BISS – Wie ein Anwalt Trump ins Bockshorn jagte

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  • In der Nacht zum 20. Juni 2019 schoss eine iranische S-300-Batterie über der Strasse von Hormuz eine amerikanische Aufklärungsdrohne RQ-4A Global Hawk ab. Zum Zeitpunkt des Abschusses befand sind die Drohne im internationalen Luftraum – am Nordausgang des Golfes von Oman über internationalem Gewässer.

Strasse von Hormuz. Roter Punkt: Standort der iranischen S-300-Batterie. Schwarzer Punkt: Dort wurde die Global Hawk getroffen.

  • In Washington beschlossen Präsident Trump, Aussenminister Pompeo, Generalstabschef Dunford, Trumps Stabschef im Weissen Haus, General Kelly, und der Nationale Sicherheitsberater Bolton einen bewaffneten Gegenschlag: Um 21 Uhr Ostküstenzeit sollten F-22-Jagdbomber vom Stützpunkt al-Udeid (Katar) drei iranische S-300-Batterien zerstören. Die Air Force hatte die Operation um 19 Uhr einzuleiten.
  • Dann geschah das Unfassbare: Um 19.20 Uhr blies Trump den Angriff ab. Seine Begründung lautete so skurill, wie es sein plötzlicher Sinneswandel war. Ein General habe ihn soeben unterrichtet, die Attacke koste 150 Iranern das Leben. Das wolle er nicht, “keine 150 Leichensäcke”.
  • Im Weissen Haus, im State Departement, im Pentagon und in Boltons Stab herrschte blankes Entsetzen.
  • Trump wiederholte Obamas Fehler von 2013. Damals hatte Obama dem Syrer Asad einen bewaffneten Schlag angedroht, wenn dieser nochmals die rote Linie überschreite und die Zivilbevölkerung mit Sarin-Nervengift töte. Als es wieder soweit war, schreckte Obama vor dem Angriff zurück. Fortan hatte er im Nahen und Mittleren Osten jede Glaubwürdigkeit eingebüsst.

Soldaten bereiten Global Hawk zum Einsatz vor.

  • So sehr sich Trump dann wand, intern und auch gegenüber dem iranischen Ayatollah-Regime hatte er jegliche Statur verloren.

Was war zwischen 19 und 19.20 Uhr geschehen? John Bolton, den Trump später feuerte, beschreibt den unglaublichen Vorgang in seinen soeben erschienen Memoiren auf den Seiten 478–495.

  • Demnach war bis 19.20 Uhr (fast) allen alles klar – ausser einem obskuren Anwalt und dem Präsidenten.
  • Die F-22 Raptor sollten noch zwei Batterien zerschlagen. Die dritte war von der iranischen Revolutionsgarde kurzfristig verlegt worden; ihr genauer Standort war zu Beginn der Operation unklar. Sonst aber sass der Plan.
  • Zu den Konsequenzen schreibt Bolton: “Wir trafen Ziele, die wahrscheinlich mit Verlusten verbunden waren, eine Frage, die wir erörtert hatten, da Trump gehört hatte, dass die von ihm angeordneten Angriffe tote Iraner (und möglicherweise auch tote Russen) bedeuten würden.”
  • Bolton bekräftigt: “Ich glaube fest daran, dass Trump genau wusste, was er tat, als er die Entscheidung traf.”
  • Die Memoiren Boltons bestätigen, was Militärexperten von Anfang an angenommen hatten: Dass nämlich General Dunford den Präsidenten früh über mögliche iranische (und eventuell russische) Verluste informierte. Das gehört zu jedem Briefing, das der Oberbefehlshaber im frühen Planungsstadium einer solchen Operation erhält.

Iranische S-300-Batterie. Trump wurde früh informiert, dass die Zerstörung iranischer Batterien zu Verlusten führen konnte.

Von Militär verstand Eisenberg rein gar nichts

Was aber tat Trump kund – per Twitter, versteht sich? Er habe vorher von den möglichen Verlusten nichts gewusst. Erst in letzter Minute habe ihm “ein General” gesagt, 150 Iraner müssten ihr Leben lassen.

Dazu bringt Bolton den Clou: Es war kein General, sondern ein Anwalt des Weissen Hauses, der unter Umgehung aller Dienstwege zum Präsidenten ins Oval Office huschte und ihm den Bären von den 150 Toten aufband. Der Mann heisst John Eisenberg und spielte auch in der Ukraine-Affäre eine dubiose Rolle. Er stammte aus der konservativ-republikanischen Anwaltskanzlei Kirkland & Ellis, die auch Trumps Justizminister Bill Barr und den Supreme Court Justice Brett Kavanaugh hervorgebracht hatte.

Aber von Militär verstand Eisenberg überhaupt nichts.

F-22 Raptor sollten den Angriff führen.

So, wie Bolton die Geschichte überliefert, erinnern Trumps vier Jahre an den sagenumwobenen “Ritt über den Bodensee”, an Gustav Schwabs Ballade vom Reiter, der im Nebel über den zugefrorenen See ritt, ohne dass er das wusste.

Bolton qualifiziert Trumps Eskapade als “das Unvernünftigste, was ich je von einem Präsidenten erlebt habe. Es erinnerte mich an Kellys Frage an mich: Was würde passieren, wenn wir mit Trump als Präsident jemals in eine echte Krise gerieten?”

Mehr ist nicht zu sagen. Wenn man bedenkt, dass Trump Tag und Nacht über einen der beiden Auslöser der Atombombe verfügte, nur noch das: Wir sind noch einmal davon gekommen.

Der Ritt über den Bodensee. Lenk-Statue in Überlingen.