BISS – Tabiban: Der Fluch des Sieges

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Akute Gefahr: Ungeschützte, unschuldige Menschen am Airport: Ziele des ISIS-K.

Morgen sind es zwei Wochen her, seit die Taliban-Armee Kabul kampflos in Besitz nahm, unterstützt von der Fünften Kolonne, begünstigst vom Zerfall des Regimes. Neu stehen die Glaubenskrieger vor dem Herkules-Auftrag, den Flächenstaat von 652.864 km² mit noch 38’928’000 Einwohnern zu regieren, zu verwalten, aufzubauen. Erste Lücken und Rückschläge sind unübersehbar, auch militärisch:

“Gefahr” 1: Zu wenig Soldaten

Im klassischen Dreiklang von Raum, Zeit und Kraft leiden die Taliban unter der Weite des Landes und ihrem begrenzten Personalbestand:

  • In gut einer Woche überrannten sie mit einer Kerntruppe von 60’000 Mann den Binnenstaat mit seinen 34 Provinzen, von denen sie ausser dem Panshirtal besetzten. Mit Hilfsverbänden und dem Zulauf, den siegreiche Guerilla-Armeen in der Regel erfahren, mag ihr Personal auf 90’000 Mann angestiegen sein. Aber überall, auch im Süden, liessen sie “Besatzungseinheiten” zurück, welche die Provinzstädte und -Dörfer sichern müssen.

Kurzer Triumph. Der Feldkommandant von Kabul nahm den Palast mit zehn Mann. Zwei Wochen später ist die personelle Decke an Ecken und Enden zu kurz.

  • Das allein schon übersteigt ihre personellen Ressourcen. In Kandahar und Herat müssen sie jede Polizeistation, jede Strassensperre, jede Verwaltung alimentieren; von der Kapitale Kabul ganz zu schweigen.
  • Schwer wiegt: Selbst wenn die Führung derzeit über 90’000 Mann gebieten sollte, fehlen ihr die Reserven. Die Bildung von Reserven war nie ihre Stärke, was sie in der Guerilla-Phase zu überspielen vermochten. Neu jedoch tragen sie die Verantwortung für ein grosses Land, für einen “Staat”, der aufgrund der Stammeskriege nie ein richtiger Staat war. Zudem sind auf die humanitäre Hilfe des Westens angewiesen. Das karge Land gab nie genug her, dass es ohne fremde Unterstützung leben konnte.
  • Das wiederum zwingt den Emir und seine Vize-Chefs zu einem relativ moderaten Kurs. Das Islamische Emirat Afghanistan darf es mit dem Ausland nicht verscherzen.

“Gefahr 2”: Massoud im Panshirtal 

Shah Massoud, Ahmeds Massouds Vorbild.

Konventionell lauert die Gefahr im Norden. Das tadjikische Panshirtal ist nicht erobert, der strategische Salang-Übergang nach Kunduz und Mazar-e-Sharif hart umkämpft.

  • Ahmed Massoud profitiert gewaltig vom Ruhm seines Vaters Ahmed Shah Massoud. Er bündelt im Panshir-Refugium den politischen und militärischen Widerstand.
  • Entgegen erster Berichte, wonach sich die Ghani-Armee komplett auflöste, dringen aus dem Panshirtal Meldungen nach Kabul, welche die Taliban alarmieren müssen. Demnach setzten sich vor Kabuls Fall ganze Bataillone nach Norden ab. Kampftruppen, namentlich auch Spezialkräfte, hätten bei Ahmed Massoud Unterschlupf gefunden.
  • Gemäss Nachrichten aus Kabul verfügt Massoud schon über eine fünfstellige Zahl zusätzlicher Kämpfer – dies in Verstärkung seiner Stammeskrieger.

Afghanischer Sikosky UH-60 Blackhawk.

  • Auch hätten die Infanterie- und Spezialeinheiten intaktes Material mitgebracht. Britische Zeitungen berichten von schwerem Geschütz und der entsprechenden Munition. Schützenpanzer, Humwees und Funkmaterial hätten den Weg ins Panshirtal gefunden. Über eigenes Kriegsgerät verfügt Massoud ohnehin. Er soll eine kleine Flotte sowjetisch-russischer Helikopter Mi-8 Hip und Mi-24/35 Hind besitzen.
  • Nach unbestätigten Meldungen flogen tadjikische Piloten der Regierungs-“Luftwaffe” einzelne Heli ins Panshirtal. Der operativ bedeutsame enge Eingang zum Tal sei sicher in Massouds Hand.

“Gefahr 3”: Salang

Der Salang: Weit über 3’000 Metern üer Meer.

Grün gepunktet (links der Mitte) die Salang-Route. Die topographische Karte gibt einen Eindruck von der Strasse durchs Hochgebirge.

Der absolut “zentrale” Salang-Übergang nach Norden, auch nach Usbekistan und Tadjikistan, zweigt vor dem Eingang zum Panshirtal ab. Doch seit jeher fällt er in die bevorzugte Operationszone der Massoud-Krieger.

  • Der 3’878 Meter hohe Pass zählt zu den zehn gefährlichsten Strassen der Welt – in jeder Hinsicht. 1964 eröffneten sowjetische Ingenieure auf rund 3’400 Metern den 2’600 Meter langen Salang-Tunnel. Der Durchstich verkürzte die Fahrtzeit auf rund einen Tag; aber von den Gefahren nahm er der Passage wenig; im Gegentei: im 6,1 Meter breiten “Loch” kam es seither immer wieder zu schweren Katastrophen.
  • Von 1979–1989 führte die Rote Armee ihren Nachschub von den südlichen Sowjetrepubliken über den Salang nach Kabul – und erlitt Verluste. Die lange, gewundene Route bietet dem Gegner überall Chancen für Hinterhalte.

Eingang zum engen Salang-Tunnel.

  • Auch die Taliban haben ihre Verbindung in die besetzten Nordprovinzen nicht im Griff. Pass und Tunnel sind umstritten. Die Salang-Strasse lässt sich nicht einfach im Handstreich nehmen. Experten erwägen eine Luftlandung. Wohl erbeuteten die Taliban viel Fluggerät. Aber wo sind ihre Piloten? Wo ihre Erfahrung mit Luftlandungen? Wo die Kommandanten, die das Absetzen am Pass und die Inbesitznahme der Schlüsselstellen befehligen können?

“Gefahr” 4: ISIS und Terror

Hätte es für die akute Terrorgefahr noch eines Beweises bedurft – der Suizid-Anschlag vom schwarzen 26. August 2021 hat ihn geliefert:

  • Der ISIS-K, die afghanische ISIS-Provinz Khorashan, “lebt” – leider.
  • Die Chefs dieser Mörderband waren fähig, am Flugplatz Kabul 13 Marines und Dutzende Afghanen zu töten. Weder die Amerikaner noch die wenigen verbleibenden NATO-Kader noch die Taliban konnten sie an der feigen Tag hindern.

Niemand ist Prophet östlich von Suez. Niemand weiss, ob und wie die Taliban mit dem ISIS-K fertig werden.

Vor der Katastrophe: Regierungssoldat in einem ISIS-Bunker.