Crypto: “Die Kunst der Skandalierung”

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Das Atom-U-Boot Conqueror versenkte den Kreuzer Belgrano am 2. Mai 1982 um 15.57 Uhr bei lichtem Himmel. Aber Schweizer Medien färben jetzt das Originalbild düster ein, um die Versenkung zu dramatisieren (an).

Der Begriff “Skandalierung” des deutschen Professors Kepplinger mag gesucht anmuten. Aber um das zu verstehen, was sich jetzt in der Schweiz gegen Bundesrat Villiger abspielt, ist er hilfreich.

Hans Mathias Kepplinger vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz schrieb 2001 ein zeitlos gültiges Buch: “Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit.” Darin umschrieb er die zehn Gesetze der Skandalierung, die da lauten:

Gesetz 1: Umgang mit Ungewissheit

Am Beginn einer Skandalierung beurteilen verschiedene Personen den umstrittenen Sachverhalt unterschiedlich.

  • Die Skandalierer, in aller Regel Medien, halten den Sachverhalt für einen Missstand, den es anzuprangern gilt.
  • Andere, namentlich Betroffene, sehen das nicht so.
  • Ist der Ruf, es sei ein Skandal vorhanden, einmal etabliert, erscheinen Fakten, vor allem auch von Betriffenen, falsch und irreführend.
  • Dagegen wird alles, was in das Schema Skandal passt, bereitwillig akzeptiert.

Gesetz 2: Die Etablierung des Skandals

Der Skandalierer prägt vernichtende Etiketten und sucht das Bündnis mit Gleichgesinnten. Haben sich die Verbündeten einmal gefunden, speilen sie sich – für die Öffentlichkeit kaum erkennbar – die Bälle zu.

Gesetz 3: Die Dramatisierung des Geschehens

  • Horror-Etiketten (Verschärfung von Gesetz 2).
  • Assoziationen mit Verbrechen.
  • Super-Gau-Spekulationen.
  • Katastrophen-Collagen.
  • Schuld-Anhäufungen.
  • Optische Übertreibungen.

Gesetz 4: Herdentrieb und Konsens

In jedem Skandal gibt es wenige Wortführer, den harten Kern, meist drei, vier Skandalierer. Sie finden dann:

  • Mitläufer: Redaktoren, die keine eigenständigen Recherchen betreiben.
  • Chronisten, die keine eigenen gegenläufigen Wertungen einbringen.

Gesetz 5: Der Diskurs der Empörten

  • Im Skandal geht es nicht um die Richtigkeit der Behauptungen, es geht um Emotionen, um moralische Erregung.
  • Alte Rechnungen werden beglichen – Zielscheiben: Banken, privater Verkehr, Kernkraft, Armeen und Geheimdienste.

Gesetz 6: Ausgrenzung von Andersdenkenden

  • Wer sich der Empörung verweigert, wird isoliert und ausgegrenzt.
  • Es geht weniger darum, dass der “Abweichler” anders, konträr redet. Es geht darum, dass er “sich unmöglich benimmt.”
  • Der “Abweichler”, auch das Opfer findet keine Plattform mehr.

Gesetz 7: Das erschütterte Selbstwertgefühl

  • Im Opfer zerstört der Skandal den Glauben, die Welt sei alles in allem gerecht und wohlwollend.
  • Die Skandalierung macht ihn zunehmend handlungsunfähig.

Gesetz 8: Illegal beschaffte Informationen

  • Der Skandal ist keine Eintagsfliege. Um ihn zu verlängern, werden illegal Dokumente und Informationen durchgestochen.
  • Oft beruht die Skandalierung auf Papieren, Bild- und Tonaufnahmen, die widerrechtlich zu den einschlägigen Redaktionen gelangten.

Gesetz 9: Das endgültige Urteil

  • In einem Rechtsstaat kann der Verurteilte im Gerichtsverfahren Berufung einlegen.
  • Dem Skandalierten hilft kein Gericht. Er steht am Pranger, der Scheiterhaufen brennt.

Gesetz 10: Abhauen

  • Wenn sich Anschuldigungen als falsch oder unhaltbar erweisen, sind die Skandalierer längst abgehauen.
  • Schon “treiben sie wieder eine neue Sau durchs Dorf.”

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Wo stehen wir im Fall Crypto?

Feststellung 1: Was die CIA und der BND an Missbrauch der Firma Crypto und der Schweizer Reputation betrieben, ist in jeder Hinsicht verwerflich. Er muss lückenlos aufgeklärt werden (Oberholzer-Untersuchung, GPDel).

Feststellung 2: Seit dem 11. Februar 2020 läuft in der Schweiz die Kampagnen aber nicht primär gegen die beiden ausländischen Dienste, sondern gegen Schweizer Behörden.

Feststellung 3: Weil der heutige Journalismus vieles personifiziert müssen Schweizer Namen her: Kaspar Villiger (FDP), Georg Stucky (FDP), Peter Regli (FDP), Markus Seiler (FDP). Jetzt am Rande auch Arnold Koller (CVP).

Feststellung 4: Am Tag 6 der Affäre, am 15.Februar 2020, läuft vieles gemäss den Gesetzen von Kepplinger ab:

  • Der harte Kern von Tamedia/SRF mit den Verbündeten Boulevard/Wanner.
  • Die Dramatisierung bis zur optischen Fälschung: Der argentinische Kreuzer “Belgrano” geht im Mai 1982 rabenschwarz unter – angeblich verraten via Crypto. Kein Wort davon, dass das Schiff vorher die USS Phoenix war und die britische Luft- und Seeaufklärung den 185 Meter langen, 18,9 Meter breiten Kreuzer unmöglich übersehen konnten.
  • Moralische Erregung: Crypto führte zur Ermordung des chilenischen Präsidenten Allende – Crypto und keine politischen oder geheimdienstlichen Entscheide.
  • Schuldanhäufung: Schuld waren nicht die CIA und der BND, Schuld trug die Schweiz.
  • Diskurs der Empörten: Am lautesten wie immer Rytz und Hämmerli, gemässigter Nordmann.
  • Illegal beschafftes Dokument: Wir gelangte das klassifizierte VBS-Aussprachepapier vom 17. Dezember 2019 aus dem Bundesrat zur Tageszeitung, die die Skandalierung anführt? Wer verriet ihr aus dem Bundesrat, dass der NDB-Direktor am 16. Dezember 2019 zu Bundesrätin Amherd kam? Auch der Bundesrat unterliegt dem Amstgeheimnis.
  • Die Ausweitung der Empörung: “Leserbriefe” – da steuern oft Parteizentralen mit – reden von einer generell skandalösen, verrotteten Schweiz und ziehen wie erwartet alles in den Dreck, was mit Sicherheit, Militär und Nachrichtendienst zu tun hat.

Auch da: affaire à suivre – soigneusement …