucht es schon eine gehörige Portion Chutzpe, oder Chutzpa, im Original.

 

Bilder zur sowjetischen Niederlage

Die Inbesitznahme 1979/1980.

Speznaz mit gefangenem Aufständischem.

Sowjetische Aufklärer.

Mudjahedin mit erbeuteter Strela-Flab-Waffe.