Der Agent, der Krakau rettete

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Der Retter von Krakau im Krieg (rar).

In Moskau starb im Alter von 103 Jahren Alexei Botjan, der russische Geheimdienstoffizier, der am 18. Januar 1945 die Altstadt von Krakau rettete.

Als die Rote Armee im Dezember 1944 immer weiter nach Westen vorrückte, brach unter den Nazis Panik aus. Überstürzt zog Adolf Hitler Truppen aus Polen ab, um sie nach Ungarn in Marsch zu setzten.

Unter allen Umständen wollte er den Kessel um Budapest lösen und die ungarischen Ölfelder verteidigen. Auch aus der polnischen Stadt Krakau sollten die deutschen Truppen abgezogen werden. Doch die geschichtsträchtige Stadt durfte der Roten Armee nicht in die Hände fallen. So schmiedete die Wehrmacht einen Plan zur Vernichtung von Krakau.

  • Die Nazis riegelten den Roznow-Damm ab.
  • Falls sowjetische Truppen in die Stadt einmarschierten, wollte man die Schleusen öffnen.
  • Die Flutwelle solle Krakau niederreissen und die Rote Armee ins Chaos stürzen.
  • Zusätzlich sollten die Brücken und die Altstadt gesprengt werden.

UNESCO-Weltkulturerbe Krakau (pt).

Botyan erfährt vom Plan

Doch ein Geheimdienstoffizier der Roten Armee erfuhr von dem Plan: Alexej Botjan. Er führte zu dieser Zeit ein Partisanennetzwerk im besetzten Polen.

Der polnische Widerstand war ein Schmelztiegel verschiedener Kräfte: die Heimatarmee, die der polnischen Exilregierung in London unterstellt war, die kommunistischen Polen der Volksarmee und die bewaffneten Bauernbataillone.

Botjan gelang es, mit allen eine gemeinsame Sprache zu finden. “Er fühlte sich unter den Polen zu Hause, was einen Teil seines Erfolgs ausmachte. Er fügte sich perfekt ein, weil er ein Schauspieler war, ein grossartiger Schauspieler”, erinnert sich Georgi Sannikow, ein Veteran des russischen Geheimdienstes.

Sannikow: “Glauben Sie mir, wenn Sie ein Illegaler – ein Spion, ein Späher oder was auch immer – und kein Schauspieler sind, werden Sie nicht weit kommen.”

Der Weg zur sowjetischen Geheimpolizei

Botjan verfügte über dieses Talent. Er hatte fast den gesamten Zweiten Weltkrieg hinter den feindlichen Linien verbracht; zuerst im besetzten Weissrussland, dann in der Ukraine, zum Schluss in Polen. Sein Auftrag lautete, den Vormarsch der sowjetischen Truppen zu begünstigen.

1917 kam Alexej Botjan auf die Welt. Hernach zerbrach das russische Zarenreich. Sein Heimatdorf lag von nun an auf dem Gebiet der neu entstandenen Zweiten Polnischen Republik.

1939 wurde er kurz vor der nationalsozialistischen Invasion in die polnische Armee eingezogen. Als Unteroffizier der Luftabwehr verbrachte er die ersten Tage des Zweiten Weltkriegs damit, auf Junkers-Stukabomber zu schiessen.

Als die polnische Armee aufgerieben wurden, floh Botjan nach Osten und ergab sich der Roten Armee. Mit Fahnenflüchtigen wurde in Stalins Reich kurzer Prozess gemacht. Doch Botjan entging dem Tod und wurde stattdessen in den Dienst der Geheimpolizei NKGB aufgenommen.

Das Wawel-Schloss in Krakau (pt).

Die Operation zur Rettung Krakaus

Nach einer anderthalbjährigen Ausbildung wurde Botjan wieder nach Polen geschickt. Sein Auftrag lautete:

  • Sabotageoperationen durchzuführen,
  • den Guerillakrieg zu organisieren
  • und ein Agentennetzwerk aufzubauen.

Das gelang dem damals 28-Jährigen. Von einem Ingenieur, den seine Partisanengruppe gefangen nahm, erfuhr er im Januar 1945 von dem Plan der Deutschen, das Juwel Krakau zu zerstören.

Am 10. Januar 1945 bestätigten sich diese Informationen, als die Untergrundkämpfer das deutsche Hauptquartier in die Luft jagten. In der Aktentasche eines Toten fanden die Partisanen den detaillierten Plan zu Sprengung des Damms und der Krakauer Altstadt.

Sprengstoff in einer Burg

Den Sprengstoff lagerte die Wehrmacht in einer Burg südöstlich von Krakau. In einer riskanten Operation nahm Botjan direkten Kontakt mit einem der Offiziere der Garnison auf. Der Pole, der 1939 von der Wehrmacht mobilisiert wurde, war bereit, die Seiten zu wechseln, und erklärte sich nach langen Gesprächen mit dem sowjetischen Geheimdienst bereit, an der Operation teilzunehmen.

“Ich gab ihm eine Mine, eine britische, mit einer Zündschnur und wies ihn an, zum Munitionslager zu gehen”, berichtete Botjan später. Vermutlich hat der Überläufer die Mine einem ahnungslosen Untergebenen weitergereicht, der sie im Lager deponierte.

18. Januar 1945, 5.20 Uhr

Am 18. Januar 1945 um 5.20 Uhr erschütterte eine gewaltige Explosion die Burgmauern. Unter den Trümmern wurden mehrere 100 deutsche Soldaten begraben – und mit ihnen der Plan, Krakau zu zerstören. Wenige Tage später marschierte die Rote Armee in die Stadt ein.

Botjan vor seinem Bild (rar).

“Krakau zu retten ist das Wichtigste, was ich in meinem Leben getan habe”, sagte Botjan Jahrzehnte später. 2007 wurde er dafür mit dem höchsten Orden der Russischen Föderation ausgezeichnet.

Jetzt ist der “Held Russlands” gestorben, drei Tage nach seinem 103. Geburtstag. Präsident Putin nannte den Verstorbenen einen “legendären Geheimdienstoffizier” und “wahren Patrioten”.