Der Panzer-Koloss T-28 – mit sechs Mann

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T-28 im Zweiten Weltkrieg.

Für Panzerkenner hat Hagen Seehase einen ganz besonderen Leckerbissen bereit:den russischen Koloss T-28, der sechs Mann mit sich führte.

Beim Westrand von Suomussalmi trafen im bitterkalten Winter 1939/40 zwei Sowjetpanzer und eine finnische Patrouille aufeinander. Leutnant Huovinen beschloss, den stählernen Ungetümen mit einer geballten Ladung, beizukommen. Hastig bündelte er fünf Stielhandgranaten mit einem Stoffstreifen. Oberleutnant Virkki wollte Feuerschutz geben. Allerdings hatet er nur seine Seitenwaffe, eine 9mm-Pistole. Er schlich sich bis auf 50 Meter Entfernung heran, stand dann auf und feuerte ein ganzes Magazin auf den Panzer.

Der T-28 schwenkte den Turm herum und antwortete mit einer Garbe Maschinengewehrfeuer, Virkki ging zu Boden. Es sah aus, als sei er getroffen worden, er hatte sich aber gerade noch rechtzeitig hingeworfen und rammte nun ein neues Magazin in die Lathi-Pistole. Dann sprang er auf und verfeuerte erneut ein ganzes Magazin auf den Panzer, der dann mit dem Bord-MG zurückschoss. Das wiederholte sich dann noch einmal. Schließlich drehten die Sowjetpanzer und zogen sich zurück. Leutnant Huovinen wargerade nah genug heran, um seine geballte Ladung zu werfen, da rollten die T-28 zurück.

Finnen erbeuteten T-28.

Finnland: Beutepanzer T-28 mit Original-Tarnfarbe, aber auch mit Hakenkreuz am Turm hinten.

Nach britischem Vorbild

Die Entwicklung des Panzers T-28 begann im Jahre 1929, zu einer Zeit, als der sowjetische Panzerbau noch stark von britischen Vorbildern beeinflusst ist. So sind Ähnlichkeiten zum britischen Vickers A6 unübersehbar, dessen Konstruktionspläne man eventuell durch Spionage beschafft hatte, nachdem sich die Briten geweigert hatten, einen Prototypen zu verkaufen.

Entwickelt hatte den T-28 das Konstrukteurteam der Bolshewik-Panzerwerke mit S. Ginzburg, V. Zaslavsky, O. Ivanov und A. Gakkel. Die Entwicklungsarbeiten waren 1931 abgeschlossen, da war schon absehbar, dass die  Bolshewik-Panzerwerke mit der Produktion des leichten Panzers T-26 voll ausgelastet sein würden. Also übernahm das Leningrader Werk „Krasny Putilovets Zavod“ (ab 1934 Kirovsky Zavod) im Jahre 1932 die Fertigung. Im Mai 1933 war eine Kleinserie von zwölf Fahrzeugen fertiggestellt, am 11. August wurde das Fahrzeug offiziell in Dienst gestellt. Stolz präsentierte die Sowjetführung die neuen Panzer bei Paraden auf dem Roten Platz.

Parade auf dem roten Platz in Moskau.

Wie der britische A6 besass der T-28 neben dem Hauptturm mit der Kanonenbewaffnung noch zwei MG-Türme links und rechts der Fahrerposition. Ungleich dem A6 verfügte der T-28 aber über eine mehr als ausreichende Motorisierung.  Verwendet wurde der Mikulin M-17, ein Zwölfzylinder-V-Motor, der rund 500 PS leistet. Diese Lizenzversion des deutschen BMW VI verlieh dem T-28 also eine für die damaligen Verhältnisse ungewöhnliche Kraft, war aber auch sehr durstig, was den Fahrbereich des Panzers einschränkte.

Hauptwaffe war die 76,2-mm-Kanone KT-28 (L/16), eine Variante des Regimentsgeschützes M1927. Diese Waffe war von den ballistischen Leistungen ein Haubitze, aber dank des für die damalige Zeit relativ großen Kalibers war es eine ausreichend wirkungsvolle Waffe, die durch vier Maschinengewehre ergänzt wurde. Der Munitionsvorrat der Hauptwaffe betrug 70 Schuss.

Der T-28 wies einige gute Eigenschaften auf: er brachte es auf eine Höchstgeschwindigkeit von 45km/h auf der Straße und immerhin 20km/h im Gelände. Der Panzer konnte ca. einen Meter tief waten und Gräben von über drei Metern Breite überschreiten. Dank des Dreimannturmes konnte sich der Kommandant fast voll auf seine Führungsaufgaben konzentrieren (nur fast, ihm oblag auch die Bedienung eines Maschinengewehres). Bei vielen anderen Panzerentwürfen musste der Kommandant auch noch Lade- oder Richtschützentätigkeit ausführen. Alle T-28 waren mit Sprechfunkgeräten und Bordsprechanlagen ausgerüstet.

Der Turm hatte einen Turmkorb, das bedeutete, dass die Besatzung beim Schwenken des Turmes nicht ihre Position verändern musste. Die Zieloptiken für Kommandant und Richtschütze waren von mäßiger Qualität, Der Turm verfügte über einen elektrischen Richtantrieb, es dauerte rund 20 Sekunden, ihm um 360° zu drehen. Mit dem manuellen Richtantrieb brauchte man allerdings vier Minuten. Es gab elektrische Ventilatoren, um den Rauch abzusaugen. Die Anordnung des Motors und seine Luftversorgung machten es schwer, den Panzer mit Brandflaschen, den sogenannten „Molotow-Cocktails“ in Brand zu setzen.

Es gab aber auch etliche Schwachpunkte. Das Fahrwerk verlieh dem Panzer eine ruhige Fahrweise, war aber für schweres Gelände und insbesondere weichen Untergrund nicht gut geeignet. Der rund 28 Tonnen schwere Panzer war sehr schwer zu fahren. Er war störungsanfällig und schwierig zu reparieren. Die mehrtürmige Auslegung bedeutete einen vergrößerten Personalbedarf (sechs Besatzungsmitglieder) und schaffte Schwachstellen in der Panzerung. Die war mit 30mm an der Wannenvorderseite und 10 bis 20mm sonst nicht besonders stark und konnte von Pak der Kalibergruppe 37mm durchschlagen werden.

Ein großer Nachteil war die aufwendige Herstellung. Für eine echte Massenproduktion war der T-28 kaum geeignet. So wurden von 1933 bis 1940 503 Stück gefertigt (ohne die Prototypen). 1936 ging man dazu über, die Einzelteile des Turmes zu schweißen, statt zu vernieten.

Im Einsatz

Einige T-28 nahmen an den Kämpfen gegen die Japaner im Fernen Osten 1939 teil.

Im Rahmen des 17. .Schützenkorps setzte die Rote Armee die mit 58 T-28  und 20 BT-7-Panzern ausgerüstete 10. schwere Panzer-Brigade beim Überfall auf Polen im September 1939 ein.

Abgeschossen: Panzer 185.

Vor dem Angriff auf Finnland verlegte die Rote Armee die 20. schwere Panzer-Brigade mit drei Panzerbataillonen T-28 an die Karelische Landenge. Es war die einzige mit T-28 ausgerüstete Großverband, der am „Winterkrieg“ teilnahm. Von den 172 eingesetzten T-28 wurden 285 durch Feindeinwirkung (meist Artillerie) und 197 durch technische Störungen ausgeschaltet. Die Diskrepanz erklärt sich leicht: die allermeisten der Panzer ktnnten geborgen und wieder einsatzfähig gemacht werden. Nur 32 waren Totalschäden.

Die Sowjets mussten einsehen, dass die Panzerung zu dünn war. 28 T-28 erhielten eine stellenweise verstärkte Panzerung, 108 wurden in den Kirov-Werken zu T-28E (Ekommt von “ekranirovannij” = verstärkt) hochgerüstet mit 80mm starker Frontpanzerung der Wanne. Auch andere Partien der Panzerung wurden verstärkt, insgesamt brachte man 35 zusätzliche Panzerplatten pro Fahrzeug an. Dadurch steieg aber das Fahrzeuggewicht auf 32 Tonnen, die Straßengeschwindigkeit sank deshalb auf 33 km/h.

300 T-28 erhielten eine bessere Kanone, das Modell L-10 (ebenfalls 76,2mm Kaliber). Beim Angriff auf die Bunker der finnischen Mannerheim-Linie bewiesen die T-28 ihre Kampfkraft: die Anordnung ihrer Maschinengewehre machte es feindlichen Panzervernichtungstrupps fast unmöglich, nahe genug heranzukommen. Nachdem einer der wichtigsten finnischen Bunker (der sogenannte Poppius-Bunker auf Höhe 65.5) gefallen iwar, konnten die T-28 vom 90. Panzerbataillon der  20. schwere Panzer-Brigade unterstützt von leichten Panzern am 13. Februar 1940 einen Durchbruch durch die Mannerheim-Linie erzielen

Als 1941 das „Unternehmen Barbarossa“ anlief, stand ein Großteil der T-28 im Baltikum, aufgrund der mechanischen Komplexität war aber ein großer Teil nicht einsatzfähig. Von den 57 T-28 des 3. mechanisierten Korps waren am 22. Juni 1941 nur 24 einsatzbereit.

Im Laufe der folgenden Jahre wurden die meisten der verbliebenen T-28 bei der Verteidigung Leningrads und an der finnischen Front eingesetzt. Viele wurden zur Ersatzteilversorgung kannibalisiert. Etliche T-28 wurden zu Bunkern umfunktioniert, andere lieferten Teile zu Bau von Panzerzügen.

Ein paar wurden von den Kriegsgegnern erbeutet, die Ungarn konnten einen erbeuten, den sie in Budapest ausstellten, auch die Rumänen hatten ein paar erbeutete Exemplare.

Der Wehrmacht fielen ebenfalls einige T-28 in die Hände, die offizielle Bezeichnung auf deutscher Seite war Panzerkampfwagen T-28 746(r).

 

Postauto und Postzug – in finnischen Diensten

 

Die Finnen konnten im Winterkrieg zwei Exemplare erbeuten, dann fielen ihnen in den ersten Monaten des sogenannten „Fortsetzungskrieges“ weitere fünf T-28 in die Hände – alle in Karelien, der letzte am Mai 1942. Zusammen mit anderen erbeuteten sowjetischen Kampfpanzern reichte das, um im Februar eine schwere Panzerkompanie (Raskas Panssarikomppania) aufzustellen. Auf dem Höchststand ihrer Stärke hatte diese schwere Panzerkompanie drei T-34, zwei KW-1, sieben T-28 und einen T-50. Mit der Aufstellung der finnischen Panzerdivision (Panssaridivisioona) in Juni 1942  wurden die schweren Panzer zwischen den beiden Bataillonen der Division aufgeteilt.

Sie hatten eine wechselvolle Einsatzgeschichte, wurden häufig beschädigt, von sowjetischem Abwehrfeuer getroffen, wobei sogar Besatzungsmitglieder ums Leben kommen. Den Finnen gelang es aber immer wieder, die Fahrzeuge wieder einsatzbereit zu machen. Die finnischen Soldaten gaben ihnen die Spitznahmen Postivaunubzw. Postijuna, was „Postauto“ resp. „Postzug“ bedeutet.

Im August 1944 wurde einer der finnischen T-28 zu einem Bergepanzer umgebaut (T-28V).

Alle T-28 – sechs Kampfpanzer und der einsame Bergepanzer – verbieben bis Ende 1951 im Inventar der finnischen Armee.