Der heroische Kampf des Kanoniers Turner

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Die “Medal of Honor”, Amerikas höchste militärische Auszeichnung.

 

Zum Berchtoldstag folgt ein packender Text unseres Panzerkorrespondenten Hagen Seehase. Der Historiker Seehase nimmt sich des amerikanischen Kanonier-Gefreiten George Benton Turner an. Turner nahm am 3. Januar 1945 an der Verteidigung des Städtchens Philippsbourg statt und trug mit seinem heroischen Einsatz dazu bei, dem Durchbruch deutscher Panzer IV Einhalt zu gebieten. Für seinen Mut erhielt er später von Präsident Truman die “Medal of Honor”, die höchste, 1863 geschaffene, selten verliehene Auszeichung der amerikanischen Streitkräfte. Truman verlieh Turner den Orden mit den Worten: “Lieber hätte ich diese Medaille, als dass ich Präsident der Vereinigten Staaten wäre.”

Truman ehrte Turner mit der Ehrenmedaille der Army, des Heeres. Der Wahlspruch des Heeres lautet : “Duty, Honor, Country”, Pflicht, Ehre, Land.

 

Die Ehrenmedaille für George B. Turner 

Von Hagen Seehase

George Benton Turner wurde am 27. Juni 1899 in Longview, Texas, geboren. Während des Ersten Weltkriegs war er Schüler der Wentworth Military Academy in Lexington, Missouri. Er verließ die Akademie, um sich dem U.S. Marine Corps anzuschließen. Der Krieg endete aber, bevor Turner zum Kampfeinsatz kam.

In den 1920er-Jahren arbeitete Turner in einer Rechtsanwaltskanzlei in Kalifornien.

Am 23. Oktober 1942 meldetet er sich freiwillig zur U.S. Army und kam zur 14th Armored Division. Er war Artillerist bei einer mit 105mm-Selbstfahrlafetten („M7 Priest“) ausgerüsteten Einheit. Während des „Unternehmens Nordwind“, des deutschen Angriffs im Unterelsaß Anfang 1945 stand er mitten im Brennpunkt der Kämpfe.

Einsame Gefechtsstation

Es war der 3. Januar 1945, bitterkalt und auch sonst sehr unangenehm für die Verteidiger des kleinen Städtchens Philippsburg (frz. Philippsbourg) an der Straße von Bitsch nach Niederbronn. Überlegene deutsche Kräfte stießen mit Macht entlang der Straße vor, während die aus verschiedenen amerikanischen Einheiten zusammengewürfelten Verteidiger trotz verbissener Gegenwehr Boden verloren. Zwei Panzer IV mit rund 75 unterstützenden Infanteristen rollten gegen 14.00 Uhr in den Ort und durchstießen alle Verteidigungslinien.

George B. Turner.

Amerikanische 57mm-PAK in Philippsbourg.

Da lief Pfc George B. Turner von der C Battery des 499th Field Artillery Battalions aus einem Haus zu einem Halftrack, nahm sich eine Bazooka, die er, während er lief, lud. Auf offenen Straße blieb er direkt vor den deutschen Panzern stehen und zerstörte den ersten. Turner lud nach und beschädigte den zweiten Panzer so, dass er seine Bordkanone nicht mehr einsetzen konnte. Da Turner keine Raketen mehr für die Bazooka hatte, feuerte er nun mit einem Gewehr Gewehrgranaten ab, bis er auch den zweiten Panzer zerstört hatte. Dann rannte er zu dem Halftrack zurück, montierte eines der Bord-MGs ab und brachte dieses mitten auf der Hauptstraße in Stellung. Völlig ohne Deckung feuerte Turner, bis er die feindliche Infanterie vertrieben hatte. Dabei beseitigte er auch noch eine Ladehemmung.

Um 16.00 Uhr erhielten die amerikanischen Einheiten in Philippsburg den Befehl zum Gegenangriff, den ein Zug des 47th Armor Battalions von der 14th Armored Division unterstützen sollte. Der amerikanische Gegenstoß näherte sich der Kreuzung in der Stadt, als der führende Panzer zweimal getroffen wurde. Der zweite Sherman übernahm nun die Führung und wurde sofort getroffen, er fing an zu brennen. Turner hatte nun ein leichtes Maschinengewehr, das er aus der Hüfte feuerte.  Er zwang die Wehrmachtssoldaten, Deckung zu suchen, und eröffnete so den US-Panzerbesatzungen die Möglichkeit auszubooten. Der Fahrer des zweiten Panzers war verwundet und kam nicht aus dem Fahrzeug. Turner sprang auf den brennenden Panzer und versuchte, den Fahrer, Technician fifth grade (= Corporal) Deral Hamilton, herauszuziehen, als die Bordmunition explodierte. Hamilton wurde getötet, Turner heruntergeschleudert und verwundet. 

Am Abend schlug ihm der Zugführer der Infanteristen, mit denen Turner jetzt kämpfte, es war Lieutenant Joseph K. Donahue, vor, er solle zu seiner Einheit zurückkehren. Turner wollte aber lieber bei dem Platoon Donahues bleiben.  Um 20.00 Uhr näherte sich ein deutscher Stoßtrupp den beiden zerstörten Panzern IV. Turner bemerkte den Gegner und leitete den Feuerkampf einer kleinen Gruppe von GIs. Elf gegnerische Soldaten wurden getötet, der Rest zog sich in ein Haus zurück, das gerade gegenüber von Donahues Gefechtsstand lag. Am nächsten Morgen um 8.00 Uhr griff Turner mit zwei Kameraden das Gebäude an, sie konnte vier Gefangene nehmen. Dann befahl Donahue Turner, zu seiner Einheit zurückzukehren. Turner ging also zum Bataillonsgefechtsstand der Infanterie, es war das 275th Infantry Battalion.

Amerikanisches MG-Nest in Wingen.

GIs der 45th Inf Division in Wingen.

Um neun Uhr kam dort Captain Landon, der dienstälteste Sanitätsoffizier des Bataillons, herein und berichtete von dem schweren deutschen Feuer, das auf der Kirche des Ortes lag. Die dort untergebrachte Sanitätsstation müsse sofort evakuiert werden. Während man nach Freiwilligen fragte, stieg Turner ins Fahrerhaus eines Trucks, fuhr den LKW zur Kirche, wo er mithalf, vier Tragen mit Schwerverwundeten und acht gehfähige Verwundete auf den Lkw zu laden. Dann fuhr er durch schweres deutsches Feuer zu einem rückwärtigen Verwundetensammelpunkt. Turner, ein Kriegsfreiwilliger, war zu diesem Zeitpunkt ja bereits 45 Jahre alt. Ein Kamerad, Clarence F. Graebner, erinnerte sich später, Turner sei müde, verdreckt und sehr hungrig gewesen, als er wieder zu seiner Einheit stieß. Sein Kochgeschirr habe ein Einschussloch gehabt, Turner selbst nicht einen Kratzer.

Im Gegensatz zu Turner waren die meisten Infanteristen, die in Philippsburg kämpften und starben, unerprobte Soldaten ohne jede Kampferfahrung und mit unvollständiger Ausbildung, so unerprobt, dass ihre Kameraden der schlachterprobten Divisionen sie „American Volkssturm Grenadiers“ nannten.

US-Truppen im Elsaß

Ende des Jahres 1944 hatte die 6th Army Group unter General Devers fast das gesamte Elsaß einnehmen könne. Im Norden standen die Spitzen der 7th Army von General Patch schon an der alten deutschen Reichsgrenze (das 157th Infantry Regiment hatte am 16. Dezember Bobenthal und Nothweiler in der Pfalz einnehmen können, war am 18. zurückgenommen worden), die 1eme Armée Française unter General de Lattre de Tassigny im Süden hatte aber Schwierigkeiten, den deutschen Brückenkopf bei Colmar einzudrücken. Um General Pattons 3rd Army den Angriff in den Ardennen zu erlauben, musste Patch Teile von deren Frontabschnitt mit seinen Truppen besetzen, was die Frontlinie gefährlich ausdünnte.

Zerstörter amerikanischer Sherman-Panzer in Philippsbourg.

Wingen-sur-Moder, amerikanischer Bergepanzer.

Außerdem hatte Patch seine kampfkräftigste Panzerdivision, die freifranzösische 2eme Division Blindée von General Leclerc, zur Unterstützung der 1eme Armée Francaise abkommandieren müssen. Patch, Devers und auch der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower waren sich bewusst, dass ein deutscher Vorstoß aus der Gegend von Bitsch südwärts im Extremfall die amerikanischen Truppen im Elsaß abschneiden könnte. Dabei war die Panzerausstattung der 7th Army immer noch formidabel. Die 2. freifranz. Panzerdivision mitgezählt hatte die 7th Army (zweite Januarwoche 1945) 704 Shermans, davon 50 mit 105-mm-Haubitze als Hauptwaffe und 167 mit der durchschlagskräftigen 76 mm-Kanone. Dazu kamen noch 376 leichte Panzer Stuart. Konzentriert waren die Panzer in den Panzerdivisionen (12th Armored Division und 14th Armored Division neben der erwähnten 2eme Division Blindée). Dazu hatte aber auch jede Infanteriedivision (außer der 100th Infantry Division) noch ein detachiertes Panzerbataillon. Eine erhebliche Verstärkung der Kampfkraft waren die den Infanteriedivisionen detachierten Panzerjäger, jeweils ein Tank Destroyer Battalion. Die Ausstattung mit Artillerie war sehr gut, die Luftunterstützung durch die 1st Tactical Air Force (Provisional) mit ihren B-26 Bombern und P-47 Jagdbombern für amerikanische Verhältnisse eher durchschnittlich.

Das wahre Sorgenkind für Patch war seine Infanterie. Von den 7 Infanteriedivisionen, die bezogen auf die Mannschaftsstärke der Schützenkompanien eine Ist-Stärke zwischen 66% und 88% aufwiesen, waren drei echte kampferprobte Veteranen: die 3rd Infantry Division (in der Audie Murphy seine Medal of Honour erhalten sollte), die 45th Infantry Division und die 36th Infantry Division. Die beiden Infanteriedivisionen von General Haislips XV Corps (44th Infantry Division und 79th Infantry Division) hatten schon in der Normandie gekämpft, die 100th Infantry Division und die 103rd Infantry Division hatten seit November 1944 in den Vogesen gekämpft. Durch die Verlängerung der Frontlinie im Dezember war aber Infanterie zur Mangelware geworden. Devers war gezwungen, die Infanterieregimenter dreier völlig unerfahrener Infanteriedivisionen (70th Infantry Division, 42nd Infantry Division, 63rd Infantry Division) an die Front zu beordern.

Schon bei der Ausbildung in den USA hatten diese drei Divisionen immer wieder Infanteristen an die Fronttruppen abgeben müssen.  Man dachte ursprünglich nicht daran, diese drei Verbände vor dem Juli 1945 einsetzen zu können, stattdessen erhielten sie kaum ausgebildeten Personalersatz (allein die 70th Infantry Division bekam 3871 Ersatzleute) und brachte sie ohne die sonst übliche 12-wöchige Ausbildungsphase mit Großmanövern nach Frankreich. Ohne die Divisionstruppen wurden aus den Infanterieregimentern der drei Divisionen nach ihren Kommandeuren benannte Task Forces: Task Force Herren, Task Force Harris, Task Force Linden. Es waren ausgerechnet diese als „American Volkssturm Grenadiers“ belächelten Einheiten, die in zwei mörderische Brennpunkte der Kämpfe in den Niedervogesen gerieten: Philippsburg und Wingen-sur-Moder.

Weil General Patch der Bereich der Niedervogesen mit ihren tiefen Taleinschnitten für deutsche Angriffsoperationen denkbar ungeeignet erschien und er gezwungen war, seine Frontlinie auszudünnen, blieben zur Deckung des Abschnittes zwischen Bitsch und Weißenburg (frz. Wissembourg) nur schwache Kräfte. Der linke Abschnitt dieser Frontlinie genau an der Grenzlinie zwischen dem XV. Corps (General Waide Haislip) und dem VI. Corps (General Edward Brooks) wurde von der Task Force Hudelson gehalten. Vom Vorfeld der von starken deutschen Kräften besetzten alten Festungsstadt Bitsch bis in die Gegend von Dambach waren es knapp 20 km, deren Sicherung dieser Task Force oblag.

Sie war aus dem Combat Command R der 14th Armored Division gebildet worden und unterstand dem Kommando von Colonel Daniel Hudelson. Sie bestand aus dem 62nd Armored Infantry Battalion, der 94th Cavalry Squadron (mechanized), der 117th Cavalry Squadron (mechanized) von den Armeetruppen, einer Panzerjägerkompanie mit M 10 Jagdpanzern, Feldartillerie des 500th Field Artillery Battalion, einer Mörserkompanie und Pionieren. Als vollmotorisierte Kampfgruppe war sie für bewegliche Offensivkampfführung sehr gut geeignet, für Defensivaufgaben im winterlichen Kiefernwald der Niedervogesen weniger. Da die deutsche Patrouillentätigkeit intensiv war, bereitete sich die Task Force Hudelson auf die Verteidigung vor. Minen wurden gelegt, Baumsperren präpariert, Hinterhaltstellungen der Panzerjäger vorbereitet. Aber die Postenlinie der Task Force war so dünn, dass zwei deutsche Unteroffiziere ohne Waffen unbemerkt bis zum Bataillonsgefechtsstand des 62nd Armored Infantry Battalion spazieren konnten, um sich zu ergeben. Am westlichen Abschnitt der von der Task Force gehaltenen Linie stand die 117th Cavalry Squadron (mechanised), in der Mitte die 94th Cavalry Squadron (mechanised), der ein kompletter Troop fehlte. Im Osten stand das 62nd Armored Infantry Battalion, hier in der Nähe von Neunhoffen und Dambach verlief die alte Hauptkampflinie der franz. Maginotlinie. Von der Nachrichtenabteilung des Armeestabes der 7th Army gewarnt, dass am Neujahrstag des Jahres 1945 ein deutscher Angriff bevorstünde, war die Task Force Hudelson jedoch alles andere als gut vorbereitet auf das, was kommen sollte.

Unternehmen Nordwind

Als in der Sylvesternacht des bitterkalten Winters  1944/45 deutsche Truppen aus ihren Bereitstellungsräumen zwischen Saargemünd (frz. Sarreguemines) im Westen und Weißenburg im Osten hervorbrachen, war das der erste Akt des „Unternehmens Nordwind“, der letzten deutschen Großoffensive an der Westfront. Die heftigen Kämpfe, die sich bis zum 9. Februar 1945 im Elsaß hinziehen sollten, standen denen in den Ardennen an Härte in nichts nach. 

Große Hoffnung setzten die deutschen Stäbe in die aus dem XIII. SS-Armeekorps bestehende „Sturmgruppe 1“. Östlich Saargemünd trat sie mit zwei Divisionen, darunter der 17. SS-Panzergrenadierdivision „Götz von Berlichingen“, der einzigen mechanisierten Division in der Anfangsphase der Offensive, zum Angriff an. Er wurde zum Stehen gebracht. Am 3. Januar wurde die Offensive in diesem Sektor beendet. Die Hoffnung, entlag des Oberlaufes der Saar nach Süden vorzudringen und die Verbindungslinien der 7th US Arny durchtrennen zu können, erfüllte sich nicht. 

Etwas anders sah es weiter im Osten aus. Hier griffen die vier Infanteriedivisionen (alles Volksgrenadierdivisionen) der „Sturmgruppe 2“ an. Ihnen gegenüber standen zunächst nur die Task Force Hudelson und einige Einheiten der kampferprobten 45th Infantry Division (etwas weiter östlich). Während die Männer der 45th Infantry Division sich bei Obersteinbach und Dambach gut behaupten konnten, musste die Task Force Hudelson zurückweichen. Aufhalten konnte sie den deutschen Vormarsch nicht, die 361. Volksgrenadierdivision (Generalmajor Alfred Philippi), die in einem Bereich vordrang, den sie Wochen zuvor noch besetzt gehalten hatte, machte beachtlichen Geländegewinn.

Nach nur einem Tag war die Task Force Hudelson zurückgeworfen und zusammengedrängt, schwer angeschlagen und fast ohne Munition. In Mouterhouse stand die 117th Cavalry Squadron, in Bärenthal (wo sich auch der Gefechststand Hudelsons befand) die 94th Cavalry Squadron, in Philippsburg das 62nd Armored Infantry Battalion. Colonel Hudelson forderte bei der 14th Tank Division Verstärkung an, die er in der Form des 19th Infantry Battalion und der A Company, 25th Tank Battalion auch erhielt. Bärenthal war heftig umkämpft, konnte aber mit Hilfe der Panzermänner noch gehalten werden (es ging um  Mitternacht 1. zum 2. Januar verloren) Mouterhouse musste aufgegeben werden, auch Philippsburg im Osten war bedroht. Die A Company des 62nd Armored Infantry Battalion stellte einen makabren Rekord auf, sie war die Kompanie in der ganzen 7th Army, die im Verlaufe eines Gefechtstages die meisten Gegner tötete, verwundete oder gefangennahm. General Edward Brooks zog Reserven, wo immer es eben ging, aus der Frontlinie seines Korps und warf sie in die Schlacht. Dabei waren auch das „grüne“ 275th Infantry Regiment der Task Force Herren und das 499th Field Artillery Battalion mit Pfc Turner, die Philippsburg halten konnten. Die Task Force Hudelson wurde aufgelöst.

Wingen-sur-Moder Panorama.

Weniger Erfolg als die 361. Volksgrenadierdivision hatte die sich ihr östlich anschließende 256. Volksgrenadierdivision, die Neunhoffen nehmen konnte, aber nicht Truppen des 157th Infantry Regiment (von der 45th Infantry Division) aus Dambach werfen konnte. Dambach wurde erst am 4. Januar vom Grenadierregiment 481 genommen. Der Morgen desselben Tages sah auch wütende deutsche Angriffe von Philippsburg in Richtung Niederbronn, zur gleichen Zeit hielt sich in Philippsburg noch die Company I des 275th Infantry Regiment, das um 14.40 Uhr entsetzt werden konnte, als sich die deutschen Truppen aus dem Ort zurückzogen. Immerhin wussten Devers und Patch dank der alliierten Aufklärung, dass der deutsche Angriffsschwerpunkt im Bereich des Korps von General Brooks lag.

Wellenbrecher Wingen

Auf der deutschen Seite traf Generaloberst Johannes Blaskowitz, der Kommandeur der Heeresgruppe G und damit der deutschen Angriffstruppen der „Operation Nordwind“, die Entscheidung, den Angriff der Sturmgruppe 2 mit soeben eingetroffenen Verstärkungen auszuweiten. Die SS-Gebirgsdivision „Nord“ unter dem Kommando von Generalleutnant der Polizei Karl-Heinrich Brenner war Ende 1944 eigens für Angriffsoperationen an der Westfront aus Norwegen verlegt worden, allerdings noch nicht vollständig eingetroffen.

Das SS-Gebirgsjägerregiment 12 „Michael Gaißmair“ unter Obersturmbannführer Franz Schreiber bildete aus seinem I. und seinem III. Bataillon eine Kampfgruppe unter dem operativen Kommando der 361. Volksgrenadierdivision. Für die winterlichen Verhältnisse in der wald- und bergreichen Region wohl der am besten ausgerüstete deutsche Verband, marschierte er in der Nacht von 3. zum 4. Januar gegen den Ort Wingen-sur-Moder. Hier waren Einheiten der 45th Infantry Division eingetroffen, der Divisionskommandeur Generalmajor Robert Frederik, der inzwischen über die Infanterieregimenter der Task Force Herren und eines der 79th Infantry Division verfügen konnte, hatte seine Kräfte anders disloziert.

Das 179th Infantry Regiment wurde vom äußerten rechten Flügel an den linken Flügel verlegt, eben nach Wingen-sur-Moder. Doch die Linie des Regiments war zu dünn: im Morgengrauen des 4. Januars durchstießen die Gebirgsjäger die Verteidigungslinien. Die beiden Bataillone des SS-Gebirgsjägerregimentes 12 drangen nach heftigen Kämpfen in den Ort ein.  Sie konnten wenig später den Bataillonsgefechtstand des 1/179th Infantry Regiment im Hotel Wenk einnehmen: um 7.30 Uhr begann dort ein zweistündiger heftiger Nahkampf, den die Gebirgsjäger für sich entscheiden konnten, während verängstigte elsässische Zivilisten im Keller des Hotels ausharrten.

Die Landser nahmen 264 amerikanische Soldaten gefangen, die sie in die katholische Kirche sperrten. Der Kontakt zum Hauptquartier riss aber nach dem Verlust von Funkwagen ab. General Philippi erfuhr von der Einnahme Wingens durch abgehörten amerikanischen Funkverkehr. Die Gebirgsjäger richteten sich zur Verteidigung ein, dabei verwendeten sie auch zwei erbeutete amerikanische Panzerjäger. Wütende Gegenangriffe der Task Force Herren (274th und 276th Infantry Regiment)  konnten zunächst abgewiesen werden, aber am 6. Januar kämpfte sich das 2/274th Infantry Regiment mit der Unterstützung der Company B des 781th Tank Battalion bis zur Ortsmitte vor. Die Positionen der kämpfenden Parteien waren so verworren, dass die Panzer zunächst nur ihre Bord-MG, nicht die Hauptwaffe einsetzen durften.

Zwei Shermans gingen durch Panzerfäuste verloren, vier Panzermänner wurden dabei getötet. General Herren, der ungeduldig die ihm unterstellten Kommandeure zu unablässigen Angriffen antrieb, hielt es selbst nicht mehr in seinem Hauptquartier aus und begab sich persönlich in die vorderste Linie. Die amerikanischen Infanteristen eroberten Haus um Haus zurück.

Captain Davenport, der die Fox Company kommandierte, gab trotz vierfacher Verwundung die Führung erst ab (an Lieutenant Davis), als der Blutverlust ihn bewegungsunfähig machte. Der Widerstand der SS-Männer war verbissen. Eine „Feuerwehr“, die die Untersturmführer Carlau und Zöpf vom 3. Bataillon aus den Soldaten des Regimentsstabes gebildet hatten, konnten kleine Vorstöße der Amerikaner war abwehren, aber den Gebirgsjägern ging trotz aller Feuerdisziplin langsam die Munition aus. Es kam immer wieder zu blutigen Häuserkämpfen. Sgt Swain von der Easy Company, 274th Infantry Regiment, drückte es so aus: “We were green as hell and were up against the toughest soldiers we ever ran into.”

Immerhin konnte seine Kompanie unter der Führung von Captain Sisson die im Keller der Kirche eingesperrten Gefangenen befreien. Das 2nd Battalion, 274th Infantry Regiment erhielt die „Presidential Unit Citation“. In der Nacht vom 7. zum 8. Januar zogen sich die Überreste der deutschen Truppen aus Wingen zurück: das I. Bataillon hatte 290 Mann (von ursprünglich 400) verloren, das III. 210 (von 310 zu Angriffsbeginn).

Damit könnte man die „Operation Nordwind“ als gescheitert betrachten, wenn nicht der Einsatz der amerikanischen Reserven die Front andernorts gefährlich ausgedünnt hätte. 

Ein Angriff der Heeresgruppe Oberrhein über den Rhein hinweg führte zur Bildung des Brückenkopfes von Gamsheim, schon in gefährlicher Nähe zu Straßburg. Selbst der Einsatz amerikanischer Panzerdivisionen (der 14th Armored Division in Teilen und der 12th Armored Division) konnte diesen Brückenkopf nicht beseitigen.

21. Panzerdivision und 25. Panzergrenadierdivision, die als operative Reserve im Raum Bitsch zurückgehalten wurden, wurden aufgrund des amerikanischen Abwehrerfolgs rund um Wingen und Niederbronn in den Raum Weißenburg verlegt. Ihr Angriff auf die auf die Maginotlinie zurückgegangenen US-Truppen bei Hatten war der Auftakt zur verlustreichen Schlacht von Hatten. Eigentlich war ein Zurücknehmen der amerikanischen Front auf eine Linie entlang des Flusses Moder von Devers und Patch geplant und autorisiert.

Die Notwendigkeit, die in Hatten und Rittershoffen abgeschnittenen US-Einheiten herauszuhauen, führte zu einer ganzen Serie wütender amerikanischer Angriffe im Kampfraum nördlich des Hagenauer Forsts, bei Niederbronn blieb die Lage ruhig. General Brooks nimmt schließlich am 20./21. Januar nach dem Entsatz seiner Leute in den beiden Ortschaften die Front auf die Moderlinie zurück. Damit wurde Hagenau zur Frontstadt, Niederbronn wurde am 20. Januar aufgegeben. Das geschah sehr zum Unverständnis der elsässischen Zivilbevölkerung, die nicht verstehen konnte, warum ungeschlagene US-Verbände die Stadt räumten, die nachrückenden Wehrmachtverbände waren ebenso abgekämpft und völlig unmotorisiert.

Im Februar räumten französische Einheiten mit der tatkräftigen Unterstützung der 3rd Infantry Division (und der eilends herangebrachten 28th Infantry Division) den Brückenkopf bei Colmar aus. Die amerikanische Front an der Moder hielt, wenn auch Hagenau mit Reserven verstärkt werden musste. Anfang Februar wurde die Task Force Herren aufgelöst, ihre Infanteristen wurden nun im Divisionsverband (70th Infantry Division) eingesetzt, da Artillerie und andere Divisionstruppen inzwischen eingetroffen waren.

Der am 15. März beginnende Großangriff („Operation Undertone“) der 7th Army und der 3rd Army (General Patton) brachte das beim Unternehmen Nordwind verlorene Gelände innerhalb kurzer Zeit wieder zurück. Die 70th Infantry Division kämpfte mit der 3rd Army in der großen Saar-Offensive Pattons und eroberte dabei das Dorf Spichern (fr.: Spicheren). Für seine Tapferkeit und Entschlusskraft am 3. Januar 1945 erhielt Turner später die Medal of Honor, mit der ihn Präsident Truman persönlich dekorierte. Er tat dies mit den Worten: „I would rather have that medal than be president of the United States.”

Sein alter Bekannter aus Philippsburg, Joseph K. Donahue, nunmehr Captain, erhielt für den Einsatz bei Spichern den Silver Star, den ihm Feldmarschall Montgomery mit den folgenden Worten verlieh: “I want to pay tribute to the gallantry of the American soldier. He is an excellent fighting man.”

Epilog

George B. Turner erhält die Medal of Honor.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Untersturmführer Wolf T. Zöpf in amerikanischer Gefangenschaft, er war bei dem Versuch, seine Leute aus dem amerikanischen Einkreisung bei Wingen zu führen, verwundet und gefangengenommen worden. Der geborene Lette baltendeutscher Herkunft lebte später in der Bundesrepublik Deutschland und schrieb ein in den USA verlegtes Buch über die Schlacht von Wingen („Seven days in January“). Die Veteranenvereinigung der 70th Infantry Division machte ihn zu einem ihrer Ehrenmitglieder. Zöpf organisierte auch ein Treffen der Veteranen beider Seiten, das in den USA große Beachtung fand.

George B. Turner starb am 29. Juni 1963 in Encinco, Kalifornien. Er liegt in Arlington begraben.