Der OT-90, der Hybrid des legendären BMP-1

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Heute bietet uns der Panzer-Kenner Hagen Seehase die Begegnung mit einem ganz speziellen Schützenpanzer des Warschau-Paktes an. Mittlere und ältere Semester lernten in Schweizer Kursen noch den sowjetischen BMP-1 als Gegner kennen. Die Tschechoslowakei baute einen eigenen Hybrid: den OT-90. Immerhin wurde in Schweizer Lehrgängen von Nachrichtenoffizieren gesagt, im Fall eines Warschau-Pakt-Vorstosses würden tschechoslowakische Divisionen die Schweiz angreifen. Auch Dokumente belegen das.

Der OT-90

Von Hagen Seehase

Die Tschechoslowakei war von den Satellitenstaaten der Sowjetunion derjenige, der die unabhängigste Rüstungspolitik betrieb. Die ČSSR entwickelte eigene Waffen und fertigte auch eine ganze Reihe sowjetischer Kampffahrzeugtypen in Lizenz.

Dazu gehörten die sowjetischen Schützenpanzer BMP-1 und BMP-2, beide Versionen wurden in der ČSSR für den Bedarf der eigenen Streitkräfte und für den Export produziert. Seit dem Erwerb der Lizenz im Jahre 1966 fertigten ZTS Dubnica und PPS Detva im slowakischen Landesteil den BMP-Schützenpanzer.

Jener BMP wurde und wird in Tschechien als BVP (Bojové Vozidlo Pěchoty) bezeichnet. Nach dem Zerfall des Warschauer Paktes stand die Tschechoslowakei mit einer (zu) großen Zahl von Schützenpanzern und gepanzerten Mannschaftstransportern da. Im Bereich der gepanzerten Mannschaftstransporter war der OT-64 mittlerweile veraltet und musste ersetzt werden. Die Anzahl der BVP-Schützenpanzer  ging über die Obergrenze der Schützenpanzer hinaus, die in Abrüstungsverträgen festgelegt worden war. Als Schützenpanzer (IFV) wurden dabei solche gepanzerte Mannschaftstransporter definiert, die eine Bordwaffe von einem größeren Kaliber als 20 mm führten.

Das war sowohl für die BVP-1 (73mm) als auch die BVP-2 (30-mm-Maschinenkanone) der Fall. Die Tschechoslowakei – beziehungsweise deren Nachfolgestaaten Tschechien und Slowakei – durfte also nur einen Teil behalten. Auslandsverkäufe waren nicht in größerer Zahl zu erzielen, denn an BMP herrschte ein großes Angebot. So ging man dazu über, aus den Türmen obsoleter OT-64 und den Rümpfen der BVP-1 einen Hybrid zu bauen, den OT-90. Die Umrüstung wurde bei PPS Detva durchgeführt, dabei wurden auch noch etliche kleinere Änderungen durchgeführt, die die technische Qualität des Fahrzeuges zwar verbesserten, aber auch die Kosten der Umrüstung in die Höhe trieben. Rund 620 Fahrzeuge wurden umgebaut.

In der tschechischen Armee wurde der Wagen – nach dem damaligen Staatspräsidenten Vaclav Havel – als „Havluv tygr“, „Havels Tiger“, bekannt.

Eine wirkliche Verbesserung gegenüber dem BVP-1 war der OT-90 wahrlich nicht, das war aber auch gar nicht geplant. Der Kommandant hat eigentlich kaum Möglichkeiten, dem Bordschützen vernünftig Ziele zuzuweisen. Der Einmannturm ist ergonomisch eine Katastrophe, denn der Bordschütze kommt nur schwer hinein und wieder heraus. Er muss das Fahrzeug durch die Hecktüren betreten, durch den hinteren Kampfraum  hindurch und dann auf Knien und Händen in den Turm krabbeln.

Dafür ist sein Sitz recht gemütlich, wenn er sich denn darauf niederlassen kann. Denn sind beide MGs voll aufmunitioniert, ist kaum Platz im Turm. Dieser kann nur manuell gerichtet werden und ist dünner gepanzert als der originale Turm des BVP-1. Die damit verbundene Gewichtsersparnis macht das Fahrzeug noch vorderlastiger, was sich auf die Haltbarkeit des Fahrwerks negativ auswirkt. Die Straßengeschwindigkeit ist die gleiche wie beim BVP-1, da der Motor beibehalten wurde, ein Sechs-Zylinder-V-Dieselmotor UTD-20 mit 300 PS. Zu den Pluspunkten gehört eine wirklich beeindruckende Geländegängigkeit.

Für einen Mannschaftstransporter mag die Feuerkraft (ein Maschinengewehr KPVT Kaliber 14,5 mm, ein Maschinengewehr PKT Kaliber 7,62x54R) ausreichend erscheinen, allerdings hätte man diese Maschinenwaffen auch gut in einem Zweimannturm auf einem Radfahrzeug unterbringen können. Kurz: Der OT-90 ist eine ökonomisch günstige, aber nicht unbedingt technisch überzeugende Leistung. Allerdings gab es seit 1992 drei Kampfwertsteigerungen. Dabei wurden IR-Scheinwerfer angebracht sowie eine Zusatzpanzerung. Es existieren einige Varianten (zum Beispiel die gepanzerte Ambulanz OZ-90), bei deren Entstehung die Überlegung im Vordergrund stand, das brauchbare Chassis einer nicht rundum gelungenen Panzerkonstruktion weiterverwenden zu können.

Einen kleinen Exporterfolg gab es auch: 15 Stück wurden 2010 in den Jemen exportiert.

Ende 2007 waren bei den tschechischen Streitkräften noch 29 OT-90 im Bestand. Damit ausgerüstet war der Aufklärerzug des 72. Mechanisierten Bataillons. Außerdem verwendeten Flugabwehreinheiten das Fahrzeug. Inzwischen ersetzte der Land Rover bei den Tschechen die letzten „Havluv tygr“.

In kleiner Stückzahl verwenden die slowakischen Streitkräfte den OT-90M, der sich durch einen anderen Turm von den tschechischen Varianten unterscheidet. Die Panzerabwehrzüge der Feuerunterstützungskompanien aller sechs slowakischen mechanisierten und motorisierten Bataillone sind mit OT-90M ausgerüstet, zu deren Bewaffnung der Panzerabwehr-Lenkflugkörper 9M113-„Konkurs“ gehört. Mit der nächsten Modernisierungswelle werden auch diese Fahrzeuge ausgesondert werden, was vermutlich das Herz ziviler Kunden in Westeuropa höherschlagen lassen könnte. Es sind bereits etliche OT-90 nach Großbritannien und Deutschland verkauft worden und beim englischen War & Peace Revival Stammgäste.

Höchstgeschwindigkeit Straße: 65 km/h 

Höchstgeschwindigkeit Gelände: 40 km/h

Länge 6,74 m 

Breite: 2,94 m 

Höhe: 2,11 m 

Gesamtgewicht: 12,5 t 

Fahrbereich Straße: 750 km

Fahrbereich Gelände: 540 km 

Grabenüberschreitfähigkeit: 2,5 m 

Besatzung: Fahrer, Kommandant, MG-Schütze 

Absitzstärke: 6-8 Personen 

Motorleistung: 221 kW 

Maximales Drehmoment: 980 Nm 

Hubraum: 15,9 l