BISS – Wie sträflich die USA bin Laden laufen liessen

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Osama bin Laden in den Tora-Bora-Bergen.

Tora Bora grenzt direkt an Pakistan an. Der Hindukusch ist dort über 5’000 Meter hoch.

 

Siehe auch > BISS – Der SEAL, der Osama bin Laden umlegte

Afghanistan-Bücher füllen ein ganzes Regal. Es lohnt sich, die Militärgeschichte des Landes zu lesen – vom 24. Dezember 1979, von der sowjetischen Speznaz-Landung an, aber auch weiter zurück. Selbst Alexander der Grosse, mit David, Hannibal und Cäsar ein überragender Heerführer der Antike, biss sich im damaligen Baktrien die Zähne an den Afghanen aus! 

James Mattis schildert in seinen Memoiren, wie im Dezember 2001 der Erzterrorist Osama bin Laden (OBL) von den Tora-Bora-Bergen nach Pakistan entkam. Es ist der unfassbare Bericht über das sträfliche Versagen von General Tommy Franks, des Befehlshabers Central Command. Die Rivalität von Heer und Marine Corps spielte dem gerissenen Terrorführer OBL in die Karten.

Dzember 2001, Kandahar: Brigadegeneral Jim Mattis, Kommadant Task Force 58.

Mattis motiviert Marines.

  • Im Oktober 2001 befehligte der damalige Brigadegeneral Mattis die 1st Marine Corps Expeditionary Unit. Mattis nennt sie oft auch seine Brigade, was dem Aufbau einer solchen Unit entspricht. Vice Admiral Willy Moore, Befehlshaber der 5. Flotte, befahl Mattis, er müsse mit den Marines in Rhino, 60 Kilometer südsüdöstlich von Kandahar, einen vorgeschobenen Stützpunkt errichten.
  • Der erste Auftrag von Mattis’ Task Force 58 lautete, die Stadt Kandahar, Geburtsort und Hochburg der Taliban, einzunehmen und so die gegnerische Führung zu zwingen, Truppen vom hart umkämpften Norden in den Süden zu verlegen. Über mehr als 400 Kilometer weg flogen Helikopter mehr als 1’000 Marines vom Arabischen Meer nach Rhino. Mattis’ Kader und Soldaten erfüllten Moores Auftrag.

Jagd auf Osama bin Laden (OBL)

  • Im Dezember verlegte das Pentagon Mattis’ Kampfgruppe 600 Kilometer nach Nordosten. Gleichzeitig unterstellte es Mattis dem General Tommy Franks. Der Befehlshaber des Central Command hatte von Marines eine weniger gute Meinung als Moore. Bei Kandahar liess Franks die 101. Fallschirmdivision landen, die den Auftrag der TF 58 übernahm.

Mattis vor Afghanistan-Karten.

  • In den über 5’000 Meter hohen Tora-Bora-Bergen hatte sich OBL mit gut 2’000 Getreuen verschanzt. Amerikanische Spezialkräfte jagten ihn. Osaba bin Laden, der Erzgangster, der diabolische Planer der Suizid-Flüge am 9/11, war der Grosse Preis des Feldzugs, der am 7. Oktober 2021 gegen al-Kaida und die Taliban angelaufen war.

Querschnitt durch bin Ladens Höhlensystem.

  • Allein, OBL hatte in den 1990er-Jahren ins Gebirge ein raffiniertes Höhlensystem sprengen lassen. Er verschob permanent seinen Standort. In den Höhlen erzeugten Generatoren Strom. Bin Ladens Verstecke waren untereinander verbunden, seine Befehle gingen durch. Mehrmals glaubten die Special Forces Operators, sie hätten ihn eingeschlossen – doch jedesmal schlüpfte er im letzten Moment durch die Maschen.

Vorbild: die Apachenjagd

Mattis rechnete fest damit, dass die TF 58 nach Tora Bora befohlen war, um OBL die Pässe nach Pakistan abzuschneiden.

  • Er studierte, wie er es gewohnt war, die Militärgeschichte. 1886 jagten in Arizona und New Mexico Rangers den Apachen-Häuptling Geronimo. Die Jäger errichteten 23 Stützpunkte. Von diesen aus überwachten sie Tag und Nacht das weite Land; und sie waren stark mit Waffen dotiert. Die fast zwei Dutzend Stützpunkte wurden so angelegt, dass jeder seine beiden Nachbarn sah. Die Schussbereiche der Posten überlappten einander. Was immer die Apaches auch planten – die Rangers entdeckten sie; und nahmen sie unter Feuer. Geronimo ging der Army ins Netz.

Die engen Passstrassen liessen sich sehr wohl sperren.

  • Mattis beschaffte vom Grenzland zu Pakistan beste Karten. Es war Winter; und nur wenige Pässe waren begehbar. Von den offenen Übergängen erhielt die Task Force 58 hochauflösendes Fotomaterial, das jede Biegung, jede Steigung, jeden Abstieg plastisch zeigte. Mattis entwarf ein Netz stark bewaffneter Beobachtungsposten, die untereinander verbunden waren. Personell wollte er sie mit Marines und Spezialkräften besetzen. Jeder Marine, jeder Operator konnte Artilleriefeuer und Luftunterstützung anfordern und ins Ziel dirigieren. Nach metikulöser Planung hielt Mattis fest: In diesem Geflecht musste sich OBL verfangen.
  • Helikopter sollten die Ausrüstung zu den Posten tragen. Auf jeden Pass mussten sie Beobachtungsgerät, Maschinengewehre und Mörser transportieren – samt allem, was es zum Überleben in Schnee und Eis brauchte. Scharfschützen sollten die Positionen verstärken.

Hammer und Amboss

Zum Vorgehen unterbreitete Mattis dem Central Command einen Hammer-und-Amboss-Plan:

  • Für den Hammer sah er Kampfflugzeuge vor. Sie sollten die Eingänge zu den Höhlen derart zerschmettern, dass die Jihadisten eingeschlossen wurden. Sobald OBL über Notausgänge zu entweichen suchte, würden ihn die Stützpunkte entdecken. Auf der Flucht zur Grenze musste der Erzterrorist den Jägern in die Falle laufen. Den Marines und Spezialkräften gedachte Mattis die Amboss-Rolle zu.
  • Was dann folgte, war quälendes Warten. Zuerst holte Franks Stammeskrieger aus dem Norden, die dort ihren Warlords ergeben gedient hatten. In Tora Bora kannten sie sich nicht aus. Sie kamen ärmlich daher. Schlecht gerüstet für den Krieg im Hochgebirge, bekamen sie die verzweifelt kämpfen al-Kaida-Terroristen nicht in den Griff. Aber immer noch konnte sich General Franks nicht überwinden, der TF 58 den Einsatzbefehl zu erteilen.

Bin Laden in Pakistan.

  • Jim Mattis blieb auf seinem Operationsplan sitzen. An Weihnachten erfuhr er: Osama bin Laden ist entwischt, er düpierte die Stammeskrieger, er versteckt sich jetzt in Pakistan. Als Mattis die Wahrheit erfuhr, sagte er nur: “Das ist mir ein schönes Weihnachtsgeschenk!”

“Der gravierendste Fehler”

Hank Crampton, der CIA-Chef in Afghanistan, hatte sich vergeblich für Mattis verwandt. Er rief Präsident Bush auf, er möge den Marines den Auftrag erteilen, die Fluchtwege abzuriegeln. Bush schob die Sache dem Central Command zu, ohne Stellung zu beziehen. Crampton urteilte: “Er wollte dem Militär nicht dreinreden – und verpasste die beste Chance seiner ganzen Präsidialzeit, Amerikas Erzfeind zu fangen.”

2005 schrieb ein Korrespondent der New York Times: “Nach Osama bin Ladens Flucht kam die Regierung Bush zum Schuss: Die Weigerung des Central Command, die Marines einzusetzen, war der gravierendste Fehler des ganzen Feldzugs.”