BISS – Rückzug besiegelt historische Niederlage

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30. August 2021: Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision begeben sich zu einer C-17.

Die historische Pressekonferenz: General McKenzie verkündet das Ende der US Militärpräsenz in Afghanistan.

Die Nacht vom 30. auf den 31. August 2021 geht in die Geschichte ein. Wenige Minuten nach Mitternacht afghanischer Ortszeit trat General Frank Kenneth McKenzie, der Befehlshaber des US Central Command, vor die Presse. Er verkündete:

  • Eine Minute vor Mitternacht afghanischer Zeit, 23.59 Uhr, verliess die letzte amerikanische C-17 den Flughafen Kabul. Sie ist jetzt auf dem Weg nach Doha, Katar. An Bord befindet sich auch Generalmajor Christopher Donahue, der Kommandant der 82. Luftlandedivision.
  • Aus Sicherheitsgründen verriet McKenzie keine taktischen Details.

Generalmajor Donahue, Kommandant 82. Luftlandedivision, verliess Kabul als letzter amerikanischer Soldat.

Überwältigende Luftüberlegenheit

  • Aber er erwähnte: Während der gesamten Schlussphase waren amerikanische Flugzeuge in überwältigender Stärke im Luftraum über Kabul präsent. Der General sprach von overwhelming strength. Von Flugzeugträgern aus flogen F/A-18EF Super Hornet robuste Combat Air Patrol (CAP). Sie wären jederzeit in der Lage gewesen, im Erdkampf einzugreifen (Combat Air Support, CAS).
  • Videosequenzen aus Kabul zeigen die letzten C-17, die dort abhoben. Sie stossen gegen Raketen Flares, Täuschkörper, aus.
  • Die Schlussphase sei komplex gewesen, jedoch gelungen. Die 82. Luftlandedivison habe in den letzten Minuten wertvolles Kriegsgerät zerstört, so Humwees, Flugzeuge, Helikopter und 6×6-MRAP, minensichere Radfahrzeuge. Am Flugplatz sei kein Material liegen geblieben, das dem Gegner hätte dienen können. Alles sei unbrauchbar gemacht worden.

MRAP Cougar, minensicheres US Fahrzeug.

Einschätzung der Taliban und des ISIS-K

General McKenzie sprach mehrmals den historischen und den aktuellen Feind an:

  • Die Taliban hätten sich pragmatisch (pragmatic) verhalten. Sie hätten ihren engen und weiten Schutzperimeter rund um den Flughafen aufrecht erhalten.
  • Dagegen hätten ISIS-K-Terroristen versucht, den Abzug der letzten Fallschirmjäger mit Raketen zu stören. Das sei nicht gelungen. Aber in Afghanistan befänden sich jetzt 2’000 ISIS-K-Terroristen. Viele seien in den chaotischen Tagen vom 15./16. August 2021 aus Gefängnissen entkommen. ISIS-K ist die afghanische Khorashan-Provinz des Islamischen Staates.
  • Mit einem zweiten Drohnenangriff zerstörte die US Air Force ein ISIS-Fahrzeug, dass Suizid-Attentäter und Sprengstoff zum Flugplatz führen sollte. Die Hellfire-Rakete erzielte einen Volltreffer, riss aber auch unbeteiligten Afghanen in den Tod. Von einer Familie kamen zehn Eltern und Kinder um. Sie hatten amerikanische Einreisevisen besessen.

Särge der afghanische Familie, die bei Drohnenangriff umkam.

Bilanz der Evakuation

Zu den letzten 18 Tagen zog McKenzie – sieht man vom Tod der 13 amerikanischen Soldaten und von unbeteiligten Afghanen ab – eine positive Bilanz:

  • Es sei gelungen, mehr als 100’000 Personen zu evakuieren, darunter gut 6’000 Amerikaner und viele Ortskräfte, die den USA zugearbeitet hätten.
  • Im Durchschnitt hätten die USA und ihre Alliierten am Tag 7’500 Menschen ausgeflogen. Auf dem Höhepunkt seien es 19’000 Personen am Tag gewesen. McKenzie dankte den Verbündeten, namentlich den 1’000 britischen Royal Marines und SAS-Fallschirmjägern und den Norwegern, die auf dem Flugplatz kompetent und tapfer das Feldspital betrieben hätten.

Ankunft der letzten britischen C-17 in RAF Brize Norton.

  • Allerdings sei es in der kurzen Zeit, welche die Taliban gesetzt hatten, nicht gelungen, alle Ausreisewilligen auszufliegen. Wörtlich hielt McKenzie fest: “Die Zeit der Soldaten ist abgelaufen, jetzt beginnt die Zeit der Diplomatie.” Ihr müsse es gelingen, weitere Afghanen aus dem Land zu schaffen.

Äusserst anspruchsvolle Operation

Der General schilderte die Operation als a.o. anspruchsvoll, nur schon wegen dem Zeitdruck:

  • In der Woche vor dem Taliban-Durchmarsch habe noch Hoffnung bestanden, dass die afghanische Armee Widerstand leiste.
  • Doch am 13./14. August 2021 sei jeglicher Widerstand zusammengebrochen. die Regierungsarmee habe sich aufgelöst. Wertvolle Waffen und umfangreiches Kriegsgerät sei den Taliban intakt in die Hand gefallen.

Dann sei es darum gegangen, die schmale amerikanische Präsenz wenigstens am Flughafen wieder aufzubauen:

  • Im Camp Pendleton sei die 24th Marine Expeditionary Unit mobilisiert und nach Kabul geflogen worden.
  • Ebenso aus Fort Bragg eine Task Force von 2’000 Fallschirmspringern der 82. Luftlandedivision.

Mit alliierten Truppen, besonders den Briten, sei dann der Flughafen in Besitz genommen und der Cordon um das Fluggelände errichtet worden. McKenzie gestand, der Tod der 13 gefallenen Amerikaner breche ihm das Herz. Doch sei die Operation zu einem guten Ende gekommen.

Nach der Schmach der schwersten Niederlage seit Vietnam bewährten sich Marines und Paras in der schwierigen Evakuation.

Historischer Augenblick

In emotionalen Passagen der Pressekonferenz würdigte McKenzie, selber ein Marine, den historischen Augenblick:

  • Kurz nach dem verbrecherischen al-Kaida-Angriff auf die USA hätten amerikanische Spezialkräfte die Taliban aus Afghanistan vertrieben.
  • Vom 7. Oktober 2001 bis zum 30. August 2021 hätten mehr als 800’000 Amerikaner in Afghanistan gekämpft. Auf dem Höhepunkt des Engagements, unter Präsident Obama, standen rund 130’000 Mann in Afghanistan. Sichtlich bewegt, erwähnte McKenzie 2 x seinen Sohn, der lange im Land gediente hatte.
  • Abschliessend nannte Frank Kenneth McKenzie die Zahl der Gefallenen: Mit den 13 Unteroffizieren und Soldaten, die noch am 26. August 2021 fielen, liessen in Afghanistan 2’461 Amerikaner das Leben (the ultimate sacrifice, so McKenzie).

Bilder der letzten Stunde

Fallschirmjäger in Reih und Glied.

Eine Stunde vor Mitternacht.