BISS – William erobert England 1066

Standard

 

 

Der 68 Meter lange Wandteppich von Bayeux bezeugt die Hastings-Schlacht in einem einzigartigen Bilddokument. 58 Szenen bieten eine grandiose Anschauung.

 

Der 11-tägige Krieg zwischen Israel und Hamas lässt auch Experten ratlos zurück. Den militärischen Aspekt analysiert der israelische Generalstab, immer im Rahmen der Geheimhaltung. Politisch wissen nur Scharlatane, wie es weitergeht; und die einschlägigen Alleswisser in den Schweizer Redaktionsstuben sagen vom “sichern Port” den Parteien, was zu tun ist. 

Die nähere und fernere Zukunft ist völlig offen. Festeren Halt gibt in so einer Lage die Militärgeschichte. Es folgt zur längeren Pfingstmontag-Lektüre die Schilderung einer Schlacht, deren Ausgang und Folgen wir kennen. Vor 955 Jahren standen sich an der englischen Kanalküste das normannische Invasionsheer des Herzogs Guillaume und die Streitmacht des englischen Königs Harold I. gegenüber.

Es war im Zenit des hohen Mittelalters keine klassische Reiterschlacht. Heute sprächen Analytiker von einem asymmetrischen Waffengang. Nur Guillaume führte ein charakteristisches Ritterheer mit entsprechender Fusstruppe ins Treffen. Harold dagegen verliess sich ganz auf seine zu Fuss kämpfenden Housecarls und eilig mobilisierte Vasallen, auch sie infanteristische Kräfte. Lesen Sie selbst, welches Aufgebot gegen Abend die Oberhand errang – das der Kavallerie oder das der Housecarls.

 

 

Hastings, 18. Oktober 1066. Angelsächsische Fusstruppe gegen normannische Ritter. Kampfszene auf dem Teppich von Bayeux.

Das Schlachtgemälde hält die normannische Kavallerie, den englischen Schildwall und Harolds Housecarls treffend fest.

Das frühe Mittelalter war von Mönchsorden in Klöstern geprägt. Im hohen Mittelalter herrschten die Ritter. Von ihren kargen Burgen aus unterwarfen sie die Vasallen dem Lehensrecht: Die Untertanen erhielten Land und leisteten dafür Kriegsdienst. Im späten Mittelalter kam das städtische Bürgertum auf; in ummauerten Orten übernahmen Zünfte die Macht.

Der neue Kriegeradel

Im Zenit des hohen Mittelalters, im 11. Jahrhundert, nutzte der Normannenherzog Guillaume, englisch William I., den Kriegeradel gewandt wie kein anderer. Geboren 1027 als Sohn des Herzogs Robert I. und der Gerbertochter Herleva, musste er sich schon jung zur Wehr setzen – mit aller Härte. Seine Gegner verhöhnten ihn als Guillaume le Bâtard, als Bastard. Als er die Stadt Alençon belagerte, hängten die Bürger Felle aus den Fenstern und riefen: “Felle für den Gerber!” Grausam zahlte ihnen der Geschmähte den Spott heim: Er brannte die Stadt nieder und liess die Rädelsführer bei lebendigem Leib schinden.

Das Wappen Herzog Guillaumes von der Normandie.

Überhaupt verteidigten er und seine Reiter das Herzogtum Normandie entschlossen gegen innere und äussere Feinde. Guillaume bewährte sich militärisch schon, als er noch keine zwanzig Jahre alt wahr. Hernach führte er anderhalb Jahrzehnte ununterbrochen Krieg.

  • Er gründete sein Heer auf angestammte Fusssoldaten und Bogenschützen, aber nicht allein.
  • Ebenso appellierte er an den Rittergeist seiner Grafen und Barone. Mit 3’000 Reitern baute er eine starke Kavallerie auf – im neuen Jahrtausend eine furchterregende Streitmacht. Gegen Ende des Jahrhunderts geriet die normannische Reiterei den anfänglich siegreichen Kreuzzugheeren zum Vorbild (1099 Eroberung von Jerusalem).

Herzog Guillaume von Normandie.

Der Eid von 1064

Früh warf Herzog Guillaume den Blick über den Kanal nach Norden, nach London, nach England. 1064 verschlug ein Sturm den Grafen von Wessex, den englischen Thronaspiranten Harold Godwinson, an die normannische Küste. Guillaumes Lehensmann, Graf Guy de Ponthieu, setzte den Schiffbrüchigen fest. Herzog Guillaume nahm Harold den Eid ab, der sie 1066 entzweite:

  • Harold soll Guillaume ewige Treue geschworen haben.
  • Wenn in London König Edward das Zeitliche segne, überlasse Harold dem Normannen die  Krone.
  • Der Thron gehe an die Normandie über. Das Herzogtum und England bildeten fortan ein Vereinigtes Königreich.

Daraufhin gab der Herzog den Gefangenen frei. Doch kaum war Harold in England, schwor er dem Eid ab. Das feierliche Versprechen sei null und nichtig, weil in Kerkerhaft mit Gewalt erzwungen.

Harold I., König von England.

König Edward beauftragt Harold, die Normandie zu erkunden.

Harold rapportier Edward dem Bekenner, verschweigt aber seinen Eid.

Komet kündet Katastrophe an

Am 5. Januar 1066 starb kinderlos der fromme König Edward, den seine Untertanen den Bekenner nannten. In der Westminsterabtei liess sich Harold zum Nachfolger krönen. Rasch geriet er unter Druck. Sein rachsüchtiger Halbbruder Tostig fand sich mit Harolds Aufstieg nicht ab. Und von Dänemark her nahte ein skandinavisches Heer. Auch der König von Norwegen, Harald der Harte, erhob Anspruch auf den englischen Thron.

Astrologen zeigen auf den Halleyschen Komet (rechts oben).

Der Komet bringe dem König Unheil.

Selbst am Himmel stand Harolds Krönung unter einem schlechten Stern. Als er als König Harold II. in Westminster die Kathedrale verliess, erschien über London der geschwänzte Komet, im Mittelalter “der haarige Stern”. Es war der Halleysche Komet. Harolds Feinde münzten das Ereignis gegen den König um: Der Komet künde vom nahen Sturz des gotteslästerlichen Emporkömmlings.

Harold gehorchte der militärischen Logik und zog mit seinem Heer nach Norden. An der Spitze marschierte und kämpfte die wertvollste Truppe, die ihm treu ergebenen Housecarls – robuste, erfahrene Infanterie. An der Stamford Bridge bei York schlug der König mühsam seine Feinde. Aber er verlor jeden dritten seiner Housecarls. Die royale Streitmacht verliess das Schlachtfeld erschöpft.

Harold entblösst die Südküste

Harold kannte sehr wohl auch Herzog Guillaumes Gelüste. Schon im Juli entsandte er seine Flotte zur Küstenwacht nach Portsmouth. Allerdings ging den Matrosen am 8. September der Proviant aus, worauf der Befehlshaber die Schiffe nach London zurückführte. Englands Südküste war entblösst.

Guillaume zieht sein Heer zusammen.

Herzog Guillaume war im Bild. Er zog das Landheer zusammen und rüstete seine Flotte zum Übersetzen nach England. Fusstruppen hatte er in Flandern, der Picardie und der Bretagne zusammengetrommelt. Den Kern der Kavallerie bildete der normannische Adel, der in England neuen Besitz witterte. Namhafte Verstärkung leisteten bretonische Ritter. Churchill erinnert daran, dass beste Stämme aus dem römischen Britannien in der Bretagne Zuflucht gefunden hatten; dort taten sie sich als gefürchtetes Kriegergeschlecht hervor.

Guillaumes Namen hatte in der feudalen Welt einen guten Klang. Er galt als zäh und entschlussfreudig, mit seinem Heer gut vertraut. Er besass natürliche Autorität und die Gefolgschaft seiner Truppe. Den Sprung nach England plante er von langer Hand. Der Adel zeichnete Anteile an Schiffen und bewaffneten Verbänden. Selbst aus dem normannischen Sizilien und aus Spanien rückten geharnischte Reiter heran.

Wenn Guillaume Ritter unter Vertrag nahm, versprach er ihnen Rang und Güter in England. Den dortigen Adel wollte er entmachten. Für herausragenden Mut auf dem Schlachtfeld stellte er, modern wie er zu handeln pflegte, spezielle Gunst in Aussicht.

700 Boote, 7’000 Krieger

Beladen der Boote.

An der Somme-Mündung versammelte Guillaume seine Streitmacht bei St. Valéry. Sie umfasste tapfere Ritter und wagemutige, landhungrige Abenteurer. 700 Schiffe sollten 7’000 Krieger über den Kanal setzen, unter ihnen viele von Rang und Würden, aber aber auch etliche Söldner und Freibeuter.

Aus England meldeten Guillaumes Kundschafter: Harold tut sich schwer im Norden. Der Süden ist verlassen, die Schiffe sind zurück in London. Nun fehlte den Normannen nur noch der Wind. Doch der Herzog konnte warten. Erst am 27. September blies er – bei aufkommender Brise – zum Aufbruch. Schon im Morgengrauen des 28. Septembers landeten die erste Boote auf dem nördlichen Kanalufer.

Somme-Mündiung.Ritterkommen an und werden eingeschifft.

Überfahrt.

Landung an der feindlichen Küste.

Guillaume bestimmt den Schlachtort

1066 war Herzog Guillaume mit dem gegnerischen Küstengelände wohl vertraut. Bei Hastings fand er den Ort, der seiner taktischen Begabung entsprach. Der Invasor achtete streng darauf, dass ihnen der Gegner den Rückzug nicht abschneiden konnte. Guillaume liess sein Heer in drei Blöcken aufmarschieren – mit einer zurückgestaffelten Reserve, die Schiffe gut gedeckt im Rücken. Der Weg zum Meer war geschützt, der Rückzug offen.

Harold II. führte seine dezimierte Truppe von der Stamford Brigde in Eilmärschen nach Süden. Am 14. Oktober traf er bei Hastings ein. Er stellte sein Heer auf zwei Hügeln auf. Die königliche Streitschar bestand aus 5’000 Mann unerfahrener angelsächsischer Miliz und noch 2’000 Housecarls. Diese trugen ihre Kettenrüstung, Langschilde und mächtige Streitäxte. 500 schwere Housecarls verstärkten Harolds Aufgebot. So bezogen auf englischer Seite 7’500 Mann die Gefechtsordnung – gegen Guillaumes 7’000 Krieger.

Harold II. verzichtet auf Reiter

Von Anfang an verzichtete Harold auf Reiter. Das war ein schwerer Fehler: Ohne Kavallerie zwang Guillaumes qualitativ überlegener Kräfteansatz den König in die Defensive. Für Angriffe waren die Ritter des normannischen Heeres weit besser gerüstet.

Der Aufmarsch: Blau Harolds Engländer, rot Guillaume: Bretonen links, Normannen im Zentrum, Flamen und Franzosen rechts.

In der Tat verliess sich der Herzog auf seine Vasallen und zugewandten Ritter. Seine geharnischte Kavallerie erlaubte ihm das, was er konnte und liebte: offensiv vorgehen, angreifen, den Gegner umfassen und in die Enge treiben. Guillaume vertraute den drei Hauptblöcken und deren Führer. Er hielt an der Gliederung fest, die er früh angeordnet hatte:

  • Auf dem linken Flügel postierte er die bretonischen Ritter unter dem kriegserprobten Grafen Alain de Bretagne.
  • Im Zentrum hielten sich seine Normannen zum Angriff bereit: die Reiter und die Soldaten zu Fuss. Diesen Hauptharst befehligte Guillaume selbst.
  • Die rechte Flanke deckte das flämisch-französische Kontingent unter Eustace II. von Boulogne; dass Roger II. von Montgomery, ein früher Vorfahr des Feldmarschalls Bernard Montgomery, 1066 in die Schlacht zog, ist denkbar, aber nicht gesichert.

Starke Schilderreihen

Herzog Guillaume war sich bewusst: Numerisch war er den Verteidigern unterlegen. Aber 3’000 seiner 7’000 Krieger traten zu Pferd an – stark gerüstet, mit Nasenhelm, Langschild, Lanze, Schwert und schweren Steinkolben. Sie ritten im Galopp auf den Feind zu. Steigbügel hielten sie im Sattel. Prallten sie auf, fielen sie nicht gleich vom Ross. Auch an Bogenschützen war Guillaume dem König überlegen. Zudem liess der Herzog als erster europäischer Feldherr seine Normannen die Armbrust spannen – eine tückische Waffe, die Harold II. überraschte.

Der König verliess sich auf die Schildwälle, die seine Housecarls auf den Hügeln Senlac und Courtback errichtet hatten.

Am 18. Oktober 1066 beanspruchte Ivo Taillefer, Guillaumes Minnesänger, das Recht des ersten Angriffs für sich. Der Herzog gewährte ihm den Wunsch. Taillefer sprengte hoch zu Ross den Hügel hinan, schmetterte Lanze und Schwert in die Luft und fing beide wieder auf. Die Engländer staunten. Dann galoppierte der Sänger mitten in die feindlichen Reihen und fand den Tod.

Lage um 9 Uhr. Die Invasoren greifen an.

Der Normannenführer Guillaume eröffnete die Attacke mit den Bogen- und Armbrustschützen. Aber ihre Pfeile und Bolzen blieben in den Langschildern stecken. Harold, siegessicher, wie er war, verzichtete noch auf den Einsatz seiner Bogenschützen. Zu viele hatte er an der Stamford Bridge verloren. Dafür verwehrte er den Normannen das Einsammeln der Geschosse, die diese zum zweiten Angriff eingesetzt hätten.

Normannische Kriegslist

Herzog Guillaume liess bei der Reserve neue Pfeile und Bolzen holen. Nun befahl er auch den Infanteristen: “Attacke!” Diesmal waren es Fusssoldaten, die an Harolds Schildern aufliefen. Nachdem auch die Reiterei gescheitert war, erkannte Guillaume, dass links von ihm bretonischen Reiter langsam zurückwichen. Als er sah, dass sich Angelsachsen zum Nachstossen anschickten, griff er zu einer List: Auf dem ganzen linken Flügel liess er taktisch die Kavallerie zurückfallen. Beim Gegner hatte sich das Gerücht verbreitet, Guillaume sei gefallen.

Das verleitete die nominellen Verteidiger – wie das Zurückweichen der Bretonen – endgültig zum Nachstossen. Doch damit begingen sie den Fehler, in dem Chronisten den Anfang von Harolds Ende erkennen: Sie verliessen die Schlachtordnung und jagten dem Feind überhastet nach. Der innere Zusammenhalt, der die Angelsachsen ausgezeichnet hatte, ging verloren.

Guillaumes Ritter: “Attacke!”

Angelsächsische Gegenwehr.

Guillaume zog bewusst seinen Nasenhelm hoch über die Stirn. Er zeigte Freund und Feind das Gesicht. Alle sollten sehen, wie falsch das Gerücht war. Der Herzog blies zum Gegenschlag und ritt persönlich auf die wild vorrückenden Feinde zu. Unter den Angelsachsen kam es zu einem grausamen Gemetzel. Sie bezahlten das Verlassen des Schildwalles mit dem Tod.

Dann wiederholte Guillaume die Täuschung auf dem rechten Flügel. Wieder durchbrach der Feind seinen eigenen Schilderschutz. Schliesslich galt es, den Normannen, Flamen und Franzosen nachzusetzen. Doch die normannische Kavallerie drehte ab und umfasste nun auch Harolds linke Flanke. Auf beiden Flügeln zerbröckelten des Königs Gefechtsreihen. Seine Schildwälle wurden nutzlos, weil umgangen. Von den Flanken drängte Guillaumes Armee die Engländer zusammen. Die Verteidiger wurden derart eingekeilt, dass sie nicht einmal ihre Verwundeten bergen konnten. Auf dem Gefechtsfeld wurde es so eng, dass einen Moment lang nicht einmal alle Gefallenen zu Boden sanken.

Der Pfeil im Auge des Königs

Lage am späten Nachmittag. Erste Engländer fliehen nordwärts.

König Harold verlor die Übersicht. Er besass nicht mehr die Macht, sein ganzes Heer zu führen und dessen Aktionen zu koordinieren. Allein noch die Housecarls bewahrten Disziplin; sie liessen nicht von ihrer Formation ab. Im gegnerischen Lager hatte Herzog Guillaume seine Streitmacht im Griff. Sein Schlachthammer waren die angestammten Normannen im Zentrum; mit ihnen sollte er den eidbrüchigen Harold niederringen.

Noch aber war die Schlacht um England nicht entschieden. In langwierigem Nahkampf drangen die Normannen ins Landesinnere vor. Am späten Nachmittag wagte Harold II. einen Entlastungsangriff; es sollte das letzte Mal sein, dass er zur Attacke blasen liess. Sogar Housecarls stürmten dem Meer zu. Aber als die Engländer halbwegs den Hügel hinab waren, liefen sie Guillaumes Reitern frontal in den Hammer. Die Ritter metzelten Harolds Aufgebot gnadenlos nieder.

Der Abend nahte, über Hastings begann es zu dämmern. Dem König Harold waren dezimiert die schweren Housecarls geblieben. Mit ihnen verschanzte er sich in einer Art Zitadelle. In der Not leistete er selber erbitterten Widerstand. Noch einmal errichteten Housecarls einen Schildwall. Doch bald entdeckten die Normannen den Herrscher, der sich mit seinen Getreuen um die royale Fahne scharte.

Der Pfeil in Harolds rechtem Auge.

Normannischer Ritter schlägt Harold tot.

An dieser Stelle fiel König Harold I. von England.

Guillaume befahl den Bogenschützen, hoch in die Luft zu schiessen. So überwanden sie Harolds Schutzwall. Ein Pfeil traf den König ins rechte Auge. Schon diese Verletzung war tödlich – nicht mehr zu heilen.Und jäh brachen die Normannen durch. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im englischen Lager die Kunde: Der König ist von einem Pfeil getroffen, ein Ritter hat ihn totgeschlagen.

Harolds Gewicht in Gold – Nein!

Die Folge war verheerend: Harolds Tod entband die Vasallen von ihrem Treueid. Sie warfen ihre Waffen weg und flohen. Auch wenn die Housecarls, die Tapfersten der Tapferen, lieber fielen statt sich zu ergeben, hatten die Angelsachsen die weltgeschichtliche Schlacht von Hastings verloren. Herzog Guillaume hatte in der schwersten Schlacht seines ruhmreichen Lebens dreimal das Pferd wechseln müssen. Jetzt aber beanspruchte er – zu Recht – den Sieg für sich.

Die siegreichen Reiter setzten den zurückweichenden Verlierern ins Land hinein nach. Durch die hinteren Abhänge von Hastings zieht sich ein tiefer Wehrgraben. Viele Ritter stürzten in den Graben und wurden von Engländern niedergemacht; diese hatten in den Wäldern auf die Verfolger gelauert. Am Ausgang der Schlacht änderte das Nachhutgefecht nichts mehr.

Guillaume und seine Ritter beim Festmahl.

Guillaume lud seine Ritter zum Festmahl, wie das die hochmittelalterliche Sitte dem Sieger gebot. Den toten König Harold liess er in ein Purpurgewand hüllen und zwischen den Felsen der Hastings-Bucht verstecken. Die Königsmutter bot dem Herzog Harolds Gewicht in Gold; denn sie wollte ihn in geweihter Erde bestatten. Guillaume aber war der ritterlichen Überzeugung: Der Krieger Harold ruht besser an der sächsischen Küste. Hier hat er für sein Land das Leben geopfert. Erst später wurde der König in die Abtei Waltham überführt, wie es seine Mutter gewünscht hatte.

Guillaume wird König William I.

Am 25. Dezember 1066 liess sich Guillaume von Normandie in der Westminsterabtei krönen – am Weihnachtstag wie im Jahr 800, als in Rom Papst Leo III. dem Franken Karl dem Grossen die Kaiserkrone aufsetzte. Bis 1071 nahm König William I. ganz England in Besitz. Er baute Zwingburgen, enteignete den angestammten Adel und gab Rittern die versprochenen Landgüter. Wer sich in der Schlacht hervorgetan hatte, den belohnte er reich. Das normannische Lehenswerk übertrug er auf das britische: Fortan schworen die Vasallen den Eid von Salisbury.

Farbig Williams I. Reich bei seinem Tod 1087. Auch Schottland, Wales und das Herzogtum Maine südlich der Normandie akzeptierten William als Oberherrn.

Auch in England legte William I. die Tatkraft an den Tag, die ihn schon auf dem Festland ausgezeichnet hatte. Als er 1087 in Frankreich 60-jährig starb, beherrschte er die Normandie und England bis hinauf zur schottischen Grenze. Wales und Schottland anerkannten ihn als Oberherrn, wie auch die Grafschaft Maine südlich der Normandie. Williams Wunsch, in der Schlacht zu fallen, ging nicht ganz in Erfüllung. Wohl wurde er bei seinem Ritt durch die verwüstete Stadt Mantes schwer verletzt; aber der Tod ereilte ihn langsam und qualvoll erst im Kloster Saint-Gervais bei Rouen.

Begraben lag der erste Normannenkönig von England in der Abteikirche Saint-Etienne von Caen – bis das Grab 1522 im Hugenottenkrieg geplündert wurde. Die Geschichte nennt ihn Guillaume le Conquérant, William the Conqueror, Wilhelm den Eroberer.

Mit Williams Landnahme wurde England zweisprachig. Die neue Herrscherschicht sprach das normannische Französisch, das Volk blieb bei Angelsächsisch. Von 1337–1453 tobte der Hundertjährige Krieg, in dem die Häuser Plantagenet und Valois um Frankreichs Thron rangen. Im Verlauf des Konflikts kam die angelsächsische Sprache auch in Verwaltung und Justiz wieder auf – stark durchsetzt von normannisch-französischen Wörtern. So entstand das Idiom, das Linguisten das mittelenglische nennen.

Der Wandteppich von Bayeux

Wandteppich von Bayeux. Da waren Harold und Guillaume noch Freunde: Ausritt in der Normandie, Rettung zweier Ertrinkender.

Grossartig festgehalten: Die Schlacht von Hastings.

Bayeux: Das Centre Guillaume le Conquérant beherbergt den weltberühmten Wandteppich aus den 1070er-Jahren.

Von Williams Sieg bei Hasting zeugt in Bayeux der einzigartig schöne und aussagekräftige Wandteppich. Bischof Otto von Bayeux, Guillaumes Halbbruder, gab das Werk in den 1070er-Jahren in Auftrag. Die 68 Meter lange, zwischen 48 und 53 Centimeter breite Leinwandbahn sollte die Schlacht vom 14. Oktober 1066 für alle Zeit festhalten. Das singuläre Geschichtsdokument ist heute noch im Centre Guillaume le Conquérant von Bayeux zu bewundern. 58 Szenen sind erhalten. Die letzte Szene – Williams Krönung – fehtn. Irgendwer muss sie irgendwann abgerissen haben.

Moderne Historiker zweifeln den Teppich an, weil sich Bischof Otto auf mehreren Bildern selber verewigte. Das singuläre Geschichtsdokument als Propaganda abzutun, mutet indes verfehlt an. Es entstand noch, als Zeitgenossen das Heldenepos bezeugen konnten. Und von keiner anderen Schlacht des Hochmittelalters ist der Verlauf so plastisch und umfassend festgehalten wie auf dem Teppich von Bayeux.

Die letzte Invasion vom Festland her

Williams Siegeszug war 1066 an  Britanniens Kanalküste die letzte gelungene Invasion – vor mehr als neuneinhalb Jahrtausenden! Seither ist es keinem Invasoren mehr gelungen, die Insel vom europäischen Festland aus zu nehmen.

Fast 1’000 Jahr nach den Normannen plante die Wehrmacht 1940 die Invasion an der englischen Südküste. Hitler brach das Unternehmen “SEELÖWE” nach dem Scheitern der Luftwaffe ab.

Sehr viel später als der normannische Herzog, vom Juli bis Oktober 1940, wagte ein gewisser Hermann Göring den Sprung über den Kanal; doch in der Luftschlacht um England erwies sich sein Maul so gross wie seine Flieger den Briten unterlegen. Die deutsche Operation trug den stolzen Code “SEELÖWE”, aber das Unternehmen scheiterte, wie zuvor alle anderen Invasionen seit 1066.

Was dem Herzog Guillaume von Süden her gelang, schafften die Alliierten am 6. Juni 1944: die Invasion des Kontinents von England aus. Nie zuvor und nie wieder danach sah die Welt eine grösseres militärisches Unternehmen als die Operation “OVERLORD”. In der Normandie, nicht am Pas-de-Calais griff General Dwight Eisenhower an, an allen fünf Sektoren rangen Amerikaner, Briten, Kanadier und Polen die Wehrmacht nieder.

De Gaulle in Bayeux

Bayeux wurde am 7. Juni als erste grössere Stadt wurde fast kampflos eingenommen, was dem historischen Küstenort die Zerstörung ersparte. General de Gaulle landete am 14. Juni nach vier Exiljahren bei Bayeux. In der Stadt rief er das französische Volk erneut zum Widerstand auf. Bis zur Befreiung von Paris am 25. August regierte Charles de Gaulle das Freie Frankreich von Bayeux aus. Der General hatte halt noch Sinn für historische Grandeur.

14. Juni 1944: De Gaulle zieht in Bayeux ein.

Juni 1944: Britische Sherman-Panzer in Bayeux.