Das Wunder an der Marne

Standard

Text Dr. Peter Forster, Bilder: dt. und frz. Kriegsarchive

Mit den Marne-Taxis von Paris zur Front.

Vom 4.–10. September geboten die Alliierten in der Marne-Schlacht der tief nach Frankreich eingedrungenen deutschen Streitmacht Einhalt. In Tat und Wahrheit waren es zwei Schlachten:

  • Im Osten wehrten die Franzosen ab dem 4. September vor Nancy, am Oberlauf der Maas und beidseits der Argonnen die Offensive der deutschen V., VI. und VII. Armee ab. Der kaiserliche Kronprinz, der Herzog von Württemberg und Grossherzog Rupprecht von Bayern liessen ihre Armeen erfolglos gegen die französische 3., 2 und 1. Armee anrennen. Die Phalanx der Generale Sarrail, De Castelnau und Dubail hielt dem gegnerischen Ansturm stand. Am 10. September blies in Luxemburg der Generalstabschef Helmuth von Moltke der Jüngere den Angriff ab.
  • In der kriegsentscheidenden Schlacht im Westen warfen die Alliierten den rechten Flügel der deutsch-preussischen Angriffsmaschine zurück. Sie dauerte vier Tage und wird auf den 6.–9. September datiert. An der Marne scheiterte der kühne Plan des deutschen Strategen Graf von Schlieffen, der vorgesehen hatte, dass die I., II. und III. Armee in sechs Wochen Frankreichs gesamte Streitmacht umfassen und vernichten sollte. Vom Herbst 1914 an erstarrte der Erste Weltkrieg zum erbarmungslosen Stellungs-, Graben-, Abnützungs- und Erschöpfungskampf – den Deutschland bekanntlich verlor.

Der Schlieffenplan: In sechs Wochen sollten die deutschen Armeen Frankreich niederringen, um sich dann der Ostfront zuzuwenden.

Graf von Schlieffen, nach Helmuth von Moltke dem Älteren der zweite grosse Stratege des duetschen Kaiserreichs.

70 Kilometer in drei Tagen

Wir richten unser Augenmerk auf die Schlacht im Westen. Winston Churchill, 1914 in London Erster Lord der Admiralität, preist seine Briten: “Vor dem deutschen Rückzug überschritt nur eine Armee die Marne; die britische. Sie war die einzige alliierte Armee, die vorankam. Die Briten gewannen in drei Tagen mehr als 70 Kilometer.”

Britische Infanterie an der Marne, mit dem Lee-Enfield-Repetiergewehr.

Der Patriot Churchill tat seinen Verbündeten Unrecht: Wie die Briten gewannen die Franzosen an der Marne Gelände, auch wenn die da und dort zurückgeworfen wurden. Aber es war ihre Führung, es waren der Generalissimus Joseph Joffre und General Joseph-Simon Gallieni, der Militärgouverneur von Paris, die den Mut aufbrachten, die Invasoren am 6. September auf breiter Front zu stellen – und zu schlagen.

Die französisch-britische Allianz hatte einen ruppigen Auftakt genommen. Sir John French befehligte das Expeditionscorps (BEF), das von England her hastig über den Aermelkanal gesetzt hatte. Er trug die Nase hoch. Die Franzosen nannte er frogs, Frösche. Entsprechend unerfreulich verlief am 17. August sein Antrittsbesuch bei General Lanrezac, dem ebenso selbstbewussten Kommandanten der 5. Armee.

Zum Fischen an die Maas

Sir John French, von sich eingenommen.

General Charles Lanrezac, nicht minder selbstbewusst.

French, weisses Haar, gerötetes Gesicht, markanter Hängeschnurrbart, eingebildet, wenig diplomatisch, betritt Lanrezacs HQ in einem Landschulhaus; das Klassenzimmer ist notdürftig eingerichtet, die Wandtafel noch beschrieben. Immerhin verbeugt sich French vor Charles Lanrezac, dem General mit dem dunklen, kreolischen Gesicht, von sarkastischem Charakter und cholerischem Temperament.

Zur Begrüssung erhebt Lanrezac Vorwürfe: “Wissen Sie, dass Ihre Briten die Schuld träfe, wenn wir jetzt vernichtet wären? Wissen Sie, dass Sie unsere linke Flanke weit offen liessen?”

Briten wie Franzosen schauen sich betreten an.

French ignoriert die Anwürfe. Er sucht höflich zu bleiben und fragt: “Was ist Ihre Meinung, General? Bleiben die Deutschen hinter der Maas? Oder überschreiten sie die Maas?”

Soviel Ignoranz treibt den Franzosen zur Weissglut. Er nimmt den Kneifer ab, wendet sich an Frenchs Dolmetscher und höhnt: “Sagen Sie dem Feldmarschall, nach meiner Meinung sind die Deutschen zum Fischen an die Maas gekommen.”

Tage lang kochte Sir French vor Zorn. Er erwog den Rückzug seiner kleinen Streitmacht nach England. Es bedurfte dann Joseph Joffres Appell an die Ehre des Briten, bis dieser seinen Groll überwand.

Der rechte Flügel der Drehtür

Vom 22.–24. August fügten die feldgrauen Divisionen der Preussen Kluck und Bülow den Briten und Lanzeracs 5. Armee blutige Niederlagen bei. Der Draufgänger Kluck befehligte auf dem deutschen rechten Flügel die I. Armee; im Gegensatz zum uradligen Karl von Bülow gehörte Alexander von Kluck zu den spät geadelten Bürgerlichen. Bülow verkörperte an der Spitze der II. Armee Preussens klassische Generalstabsschule: abwägend, überlegt, gründlich. Er verwarf Klucks kühne Vorstösse und harmonierte schlecht mit ihm. Das Zerwürfnis sollte sich für Deutschland tragisch auswirken.

In nur drei Tagen verloren Sir French und General Lanrezac die Schlachten von Mons und Charleroi. Am 26. August hielt das verstärkte II. BEF-Corps Klucks I. Armee in der heroischen Schlacht von Le Cateau vorübergehend auf. Der Befehlshaber des Corps, Thomas Smith-Dorrien, handelte gegen den Willen seines Vorgesetzten French, der ihm am Vortag den Rückzug befohlen hatte. Smith-Dorriens Befehlsverweigerung rettete die britische Streitmacht vor Klucks Umfassung.

Generalissimus Joseph Joffre, storisch, unererschütterlich auch unter Druck.

Doch unaufhaltsam schien der deutsche rechte Heeresflügel Briten und Franzosen wie eine Drehtür nach Süden abzudrängen. Im französischen Generalhauptquartier gelangte Joseph Joffre spät zur Einsicht, dass seine Doktrin der offensive à l’outrance gescheitert war. Wie die Preussen hatten die Franzosen vor dem Krieg total an die Offensive um jeden Preis geglaubt. L’élan français, lautete die Parole der Stunde.

Joffres Mobilmachungs- und Angriffsplan Numéro XVII bildete das Pendant zum Schlieffenplan. Der französische Generalstab war dem deutschen ebenbürtig. Joffre führte seinen Krieg frei, ohne dass er politischem Zwang unterworfen war – im Gegensatz zu Moltke, dem der unfähige Kaiser Wilhelm II. in Luxemburg dauernd dreinredete.

Franchet d’Espèrey ersetzt Lanrezac

Joffres Sorge galt der 5. Armee. Mehrfach geschlagen, geschwächt und entmutigt, liess sie sich hinter die Marne zurückfallen. Der stolze Lanrezac bockte. Als Joffre einen seiner trefflichen Stabsoffiziere, den klugen Obersten Alexandre, ins HQ der 5. Armee entsandte, beschimpfte Lanrezac den Emissär als “kleinen, missratenen Fibel-Strategen.”

Franchet d’Esperey.

Joffre enthob Lanrezac ein paar Tage später des Kommandos. Der altgediente Adlige Louis Franchet d’Espèrey, aus härterem Holz geschnitzt als der Vorgänger, übernahm die 5. Armee. Als General De Mas Latrie dem Armeestab am Telefon weismachen wollte, sein Corps marschiere nicht mehr, ergriff Franchet d’Espèrey den Hörer und antwortete dem Untergebenen: “Marchez ou crevez!” (“Marschieren oder sterben Sie”); dann schmiss er den Hörer auf die Gabel. Im Sommer 1918 sollte Franchet d’Espèrey auf dem Balkan die alliierte Orient-Armee energisch wie angestammt zum Sieg gegen die deutsch-bulgarische Koalition führen.

Der Generalbefehl Numéro 2

Joseph Joffre erkannte operativ, dass die deutschen Generale den Krieg auf ihrer rechter Flanke zu entscheiden trachteten. Das feindliche Vordringen gebot: Er, Joffre, musste hinter seinem eigenen linken Flügel neue Manövriermasse scharen und Kluck, Bülow und Hausen an den Flüssen östlich von Paris Einhalt gebieten. Am 25. August erliess er den Generalbefehl Numéro 2:

  • “Unsere vorgesehene Offensive wurde nicht durchgeführt.”
  • “Die Operationen auf unserem linken Flügel werden neu geregelt. Es wird dort ein Schwerpunkt gebildet und die Offensive wieder aufgenommen.”
  • “Die Armeen im Osten werden so lange wie nötig den Kräfteeinsatz des Feindes aufhalten.”

Frankreich hatte seit der Niederlage von Sedan sein Strassen- und Eisenbahnnetz ausgebaut. Dabei trug der Genie-Offizier Joffre wesentlich zum Fortschritt bei. Nun verlegte er in vier Tagen starke Verbände an die Westfront. An den Argonnen gaben die 4. und die 3. Armee mehrere Korps ab. Diese bildeten neu das Rückgrat des Detachements Foch, benannt nach General Ferdinand Foch, Joffres bevorzugtem Heerführer. Am 5. September verlieh der Generalstab dem Detachement den Rang der 9. Armee. Neu war auch die 6. Armee von Michel-Joseph Maunoury, deren Korps ihre Einheiten nordostwärts Paris bei der Ortschaft Dommartin sammelten.

Gallienis Marne-Taxis

Mit der Bildung der 6. Armee ist das unsterbliche Engagement der Pariser Taxichauffeure verbunden. Joffre brauchte Maunourys Verband nicht wie vorgesehen als Garnison der Hauptstadt. Er reihte ihn rund 60 Kilometer von Paris entfernt in die Marne-Front ein. Jedoch trafen die Verstärkungen in den Bahnhöfen der Kapitale ein, nicht vorne, wo sie dringend benötigt wurden. Die Eisenbahn war komplett überfüllt; sie fiel als Transportmittel aus. Da requirierte General Joseph-Simon Gallieni kurzerhand die Taxis von Paris.

An der Seine übten vor dem Krieg rund 12’000 Taxifahrer ihr Gewerbe aus. Allerdings gab es weitaus mehr Chauffeure als Fahrzeuge. Zwei Drittel der Taxis waren Renaults der Marke AG1 Landaulet; sie fuhren im Schnitt mit 25 km/h. Ein gut erhaltener Landaulet (Bild) erinnert im Musée de la Grande Guerre von Meaux an Gallienis jähe Requisition. Der Militärgouverneur konnte sich auf mehrere 1’000 Fahrer verlassen: ältere Männer, die nicht eingezogen worden waren.

Verdutzte Taxi-Passagiere

Gallieni befahl der Pariser Polizei, alle “Taxi-Autos” in den Strassen anzuhalten. Mindestens 1’200 Fahrzeuge musste er beschlagnahmen. Die verdutzten Fahrgäste wurden zum Aussteigen gezwungen. Die leeren Wagen versammelten sich vor der Militärschule und dem Invalidendom. Dort gliederte Gallieni die Automobile in Kolonnen von jeweils 600 Automobilen mit fünf Soldaten an Bord. Sie pendelten nach Dommartin und zurück. Als Gallieni die Marne-Taxis entliess, hatten diese die 7. Division der Armee Maunoury in Teilen zur Front gebracht.

Schon im Krieg wurden die Marne-Taxis zu Frankreichs Mythos. Moderne Historiker lieben es, Mythen zu zertrümmern. Im Fall der Pariser Chauffeure schlagen sie fehl. Zu präzis sind die Details, die Gallieni hinterliess, zu dicht die Quellen in den Kriegsarchiven.

Klucks Eigenmächtigkeit

Somit hatte Joffre seine linke Flanke entschieden verstärkt. Von West nach Ost hatte er das Abwehrdispositiv gegen Kluck, Bülow und Hausen neu zusammengefügt, mit:

  • Maunoury 6. Armee, die formell dem Militärgouvernement Paris unterstand;
  • Frenchens BEF, vorausgesetzt, der Feldmarschall liess es kämpfen;
  • Franchet d’Espereys 5. Armee, die sich teils intakt gegen Süden absetzte;
  • Fochs frische 9. Armee.

Joffre zog Nutzen aus einem unverzeihlichen Fehler der deutschen Heeresleitung. Wilhelm II. schwächte grobfahrlässig die II. Armee. Sie musste zwei Korps an die Ostfront abgeben. Das sollte sich an der Marne rächen.

General Alexander von Kluck, Befehlshaber der I. Armee.

General Karl von Bülow kommandierte die II. Armee.

Schwerer noch wog Klucks Eigenmächtigkeit vor Paris. Der Preusse verpasste dem Schlieffen-Plan den ersten Sargnagel. Er zog es vor, die 5. Armee zu jagen statt die Hauptstadt westlich zu umfassen.

Die I. Armee überschritt die Marne, stiess weit in Richtung Seine vor und riss ein Loch zur II. Armee, deren Führung ihm nicht folgen konnte und wollte. Kluck, der sich für den überlegenen Truppenführer hielt, hetzte nicht nur einem Phantom nach; endlich konnte er dem “Stabsmenschen” Bülow zeigen, was seine I. Armee am 35. Kriegstag noch immer leistete. Mehrere 475 Kilometer war sie marschiert, manchen Tag hatte sie im Kampf gestanden.

Die Schlüsselkarte zu Klucks Fehler: Der südlichste rote Pfeil markiert seinen zu weiten Vorstoss über die Marne hinaus.

Als die I. Armee Paris rechts liegen liess und im Eilmarsch südostwärts zog, ruft im HQ der Garnison der Stabschef, General Jean-Baptiste Clergerie, ungläubig aus: “Sie bieten uns die Flanke! Sie marschieren vorbei!” Gallieni stutzt. Doch Clergerie, dem die dankbaren Pariser im 16e arrondissement eine Stasse widmen, liest laut die letzte Meldung vor: “Klucks Armee entfernt sich rapide von Paris!”

Unbegreiflich. Ein wahres Wunder. Das erste Wunder an der Marne. Ein welthistorischer Augenblick, in dem der Sekundenzeiger der Geschichte zu ticken aufhört. Joseph-Simon Gallieni hält fest: “In dieser Nacht ging keiner zu Bett. In dieser Nacht entwarfen wir die Marne-Schlacht. Am Telefon schlugen Joffre und ich die Schlacht. Ja, die Schlacht an der Marne wurde erst einmal am Telefon geschlagen.”

Zuwarten – oder doch zuschlagen?

In der Tat unterrichtete Gallieni Joffre speditiv. Dem Generalissimus fiel es wie Schuppen von den Augen: Ihm wurde wie dem Militärgouverneur die offenen Flanke bewusst, die ihnen der Klucks Eigensinn bot. Maunourys 6. Armee konnte jederzeit in den deutschen rechten Flügel stossen. Noch am Vortag hatte Joffre seine zweisitzigen Aufklärer Breguet 14 A-2 eingesetzt. Die Piloten bestätigten dem Deuxième Bureau des Generalstabs die operative Lücke, die sich zwischen der I. und der II. Armee auftat. Das hatte schon die Kavallerie gemeldet.

Früh am 4. September rief Joffre seinen Stab im Schulhaus von Bar-Sur-Aube zusammen: “Neue Lage, der Feind läuft uns in den Hammer.” Im Grand Quartier Général (G.Q.G.), einem bescheidenen Schulhaus, entspann sich eine leidenschaftliche Debatte: Wie nutzen wir Klucks Fehler? Joffre, Sohn eines Fassbinders, Troupier durch und durch, schweigsam, unerschütterlich auch unter Druck, hörte zu. In den Grundzügen rang der Stab um zwei Optionen:

  • Wollen wir das Wunder nutzen und ungesäumt den Gegenangriff eröffnen, nachdem sich Kluck eine vollkommen unverständliche Blösse gegeben hatte?
  • Oder warten wir, bis die Deutschen immer tiefer in die strategische Falle zwischen den beiden Hörnern Paris und Verdun tappen? Bis wir sie vollständig umfassen und den Feldzug entscheiden?

Berthelot will Cannae

General Henri Berthelot, der Stabschef, redet der grossräumigen Einkreisung das Wort: Er will Cannae, ein zweites Tannenberg unter umgekehrtem Vorzeichen, die strategische Option. Berthelot bietet mit seinen zweieinhalb Zentnern unter den eleganten Franzosen ein merkwürdiges Bild. Er trägt eine Bauernbluse über der Uniformhose und statt Stiefeln Pantoffeln. Aber er besitzt einen scharfen Intellekt und weiss seine Argumente brillant darzulegen. Oft hört Joffre auf den massigen Mann.

General Henri Bertholet, Joffres Stabschef.

Berthelot will abwarten, bis sich die Armeen des rechten deutschen Flügels zwischen Marne und Seine verlaufen haben. Wenn ihre Spitzen den Lauf der Seine müde und kaputt erreicht haben, dann erst soll Frankreich zuschlagen. Vom Osthorn Verdun wird Sarrails 3. Armee durchbrechen, vom Westhorn Paris Maunourys 6., verstärkt von den Briten. Im Zentrum, zwischen Reims und Troues, vereinen sich die Zangenarme im Rücken des Feindes. Der gigantische Kessel schliesst sich – 900’000 Eindringlinge gehen in Gefangenschaft.

Was für ein Plan! Berthelot nimmt die weiträumigen Einkreisungen voraus, die operativ den Zweiten Weltkrieg mitprägen werden. Und er vertritt seinen Antrag, wie gesagt, mit Verve.

Wenn die Clairons zum Angriff blasen

Oberst Alexandre, der Operationschef, tritt Berthelot entgegen. Er hat es schwer. Aber Joffres erstes Telefonat mit Gallieni hilft ihm. Berthelot wirft ihm vor, er denke nur daran, “Terrain zu bewahren statt den Gegner zu vernichten”. Exakt den Feind zerstören wolle doch auch Gallieni, kontert Alexandre. Maurounys 6. Armee habe im Moment gerade noch ein einziges deutsches Korps vor sich: “Vor Paris haben wir jetzt sechs Divisionen gegen zwei!”

Bertholet wirft ein, wenn Kluck kehrtmache, dann habe es Maurouny plötzlich mit fünf Korps und zehn Divisionen zu tun. Doch Alexandre räsonniert unbeirrt für die baldige Schlacht: “Moment mal! Wie soll den Kluck kehrtmachen, wenn wir ihn südwärts der Marne mit allem attackieren, was wir haben?” Dann begeht der Stabsgelehrte Bertholet gegenüber dem bulligen Joffre einen Fehler. Er zweifelt Maurounys Soldaten an: “Die 6. Armee besteht nur aus Reservisten. Die armen Kerle sind halbtot vor Erschöpfung. Wie sollen sie denn angreifen?”

Joffre fährt auf: “Es sind Franzosen! Wenn die Clairons zum Angriff blasen, marschieren sie.” Doch zuerst will der Generalissimus wissen, wie der Zustand seiner Armeen ist. Abwartend diktiert er sein Telegramm an die Direktunterstellten:

  • “Umstände lassen erwägen, dass ein Angriff gegen die I., II. und III. Armee am 6. oder 7. September mit den Briten und beweglichen Kräften von Paris vorteilhaft sein könnte.” Erstmals nennt der Oberbefehshaber am 4. September zwei nahe Daten – Gallieni hatte am Telefon sogar vom 5. September gesprochen.
  • Und weiter im Text in Joffres Befehl: “Ersuche mitzuteilen, ob Ihre Armee fähig ist, zu diesem Zeitpunkt die Offensive wieder aufzunehmen. Telegraphische Antwort noch heute.”

Da stürmt eine Ordonnanz mit einer neuen Depesche in den Lageraum. Gallieni meldet: “Maurouny ist mit seiner 6. auf dem Marsch zur Front. Er kann am Sonntag nördlich der Marne oder am Montag südlich der Marne angreifen.” Die Briten will Gallieni noch heute aufsuchen. Bertelot verhöhnt den Militärgouverneur. Doch Joffre entzieht ihm das Wort: “So, das wär’s. Die Telegramme müssen sofort hinaus.” Mit Sonntag meint Gallieni den 6. September, mit Montag den 7.

Joffre im Schulhof – bei Gluthitze

Doch noch stehen wir am 4. des Monats. Es folgt die Phase, die in Militärakademien als Vorbild für den überlegten, standfesten Befehlshaber gelehrt wird. Joffre steht auf, nimmt den Stuhl in die Hand und geht auf den Schulhof, auf dem grell die Sonne liegt. In der Hofmitte spendet eine Traueresche dürftigen Schatten. Joffre setzt sich rittlings auf den Stuhl, stützt das Kinn auf die Faust und beginnt zu brüten.

Ungeachtet der spätsommerlichen Glut sitzt der Oberbefehlshaber unter der Esche. Zweimal unterschreibt er Befehle, die ihm Berthelot vorlegt. Den Stabschef würdigt er keines Wortes. Er isst und trinkt nichts – den ganzen Nachmittag über. Aus den Klassenzimmern im Parterre beobachtet ihn der Stab. Die Offiziere sorgen sich um den künftigen Maréchal de France, der im Januar seinen 62. Geburtstag begangen hat.

Derweil meldet sich gegen 16 Uhr Colonel Huguet, Joffres sprachenkundiger Liaisonoffizier beim BEF: Gallieni habe sich in Melun mit French getroffen. Die Briten wollten hart südwärts der Marne stehen bleiben und mit der 5. und 6. Armee angreifen, wenn Joffre das wünsche. Der Generalissimus zögert. Ist da der Wunsch der Vater des Gedankens? In jedem Fall will er den britischen Feldmarschall noch persönlich sprechen.

Um 16.30 Uhr meldet Foch sein 9. Detachement zur Attacke bereit. Seine Männer stehen rechts hart neben der 5. und links neben der 4. südlich von Reims. Direkt gegenüber liegt Hausens sächsische III. Armee. Gegen 18 Uhr steht Joffre unter der Esche auf. Er teilt Berthelot mit, er neige zur Offensive am 7. September, entscheide aber erst, wenn die 5. Armee geantwortet habe.

“Meine Herren, wir schlagen an der Marne”

Während des Abendessens, gegen 20 Uhr, tritt Franchet d’Espereys Telegramm ein: “Die 5. Armee kann am Sonntag angreifen, ist allerdings nicht in glänzender Verfassung”. Joffre erkennt im Angiffsdatum 7. September die Chance, der angeschlagenen 5. Armee zwei volle Tage zum Rekuperieren zu schenken.

General Joseph-Simon Gallieni soll die Marne-Schlacht am Telefon mit Joffre geschlagen haben.

Um 20.30 Uhr ruft Gallieni an. Von diesem zweiten langen Telefonat glaubt Churchill zu wissen, es habe die Schlacht und damit den Krieg entschieden. Weil Joffre direkt ans Telefon geht und er und Gallieni Stillschweigen vereinbaren, bleibt Gallienis Initiative der rätselhafte Anruf, dessen Wortlaut niemand ausser den beiden Generalen kennt.

Nur soviel ist bekannt: Gallieni teilt Joffre mit, dass Maunoury am 6. September angreift. Gallieni will von Joffre gehört haben: “Einverstanden.” Jedenfalls steht fest: Um 21.30 Uhr ruft Joffre seinen ganzen Stab zusammen und spricht mit tonloser Stimme: “Sind wir vollzählig? Meine Herren, wir schlagen übermorgen, Sonntag, den 6., an der Marne.” Damit sind die Würfel gefallen. Das Kriegsglück wendet sich gegen Deutschland.

Um Englands Ehre

Noch aber will Joffre mit Feldmarschall French reden. Dafür nimmt er die 186 Kilometer lange Autofahrt nach Melun auf sich. Im Schloss Vaux-le-Pénil trifft er zwei Stunden zu spät ein, um 14 statt um 12 Uhr. Oberst Alexandre und Major Gamelin begleiten den Generalissimus in den Salon; General Maurice Gamelin wird 1939/40 die französische Armee befehligen. Mit French erwarten der Stabschef, Archibald Murray, und dessen Stellvertreter und Dolmetscher Wilson die Gäste. Murray verfolgt nur ein Ziel: Er will das BEF vor der Vernichtung retten. Wilson ist Frankreichs Fürsprecher bei French.

Joseph Joffres Gespräch mit John French hebt mühsam an. Der Franzose versteht kein Englisch, der Engländer schlecht Französisch. Aber Joffre, sonst die Einsilbigkeit in Person, kommt in Schwung: “Ich will nicht glauben, dass die englische Armee tatenlos zusieht, wenn ich meinen letzten Mann einsetze.” Auf der Generalstabskarte fährt Joffres Hand wild hin und her. Und dann passiert es.

Der Franzose schlägt mit geballter Faust auf den Tisch: “Feldmarschall, ich spreche für Frankreich, das ist wahr. Für uns geht es um die Existenz. Aber es geht nicht nur um die Existenz Frankreichs. Es geht auch um die Ehre Englands!” Stille tritt ein, man könnte die Stecknadel fallen hören. Wilson will übersetzen, aber French winkt ab – und antwortet mit Tränen in den Augen: “Schon gut, Wilson, schon gut. Habe alles verstanden. Wir werden unser Bestes tun, General.”

Wilson zu Joffre: “Der Feldmarschall hat Ja gesagt.”

Nur Murray hat noch einen Einwand: “Wir stehen zehn Meilen weiter südlich, als Sie annehmen, General Joffre. Am 6. September können wir frühestens um 9 Uhr antreten, nicht schon um 6, wie Sie es verlangen.” Joffre, abgekämpft, zuckt die Schultern: “Da kann man nichts machen. Sie marschieren von dort ab, wo sie stehen. Ich habe das Wort des Feldmarschalls, Sie werden Ihr Bestes tun.” Dann servieren livrierte Bedienteste Tee.

Joffres Appell

Am 6. September 1914 schlug Joffre um 6 Uhr zu. Vor dem Generalangriff hatte er seinen Kadern und Soldaten den Tagesbefehl verlesen lassen:

  • “An die Armeen! In einem Moment, in dem sich eine Schlacht abspielt, von der das Schicksal des Landes abhängt, ist es wichtig, alle daran zu erinnern, dass dies nicht der Moment ist, nach hinten zu schauen; alle Anstrengungen müssen unternommen werden, um den Feind zu attackieren und zurückzuschlagen.”
  • “Eine Truppe, die nicht weiter vorankommt, muss – koste es, was es wolle – das eroberte Gelände halten und sich an ihrem Platz töten lassen statt zurückzuweichen. Unter den aktuellen Umständen kann ein weiteres Zögern nicht geduldet werden.”

Ausgangslage am 5. September 1914. Rot Alliierte, von links: 6. Armee, BEF, 5., 9., 4., 3., 2. 1. Armee. Schwarze Pfeile Deutsche: I., II., III., IV., V., VI., VII. Armee. Relevant für die Vorentscheidung des Krieges waren der alliierte linke Flügel und der deutsche rechte.

Operative Lücken

Joffre riskierte viel. So entschlossen wollte er das Steuer herumreissen, dass er Frankreichs Abwehr von Verdun bis Belfort geschwächt hatte; umgekehrt hatte sein Gegner Moltke der II. Armee im Kern der Marne-Schlacht zwei starke Korps entrissen.

In welchem Zustand traten die Parteien an? Wie der Kommandant der französischen 5. Armee, der energische, unerschrockene Franchet d’Esperey, seinem Befehlshaber schrieb, war sein Verband abgekämpft. Auch die Briten forderten Zeit zur Auffrischung. Jedoch Maurounys 6. und Fochs 9. Armee nahmen die Schlacht intakt auf. Gerade auf die beiden Flügelarmeen kam es in den vier Tagen des kommenden Ringens an.

Die deutschen Armeen, die I., die II. und die III., hatten fünf Wochen Fussmarsch, Kampf, Entbehrung und Verluste hinter sich. General Kluck gönnte seiner Truppe keine Ruhe, keine Rekuperation, kein Nachtlager. Seine Fehler, seine Willkür, sein Starrsinn waren es schliesslich, die Deutschland den Feldzug so kurz vor dem strategischen Gelingen in einer einzigen Schlacht verlieren liessen.

In Luxemburg lavierte Generalstabschef Moltke zu schwach, um seine selbstbewussten Frontkommandanten an die Kandare zu nehmen. Er sah die Löcher; er trachtete sie zu schliessen – und scheiterte. Joffre dagegen schweisste seine Front zusammen. Zwischen die 5. und 9. Armee stellte er das Kavalleriecorps Conneau; und die Naht von der 9. zur 4. Armee verstärkte er mit General General Mitrys Reiterei, die mit der 9. und 6. Division zur Front geprescht war.

Ringt Joffre Schlieffen nieder?

Den Ausschlag über Sieg und Niederlage sollten die Knackpunkte geben:

  • Gelingt es der deutschen I. und III. Armee, Joffres Angriff zu parieren, ihrerseits zur Offensive überzugehen und die beiden französischen Frontflügel zu zerschlagen, während Bülows II. Armee das Zentrum zumindest verteidigt?
  • Oder halten Joffres Flügel, während das BEF derart weit durch die Lücke zwischen Kluck und Bülow vorstösst, um Kluck mit der Einkesselung zu drohen? Mit anderen Worten: ihn, Kluck, plus Bülow und Hausen zum Rückzug zu zwingen? Zu deutsch: Bringt der Generalissimus den Schlieffenplan zum Scheitern?

Die Antwort ist bekannt: Obwohl Kluck kehrtmacht hatte, riss die Front zwischen ihm und seinem Gegenspieler Bülow immer krasser auf. Nachdem die Briten, die wie Kluck zu weit nach Süden marschiert waren, ihren Rückstand aufgeholt hatten, beschwor Joffre am dritten Schlachttag telegraphisch den Kampfgeist von Sir John French:

  • 9 Uhr: “Auftrag der englischen Armee. Die der 6. Armee gegenüber liegenden Kräfte angreifen.”
  • 12 Uhr: “Es zählt, die englische Armee muss sobald wie möglich nordwärts der Marne Fuss fassen.”
  • 15 Uhr: “Es ist unbedingt nötig. Rücken Sie schon heute Abend nördlich der Marne auf.”
  • 18 Uhr: “Befehl. Die britischen Kräfte gehen über die Marne und schwenken gegen den Rücken des Feindes.”

Vier deutsche Unterfronten

Die Rivalität unter den deutschen Generalen hatte dem Gegner operative Lücken eröffnet. Ohne sie wäre der Ausgang der Septemberschlacht weit offen gewesen; sie hätte so oder so ausgehen können. An der Marne-Front war der gesamte rechte Flügel der deutschen Invasoren in mehrere Unterfronten zerfallen:

  • in Klucks I. Armee, die der General in den Kampfraum nördlich der Marne zurückgeführt hatte;
  • in den rechten Flügel und das Zentrum von Bülows II. Armee, die sich südlich der Marne über die Nebenflüsse Grand Morin und Petit Morin auf letzteren zurückzogen;
  • in Bülows isolierten linken Flügel, in Fühlung weder zum Zentrum der II. Armee noch zu den Sachsen der III. Armee;
  • in Hausens III. Armee, die unmittelbar am Petit Morin stand, hart an den berüchtigten Sümpfen von Saint-Gond.

Foch legt Befehl offensiv aus

Vom 6.–8. September wogte für die Alliierten die Schlacht vorwärts und zurück. Entlang der ganzen Marne-Front trieben Kluck, Bülow und der an Typhus erkrankte Hausen ihre vom langen Marsch erschöpften Truppen zum Widerstand an.

Ferdinand Foch.

Auf dem linken Flügel der Invasoren stand Max von Hausens III. Armee Ferdinand Fochs 9. Armee gegenüber. So erschöpft Hausen auch war, dachte er keine Sekunde ans Aufgeben. Am ersten Schlachttag befahl Joffre dem aggressiven Foch, die rechte Flanke der 5. Armee zu decken. Foch wäre nicht Foch gewesen, hätte er den Befehl nicht offensiv gedeutet:

  • Um Franchet d’Espèreys Flanke zu schützen, liess er schwache Kräfte zurück.
  • Mit der 42. Division, seinen Marokkanern und Teilen des IX. Corps atackierte er die Deutschen frontal. Am 7. September schoben sich die Angreifer an den Westrand der Sümpfe vor.
  • Mit der eigenen starken Artillerie hielt er Hausens Sachsen nieder.

“Lage hervorragend, ich greife an”

In Luxemburg, in Moltkes Grossem Generalstab, hatte der Sachse Hausen den Ruf, er gebe zu seiner Rechten den Preussen Bülow und Kluck zu sehr nach; und er zolle auf der Linken dem deutschen Kronprinzen zu viel Respekt. Nun bot er allen die Stirn. Am Abend des 7. Septembers ordnete er überraschenden Nachtangriff auf die 9. Armee an. Es war mondhell, als in den ersten Stunden des Folgetages die 1. und 2. Gardedivision und die 23. und 24. Reservedivision losschlugen. Die Angreifer warfen die Franzosen mit aufgesetztem Bajonett rund fünf Kilometer zurück.

Ferdinand Foch setzte den Funkspruch ab, den pazifistische Historiker einfältig als gefälscht abtun, jedoch in den Archiven mehrfach verbürgt ist: “Mein Zentrum gibt nach, mein rechter Flügel zieht sich zurück. Lage hervorragend, ich greife an.” Fochs Kampfgeist – Frankreichs élan, spornten die 9. Armee an. Franchet d’Espèrey stellte Verstärkung, aus Lothringen eilte das XXI. Corps heran. Die Franzosen schlossen die Lücken, die Hausen aufgerissen hatte. Am Abend gelang ihn rechts sogar ein Vorstoss in neues Gelände.

Die Briten stossen durch

Auch Alexander von Klucks I. Armee blieb auf Offensive ausgerichtet. Preussens Elite konnte sich ausser der Attacke keine andere Gefechtsform vorstellen. In der Tat witterte Kluck noch am 9. September die Chance zum Angriff. Mit überlegenen Kräften bedrohten Ferdinand von Quasts IX. Korps und Sixt von Arnims IV. Korps die französische 61. Reservedivision, die Joffre zur Verteidigung der Hauptstadt Paris abgestellt hatte.

Die beiden deutschen Korps fielen den Franzosen am Morgen unvermittelt in den Rücken, rollten ihre Flanke auf und drohen, in Richtung Paris vorzustossen. Für kurze Stunden schien sich die Waage noch einmal dem Preussen zuzuneigen. Aber letztlich verschärfte der taktische Sieg nur die Gefahr der operativen Umfassung durch Joffres Hauptmacht.

Im Zentrum der Marne-Front fielen an diesem 9. September die Würfel. Mit ihrem I. und dem II. Corps stiessen die Briten durch die Lücke, die ihnen Kluck und Bülow so “grosszügig” boten. Mit Maunourys 6. Armee drang das BEF, wie Churchill wissen will, 70 Kilometer nach Norden vor. Es bedrohte namentlich die I. Armee direkt mit der Einschliessung. Um 14 Uhr brach Kluck das Gefecht ab. Dem stolzesten aller Preussen blieb nur der Rückzug: Gegen 14 Uhr bricht er das Gefecht ab. Kluck rettete I. Armee. Sie löste sich vom Feind und setzte sich in Richtung der Ourqc ab.

Lagebild vom 9. September 1914. Blaue Pfeile = die Vorstösse, die die Schlacht entschieden.

Die Mission des Oberstleutnants Hentsch

Noch am 8. September hatte der deutsche Grosse Generalstab einen gravierenden Führungsfehler begangen, der die Niederlage der Invasoren besiegelte. Das Versorgen ging à Konto Generaloberst Helmuth von Moltke. Statt sich selber zur Truppe zu begeben, wich er aus. Schliesslich führe er auch gegen Russland  Krieg und müsse er im HQ bleiben. Gerade jetzt schlage Hindenburgs 8. Armee die Schlacht beidseits der Masurischen Seen.

Stattdessen liess Moltke am 8./9. September seinen Nachrichtenchef, den Oberstleutnant Richard Hentsch, die Hauptquartiere der V., IV., III., II. und I. Armee abklopfen – 280 Kilometer entlang der Front. Ohne klaren Befehl schickte der Generalstabschef den Emissär in einem Daimler zu den unterstellten Kommandanten. Hentsch hatte lediglich Weisung:

  • die Grossen Verbände zu koordinieren, will heissen: sie wieder auf einer Front auszurichten, wobei der Oberstleutnant an der entscheidenden Naht zwischen II. und I. Armee viel zu spät kam;
  • notfalls einzugreifen und das Heft selber in die Hand zu nehmen – eine Illusion! Wie sollte sich ein mittelrangiger Stabsoffizier gegen so starke Charaktere wie Bülow und Kluck mitten in der Schlacht durchsetzen?

Bülow stabilisiert die erste Abwehrstellung

Es kam, wie es kommen musste. Hentsch stiftete mehr Verwirrung, als dass er half. Schon der Besuch bei Hausens Sachsen erschütterte den Oberstleutnant; denn der ganze Stab war vom Typhus gezeichnet.

In den Abendstunden des 8. Septembers legte im HQ der II. Armee Karl von Bülow dem Emissär die Lage realistisch dar. Entweder wende ich der Feind gegen den linken Flügel der I. oder den rechten Flügel der II. Armee. Der Gegner halte in der Lücke zwischen den beiden Armeen das Gesetz des Handelns in der Hand. Das führe zur Katastrophe, wenn sich die Deutschen nicht ganz hinter die Marne zurückzögen. Nur ein freiwilliges, konzentrisches Zurückgehen der I. und II. Armee könne die Gefahr bannen.

Am 9. September konferierte Hentsch mit Bülows Stab, bevor er die 80 Kilometer zu Klucks HQ unter die Räder nahm. Er kündigte den Stabsoffizieren an, er werde Kluck zum Rückzug auffordern. Bülow entschloss sich, den Antrag seines Stabes umzusetzen, Er funkte an Kluck und Hausen: “Flieger melden Vorgehen von vier langen Kolonnen über die Marne. II. Armee leitet Rückmarsch ein.”

Bülow sorgte für einen geordneten, wenn auch überstürzten Rückzug. Als die II. Armee zurückging, folgten die I. und die III. Im Osten schlossen sich die IV., V. und VI. Armee an. Auf 400 Kilometern machte Deutschlands Infanterie kehrt. Sie gab den Streifen auf, den sie seit dem August in blutigem Kampf erobert hatte. Auf dem rechten Flügel zwang Bülow seine eigene II., Klucks I. und Hausens III. Armee in eine kompakte Verteidigungsstellung. Es war das erste Abwehrdispositiv zweier preussischer Armeen und eines sächsischen Grossverbandes – Truppen, die 35 Tage lang vormarschiert waren.

Bülow nutzte die Vorzüge der Aisne, eines breiten, tiefen Flusses, der nur auf Brücken zu überqueren war. Die bestehenden Übergänge waren teil intakt geblieben, behelfsmässige Stege waren errichtet worden. Aber kein Übertritt war im Schussbereich der deutschen Artillerie sicher.  Am Nordufer der Aisne schützt ein 150 Meter hohes, 40 Kilometer langes, oft bewaldetes Massiv den Verteidiger. Von West nach Ost zieht sich der Chemin-des-Dames über das Massiv, den Louis XV. für seine Töchter angelegt hatte. Ihn nutzte der in der Wolle gefärbte Generalstabsoffizier Bülow.

Geschlagen, nicht vernichtet

An der Marne aber war die Schlacht geschlagen. Joffre hatte es allen gezeigt: Er hatte die deutschen Armeen geworfen, wenn auch nicht vernichtet. Seine Soldaten, Paris, ganz Frankreich, Briten und Russen empfanden das Geschehen als weit grösseres Wunder als Gallienis Taxis. Innert Tagen entflammte der Marne-Mythos, das Wunder an der Marne.

Im G.Q.G. erinnerte Joffre den Stab an die Tradition, wonach der Sieger die Schlacht benenne. Ihm fiel die Ehre zu, der Schlacht den Namen zu geben, unter dem sie in die Geschichte eingehen sollte. Der Oberbefehlshaber bat seine Offiziere um Rat, ehe er entschied.

“Paris–Verdun”, schlug General Benin vor. “Nein, das klingt nach Expresszug, nach Eisenbahn”, lehnte Joffre ab. Major Gamelin, der im Mai/Juni 1940 als ein Nachfolger Joffres weniger Fortune hatte, warf ein: “Die Schlacht an der Marne”. “Das ist es”, befand Joffre: “Gamelin, Sie schreiben das Bulletin zum Sieg, der Titel steht.”

Der Rest ist Geschichte

Am 14. September 1914 enthob Wilhelm II. den Verlierer der Schlacht, Generaloberst Helmuth von Moltke den Jüngeren, seines Kommandos; fortan führte Erich von Falkenhayn die kaiserlichen Pickelhauben. 1916 löste ihn Feldmarschall Paul von Beneckendorff und Hindenburg ab, der Held von Tannenberg 1914.

An der Spitze des Generalstabs wird Helmuth von Moltke der Jüngere seines Kommandos enthoben.

Fortan führt Erich von Falkenhayn die kaiserlichen Armeen.

Unter den Westalliierten stieg Joffres Favorit, der überragende Ferdinand Foch, 1918 ganz an die Spitze auf; er war der General, dessen 9. Armee an der Marne die rechte Flanke so überlegen behauptet, ja vorgeschoben hatte. Dem ersten alliierten Oberbefehlshaber wurde der BEF-Kommandant, Sir Douglas Haig, unterstellt – für Briten ein unerhörter Vorgang. Doch Foch und Haig harmonierten; sie kannten sich noch vom September 1914, in dem Haig das britische II. Corps über die Marne geführt hatte.

In jenem schicksalsschweren Herbst lieferten sich die Kriegsparteien noch den Wettlauf zur Nordsee. Hernach erstarrte die Front rasch auf den 750 Kilometern vom Aermelkanal über Flandern, Givenchy, Arras, Quéant, Noyon, Reims, Verdun und Nancy ins Elsass und an die Schweizergrenze. Der Stellungskrieg konnte beginnen.

“An Weihnachten zurück”?

“Zurück, bevor die Blätter fallen”, hatten Londoner Zeitungen im August prophezeit; “zu Weihnachten zurück” prangte auf Eisenbahnwagen, die jubelnde Deutsche zur Front karrten. Sie alle sollten sich noch täuschen: Die Marne-Schlacht markierte das nahe Ende des Bewegungskrieges; von da ging es – vier lange Jahre – nur noch um Leben und Sterben in Gräben, Unterständen und Stacheldrahtverhauen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.