Crypto und die Versenkung der Belgrano

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Die Belgrano war ein alter Kreuzer, als sie am 2. Mai 1982 versenkt wurde (an).

Am 2. Mai 1982 versenkte das britische Atom-U-Boot Conqueror im Falklandkrieg den argentinischen Uralt-Kreuzer Belgrano; der Kommandant, Captain Chris Wreford-Brown, befahl den Torpedo-Abschuss um 15.57 Uhr. Von den drei Torpedos des Typs Mark VIII trafen zwei die Belgrano, die um  16.57 Uhr kenterte und sank.

Jahrzehnte lang missbrauchten die CIA und der BND die Steinhauser Firma Crypto AG in verwerflicher Art. Die Versenkung der Belgrano wird jetzt wie die Ermordung des Chilenen Allende als Beweis dafür angeführt, dass Crypto-Informationen zu Versenkung und zum Mord führten.

Im Fall Belgrano färben Schweizer Medien das recht helle Originalbild der Royal Navy düster ein, um das Geschehen zu dramatisieren – so wie der Boulevard im November 1997 nach dem Attentat von Luxor ausgegossenes Wasser rot färbte, um Blutströme zu suggerieren.

Es lohnt sich, die Versenkung der Belgrano militärisch zu analysieren – das Resultat relativiert die Zuspitzung von ZDF, SRF und Washington Post stark.

Der Text des ZDF

Am 11. Februar 2020 schreibt das ZDF, das mit der Washington Post und SRF den Fall untersuchte, wörtlich zum Falklandkrieg vom Frühjahr 1982:

“Argentinien unterschätzt die Abhörmöglichkeiten der Amerikaner und Deutschen. Dank der knackbaren Crypto-Maschinen lesen sie die Kommunikation der argentinischen Streitkräfte mit und informieren die Briten.

Vielleicht hätte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher den Krieg dank der Informationen verhindern können, aber Thatcher steht unter massivem, innenpolitischem Druck. Statt diplomatisch nutzt sie die Erkenntnisse militärisch: ‘Die argentinische Marine’, so der britische Geheimdienstexperte Richard Aldrich, ‘setzte die Schweizer Chiffriergeräte ein.’

Und die britische Regierung enthüllte später, dass die Funkaufklärung ausschlaggebend für die Entscheidung Thatchers war, die Belgrano zu versenken. Beim Untergang des argentinischen Kreuzers Belgrano starben mehr als 300 Menschen.”

Der Kreuzer “General Belgrano” – 44 Jahre alt

Die Belgrano hiess in der amerikanischen Navy USS Phoenix. Das Schiff wurde in Camden, New York, am 12. März 1938 vom Stapel gelassen und am 3. Oktober 1938 in Dienst gestellt.  

Am 7. Dezember 1941 lag die USS Phoenix in Peral Harbor vor Anker, als Japan angriff. Sie blieb unbeschädigt (us).

Die Phoenix befand sich am 7. Dezember 1941, dem Tag des japanischen Überfalls in Pearl Harbor, blieb indes unbeschädigt. Von 1943–1945 unterstützte sie im Pazifik an allen Landungsoperationen teil. 1944 beteiligte sie sich in der Surigao-Strasse an der Versenkung des japanischen Schlachtschiffes Fusō

Am 9. April 1951 verkauften die USA den Kreuzer der argentinischen Marine. 1956 wurde er General Belgrano getauft.

Am 26. April 1982 lief die Belgrano mit zwei Zerstörern aus Ushuaia aus. Ushuaia ist auf Feuerland der südlichste Hafen von Argentinien. Die Belgrano patrouillierte südlich der Falkland-Inseln. Es war geplant,

  • dass zuerst die Zerstörer ihre französischen Exocet-Raketen auf britische Ziele feuerten
  • und dann die Belgrano, die keine Seeziel-Raketen besass,  mit ihren 15,2-cm-Geschützen angriff.
  • Weil ihre Maschine nur noch 18,5 Knoten leistete, war es ihm unmöglich, auf nahe Entfernung an die schnelleren  Briten heranzukommen.

Conqueror sichtet die Belgrano

Gelb Falkland. Südlich schwarz der Kurs der Belgrano (rn).

Am 30. April 1982 sichtete das Atom-U-Boot Conqueror, eine Waffe der Churchill-Klasse, die drei Argentinier. Sie verfolgte sie zwei Tage lang, bis Premier Margaret Thatcher auf Antrag ihres militärischen Beraters und Chef des Verteidigungsstabes, Flottenadmiral Terence Lewin, den Angriffsbefehl erteilte.

Der Kommandant der Conqueror, Captain Chris Wreford-Brown, schoss daraufhin am 2. Mai um 15.57 Uhr drei Torpedos des Typ Mark VIII auf die Belgrano ab.

  • Der erste Torpedo traf den achteren Maschinenraum.
  • Die Explosion schlug durch drei Decks und riss ein 20 Meter langes Loch ins Hauptdeck. 270 Seeleute kamen um, die Maschine wurde zerstört.
  • Der zweite Torpedo traf den Kreuzer am Vorschiff und riss den Bug fast vollständig ab. Die Belgrano bekam Schlagseite nach Backbord und fing an, über den Bug zu sinken.
  • Weil die Stromversorgung ausfiel und die Pumpen versagten, waren Gegenmassnahmen nicht mehr möglich;  überdies setzte der Kapitän keinen Notruf ab.
  • Um 16.24 Uhr gab er das Schiff auf. Die Besatzung sollte den Kreuzer verlassen. Der Kreuzer kenterte nach Backbord und sank um 16.57 Uhr.
  • Der dritte Torpedo hatte den Kreuzer verfehlt und den Zerstörer Hipólito Bouchard getroffen, ohne zu explodieren.

1 Die Stelle, wo die Belgrano nach argentinischer Darstellung sank. 2 Falkland, für Argentinien Islas Malvinas (ar).

Die Zerstörer flüchteten

  • Die Zerstörer hatten in ihren Sonaranlagen die Torpedotreffer registriert und drehten nach Norden ab. Dies entsprach der Vorschrift, wonach sie bei einem U-Boot-Angriff sofort zu flüchten hatten.
  • Für die Belgrano leiteten sie die Rettung erst in der Nacht  ein. Argentinier und Chilenen retteten 770 Seeleute. 321 und zwei Zivilpersonen starben.

Auch ohne Crypto

So weit die Tatsachen. Der Angriff der Conqueror und der Untergang der Belgrano sind hinreichend belegt.

  • Dass Chiffriergeräte den Ausschlag gaben, wie vom ZDF behauptet, belegt die sachliche Literatur nicht.
  • Insbesondere war die britische See- und Luftaufklärung der argentinischen weit überlegen. Sie konnte den 185 Meter lange, 18,9 Meter breiten Kreuzer auch ohne Crypto entdecken.
  • Der Befehl “Feuer frei!” von Margaret Thatcher war ein politischer Entscheid – unabhängig von irgendwelchen CIA-Machenschaften. Als sich der “Eiserne Lady” die Chance zur Versenkung bot, schlug sie zu.
  • Immerhin hatte die Conqueror die Belgrano volle zwei Tage lang im Visier, bis der politische Befehl aus London eintraf.

Es war Krieg!

Was das ZDF tunlichst verschweigt:

  • Um die Falkland-Inseln tobte ein blutiger Krieg zwischen zwei westlichen Staaten – ausgelöst nicht von den Briten.
  • Premier Thatcher bot der argentinischen Junta die Stirn, die den Kampfwillen der “Eisernen Lady” unterschätzt hatte.
  • Argentinien hatte 649 Gefallene und 1’657 Verwundete zu beklagen, Grossbritannien 258 Gefallene und 777 Verwundete.

HMS Sheffield (D-80), getroffen von argentinischen Exocet-Raketen (rn).

  • Die argentinische Luftwaffe versenkte kurz nach dem Untergang der Belgrano mit Exocet-Raketen den Zerstörer HMS Sheffield (D-80).
  • Grossbritannien gehört mit den USA, Kanada, Australien und Neuseeland zum mächtigen Geheimdienst-Verbund “ECHELON”. Es versteht sich von selbst, dass die Briten im Falklandkrieg von “ECHELON” profitierten und dass die USA zu ihrer nachrichtendienstlichen Überlegenheit beitrugen.
  • Umgekehrt profitierten die USA in mehreren Krieg vom britischen Geheimdienst MI6.
  • Der CIA oder gar dem BND “ausschlaggebende” Wirkung zuzuschreiben, ist grob falsch. Das britische Expeditionskorps erwies sich den Streitkräften der argentinischen Junta strategisch, operativ und taktisch überlegen. Das war’s, nicht Crypto.