Der 8×8 Panzerspähwagen mit 75-mm-Kanone

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Achtradspähwagen mit 75mm-Pak der Wehrmacht.

Wir danken Hagen Seehase für seine Beitrag zum 8×8 Panzerspähwagen, den die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an mehreren Fronten einsetzte. Als “Puma” war er ein Namensvorgänger des Schützenpanzers Puma, des Sorgenkinds der deutschen Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Rheinmetall Landsysteme GmbH (RLS).

 

Von Hagen Seehase

22. Dezember 1944: die Panzerspähwagen und Schützenpanzer der „Kampfgruppe Böhm“ bewegten sich in schneller Fahrt durch die Ardennen auf ihr Operationsziel –  die Maas – zu. Im Kern bestand die Kampfgruppe aus der Panzer-Aufklärungs-Abteilung 2, die zur 2. Panzerdivision gehörte.

Nach den schweren Verlusten seit den Normandie-Kämpfen war diese Panzer-Aufklärungs-Abteilung noch nicht völlig wiederhergestellt. Eine Kompanie befand sich noch in der Neuaufstellung, eine andere war gar nicht vollständig motorisiert. Immerhin verfügte man aber über zehn Puma-Panzerspähwagen, dazu kamen noch zwei der sehr ähnlichen Sd-Kfz 234/1 mit ihrer 20mm-Kanone und noch zwei Sd-Kfz 234/3 mit ihrer kurzen, aber wirksamen 75mm-Kanone.

Wo es an Fahrzeugen mangelte, machten die Aufklärer es an Einsatzerfahrung und taktischem Geschick wett. Die Männer von General Hasso von Manteuffels 5. Panzerarmee stiessen weiter vor als die Soldaten der 6. SS-Panzerarmee, und einer der Gründe war der, dass die Wehrmachtsgroßverbände ihre Aufklärer geschickter verwendeten, als das bei der Waffen-SS der Fall war.

Die Panzeraufklärer der Wehrmacht hatten die bittere Lehre gemacht, dass es für Panzeraufklärer das Wichtigste war, in Bewegung zu bleiben und Aufklärungsergebnisse zu melden. Das Niederkämpfen feindlicher Widerstandsnester überließ man folgerichtig bei der „Kampfgruppe Böhm“, wenn es eben ging, der vom Panzerregiment der Division detachierten Kampfpanzerkompanie mit ihren Panthern. Allerdings halfen jene auch nicht gegen die Jagdbomber der Amerikaner, und die tauchten ausgerechnet jetzt wieder auf….

Die Panzeraufklärer und ihre Achtradspähwagen

Der Versailler Vertrag erlaubte dem Deutschen Reich keine gepanzerten Gefechtsfahrzeuge, allerdings durfte die Reichswehr eine gewisse Anzahl an gepanzerten Radfahrzeugen für Sicherungseinsätze behalten. Diese Fahrzeuge waren straßengebunden und schnell veraltet, gaben aber den Anstoß zur Entwicklung der deutschen Radspähpanzer.

Der Spähpanzer Puma.

1926/27 vergab das Heereswaffenamt Entwicklungsaufträge für schwere Panzerspähwagen an die Firmen Büssing, Daimler-Benz und Magirus. Bei Büssing entstand ein Zehnradpanzerwagen, bei den anderen Firmen Achtradpanzerwagen, die aber nicht über das Prototypenstadium hinauskamen. Sie waren technisch anspruchsvoll und sehr teuer. Deshalb entschloss man sich, Fahrgestelle von Dreiachs-Lastkraftwagen mit Panzeraufbauten zu versehen.

Es entstanden die Sechsrad-Panzerspähwagen, von denen zwischen 1930 und 1936 knapp 1000 Stück gebaut wurden. Im Polen- und im Frankreichfeldzug wurden sie häufig eingesetzt, danach nur noch zu Ausbildungszwecken. Die Fahrzeuge waren untermotorisiert und mit der Antriebsformel 6 x 4 kaum geländegängig. Schon 1937 war bei Büssing ein Achtrad-Panzerspähwagen entstanden, der fortschrittliche Konstruktionsmerkmale wie Allradantrieb und Doppellenkung aufwies. Von diesem „Typ GS“ liefen bis 1942 bei Büssing-NAG 1235 Stück verschiedener Varianten vom Band.

Die Panzeraufklärer spielten innerhalb der „Aufklärerfamilie“ der Wehrmacht eine zunehmende Rolle, da ihre Feuerkraft und ihr taktische Vielseitigkeit die der Radfahrerkompanien, Reiterschwadronen und Kradschützen übertraf.

Mit dem Achtradspähwagen vom Typ GS von Büssing hatten die Panzeraufklärer ein hervorragendes Fahrzeug, mit dem sie weiträumig operieren konnten. Hauptaufgabe war das truppweise Erkunden von Wegeverhältnissen und das Aufklären von feindlichen Kräftekonzentrationen, besonders Panzeransammlungen und Artilleriestellungen. In der Theorie sollten die mit einer oder zwei Kompanien dieser schweren Panzerspähwagen (beladen rund 8,5 Tonnen) ausgerüsteten Panzer-Aufklärungs-Abteilungen bis zu 100 km hinter der feindlichen Front operieren und möglichst unentdeckt bleiben.

In Nordafrika mit seinen weiten Gefechtsfeldern stießen die deutschen Panzeraufklärer aber bald auf die britischen Armoured Car Regiments. Die waren schwerer bewaffnet und hatten eine aggressive Einsatzdoktrin. Den britischen Aufklärern gelang es zumeist, die deutschen Panzeraufklärer weit vor den eigenen Linien abzufangen. Das Auftreten kampfstarker, kanonenbewaffneter Armoured Cars tat ein übriges. So erhielten die King´s Dragoon Guards Ende Januar 1943 in Tunesien 16 A.E.C. Armoured Cars.

Nur wenige Tage später erzielte Lieutenant Eggleton den ersten Kampferfolg und schoss einen deutschen Achtrad-Panzerspähwagen mit dem ersten Schuss ab. Abgesehen von einer Variante (Sd.Kfz. 233), die mit der 75mm-L/24-Sturmkanone bewaffnet war, hatte der Achtradpanzerspähwagen die gleiche (unzulängliche) Bewaffnung des Vierradpanzerspähwagens Sd.Kfz. 222, war aber deutlich auffälliger. Die Notwendigkeit, einen Nachfolger mit verbesserter Bewaffnung und niedrigerer Silhouette zur Einsatzreife zu bringen, wurde in Nordafrika überdeutlich.

Sd.Kfz 234: der Puma und seine Brüder

1943 brachte Büssing-Nag ein neues Modell des Achtradpanzerspähwagens heraus, den „Typ ARK“. Der luftgekühlte V12-Dieselmotor von Tatra erbrachte im Zusammenspiel mit den übergrossen Tanks einen enormen Aktionsradius, Geländegängigkeit und Straßengeschwindigkeit waren gut. Die kompakte Bauweise mit einer selbsttragenden Wanne bewirkte eine niedrige Silhouette. Der Panzerspähwagen konnte dank des Rückwärtsfahrers und eines Getriebes mit sechs Vorwärts- und Rückwärtsgängen schnell die Richtung wechseln.

Die Panzerwanne war nur wenig stärker gepanzert als die des Vorgängermodells (abgesehen von der Frontpanzerung), aber die bessere Formgebung ergab einen deutlich größeren Schutz. Die bei der Funkwagenvariante des Vorgängers (Sd.Kfz. 263) verwendete auffällige Rahmenantenne entfiel. Vom Sd.Kfz. 234 wurden vier Varianten produziert. Ursprünglich für die Verwendung im Afrikakorps vorgesehen, dort aber nicht mehr zum Einsatz gekommen, dienten die Fahrzeuge der ARK-Reihe bis Kriegsende.

Etwas verwirrend ist die Nomenklatur der Baureihen.

  • Die erste und bekannteste Version Sd.Kfz. 234/2 (Panzerspähwagen „Puma“ – das ist allerdings eine inoffizielle Bezeichnung) erhielt einen Turm mit der Kampfwagenkanone 50mm-KwK L/60, der ursprünglich für den projektierten (aber nie gebauten) Spähpanzer VK 1602 Leopard gedacht war.  Insgesamt wurden von Dezember 1943 bis Juni 1944 101 „Puma“ gebaut.
  • Die zweite Version Sd.Kfz. 234/1 war wieder mit einem flacheren Turm mit der 20mm-KwK 38 ausgerüstet. Etwa 200 Exemplare wurden von Mitte 1944 bis Anfang 1945 produziert.
  • Die nachfolgenden Versionen, Sd.Kfz. 234/3 und Sd.Kfz. 234/4, wurden mit oben offenen Aufbauten – statt Drehtürmen – ausgerüstet. Die Ausführung Sd.Kfz. 234/3 erhielt die aus den frühen Versionen des Sturmgeschützes III bekannte 75mm-L/24-Sturmkanone. Die hatte mit einer speziellen Hohlladungsgranate gute panzerbrechende Wirkung.

Als Unterstützungswaffe

Das Fahrzeug diente als Unterstützungswaffe für die mit der 20mm-KwK 38 bewaffneten Aufklärungsfahrzeuge. Etwa 90 Stück wurden 1944 gebaut, dann wurde die Produktion auf die Version 234/4 mit 75mm-Pak L/48 umgestellt. Der Munitionsvorrat von zwölf Schuss für die Hauptwaffe war aber nicht ausreichend. Etwa 90 Fahrzeuge wurden von Ende 1944 bis Januar 1945 gebaut.

Die Quellenlage ist bezüglich der Produktionszahlen etwas widersprüchlich, es taucht häufig die Zahlenangabe von rund 1000 Stück für alle vier Baureihen auf.   Mit dem Puma wurden die Panzer-Aufklärungs-Abteilung der 2. Panzerdivision und jene der Panzerlehrdivision ausgerüstet. Beide Divisionen erhielten den Sollbestand von je 26 Fahrzeugen, die SS-Panzerdivision „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ erhielt 15 oder 16 Fahrzeuge.

Der Rest der Gesamtproduktion verteilte sich auf Panzerdivisionen der Wehrmacht und Waffen-SS. Den ersten Kampfeinsatz sah der Puma am 8. Juni 1944 in der Normandie (bei der Panzerlehrdivision). Von den ursprünglich 26 Pumas dieser Eliteformation waren am Ende der Kesselschlacht von Falaise nur noch acht übrig: bei der Neuausstattung der Panzerlehrdivision wurden dann Sd.Kfz. 234/2 als Ersatz verwendet.

Die Zahl der Panzer-Aufklärungs-Abteilungen war mit der Umwandlung von Kradschützenbataillonen ab 1943 stark angestiegen, im März 1943 wurden die Kradschützen-Bataillone der Panzerdivisionen, der leichten Afrika-Division und der  motorisierten Infanteriedivisionen sowie die Aufklärungs-Abteilung der 22. Infanteriedivision in Panzer-Aufklärungs-Abteilungen umbenannt.

Zu einer ausreichenden Ausstattung mit Achtradspähwagen (ein oder zwei Kompanien pro Abteilung) kam es aber aufgrund der zu geringen Produktionszahlen nicht. So wurde ein anderes Fahrzeug zum wichtigsten Kampfwagen der deutschen Panzeraufklärer: der leichte Schützenpanzerwagen Sd.Kfz. 250. Auch in der Kampfgruppe Böhm war er das häufigste Fahrzeug: 33 Stück, verglichen mit den 14 Sd.Kfz.234.

Das bittere Ende am Heiligabend

Zwischen Marche und Rochefort stieß die „Kampfgruppe Böhm“ in eine Lücke in der amerikanischen Front. Mehr als 20 Kilometer dem Gros der 2. Panzerdivision voraus, ging der nach ihrem Befehlshaber, Hauptmann von Böhm, benannten Kampfgruppe der Treibstoff gefährlich zur Neige. Böhm richtete sich beim Orte Foy-Notre-Dame zur Rundumverteidigung ein.

Zurückgelassenes Material, hinter dem Baum ein Spähpanzer Puma, bei Foy Notre Dame (bei Dinant, Belgien), 29. Dezember 1944.

Es waren nur fünf Kilometer bis zur Maas bei Dinant. Einige Shermans der britischen 29th Armoured Brigade fühlten vor und schossen sich mit von Böhms Panthern herum. In der kristallklaren Nacht zum 24. Dezember schlichen sich zwei ortskundige belgische Offiziere an die Stellungen der „Kampfgruppe Böhm“ heran und lokalisierten sie.

Am Heiligabend des Jahres 1944 eröffnete britische Artillerie das Feuer auf die Kampfgruppe Böhm, unterbrochen von den Tiefangriffen der P-38-Lightning-Jagdbomber. Dann griffen die britischen Panzer und die Aufklärer des  amerikanischen 82nd Armored Reconnaissance Battalions an. Die Überlebenden der „Kampfgruppe Böhm“ gerieten in Gefangenschaft, 148 Mann, darunter ihr Kommandant Böhm.