Der erste Luftlandepanzer der Welt

Standard

 

Der Prototyp.

 

  • Spezialkräfte, auch Luftlandetruppen, gewinnen laufend an Bedeutung. In der russischen Armee bildet das Luftlandekorps eine eigene Teilstreitkraft. In den 1930-er-Jahren waren es auch die Rote Armee, die das militärische Fallschrmspringen erfand.
  • Wie unser geschichtskundiger Panzerkenner Hagen Seehase berichtet, kommt die Ehre, den ersten echten Luftlandepanzer gebaut zu haben, den USA zu. Lesen Sie selbst, was er zum Locust/M22 Light Tank schreibt.

 

Der Locust/M22 Light Tank

Acht „Locusts“, leichte luftlandefähige Panzer, sollten mit riesigen Hamilcar-Lastenseglern östlich des Niederrheins gelandet werden. Das Kommando über diese kleine Streitmacht führte Lieutenant-Colonel Godfrey Stewart. Geschleppt von Handley-Page-Halifax-Viermot-Bombern näherten sich die Hamilcars bei perfektem Wetter ihren Landezonen. Sie steuerten Landezone P an, die den Schwergewichten unter den Lastenseglern vorbehalten war. Ein Segler mit dem Locust-Panzer von Sergeant Dawson an Bord zerbrachin der Luft. Ein weiterer wurde von deutscher Flak getroffen, und der Locust überschlug sich bei der nachfolgenden Bruchlandung des Gleiters.

Locust-Luftluftlandepanzer bei der Operation Plunder.

Von den sechs unzerstört gelandeten Locusts erreichten zwei den Sammelpunkt erst gar nicht. Einer davon hatte versucht, bedrängten amerikanischen Fallschirmjägern zu helfen, die von einem deutschen Jagdpanzerbeschossen wurden. Das war der Locust von Lieutenant Kenwood. Sechs Treffer mit der 37mm-Bordkanone konnteKenwood an dem Feindpanzer anbringen – ohne sichtbaren Effekt.

Originalkarten zur Operation Plunder.

Dann wurde der Locust selbst von der Acht-Acht des Jagdpanzers getroffen. Verwundet booteten Kenwood und sein Fahrer Sgt. Peckham aus und wurden von den amerikanischen Soldaten versorgt und in Sicherheit gebracht. Ein weiterer Locust bliebliegen, als versucht wurde, damit einen Jeep aus einem bruchgelandeten Gleiter zu ziehen. Immerhin konntedieser fahruntüchtige Locust britischen Fallschirmjägern Feuerunterstützung gewähren. Lt.Col. Stewart versuchte, seine verbliebenen Panzer zu sammeln, im offenen Turmluk stehend blieser ein Jagdhorn.

Von den vier Panzern, die den Sammelpunkt erreichten, waren zwei Locusts beschädigt: bei einem funktionierte das Bord-MG nicht mehr, beim anderen die komplette Bewaffnung. Die zwei verbliebenen unbeschädigten Fahrzeuge sollten eine Höhe nehmen, unterstützt durch das Feuer des einenbeschädigten Panzers. Die beiden Locusts wurden bald durch eine Infanteriekompanie unterstützt, aber sie zogen das Feuer deutscher Panzerabwehrwaffen an. Deutsche Artillerie schosssich auf die leichten Panzer ein und verursachte Verluste bei der Infanterie. Deshalb zogsich die kleine Kampfgruppe zurück. Man lieferte sich noch mit nachdrängenden deutschen Kräften ein Nachhutgefecht, bis eine Kompanie des 44thRoyal Tank Regiment mit Sherman-DDs eintraf.

Locust ohne Turm.

Der Locust war ein leichter Panzer aus amerikanischer Produktion, der im Zweiten Weltkrieg bei den britischen Luftlandeverbänden eingesetzt wurde.

Die Entwicklung begann 1941 auf Anfrage des britischen War Office bei der amerikanischen Regierung nach einem luftlandefähigen Panzer. Das United States Ordnance Department gab den Auftrag an Marmon-Herrington, die schon große Erfahrung im Bau leichter Panzer hatten – allerdings waren die leichten Panzer dieser Firma bislang kein besonderer Erfolg, weder technisch, noch taktisch, schon gar nicht wirtschaftlich.

Nur weil Marmon-Herrington beim Aufrüstungsprogramm für die U.S. Army nicht eingespannt war, hatte die Firma Kapazitäten für den Bau leichter Panzer für Interessenten im Ausland. Die Administration von Niederländisch-Ostindien bestellte Panzer, von denen nur sehr wenige ausgeliefert wurden. Nur sieben von den in den USA georderten CTLS erreichten rechtzeitig Niederländisch-Ostindien, ein Transportschiff, die M/S Straat Soenda, ging mit 80 CTLS an Bord unter, der Großteil wurde nach Australien umgeleitet, wo die Panzer Trainingszwecken dienten, bevor sie verschrottet wurden. Einige CTLS wurden von der U.S. Army zu Sicherungszwecken in Alaska und auf Nova Scotia verwendet, andere wurden an die niederländischen Truppen in Surinam geliefert. Der M22 Light Tank sollte der erste (einigermaßen) erfolgreiche Panzerentwurf der Firma Marmon-Herrington werden.

Israelische Soldaten mit abgeschossenem Locust (Krieg 1948/49 gegen Ägypten).

Der erste seiner Art.

Im Mai 1941 erschien der Prototyp. Er wurde „Light Tank T9 (Airborne)“ benannt und sollte von einer C-54 Skymaster transportiert werden können. Dazu wurde der Turm gezogen und im Laderaum der Transportmaschine verstaut. Dann wurde die Panzerwanne unter dem Rumpf der Skymaster befestigt. So ließ sich tatsächlich starten, fliegen und landen. Für einen Einsatz in einer Kampfzone oder auch nur in der Nähe war dieses System natürlich völlig unpraktikabel.

Nach einer Reihe von Verbesserungen wurde die Serienproduktion im April 1943 aufgenommen, bald aber wieder ganz zurückgefahren, als sich ernsthafte technische Probleme einstellten. Erst Ende 1943 verließen größere Stückzahlen die Produktionsanlagen, Anfang 1944 sank die Produktion dann wieder, als man den Panzer als überholt ansah. Bis zur gänzlichen Einstellung der Produktion im Februar 1945 wurden 830 Locusts gebaut.

260 davon gelangten im Rahmen des Lend-Lease-Abkommens nach Großbritannien. Hier glaubten die Dienststellen kurioserweise, der Locust sei ein besserer Luftlandepanzer als der Tetrarch, eine britische Entwicklung. Die Fahrzeugnummern der britischen Fahrzeuge lagen zwischen T.15877 und T.159376.

Siebzehn Locusts kamen Ende 1943 zum 6thAirborne Armoured Reconnaissance Regiment, wurden aber bald wieder vom Tetrarch abgelöst. Im Oktober 1944 jedoch ersetzten die Locusts ihrerseits die verbliebenen Tetrarchs. Der Grund für dies Hin-und-her liegt in der Hauptwaffe beider Panzertypen. Der Locust (das war die britische Bezeichnung, die amerikanische war M22) war mit der amerikanischen37mm-Kanone bewaffnet. Der Tetrach hatte die britische Zwei-Pfünder-Kanone. Beide Waffen hatten annähern gleiches Kaliber, allerdings wurde nicht die gleiche Munition verwendet. Für die Hauptwaffe des Tetrach gab es keine hochexplosive Munition, nur panzerbrechende Wuchtgeschosse.

Obwohl die Truppe stets nach dieser Munitionssorte (Brisanzgranaten) verlangte, bekam sie sie nicht, obwohl sie (in geringen Mengen) produziert wurde und ungenutzt in Depots herumlag. Für die 37mm-Kanone des Locusts gab es hochexplosive Munition, wenngleich deren Wirkung begrenzt blieb (wegen der geringen Sprengladung waren die Sprengwolken sehr klein und konnten schlecht ausgemacht werden). Das war ein Vorteil für den Locust. Dann erhielt der Tetrach den sogenannten „Littlejohn-Adaptor“.

Das war eine Vorrichtung, mit der das Rohr der Kanone verlängert, ergo die Mündungsgeschwindigkeit erhöht wurde. Die Durchschlagskraft und damit die Panzerabwehrfähigkeit des Tetrachs wurden (etwas) verbessert. Außerdem erhielten die Luftlandeverbände nun doch hochexplosive Zweipfündergranaten zugeteilt: Vorteil für den Tetrach. Schließlich wurde der Littlejohn-Adaptor auch für den Locust adaptiert. Hinsichtlich der Leistungsparameter der Hauptwaffe waren beide Panzertypen nun gleich.

Im Oktober 1944 bestand das Airborne Armoured Reconnaissance Regimentaus vier Kompanien mit insgesamt 358 Mann (davon 32 Offiziere). Jede der beiden Spähkompanien hatte vier Locusts für Luftlandeeinsätze (oder vier Cromwells für Bodeneinsätze) nebst sechs Bren-Carriern und sechs Daimler Scout Cars. Dazu kamen in einer Unterstützungskompanie acht schwere wassergekühlte Vickers-MG auf Bren-Carriern, dazu Mörser und Motorräder. Ende 1944 wurde das Regiment an der Maas eingesetzt, dann wieder nach England verlegt.

Im März 1945 machte sich die 6th Airborne Division bereit, den geplanten Rheinübergang der 21stArmy Group bei Weselzu unterstützen.

Am 24. März sollte die Division, unterstützt durch die amerikanische 17thAirborne Division bei Wesel mit dem Fallschirm oder mit Lastenseglern landen. Die „Operation Varsity“ war der einzige Kampfeinsatz der Locusts im Rahmen der britischen Armee, die den Panzer 1946 für obsolet erklärte. Die Locusts wurden verkauft: ein Kunde war Belgien, in den Panzereinheiten der belgischen Armee liefen turmlose Locusts noch einige Jahre als Führungsfahrzeug.

Die ägyptische Armee (sie erhielt 50 Locusts aus britischen Beständen) setzte Locusts im israelischen Unabhängigkeitskrieg ein, einige fielen in die Hände der israelischen Armee, die drei selbst einsetzte (bis 1952).

 

Eine Übersicht über die technischen Daten

Gewicht:  7380 kg

Länge:       3,95 m

Höhe:         1,80 m

Motor: luftgekühlter 6-Zylinder-Benzinmotor mit 162 PS

Höchstgeschwindigkeit:  56 km/h

Crew:  3 Mann

Bewaffnung: eine 37mm-Kwk, ein koaxiales Browning-MG, Kaliber .30-06

 

Der Autor dankt Charles C. Roberts aus den USA ganz herzlich für die Unterstützung.