BISS – Was heisst “Provinzen” Donezk und Luhansk?

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Orange die Provinzen Luhansk und Donezk. In ihrer Gesamtheit beherrschen sie den äussersten Osten der Ukraine. Das strategische, vor allem aber auch operative Gewicht des Donbass ist nicht zu verkennen.

Schon die oben stehende Karte belegt die hohe Bedeutung des Donbass für Russland und die Ukraine. Doch auch der Blick auf die unten folgende Karte sagt alles: Mit Putins völkerrechtswidrigen Anerkennung der “Republiken” Donezk und Luhansk ist das Ringen um die östlichsten Provinzen der Ukraine längst nicht beendet.

Das besetzte und jetzt “anerkannte” Gebiet umfasst nur rund 30% des Territoriums der beiden Provinzen (Oblast).

Die ursprünglich ukrainische Fläche betrug rund 11’400 Quadratkilometer. Davon sind lediglich etwa 3’400 prorussisch besetzt. Der ansehnliche “Rest” ist in der Hand der ukrainischen Armee, in der entlang der sogenannten “line of control” seit 2014 Zehntausende Kriegs- und Fronterfahrung sammeln (und fallen – amtlich spricht die Ukraine von gut 13’000 Kämpfern, die bisher ihr Leben liessen).

Braun die neuen “Republiken”, doch die Provinzgrenzen verlaufen deutlich westlicher.

  • Dass die DPA, die Deutsche Presseagentur, Donezk mit der Klammer (RUS) den Russen zuschreibt, mag Clausewitzens “Nebel des Krieges” zuzuordnen sein.
  • Richtig sind die roten Feuer für Kampfgebiete, in denen die Gefechte seit 2014 immer wieder aufflammen. Die punktierten Flächen weisen auf umstrittene Zonen mit starker russischer Bevölkerung hin, wie überhaupt russischstämmige Separatisten im Donbass die Mehrheit stellen.
  • Schon am 21. August 2014, nach Ausbruch des Donbasskrieges, meldete die UNO die Flucht von 155’800 Ukrainern aus dem Osten des Staates, was das Übergewicht der prorussischen Abtrünnigen noch stärkte.
  • Fraglich ist, ob die Donezker Aufständischen ganz im Süden, rund um Nowoasowsk, eine Exklave halten. Korrekt sind gewiss die Flammen bei Mariupol: Dem Hafen am Asowschen Meer messen Strategen Bedeutung bei.

Was nun, Putin?

12. Februar 2022: Die Chefs von Russland (Putin), Deutschland (Merkel), Frankreich (Hollande) und der Ukraine (Poroschenko) am Krisengipfel in Minsk – nach der Unterzeichnung des Abkommens, das zur Makulatur verkommt.

Die gestern in Moskau unterzeichneten Dokumente enthalten einen gefährlichen Haken: Sie proklamieren für die “Republiken” ein ganz anderes Territorium, als die Separatisten derzeit halten. Die “Republik”-Grenzen sollen gemäss Putin identisch sein mit den offiziellen Oblast-Grenzen. Diese liegen deutlich westlicher als die “line of control“, die das nun obsolete Minsk-Abkommen am 12. Februar 2015 zog.

Wir halten uns an die Regel, nur zu prophezeien, was von heute an in fünfzig Jahren geschieht. In Zürcher Redaktionsstuben und Washingtoner Agentenzirkeln wissen genug gescheite Experten, was wer wo, wann und wie unternimmt. Doch Fragen zu stellen, ist stets erlaubt, ja geboten.

  • Auch wenn der russische Generalstab schon im Sommer 2014 den prorussischen Separatisten mächtig unter die Arme griff, früh auch mit gepanzerten Kampfwagen: Was heisst die “Anerkennung” der beiden Republiken militärisch? Wird der sofortige Einmarsch von T-72-Panzern zum Fanal für eine massive Verstärkung der ohnehin schon bestehenden russischen Militärpräsenz?
  • Hält es Putin für “angebracht”, dem “Hilfsersuchen” der russischstämmigen Ukrainer in den nichtbesetzten 70% der Provinzen stattzugeben? Lässt er seine Kampfverbände bis an die offiziellen Provinzgrenzen vorrücken? Nimmt er einen weiteren Bruch des Völkerrechts in Kauf – und erneut rund 8’000 Quadratkilometer fremden Territoriums in Besitz?

Das müssen die kommenden Tage und Monate weisen. Die USA und ihre Verbündeten lassen keine Zweifel offen: Mit der Anerkennung der “Provinzen” verstösst Putin gegen das internationale Recht und verwirft jeden Ansatz, Konflikte friedlich zu ordnen. Ein weiterer Vorstoss auf ukrainisches Territorium würde als noch schwerer Verstoss eingestuft und entsprechend noch schärfer sanktioniert.

Nur, fragt der neutrale Betrachter: Eigentlich stehen russische Truppen, seit letzter Nacht völlig offen, verdeckt längst auf dem Boden der Ukraine. Und auf der Krim haben das Heer, die Marine und die Luftwaffe auf völkerrechtlich fremdem Land vor acht Jahren eine gewaltige Wagenburg errichtet, von der aus sie das Schwarze Meer beherrschen wie weiland der Zar und die Sowjetunion.

Dunkelgelb Donbass vom Asowschen Meer bis zur ukrainischen Grenze im Norden.