Der Gotthard – das Herz der Schweiz

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Das Gotthardmassiv im Herzen der Schweiz.

Wieder legt der Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer im Rahmen der GMS-Reihe eine gehaltvolle Jahresschrift vor – die 43. Nummer. 2019 diente er mit Hervé de Weck, Porrentruy, der “cohésion nationale” über die deutsch-französische Sprachgrenze hinweg. Jetzt nimmt er sich mit vier kompetenten Autoren des transalpinen Zusammenhalts zum Tessin an: wahrhaftig ein zentrales, zentriertes Werk: “Gotthard – das Herz der Schweiz”.

  • Im magistralen Hauptteil belegt Hans Rudolf Fuhrer, dass der Gotthardraum eine militärische Schlüsselstelle sondergleichen bildet: “Ein Verlust im Krieg kann bedeuten, dass in diesem Abschnitt der Verteidigungsauftrag nicht mehr oder nur noch teilweise erfüllt werden kann.”
  • Wie es sich gehört, widmet Fuhrer dem potentiellen Gegner ein eigenes, auf sorgfältiger Quellenarbeit beruhendes Kapitel. Er zeigt die Bedrohung Süd von Benito Mussolinis Machtübernahme 1922 bis zur dramatischen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 29. April 1945, zu welcher der damalige Major i Gst Max Weibel mutig das Fundament legte.

Bedrohung Süd, Abwehr Süd, Fortifikation

  • Ebenso gründlich legt Hans Rudolf Fuhrer die Schweizer Operationsplanung Süd dar. Bewusst richtet er das Hauptaugenmerk auf den mittleren Abschnitt, den Kampfraum der 9. Division und der 9. Gebirgsbrigade.
  • In seiner operativen Analyse verbindet der Autor meisterhaft Text, Karten und Grafik.
  • Ohne geografischen Durchblick erschliesst sich dem Leser im stark gekammerten, “kanalisierten” Alpenraum die gründliche Abwehrplanung nur schwer. Doch sprachlich und kartografisch besticht Fuhrers Darstellung erneut – ein zeitgeschichtlicher Lesegenuss.
  • Akribisch bringt Fuhrer die Festung Gotthard zum Tragen. Zu Recht nennt er sie das Herzstück des Reduits von General Henri Guisan. Er spannt den Bogen von Dufours Fortifikation Bellinzona bis zur militärisch tragischen Liquidierung des einzigartigen Bollwerks zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Leventina > Zugang zum Gotthard. Links Rodi, rechts die Kirche Prato. Ganz hinten hell vertikal die Druckleitung vom Ritomsee zum Kraftwerk Piotta. Dort führt auch die Ritombahn hoch.

Blenio und Leventina – kein Durchkommen

  • Der Tessiner Geschichtsschreiber Mattia Piattini, von Beruf Redaktor SDA, unterstreicht die Bedeutung der Sperrstelle Lodrino–Osogna. Die originale Wirkungskarte führt plastisch vor Augen: Südlich von Biasca gab es kein Durchkommen.
  • 1925 bestätigte ein Ingenieurkurs der Genie den topografischen Vorzug des engen Talbodens, umgeben von steilem Fels. Wer von Süden kam, musste das Engnis Lodrino–Osogna passieren. Die Umgehung ist dort ausgeschlossen.
  • So entstand die Sperrstellung, die den feindlichen Durchmarsch nach Norden verhinderte. Sie schützte Biasca und unterband den Zutritt zum Bleniotal (Lukmanier) und zur Leventina (Gotthard).

Festungswacht, Weisse Kraft, NEAT 

  • Bruno Bommeli trat 1959 ins Festungswachtkorps (FWK) ein und stieg bis zum Chef Stab Festungszone 2 in Kriens auf. Er schildert die Stromversorgung im Gotthardraum und die Geschichte des FWK. Letztere liest der distanzierte Betrachter mit Respekt und einer gewissen Wehmut auf.
  • Andreas Fuhrer ist Sekundarlehrer und befehligte die Geb S Kp I/1. Er untersucht die “Weisse Kraft am Nufenenpass”, dem 2478 Meter hohen, automobilistisch spannenden Übergang. Der Text überzeugt dank überlegener, neutraler Sachkunde. Grandios mutet das ganzseitige Bild der Luftwaffe an; wer militärisch oft vom Goms ins Bedrettotal fuhr, erkennt, wie sicher sein Motorfahrer war …
  • Ein Kabinettsstück liefert Peter Zbinden, dipl. Bauing. und erfahrener Kommandant von Gebirgstruppen. Der Gesamtprojektleiter NEAT begründet mathematisch-operativ, weshalb die “AlpTransit Gotthard AG” den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel “qualitäts-, zeit- und kostengerecht” baute – ein Zeitdokument erster Güte aus berufener Feder.    

 

Bezugsort: GMS-Bücherdienst (rudolf.widmer-gms@bluewin.ch) oder beim Herausgeber (hansrfuhrer@bluewin.ch); Preis: Fr. 30.- (plus Porto)