BISS – Warum Israel die Kornet-Rakete fürchtet

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Abschuss einer Kornet-Rakete.

  • Zum frühen Abbruch der israelischen Operation “MAUERWÄCHTER” kommt militärisch eine aufschlussreiche Erkenntnis zutage: Israels Kriegskabinett willigte am 20. Mai 2021 auch in den Waffenstillstand ein, weil Hamas über eine grössere Anzahl russischer 9M133-Kornet-Raketen verfügt.
  • Die Kornet gehört zu den gefährlichsten Pzaw-Raketen der Welt. Israels sieggewohntes Panzerkorps behält die je nach Version 29–33 Kilogramm schweren Waffen aus dem Zweiten Libanonkrieg 2006 in schlechter Erinnerung.

Die Schlacht im Wadi Saluki

  • Am 12. August 2006 neigte sich jener Krieg dem Waffenstillstand zu, der dann am 14. August eintrat und den Waffengang mit einem Unentschieden beendete.
  • Brigadier Guy Tzur, der Kommandant der traditionsreichen 162. Panzerdivision, führte mit der 401. Panzerbrigade die letzte Operation “NEUE RICHTUNG 11”. Durch das tückische Wadi Saluki setzte er ein Bataillon an, das den Saluki mit zwei Kompanien in Front durchstossen und in Richtung Tyros vordringen sollte. Nahal-Infanteristie sollte Elemente den Vormarsch unterstützen.

Lage vom 12. August 2006 gemäss Hisbollah. Oben die Schlacht im Wadi Saluki. Links unten ein Hisbollah-Katyusha-Angriff. Gelb in israelischer Hand, grau Hisbollah.

  • Die Verteidiger der Hisbollah hatten mit einer starken Guerilla-Formation auf den Höhen um das Wadi einen Hinterhalt gelegt. Sie liessen die beiden Kompanien mit ihren je zwölf Merkawa-4 ins Engnis fahren und eröffneten das Feuer mit ihren Pzaw-Raketen.
  • Zwei Tage vor dem Waffenstillstand erlitt Israel nochmals empfindliche Verluste. Elf der 24 Merkawa wurden getroffen. Mehrere wurden komplett zerstört, andere erlitten schwere Schäden. Etliche Israeli fielen, darunter die Kommandanten beider Kompanien. Neben Panzersoldaten kamen auch Nahal-Kämpfer um. Eine dreistellige Zahl Israeli mussten verwundet evakuiert werden, teil Schwerverletzte.

Stückpreis um die 77’000 $

  • Nach dem Krieg untersuchte die fünfköpfige Winograd-Kommission, der drei Richter und zwei Generale angehörten, auch die Saluki-Schlacht. Wie sich herausstellte, hatte der örtliche Hisbollah-Kommandant sein Abwehrdispositiv auf neuen russischen Kornet-Raketen errichtet.
  • Die sehr teuren Kornet – Stückpreis um die 77’000 $ – bekämpfen Panzer mit einem starken thermobarischen Gefechtskopf. Die Rakete dringt frontal auch in gut gepanzerte Kampfwagen wie den Merkawa-4 ein. Besonders gefährlich ist ihre Wirkung, wenn sie Kampf- und Schützenpanzer von der Flanke trifft, wie teils im Wadi Saluki.

Merkawa-Kampfpanzer in der Schlacht ums Wadi Saluki.

2006: Merkawa an der Hisbollah-Front.

  • Die Kornet bohrten sich in alle 24 Merkawa-4. Vor allem dort, wo diese von der Seite getroffen wurden, kam es zu den schweren Verlusten. Beim Merkawa-4 handelt es sich nicht um irgendeinen Panzer. Schon 2006 bildete der stark geschützte Hauptpanzer das Rückgrat des gefürchteten israelischen Panzerkorps. Dennoch fügten die Kornet-Schützen den Israeli überraschene Einbussen bei.

2014: Trophy wehrt Kornet ab

  • Als erste setzten 2003 Iraks Revolutionsgarden Kornet-Raketen ein. Sie trafen amerikanische Abrams-Kampfpanzer und Bradley-Schützenpanzer, doch ohne nennenswerten Schaden.
  • Hamas muss erste Kornet-Lieferungen früh erhalten haben. Wie der Hisbollah-Guerilla lieferte Iran den Gaza-Terroristen Raketen aus nordkoreanischer Produktion. Im Dritten Gazakrieg von 2014 griffen sie, gedeckt durch Frauen und Kinder, israelische Merkawa, Achzarit und Namer an. Diese wehrten die Raketen mit dem neuen Trophy-System von Rafael ab.

Rot umrandet das Abwehrsystem Trophy, hier am amerikanischen Abrams.

  • Erfolgreich gelangten Kornet-Geschosse in Libyen, Ägypten und Syrien zum Einsatz. Im Gazastreifen stellte der israelische Inlandgeheimdienst Shin Bet (Shabak) zahlreiche gut getarnte, taktisch zweckmässig aufgestellte Kornet-Stellungen fest. In aller Regel errichtet Hamas das Dispositiv in Ortschaften, mit Abschusspositionen in Wohnblöcken, Schulen, Moscheen, selbst bei Spitälern.
  • Gut informierte israelische Quellen berichten, das Kornet-Dispositiv habe beim angeschlagenen Benjamin Netanyahu zum Entschluss beigetragen, die präzis vorbereitete Bodenoperation von “MAUERWÄCHTER” abzublasen. Der Premier habe, trotz Trophy, Verluste wie im Wadi Saluki befürchtet und vor allem auch die Opfer gescheut, die der terrestrische Angriff auf die Stadt ergeben hätte.

Kornet: 1998 erfunden, weit verbreitet

Russland setzt in seiner Armee auch die Version mit vier Rohren ein, die ebenso zum Export angeboten wird wie einfache Ausführung.

  • Kornet wurde 1998 in Moskau vom Ingenieurbüro KBP erfunden, dem noch andere bahnbrechende Neuerungen gelangen.
  • Die Liste der Staaten, die Kornet im Arsenal führen, ist sehr lang; wie auch die Aufzählung von Terrororganisationen, die sich die begehrte Rakete auf krummen Wegen erschlichen, darunter – mit Irans tatkräftiger Hilfe – Hamas und Hisbollah.
  • Je nach Version gibt der russische Hersteller die Einsatzdistanz mit 100–10’000 Metern an. Bei den zehn Kilometern dürfte es sich um eine technische, nicht eine taktische Reichweite handeln.
  • Sie würde Israels altes, seit dem 6. Oktober 1973 bestehendes Dilemma verschärfen. Auch wenn man den Anspruch hoch ansetzt – mehr als 3’500–4’000 Meter erreicht auch der beste Merkawa nicht. Wie zu Beginn des Yom-Kippur-Kriegs die sowjetischen 9M14 Malyutka (NATO: AT-3 Sagger) stellen starke Pzaw-Raketen alle Angreifer, die primär auf Kampfpanzer bauen, vor anspruchsvolle taktische Aufgaben.
  • Zum Schluss noch die NATO-Codes der modernen russischen Raketen: 9K111 Fagot > AT-4 Spigot. 9K113 Konkurs > AT-5 Sprandel. 9M133-Kornet > AT-14 Spriggan.

Russischer Soldat mit Kornet. NATO: AT-14 Spriggan.