Das Zeichen der Ermutigung

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Illustration Deborah Keller.

 

Wieder sendet uns Hptm Asg Sabine Herold, ev. Pfarrerin in Wohlen AG, ihr Zeichen der Ermutigung.

 

Gebet 

Wer will schon gerne schuld sein? 

Niemand. 

Wer schiebt nicht gerne die Schuld von sich weg auf andere? 

Alle. 

Und doch ist sie überall, die Schuldfrage, 

betrifft uns alle, auch mich. 

Und immer wieder neu 

mache ich mich schuldig – 

an dir Gott, an anderen und an mir selbst. 

Stolz, Egoismus, Gier, Neid, Missgunst, Hass, Lügen… 

wohnen und wirken auch in meinem Herzen. 

Es gibt keine Ent-schuld-igung! 

Niemand kann sich selbst ins rechte Licht rücken. 

Das wahre Licht bist du, Gott. 

Du alleine machst es recht und sprichst gerecht. 

Welche GNADE! Amazing grace! 

Unverdientes, teures Geschenk! 

Es kostet dich alles. 

Du bezahlst den Preis 

und 

sprichst mich los, 

sprichst mich frei, 

sprichst gerecht. 

Das entlastet, erleichtert, befreit, beflügelt. 

Meine Seele schwingt sich zu dir empor wie eine Taube1… 

Allein durch deine Gnade bin ich von aller Schuld befreit – 

Halleluja! 

© Sabine Herold (11.4.2021) 

 

So sind wir allein durch seine Gnade von aller Schuld befreit. 

Ein wunderschöner Satz, den der Apostel Paulus an Titus schreibt, und er ist Teil eines Gedichtes bzw. einer Beschreibung des Evangeliums und der lebensverändernden Liebe Gottes (Titus 3,4-7). 

Titus ist ein griechischer Mitarbeiter und Gefährte des Paulus, der jedoch als Gemeindeleiter von verschiedenen Hausgemeinden ganz alleine auf der Insel Kreta wirkt. Er soll dort einiges wieder in Ordnung bringen. Titus hat viel mit Paulus erlebt und von ihm gelernt. Dennoch bleiben einige Fragen offen und zahlreiche Herausforderungen kommen auf Titus zu. Er hat viel Verantwortung und muss wichtige Entscheidungen treffen. Er leitet die Gemeinde, lehrt, begleitet, ermutigt, ermahnt. Er sucht neue Mitarbeitende, die Leitungsaufgaben übernehmen. Keine einfache Aufgabe. Titus braucht selbst Ermutigung und Stärkung. Da erhält er einen Brief von Paulus, der ihn ermutigt und an das erinnert, was wesentlich ist: der Gott der Liebe und Wahrheit, der nicht lügt (Titus 1,2)! 

Titus soll sich zurückbesinnen auf das Zentrum des Glaubens: auf Jesus Christus, die Liebe, Freundlichkeit und Zuwendung Gottes in Person, auf Gottes bedingungsloses Geschenk, nämlich die Erlösung von aller Schuld und das ewige Leben! Dies lässt hoffen – über den Tod hinaus! 

Diese Worte sollten Titus damals ermutigen. Diese Worte wollen auch uns heute noch Mut machen. 

So sind wir allein durch seine Gnade von aller Schuld befreit. 

Wörtlich steht an dieser Stelle im Urtext: «gerecht gesprochen durch dessen Gnade» 

Die Schlüsselbegriffe sind rechtfertigen/ gerecht sprechen und Gnade. 

Das Wort für «gerecht sprechen» sagt aus, dass jemand verteidigt und für gerecht erachtet bzw. erklärt wird. Diese Person erlangt Freispruch. Doch das ist kein billiger Freispruch, denn das Wort beinhaltet zugleich ein Urteil, Gericht, eine Verurteilung und Bestrafung. Die Schuld wird eingefordert und muss bezahlt werden. 

Dieser Preis für die Schuld ist die Gnade, die Paulus als ‘wohlbekannt’ und ‘berühmt’ bezeichnet. Titus, sein Adressat weiss genau, was damit gemeint ist, denn er selbst hat die Gnade und den Freispruch persönlich erlebt. Diese Gnade ist der Liebesdienst und die freundliche Wohltat von Gott, sein Geschenk, dass er uns freispricht von aller Schuld und uns erlöst. Dies kostet ihn seinen Sohn Jesus Christus. 

Wer aber will denn schon etwas von Schuld hören? Wir haben die Begriffe Schuld und Sünde inzwischen fast aus unserem Vokabular gestrichen, und wer noch von Sünde spricht, tut sich vielleicht schwer damit oder tut dies vielleicht sogar mit Schuldgefühlen… Seltsamerweise geht es bei uns Menschen trotzdem ständig um die Schuldfrage und vor allem darum, selbst an nichts schuld zu sein. Deswegen sind wir spezialisiert darin Schuld von uns wegzuschieben… 

Auf Kreta wussten alle, was mit Schuld gemeint ist. Die Bewohner der Insel Kreta, die Kreter, galten im Volksmund als «Lügner» und ‘kretizo’ bedeutet «ein Lügner sein». Den Kretern sagte man Verrat, Korruption, Gewalt und Zügellosigkeit nach. 

Doch das Evangelium der Liebe Gottes durch Jesus Christus bringt das Gegenteil: Wahrhaftigkeit, Integrität, Selbstbeherrschung, Grosszügigkeit. 

Dies weil die Erlösung durch Jesus Christus dazu befreit und weil die grosszügige Gnade und verändernde Liebe von Gott ansteckend ist. 

Gottes Wertesystem unterscheidet sich von demjenigen der Welt, bringt aber Leben und ruft die Menschen in einen neuen Lebenswandel in der Nachfolge Jesu, dem wahrhaftigen und ehrlichen Lebensbegleiter. 

So erinnert Paulus den Titus an die Grundlage des Glaubens und an die Kraftquelle schlechthin: die verändernde Liebe des einen wahren Gottes, der sogar Lügner zu integren Menschen verwandeln kann. 

Wie wäre es, wenn ich mir heute Zeit nehme und darüber nachdenke, wovon Gott mich freigesprochen hat und was diese Gnade Gottes in meinem eigenen Leben bewirkt hat. 

Vielleicht veranlasst mich dies sogar, selbst ein Gedicht auf Gottes Liebesgeschenk zu schreiben und meine Dankbarkeit Gott gegenüber in Worte zu fassen… 

Viel Freude dabei wünscht von Herzen 

Sabine Herold