Der Panzer IV – sagenumwobener Tank

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Der Panzer IV der deutschen Wehrmacht.

 

Der deutsche Panzerhistoriker Hagen Seehase schildert den Panzer IV, dem er den Rang des Rückgrats der Wehrmacht-Panzertruppe zuordnet.

 

Panzer IV – Rückgrat der Panzertruppe der deutschen Wehrmacht

Man schrieb den 16. März 1945, Stadtrand von Székesfehérvár, auf Deutsch Stuhlweißenburg. Hinter einer hastig aufgeworfenen Barrikade auf einer in die Stadt führenden Straße stand ein Panzer IV, Ausführung J mit der Nummer 201. Er gehörte zur 2. Kompanie/SS-Panzerregiment 5 der Division „Wiking“ und stand unter dem Kommando von Unterscharführer Siegfried Melinkat.

Links und rechts zogen sich deutsche Soldaten auf Stuhlweißenburg zurück. Neben Melinkats Panzer gab es hier noch einen weiteren Panzer IV und ein Sturmgeschütz. Plötzlich schlugen sowjetische Artillerie- und Mörsergeschosse ein. Melinkat konnte durch die Sprengwolken nichts mehr sehen und ließ den Panzer bis in eine Straße der Stadt zurückrollen.

Dort wartete er mit geschlossenen Luken, laufendem Motor und dem Funkgerät auf Hörbereitschaft. Er wusste, solange der Beschuss anhielt, griff die Rote Armee nicht an. Als das feindliche Feuer aufhörte, rollte er wieder bis zur Barrikade vor. Dann schlug ein Geschoss ein, der Panzer drehte zur Seite. Ein Antriebsrad war abgeschossen. Melinkat erspähte angreifende russische Infanterie und dirigierte das Feuer seines Richtschützen, der mit dem Koaxial-MG die Rotarmisten niederhielt. Allerdings war das MG-Feuer zu hoch. Da die Bordkanone auf der Barrikade auflag, konnte sie (und damit auch das MG) nicht weiter abgesenkt werden.

Auf Befehl Melinkats rannte der Funker los, den anderen Panzer IV zur Hilfe zu holen. Derweil legte der Panzerfahrer eilig die Abschlepptrossen aus. Melinkat gab ihm mit einer Maschinenpistole aus dem Turmluk Feuerschutz, warf dann Handgranaten nach der schon gefährlich nah herangekommenen feindlichen Infanterie. Gerade noch rechtzeitig tauchte der Panzer IV von Unterscharführer Hannes Immen auf. Er nahm Melinkats beschädigtes Gefechtsfahrzeug ins Schlepptau. Rückwärts wurde der Panzer IV aus dem Schussfeld gezogen, dabei ständig mit dem Wannen-MG und dem Koaxial-MG feuernd…

Panzerkampfwagen IV, frühe Ausführung.

Am Anfang der Entwicklung des Panzers IV konnte wohl keiner der Beteiligten ahnen, welche lange und wechselvolle Karriere diesm Fahrzeug bevorstand, das anfangs die Bezeichnung „Mittlerer Traktor“ getragen hatte. Es war aber keinesfalls für die Landwirtschaft gedacht. Die Bestimmungen des Versailler Vertrages verboten Deutschland die Entwicklung, Produktion und den Einsatz von Panzern. Und um nichts anderes handelte es sich bei dem „Mittleren Traktor“. Das Heereswaffenamt unter Generalleutnant Alfred von Vollard-Bockelberg wusste die Bestimmungen des Vertrages aber zu umgehen. 

Die Firmen MAN, Krupp und Rheinmetall entwickelten Prototypen, die sich im Wesentlichen bei den Laufwerken voneinander unterschieden. Nach Erprobung dieser Prototypen 1935/36 entschied das Heereswaffenamt, die Firma Krupp solle das Projekt weiterführen. Die neugewählte Bezeichnung „Bataillonsführerwagen“ war aber ebenfalls irreführend. Denn bei dem später als „Panzer IV“ berühmt gewordenen Gefechtsfahrzeug handelte es sich vom Konzept her um ein Unterstützungsfahrzeug für leichtere Kampfpanzer.

In den Anfangstagen der Panzerwaffe der deutschen Wehrmacht dachte man daran, mehrere Kompanien der Panzerabteilungen mit Kampfpanzern, welche mit Panzerabwehrkanonen bewaffnet waren, auszustatten. Sie sollten im Gefecht gegnerische Panzerfahrzeuge bekämpfen. 

Daneben sollte eine Kompanie mit Fahrzeugen ausgestattet sein, die aus Kanonen größeren Kalibers Brisanzgranaten gegen feindliche Infanterie, Panzerabwehrkanonen und Feldbefestigungen verschießen konnten. Solange die zahlenmäßig wichtigsten Kampfwagen der deutschen Panzerwaffe die leichten Panzer I und II waren, ergab solch ein Unterstützungsfahrzeug durchaus Sinn.

Allerdings gedachte die Wehrmachtsführung schon bei Beginn der Entwicklung des Panzers IV die Panzertruppe hauptsächlich mit einem mittelschweren Fahrzeugtyp mit Pakbewaffnung, fünf Mann Besatzung und Dreimannturm auszurüsten. Diese Rolle füllte dann der von Daimler-Benz entwickelte Panzer III aus. Er war dem Panzer IV in vielen Punkten sehr ähnlich. Es scheint kurios, warum man sich für diese teure Doppelentwicklung und nicht für einen einzigen mittelschweren Panzertypen entschied. 

Allerdings hatten beide Fahrzeugtypen ihre Stärken und Schwächen: die Drehstabfederung des Panzers III (ab Ausführung E) war der Blattfederung des Panzers IV deutlich überlegen, dagegen ließ der Turmdrehkranz des Panzers IV den späteren Einbau größerer Bordwaffen zu. Zunächst bestand die Hauptbewaffnung des Panzers IV aus der Kampfwagenkanone 37 L/24 im Kaliber 75mm, die Brisanzgranaten verschießen konnte. Es gab auch panzerbrechende Munition. Allerdings war die Mündungsgeschwindigkeit sehr gering – je nach Munition 385 Meter pro Sekunde bis 450 Meter pro Sekunde, was die Panzerabwehrfähigkeit stark einschränkte.

Im Oktober 1937 lief die Produktion des Panzers IV, Ausführung A im Krupp-Grusonwerk in Magdeburg-Buckau an. Das Werk war bis zum Herbst 1941 die einzige Fertigungsstätte für den Panzerkampfwagen  IV. Aufgrund seiner Rolle als Unterstützungsfahrzeug war eine Beschaffung in deutlich geringerer Anzahl als beim Panzer  III vorgesehen, deshalb waren die Produktionszahlen auch geringer – vorerst. Die erste Serie (Ausführung A) hatte noch einen schwächeren Motor als die Folgeserien, ansonsten unterschieden sich die Serien A bis D hauptsächlich in der Stärke der Panzerung. 

Im Polenfeldzug 1939 konnte der Panzer IV keine besondere Rolle spielen, es gab nur rund 200 Stück bei der kämpfenden Truppe.

Panzer IV Ausführung A.

Zu Beginn des Frankreichfeldzugs waren es dann schon 278 Exemplare, mehr als 10% des gesamten deutschen Panzerbestandes. Die Verluste waren aber überproportional. Bei den häufigen Zusammentreffen mit französischen und britischen Panzern war der Panzer IV oft gezwungen, den Kampf gegen Feindpanzer aufzunehmen. Und dafür hatte man ihn einfach nicht konzipiert. Die Stärken der deutschen Panzerwaffe waren die Ausstattung mit Funkgeräten, das taktische Konzept, die gute Ausbildung der Panzermänner und die Dreimanntürme der Panzer III und IV. Panzerschutz und Bewaffnung ließen durchaus Wünsche offen – und zwar gerade beim Panzer IV.

Bis zur Serie F1 blieb die kurze 75mm-Kanone die Hauptwaffe, das war für den Kampf Panzer-gegen-Panzer aber unzureichend. Ein wichtiger Trumpf war allerdings der elektrische Richtantrieb des Turmes. Ab der Ausführung F2 kam dann die Kampfwagenkanone 40 zum Einbau, auch im Kaliber 75 Millimeter, aber mit größerer Rohrlänge (43 Kaliberlängen).

Damit avancierte der Panzer IV zum stärksten Kampfpanzer der Wehrmacht, da man in den Panzer III mit seinem kleineren Turm höchstens ein Kanone im Kaliber 50 mm oder eine kurzrohrige Kanone von 75 mm Kaliber einbauen konnte. Auch die Fertigungszahlen stiegen beträchtlich, nun produzierten neben Krupp auch Steyr, Praga (damals „Böhmisch-Mährische-Maschinenfabrik“) und Vomag den Panzer IV.

In Nordafrika mit seinen weiten Kampfentfernungen war die Bewaffnung mit einer weitreichenden und präzise schießenden Bordkanone umso wichtiger. Das wurde noch drängender, als den Briten dort die Kampfpanzer des amerikanischen Typs „Grant“ mit seiner 75-mm-Bordkanone zuliefen. In der Panzerschlacht von Alam Halfa am 31. August bis 1. September 1942 waren von 200 deutschen Panzern nur 30 Panzer IV Ausführung F2, von den Briten „Special“ genannt. Beide Seiten verloren jeweils mehr als 50 Panzer im Kampf, jedoch konnte Rommel seine Verluste nicht so leicht ausgleichen wie sein Gegner Montgomery.

An der Ostfront waren die nur mit Kurzrohrkanone ausgestatteten Panzer IV der ersten Baureihen den sowjetischen T 34 noch hoffnungslos unterlegen gewesen. Die Panzer IV mit der Langrohrkanone blieben bis zum Auftreten der Tiger und Panther die einzigen deutschen Kampfpanzer, der es mit den moderneren sowjetischen Panzertypen aufnehmen konnte.

Wenngleich der T 34 bessere Leistungsdaten aufwies, zeigte er doch im Zweikampf mit dem Panzer IV einige Achillesfersen: die früheren T 34 hatten Zweimanntürme, in denen der Kommandant völlig überlastet war. Die späteren Ausführungen hatten zwar Dreimanntürme, aber schlechte Beobachtungsmöglichkeiten. Diese Schwäche machten sich deutsche Panzerbesatzungen zunutze.

Aus der Ausführung F2 wurde die Ausführung G. Ab dem Frühjahr 1943 erhielt der Panzer IV eine verbesserte Kampfwagenkanone 40, nun mit 48 Kaliberlängen. Von den Ausführungen G und F2 („Sd.Kfz.161/1“) verließen über 1900 Stück die Werkshallen. Der Stahlkoloss wurde das wichtigste Gefechtsfahrzeug der deutschen Wehrmacht. In der Panzerschlacht von Kursk („Unternehmen Zitadelle“) zum Beispiel war er auf deutscher Seite der wichtigste Kampfpanzer.

Auch an der Westfront konnte der Panzer IV sich noch bewähren. Wenngleich man schon über einen Produktionsstopp nachdachte, lief die Produktion des Kampfwagens bis 1945 weiter, die Ausführung H war mit über 3770 Exemplaren zahlreicher als jede frühere Ausführung.

Die vereinfachte Ausführung J hatte keinen elektrischen Richtantrieb mehr, sie erreichte noch eine Stückzahl von rund 1750. Mit über 8500 gefertigten Exemplaren insgesamt war der Panzer IV der wichtigste deutsche Kampfpanzer – und nicht nur das. Auf der Basis des Panzers IV bauten verschiedene Hersteller Sturmgeschütze, Jagdpanzer, Panzerflak und weitere Spezialfahrzeuge. Sowohl diese als auch das Basisfahrzeug spielten noch eine Rolle bei den letzten deutschen Großoffensiven im Westen – der Ardennenoffensive und der Offensive im Unterelsass. 

Bei Beginn der Ardennenoffensive am 16. Dezember 1944 verfügten die beteiligten deutschen Divisionen der 6. SS-Panzerarmee und der 5. Panzerarmee über insgesamt 430 Kampfpanzer und 277 Sturmgeschütze/Jagdpanzer und Panzerjäger (die auf der Südflanke operierende 7. Armee besaß nur 30 Sturmgeschütze und keine Panzer).

Von den 430 Kampfpanzern waren 158 Panzer IV und 216 Panther, dazu kamen 47 Tiger II („Königstiger“) und acht Tiger I neben einem Beute-Sherman. 

Bei der Panzer-Lehr-Division war der Panzer IV sogar zahlreicher vertreten als der Panther: 34 Panzer IV und 29 Panther.

Panzer IV, Frontansicht.

Die Kampfgruppe Peiper verfügte über eine gemischte Panzerabteilung (zwei Kompanien mit Panthern und zwei mit Panzern IV) und eine schwere Panzerabteilung mit Tiger-Panzern.

Das eingangs erwähnte SS-Panzerregiment 5 übrigens wurde in Stuhlweißenburg eingeschlossen. Es durchbrach gegen ausdrücklichen Führerbefehl den Belagerungsring und kämpfte dann bei Heiligenkreuz, wo es in amerikanische Gefangenschaft geriet: allerdings als Infanterieverband, denn der letzte Panzer IV war außer Gefecht gesetzt. 

Mit dem Ende des II. Weltkriegs kam aber nicht das Ende des Panzer IV im militärischen Einsatz. In recht geringen Zahlen war der Panzer IV exportiert worden. Finnland hatte 1944 einige Panzer IV erhalten, einige blieben bis Anfang der 1960er-Jahre im Dienst (die Finnen mochten ihn nicht; sie zogen das drehstabgefederte Sturmgeschütz II vor). 

Spanien hatte 20 Panzer IV im Bestand, die Ende der 1950er-Jahre abgelöst wurden. Über 80 Panzer IV nutzte die Tschechoslowakei bis 1959 als „Střední tank T-40/75“.  Ein großer Teil davon wurde an Syrien verkauft (wie auch einige spanische Panzer IV), wo sie ihren letzten Kampfeinsatz im Sechstagekrieg 1967 sahen.

 

Technische Daten (Panzer IV, Ausführung F2, G)

Motor:   Maybach HL 120 TRM mit 300 PS

Getriebe: ZF-Aphon SSG 76 (F2)

                 oder

                ZF-Aphon SSG 77 (G) mit sechs Vorwärts- und einem 

                Rückwärtsgang

Gesamtgewicht: 23,6 Tonnen

Länge: 5,92 m (ohne Rohr)

Breite: 2,88 m

Höhe: 2,68 m

Höchstgeschwindigkeit: 40 km/h

Fahrbereich: 190 km (Straße)

                     130 km (Gelände)

Besatzung: 5 Mann

Bewaffnung: 75mm-Kampfwagenkanone L/43, zwei Maschinengewehre MG 34