BISS – Das Buch: “Tell wacht”

Standard

 

 

 

Seit George Orwells “1984” gedeihen politisch-militärische Zukunftsromane zu Beststellern. Es dominieren, wie könnte es anders sein, die Angelsachsen. Drei englischsprachigen Meisterwerken kann der Zahn der Zeit nichts anhaben:

  • John Winthrop Hackett: The Third World War, August 1985.
  • Harold Coyle: Team Yankee, an novel of World War III.
  • Richard Shirreff: War with Russia.

Auf neuere Wälzer wie Admiral James Stavridis’ “2034” oder Ken Folletts “Never” wird zurückzukommen sein; sie reichen den drei erstgenannten Büchern nicht das Wasser.

Ein gelungener Zukunftsroman kommt druckfrisch aus der Schweiz. Der Autor, Botschafter Dr. Carlo Jagmetti, vertrat unser Land in Seoul, in Brüssel, in Paris und Washington. In der Garde herausragender Botschafter gehörte er zu den Besten. Und er war, heute im EDA ungebräuchlich, Truppen- und Generalstabsoffizier.

Das spürt man bei der spannenden Lektüre seiner 270 Seiten. Der Staatsbürger, Soldat und Diplomat entfaltet ein packendes Nachrichtenspiel: Pandämonium und Hoffnung zugleich. Das Szenario spielt in den Jahren 2051–2053. Somit verletzt Jagmetti die eherne Regel des früheren NZZ-Chefs Dr. Fred Luchsinger nur um zwei Jahrzehnte. Luchsinger pflegte jungen Korrespondenten auf den Weg zu geben: “Sie können alles prophezeien, aber nur zu Ereignissen in fünfzig Jahren.”

35 Jahre stand Jagmetti im diplomatischen Dienst. Er kennt die Orte, Finessen, Protokolle, Fallen und Imponderabilien der Aussenpolitik: bis zu den feinsten Weinen und pompösesten Prunksälen. Obwohl die Region Schweiz im deutsch beherrschten, üblen Europäischen Zentralstaat (EZS) das internationale Genf verrotten liess, erweckt sie zu guter Letzt – in der Agonie des EZS und der nuklearen Apokalypse – den Völkerbundspalast von anno dazumal wieder zum Leben.

Der Staatsbürger Jagmetti führt dem Autor Jagmetti die Feder. Sein Buch ist eine einzige grosse Warnung vor dem Europäischen Zentralstaat. Von Frankfurt aus beherrscht, entzog der EZS den abendländischen Nationalstaaten jegliche Souveränität. Ein deutscher General führt Europas innerlich marode Schutzmacht, eine Art EZS-Armee; ein Landsmann befehligt die Interventionsmacht, die der Unruhen auf dem Kontinent nicht mehr Herr wird.

Positiv gesprochen: “Tell wacht” überzeugt als singuläres Bekenntnis zur Souveränität und Eigenständigkeit der Eidgenossenschaft. Die Entmündigung der Schweiz setzt Jagmetti auf das Jahr 2027 an: Sie begeht den unverzeihlichen Fehler, der EU beizutreten, womit sie sich 2031 im Zentralstaat wieder findet – rechtlos, wehrlos, entwurzelt, traditionsarm, staatspolitisch enthauptet.

Vorzüglich bettet Jagmetti sein Plädoyer für die freie, freiheitliche Schweiz in die manchmal beklemmende, mitunter auch amüsante Schilderung ein. Das gelingt ihm umso besser, als er mit seinem Lebenswerk, mit seiner Überzeugung und dem gelebten Patriotismus für die Bonität seines Aufrufes bürgt.

Ein modernes Buch, das aufrüttelt und an unvergänglichen Werten festhält.

Dr. Peter Forster