BISS – Trouvaille 2: “Vor 11.9. eher unwahrscheinlich”

Standard

 

 

 

15. August 2021: Operators des Taliban-Bataillons 313 nehmen den Flugplatz ein.

Siehe auch  BISS – Die Trouvaille: “Das läuft nicht als Tickermeldung”

Im ersten Text zur neuen “Spiegel”-Serie “Elf Tage in Kabul” findet sich noch eine Trouvaille, diesmal den deutschen Geheimdienst BND betreffend. Jan Hendrik van Thiel, der Geschäftsträger in Kabul, hört in der Nacht zum Freitag, zum 13. August 2021, einen BND-Lagerapport mit. Der “Spiegel” schreibt:

  • Dann ist Tania von Uslar-Gleichen an der Reihe. Ihre Mitarbeiter haben der Vizepräsidentin des Bundesnachrichtendienstes einen Sprechzettel vorbereitet. Die Sprache der BND-Frau ist ausgewogen, bürokratisch, unterkühlt.
  • Die Taliban hätten kein Interesse an der militärischen Einnahme Kabuls. Eine Übernahme der Stadt vor dem 11. September sei eher unwahrscheinlich. Ein vollständiger militärischer Abzug der internationalen Gemeinschaft und “diplomatische Absatzbewegungen” könnten diesen Prozess allerdings beschleunigen.
  • Van Thiel hört am Telefon zu. Er kann es kaum glauben. Die Afghanen lösen ihre Konten auf, die Lebensmittel werden teurer, der afghanische Präsident fliegt mit 56 Leuten nach Washington – und 39 bleiben gleich in den USA. Das alles hat er nach Berlin gemeldet. Die Zeichen sind eindeutig. Warum nicht man ihn nicht ernst?
  • Nach der Vizepräsidentin sind zwei ihrer Mitarbeiter an der Reihe. Van Thiel muss unbedingt etwas sagen, so kann er es nicht stehen lassen, doch die Staatssekretärin (Leendertse vom Auswärtigen Amt, red.) schneidet ihm das Wort ab. Teilnehmer der Sitzung berichteten später, Leendertse habe ganz offensichtlich die schlechten Nachrichten aus Kabul nicht hören wollen. Das Abwiegeln der BND-Frau passt besser zur politischen Linie des Ministeriums.
  • Im vertraulichen Ergebnisprotokoll, das später öffentlich wird, steht nur der fatale Satz: “Übernahme Kabuls durch TLB (Taliban, red.) vor 11.9. eher unwahrscheinlich.” Es ist die Bankrotterklärung des BND.

Pro memoria: In der Nacht zum 13. August 2021 stand der militärische Arm der Taliban vor den Toren Kabuls. Zahlreiche bewaffnete Agenten hatten die Hauptstadt infiltriert. Das Pentagon, das der CIA misstraute, verlegte von Fort Bragg, North Carolina, starke Verbände der 82. Luftlandedivision auf den Flugplatz Kabul. Am Samstag, am 14. August, war jedem klar: Kabul fällt. Am Sonntag, am 15. August, marschierten die Taliban fast kampflos ein – 56 Stunden nach der BND-Lage: “Vor 11.9. eher unwahrscheinlich …”

Taliban-Spezialkräfte: Bataillon 313. Ausgerüstet mit erbeuteten US Uniformen.