BISS – Taliban 2: Strassen, Fünfte Kolonne, Beute

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Die neutrale Karte zeigt die Hauptstrassen. Operativ entscheidend: der Ring, die beiden Querverbindungen und die Routen zu den Grenzen.

Die etwas andere Karte von NATO/ISAF. Der westliche Plan zur Rekonstruktion der Strassen – sogar vielfältiger als es die neutrale Karte angibt.

 

Siehe auch > BISS – Taliban 1: Hierarchie + Auftragstaktik und BISS – Taliban 3: Das Elite-Bataillon Badri 313

Es folgt der zweite Beitrag zum militärischen Sieg der Taliban. Sie verdanken den Durchmarsch nach Kabul nicht nur der gelungenen Verbindung von straffer, schlanker Hierarchie und ausgeprägter Auftragstaktik; auch ihr operatives Vorgehen verrät gründliche, kluge Planung samt konsequenter Ausnutzung des Terrains, der Infrastruktur und der Bevölkerung.

Ebenso erkannte die Taliban-Führung die inhärente Schwäche des Gegenregimes. Besser als westliche Geheimdienste und die Politiker in Washington, London und Berlin erkannten die Rebellen, wie morsch auch Präsident Ghanis Regierungsarmee war. Sie spürten: Da war ein Feind, der nicht mehr bereit war, zu kämpfen und zu sterben – im Gegensatz zur eigenen, motivierten Truppe.

Die beiden Strassenkarten öffnen die Augen:

  • Die neutrale Karte zeigt in roter Farbe den Strassenring, der Afghanistan militärisch beherrscht – mit den beiden Querverbindungen und den unabdingbaren Routen zu den Grenzen.
  • Die zweite Karte von NATO/ISAF erhält im Licht der aktuellen Katastrophe den Charakter des Propaganda-Dokuments. So wollte der Westen die Infrastruktur rekonstruieren; er plant ein Strassennetz reicher als es der Krieg erlaubte.

Strassenring, Querachsen, Grenzzugänge

Wie dem auch sei: In ihrer operativen Absicht massen die Taliban dem Strassenring, den Zwischenachsen und den Grenzzugängen hohe Bedeutung bei.

  • Zuerst nahmen sie die terrestrischen Verbindungen in Besitz: geteerte Strassen, keine Eisenbahnen. Das erste Augenmerk galt dem Ring. Noch bevor sie die neuralgischen Hauptort in Besitz nahmen, legten sie im Zwischengelände Hand auf die Autorouten. Sie unterbrachen die Hauptverbindungen und hinderten die Regierungsarmee am Nachschub und am Verlegen von Truppenverbänden.

Nach der Eroberung von Kandahar. Die neuen Herrscher markieren Präsenz.

  • Dann fielen den Aufständischen Knotenpunkte wie reife Äpfel in den Schoss. In atemberaumendem Tempo fielen die Metropolen Kunduz, Herat, Masar-i-Sharif und Kandahar; von den vielen kleineren Provinz- und Distrikt-Hauptorten ganz schweigen.
  • Die Meldungen vom Fall der grossen Städte am Ring demoralisierte das Ghani-Regime und die kaputte Regierungsarmee vollends. Marschall Dostum, auf dem Papier der Oberbefehlshaber der Ghani-Truppe, wurde entmchtet; die Angreifer beraubten ihn zu Lande jeglicher Verbindung zu seinen zersprengten “Streitkräften”. Munition, Treibstoff, Verpflegung, Medikamente und Soldzahlungen kamen nicht mehr durch. Die verbliebenen Aussenposten waren abgeschnitten und fühlten sich verraten.

Im Triumph nach Kabul

  • Militärisch gesprochen: Die Taliban hatten dafür gesorgt, dass Dostums Logistik und Führungsunterstützung versagten; womit der Stellenwert des Nachschubs und der Verbindungen hervorgehoben wird: Wer die Versorgungslinien beherrscht, beherrscht das Gefechtsfeld.
  • Humwee-Patrouille in unwegsamem Gelände.

    Auf nach Kabul!

  • Auf erbeuteten Humwees und starken Motorrädern – man lasse sich von vereinzelten Moped-Bildern nicht täuschen, das war Folklore – rollten die Eroberer im Triumph nach Kabul. Dort erwartete sie eine klassische “Fünfte Kolonne”, wie General Franco 1938 seine Helfer im Untergrund von Madrid placiert hatte.
  • Zum Schluss war die Besetzung der Hauptstadt nur noch Formsache. Operativ hatten die Taliban-Führung und die Feldkommandanten mit der Inbesitznahme der Strassen ganze Arbeit geleistet. Provinz- und Distrikt-Hauptorte waren reihenweise gefallen, die Domino-Steine kippten.

Drohungen und Unterwerfung

Die Droh-Taktik der Taliban verdient es, durchleuchtet zu werden.

  • Distanziert berichtet die New York Times von einem Telefonanruf an Muhamed Jallal, einen Stammesälteren in der Nordprovinz Baghlan. Der Taliban-Feldkommandant forderte Jallal auf, mehrere Stützpunkte der Ghani-Armee im Distrikt zu kontaktieren.
  • Die Botschaft an die Ghani-Offiziere war lapidar und hart: “Solltet ihr Euch nicht unterwerfen, werden wir Euch töten!” Der Anrufer schlug Jallal Vorfälle aus anderen nordöstlichen Provinzen um die Ohren, wo Taliban-Führer mit resistenten Truppen nicht lange Federlesens gemacht hatten.
  • Jallal, andere Stammesführer und vor allem die Armee kapitulierten. Sie übergaben zwei Regierungsstützpunkte und drei Aussenposten kampflos. Die Drohung des Taliban-Kommandanten hatte genügt, sie vom Gefechtsfeld zu nehmen.
  • Über 100 Soldaten legten die Waffen nieder und übergaben diese samt Munition den Taliban. Auch schwere Waffen und neue Fahrzeuge überliessen sie den Aufständischen, als sei das selbstverständlich. Im Gegensatz zu den abziehenden Amerikanern dachten sie nicht an die rechtzeitige Zerstörung ihres Kriegsgeräts.

Bidens Steilpass

In ihrem Feldzug zur Demoralisierung erhielten die Taliban am 14. April 2021 unverhofft Hilfe aus Washington. Im Gefolge seiner Vorgänger Obama und Trump beging Präsident Biden einen fürchterlichen Fehler:

  • Nach Beratung mit seiner Stellvertreterin (und eventuellen Nachfolgerin) Kamala Harris verkündete Biden öffentlich, er werde das Versprechen honorieren, das Trump an jenem unseligen Schalttag, am 29. Februar 2020, in Doha abgegeben hatte. Dort hatte Mullah Abdul Ghani Baradar, der schlaue Chef des Taliban-Politbüros, die Amerikaner schlicht über den Tisch gezogen, als er ihnen seinerseits versprach, seine Bewegung suche im Land Ausgleich, Frieden, Prosperität – mit allen.

29. Februar 2020, Doha: Mullah Abdul Ghani Baradar mit zwei Leibwächtern.

Der “Friedensvertrag” von Doha: Baradar zieht die naiven Amerikaner über den Tisch.

  • Konkret wiederholte Biden den strategischen Fehler, den schon Obama und Trump begangen hatten: Er nannte das Datum für den finalen Abzug der amerikanischen Truppen. Der letzte Soldat der einstmals über 100’000 Mann starken Streitmacht werde Afghanistan zum 20. Jahrestag von 9/11 verlassen. Am 11. September 2021 werde es kein amerikanisches Militär mehr auf afghanischem Boden geben – ein Steilpass sondergleichen für die Aufständischen: Jetzt konnten sie warten, bis die Schutzmacht des Gegners abgezogen war.

Die Fünfte Kolonne

Wie sehr Kabul schon vor dem Durchstoss nach Kabul war, beschreibt das deutsche Magazin Der Spiegel:

  • Anfang Juli 2021 erfuhr der Spiegel-Korrespondent am westlichen Stadtrand von Kabul, hinter der nächsten Hügelkette stünden bereits die Taliban. Am Qargha-See picknickten noch Familien, Kinder fuhren Karussell. Der Luna-Park am See sei die letzte Frontlinie vor der Hauptstadt.
  • In einem Kabuler Büro traf der Korrespondent einen der führenden Militärkommandanten der Angreifer, der sich unauffällig in der Stadt aufhielt. Der Deutsche fragte den Offizier, wie weit die Taliban zum See noch laufen müssten. Der Kommandant antwortete: “Überhaupt nicht weit. Sie sind längst da. Es sind Wachleute der Restaurants, Karussellmänner, Putzleute. Zu gegebener Zeit wird es dort voll sein von Taliban.”

15. August 2021 im Präsidentenpalast. Am Tisch der Feldkommandant von Kabul, mit seiner Kalaschnikow vor sich, umgeben von zehn Leibwächtern..

  • Sechs Wochen nach dem Treffen fuhr der Kommandant mit zehn Leibwächtern und dem obersten Chef zum Präsidentenpalast. Der “Besuch” der gut bewaffneten Taliban in Ghanis Prunk wurde zum Symbol des jähen Machtwechsels in Afghanistan.

Wie ein Ameisenvolk waren die Rebellen nach Kabul eingesickert. Am 15. August 2021 kamen sie aus ihren Häusern. Sie trugen Pistolen und Gewehre und hissten die weisse Talibanfahne mit der schwarzen Shuhada, dem Glaubensbekenntnis. Bald kurvten sie in erbeuteten Polizeiwagen durch die Stadt, Kabul war wie angekündigt voll von Taliban. Es war der ultimative Sieg der Guerillatruppe über Amerikas Hightech-Armee.

Leichte Maschinengewehre mit Picatinny-Schiene

Als sich die Taliban nach ihrer Vertreibung 2021 mühsam wieder aufrappelten, waren sie schlecht bewaffnet. Zuerst stockten sie ihr angestammtes Arsenal wieder auf: mit unverwüstlichen AK-47 Kalaschnikows, tödlichen RPG-7-Panzerfäusten und, aus alten Beständen, den schultergestützten Flab-Raketen, mit denen die Mudjahedin in den 1980er-Jahren sowjetische Mi-8 Hip und Mi-24 Hind abgeschossen hatten.

Am 14./15. August 2021 allerdings zog eine gut motorisierte Armee nach Kabul ein. Gepanzerte Humwees rollten in die Stadt, an den Geschütztürmen bärtige Gotteskrieger. Gekauft hatten die Taliban Amerikas klassisches Gefechtsfahrzeug keineswegs, bewahre! Das Geheimnis ihrer modernen Bewaffnung lautet schlicht: Beute.

19. August 2021, an Afghanistans Unabhängigkeitstag. Taliban in Kabul. Jeder trägt eine andere Waffe.

Kampflos und intakt fiel ihnen teures westliches Material in den Schoss, sobald sich ihre miserabel motivierten Gegner getürmt waren. Aktuelle Bilder aus Kabul zeigen Taliban-Patrouillen in Gruppenstärke. Einzelne Soldaten tragen noch die Kalaschnikow. Andere präsentieren stolz westliche Waffen aller Art: Sturmgewehre, oft das amerikanische M4, und leichte Maschinengewehre mit der Picatinny-Schiene – state of the art, wie die Angelsachsen sagen.

Unfassbare Feigheit vor dem Feind

Was kein Soldat versteht, ist die Feigheit, mit der die Ghani-Armee ihr wertvolles Material liegen liess. Die Militärgeschichte ist voll von Rückzügen, vor denen Truppen schweres Gerät: überhaupt alles, was dem nachstossenden Gegner dienen konnte, radikal zerstörten – “unbrauchbar machten” in der Militärsprache.

Verkauften Regierungssoldaten vereinzelt ihre Waffen? Aus guter Quelle ist das nicht verbürgt. Wie immer das Kriegsgerät die Hand wechselte – die Armee, deren Auftrag lautete, Afghanistan zu verteidigen, rüstete den Feind selber auf. Die USA müssen sich verraten vorkommen: Für 83 Milliarden $ hatten sie den korrupten Regimes von Karzai und Ghani modernes Kriegsgerät geliefert: beste Waffen von der führenden Militärmacht der Welt.

Den Clou erbeuteten die Taliban in Kandahar: Dort fiel ihnen ein intakter Mi-24 Hind in die Hand. Noch vor dem historischen 15. August 2021 führten sie die gefürchtete sowjetisch-russischer Kampfmaschine vor – und hauten in ihrer Propaganda einen drauf: Es sei exakt der Heli, den Indien der afghanischen Regierung “im Zeichen der Freundschaft” geschenkt habe.

Mi-24 Hind in Taliban-Hand.