BISS – Wenn ein alt Bundesrat fabuliert

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Die Karte zeigt das überwältigende Ständemehr gegen den EWR. Nur die beiden hellroten Kantone Bern und Zürich waren einigermassen knapp.

Am 6. Dezember 1992 verwarfen Volk und Stände den EWR-Beitritt. Zum Nein trug der Bundesrat bei. Er hatte beschlossen, der damaligen EG ein Beitrittsgesuch zu stellen. Bundesrat Ogi nannte den EWR “das Trainingslager” zum EG-Vollbeitritt.

Nun bringen Archivalien an den Tag, wie kritisch der Bundesrat zum EWR stand. Ein einziger der damals Beteiligten, Adolf Ogi, fabuliert heute in der “SonntagsZeitung”, die Briefwahl habe die Abstimmung entschieden. Der Bundesrat habe seine Fernseh-Autritte zu spät angesetzt. Unsinn!

  • 1992 war die Breifwahl weit weniger verbreitet als heute. Auf dem Lande, wo der EWR scheiterte, gingen Frauen und Männer noch zur Urne – in der Regel am Sonntagmorgen, oft mit anschliessendem Wirtshaus-Besuch (an den Urnen war Alkohol streng verboten),
  • Noch wichtiger: Der EWR erforderte das doppelte Mehr von Volk und Ständen. 16 Stände verwarfen den Kolonialvertrag, davon 14 mit wuchtigem Mehr. Zu behaupten, die späten TV-Auftritte des Bundesrates hätten die Ausmarchung entschieden, das ist Humbug. An mindestens 14 der 23 Stände wäre die Vorlage eh aufgelaufen.
  • Etwas ketzerisch dürfen sich Zeitgenossen jener historischen Stunde fragen: War der damals zerstrittene, vom eigenen Antrag selber nicht überzeugte Bundesrat überhaupt fähig, per Fernsehen Volk und Stände zu bewegen? Adolf Ogi vielleicht, ein paar Millimeter, aber René Felber, der zuständige Aussenminister, und sein Verbündeter Jean-Pascal Delamuraz, die beiden welschen Euro-Turbos – in der Deutschschweiz, die das Sagen hatte?

PS. Eben dieser Delamuraz liess sich am Abstimmungssonntag um 17 Uhr am Fernsehen derart gehen, dass er im Stimmvolk jegliche EG-Ambition begrub. Wutentbrannt schrie er: “Un dimanche noir!”, ein schwarzer Sonntag – was Patrioten die Sprache verschlug: “ral-le-bol” – uns reicht’s.