BISS – Stalin und Hitler – die andere Sicht

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Im Dezember 2021 erschien die neue GMS-Schrift:

Hans Rudolf Fuhrer, Dieter Kläy, Matthias Uhl, Manfried Rauchensteiner: 1941 Feindbild Moskau. “Strafgericht” und “Barbarossa”. Zwei Präventivkriege. GMS-Schrift 45. Die GMS Mitglieder erhalten die Schrift im Frühling 2022 mit einem normalen Versand.

Zu beziehen ist die Schrift für 40 Franken bei:

Vertrieb GMS-Bücherdienst, rudolf.widmer-gms.@bluewin.ch oder bei Hans Rudolf Fuhrer, Juststr. 32, 8706 Meilen, hansrfuhrer@bluewin.ch

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Die Frage aller Fragen

Im Brennpunkt der Schrift steht eine der dezisiven Fragen des Zweiten Weltkriegs. Am 22. Juni 1941 griff die deutsche Wehrmacht auf der ganzen Front die Sowjetunion an. Wer war damals der Aggressor und wer das Opfer? 

  • Die eine Denkschule, massgeblich geprägt vom russischen Überläufer Władimir Bogdanowicz Riezun (“Suworow”), sieht im Sowjetdiktator Stalin den Aggressor und in Deutschland das Opfer: Hitler habe gegen Russland einen Präventivkrieg geführt, um Stalin zuvorzukommen. 
  • Dieser These widerspricht heftig eine zweite Denkschule, angeführt vom israelischen Historiker Gabriel Gorodetzky: Er wirft Riezun “fadenscheinige, windige Theorien” vor. Gorodetzky wird unterstützt durch die offizielle deutsche und russische Geschichtsschreibung.

In der GMS-Schrift vertritt der deutsche Forscher Matthias Uhl Gorodetzkys Auffassung, während der Herausgeber der Schrift, der angesehene Schweizer Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer eine differenzierte Gegenposition einnimmt. In unserer Rezension übernahmen wir die Anti-“Suworow”-These, worauf uns Hans Rudolf Fuhrer um ein Gespräch bat. Es folgt zum gründlichen, langen Gespräch das “Protokoll”, das Fuhrers Argumentation zusammenfasst. Selbstverständlich empfiehlt sich die Lektüre der Schrift, um die gesamte Analyse zu erfassen.

Gegen den Strom

Zwei Beobachtungen motivierten Hans Rudolf Fuhrer, dem Streit um den Präventivkrieg auf den Grund zu gehen:

  • Der Historiker Joachim Hoffmann arbeitete von 1960 bis 1995 am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) der Bundeswehr. In der monumentalen MGFA-Geschichte des Zweiten Weltkriegs vertrat er eigenständige, in Ansätzen mit “Suworows” Denkschule vom deutschen Präventivkrieg übereinstimmende Forschungsergebnisse. Darauf wurde er geschnitten, ausgegrenzt und vom Chef aufgefordert, seine Aufsätze zu korrigieren und Textstellen zu streichen. Hoffmann weigerte sich und ging vor Gericht – das nicht auf den Historikerstreit eintrat; worauf Hoffmann seine Stelle verlor.
  • In einem zweiten Fall erlebte Hans Rudolf Fuhrer den Chef des Forscherteams, das nach dem Mauerfall als erste DDR-Akten studieren durfte. Er hat Fuhrer glaubwürdig versichert, dass er in der Forschung nicht frei gewesen sei, sondern die politischen Vorgaben beweisen sollte. 

Die beiden Erlebnisse veranlassten Hans Rudolf Fuhrer, sich seine eigene Meinung zu bilden: „Ich bin nicht deutscher Lohnempfänger und frei, die Schlüsselfrage von 1941 objektiv anzugehen.” Er misstraut seit den beiden Erfahrungen dem “Mainstream”, der festgelegt hat: 

  • Deutschland überfiel im Juni 1941 ein völlig unvorbereitetes und friedliches Russland.
  • Alles, was Russland militärisch machte und plante ist demgegenüber irrelevant.

Was Fuhrer negativ auffiel, war die Schubladisierung der Forscher, die es wagten, sich dem “Mainstream” entgegenzustellen: Diese wurde in die rechte Ecke gedrängt, ja als Verteidiger der Nazi-Theorien verfemt.

In der “Suworow”-Schule, zu der auch mit drei Studien der DDR-Generalmajor Bernd Schwipper gehört, entdeckte Hans Rudolf Fuhrer Nuancen:

  • • Für eine moderate Richtung stand fest: Stalin liess die Stavka, den russischen Generalstab, eine Offensive gegen Deutschland planen. Das Angriffsdatum liess er offen.
  • • Die radikalere Strömung ging weiter: Die präventive Operationsplanung wurde realisiert inklusive Termin der Auslösung in den ersten beiden Juliwochen. Hitler kam Stalin also um Tage zuvor.

Was ist ein “Präventivkrieg”?

Zum Begriff „Präventivkrieg“ nennt Oberst Fuhrer, der im Kalten Krieg das Mot Inf Rgt 25 befehligte, als klassisches Beispiel den Sechs-Tage-Krieg.

  • Für ihn ist Israels Offensive vom 5. Juni 1967 gegen Ägypten, Syrien und Jordanien der klassische Präventivschlag gegen einen verbal und aufmarschmässig zum Angriff bereiten Gegner mit „Überschreiten“ der politisch gesetzten „roten Linie“ – und, wenn wir das anfügen dürfen: einer der erfolgreichsten Operationen der ganzen Militärgeschichte, dessen territoriale Konsequenzen die Lage im Heiligen Land bis heute bestimmen.
  • Als wesentlich und für ihn entscheidend bezeichnet Fuhrer die Definition, die Präsident George W. Bush 2002, im Vorfahr seines Bagdad-Feldzugs, aufstellte. Ein präemptiver Angriff sei gerechtfertigt, wenn der Gegner unmittelbar zum Schlagen bereit ist, die diplomatischen Mittel ausgeschöpft sind und man ihm zuvorkommen muss. Wenn der erste Schuss gefallen sei, sei das Angriff oder Verteidigung je nach Sichtweise.
  • Ein Präventivschlag sei jedoch schon dann gerechtfertigt, wenn auch nur der Verdacht bestehe, dass der Gegner irgendwann eine Aggression durchführen könne, der Krieg „unvermeidlich“ sei. Bush unterscheidet also zwischen PREEMPTION und PREVENTION, eine Unterscheidung, die in Deutsch nur von Experten gemacht wird. Die Entscheidung Präventivkrieg 1941 oder nicht ist also eine Definitionsfrage des Begriffs.

Der Operationsplan vom Mai 1941

Nun zu Stalin und Hitler! Hans Rudolf Fuhrer kommt aufgrund seines intensiven Dokumentenstudiums zum Schluss, Stalin habe früh Vorkehrungen getroffen, um Hitler zuvorzukommen. Der Krieg sei für den Sowjetherrscher – ungeachtet des Molotow-Ribbentrop-Abkommens vom 23. August 1939 – unvermeidbar gewesen.

Grossen Wert legte Fuhrer auf Schukows Operationsplan vom Mai 1941. Weil dieser vorher in deutscher Sprache fehlte, übersetzte Oberst Dieter Kläy das Dokument speziell für Fuhrer aus dem Russischen ins Deutsche. 

Die Schrift enthält also einen militärhistorisch relevanten Primeur! 

Für Fuhrer geht aus dieser Mai-Planung eindeutig hervor, dass der sowjetische Generalstabschef den eigenen Präventivangriff plante. Die hervorragend gestalteten Karten in der GMS-Schrift lassen die asymmetrische Strategie der Roten Armee auch für nicht Generalstabsoffiziere erkennen:

  • mit einem offensiven Südwestflügel
  • und je einem defensiven Nord-und Südflügel.

Die Beurteilung der Feindmöglichkeiten, die eigene Kräfteverteilung an der Westgrenze und die Reservebildung der Roten Armee bestätigen das operative Schwergewicht gegen Südwesten – mit der Hauptstossrichtung Balkan.

Schwergewicht Balkan

Wesentlich ist für Fuhrer auch die Chronologie der Planungen:

  • Als Stalin noch primär an die Achse Warschau–Berlin dachte, plante sein Generalstab ab April bis zum September 1940, die präventive Besetzung von Ostpreussen bis zur Weichsel.
  • Hitler redete wohl in kleinem Kreis schon 1938 vom „unvermeidlichen“ Krieg im Osten und Gewinnung von Lebensraum für ein grosses Volk. Aber die konkrete Angriffsplanung begann erst im Herbst 1940, als der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, dem General Friedrich Paulus den Befehl erteilte, den Feldzug gegen die Sowjetunion zu planen; was der Generalstabsoffizier Paulus minutiös zur Hand nahm – Paulus, der dann an der Spitze der 6. Armee in Stalingrad unterging. Im Dezember 1940 gab Hitler der Wehrmacht den Befehl, den Angriff planerisch in die Wege zu leiten.
  • Im Oktober 1940 korrigierte Stalin die Planung seines Generalstabs. Er hatte erkannt, dass eine Weichsel-Strategie zu kurz ziele. Wichtiger sei es, auf den Balkan zu stossen, um die Wehrmacht von den Balkanverbündeten zu trennen und Rumänien mit den Erdölvorkommen von Ploiesti abzuschneiden, was den Krieg für die Deutschen ungewinnbar mache. Der Warschau-Stoss wurde zur Nebenachse. Unterstützung erhielt Stalin von General Georgi Schukow, dem aufsteigenden Mann in der Roten Armee.

Die Kriegsspiele vom Januar 1941

Eines haben Gabriel Gorodetzky und Hans Rudolf Fuhrer in ihren Studien gemeinsam. Sie legen enormes Gewicht auf die beiden russischen Kriegsspiele vom Januar 1941:

  • Vom 2.–6. Januar liess man die Deutschen an der mittleren und nördlichen Front angreifen. Schukow führte als “blauer” (deutscher) Befehlshaber südlich von Brest 160 Divisionen ins Gefecht. Nördlich sollten aus dem Raum Suwalki 60 Divisionen die russischen Verteidiger binden. General Dmitri Pawlow – in der Realität Kommandant der gesamten sowjetischen Westfront – befehligte im Kriegsspiel “Rot”: Stalins Armee. Im Kreml schrillten die Alarmglocken, als Pawlow den eingedrungenen deutschen Feind nicht zurückschlagen konnte.
  • Vom 8.–11. Januar tauschten Pawlow und Schukow die Rollen. Nun spielte Schukow den “roten” Chef. Er wehrte in einer “tiefen Operation” an der Südwestfront Pawlows Attacke nicht nur ab, sondern führte seinen “roten” Hauptschlag tief ins Hinterland der “Blauen”. Er schnitt die Deutschen von den Ressourcen des Balkans ab.

Schon am 13. Januar zog Stalin doppelte Konsequenzen: Er sah sein Schwergewicht auf dem Südwesten bestätigt und ersetzte den unfähigen Generalstabschef Kirill Merezkow durch Schukow.

Der schwere Fehler des Amateurs

Hans-Rudolf Fuhrer behält den Balkan im Auge. In der GMS-Schrift analysiert der Wiener Historiker Manfried Rauchensteiner brillant Hitlers Unternehmen “STRAFGERICHT”: den präventiven Jugoslawien-Feldzug der Wehrmacht.

Für Fuhrer ändert der Fall Belgrads nichts an Stalins Balkan-Schwergewicht und an der sowjetischen Präventiv-Planung. Im Gegenteil, er sieht sich bestätigt, dass der Besitz des Balkans über den Ausgang des Krieges entscheiden würde. Für Hitler war der Balkanfeldzug einerseits das Auslöffeln der von Mussolini eingebrockten Suppe und andererseits die Verhinderung des möglichen Zusammengehens von London und Moskau, eine Entwicklung, die sich in Belgrad abzuzeichnen begann. In diesem Sinne war „Strafgewitter“ ein Präventivkrieg.

Verzögerte “STRAFGERICHT” den Angriff auf Russland derart, dass die deutsche Armee im Dezember 1941 wenige Kilometer vor Moskau scheiterte? Fuhrer winkt ab. Für ihn beging Hitler den entscheidenden Fehler im Hochsommer 1941. Stur, wie er war, und ein Amateur dazu, schwächte er im Juli die Heeresgruppe Mitte fahrlässig. Unter Fedor von Bock sollte sie gemäss Barbarossa-Plan noch vor Wintereinbruch Moskau nehmen. Aber Hitler entzog dem Adligen von Bock, dem er nicht vertraute, die stärksten Kräfte:

  • Das 2. Panzerkorps unter dem legendären Panzerführer Heinz Guderian unterstellte er der Heeresgruppe Süd unter Gerd von Rundstedt für die Ukraine-Operation.
  • Ebenso entzog er von Bock das 3. Panzerkorps unter dem Haudegen Hermann Hoth: Der schlagkräftige Verband sollte fortan die Heeresgruppe Nord unter Wilhelm von Leeb unterstützen, die Leningrad belagerte.

Obwohl Hitler seinen Fehler später korrigierte, liess sein Unsinn die Heeresgruppe Mitte bei Smolensk buchstäblich stehen. In der Operation “URANUS” holte sie die verlorenen Wochen nicht mehr auf: Vor Moskau liefen die deutschen Panzerspitzen an Stalins sibirischen Divisionen auf. “BARBAROSSA” war gescheitert.

Rote Armee: Qualitativ und quantitativ

Zum Präventivkrieg spitzt sich vieles auf die Frage zu: Wäre die Rote Armee überhaupt zum Stoss tief in den Balkan hinein fähig gewesen? Hans Rudolf Fuhrer unterscheidet die quantitative und die qualitative Komponente. Nur die erste lässt sich quellengestützt beurteilen.

  • Zahlenmässig griff Stalin auf Russlands schier unerschöpfliches Menschenreservoir zurück und stellte die Rote Armee in einer Angriffsgrundstellung auf, in welche die Deutschen hineinstiessen. Bitter erinnert Fuhrer an die Tatsache, die wir auch aus dem Ersten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, Afghanistan und Tschetschenien kennen: Um einen Durchbruch zu erzwingen, opfert die sowjetisch-russische Führung gewissenlos ganze Kampfformationen. Das war vor Moskau, in Stalingrad oder im April 1945 auf den Seelower Höhen und in Berlin der Fall. Daraus kann geschlossen werden, dass man jederzeit bereit war – auch gegen offensichtliche Vorbehalte über die Machbarkeit – Menschen zu opfern.
  • Qualitativ ist nicht zu übersehen: Stalins brutale “Säuberung” der Roten Armee, die Erschiessungs- und Verhaftungskommandos gegen Generale und Kader bis zur Stufe Bataillon schwächten die sowjetischen Streitkräfte. Noch 1941 litten sie unter dem Ausfall einer ganzen Führungsgeneration. Erst Schukow und seine Kameraden machten Stalins Wahnsinn wett. Noch katastrophaler sieht die materielle Bereitschaft aus. Es fehlte an allem: Munition, Panzern, Fahrzeuge, Übermittlungsmittel und so fort. Fuhrer sieht anhand der Dokumente keinen Zwang, aus qualitativer Sicht die Präventiv-These aus russischer Sicht auszuschliessen.
  • Die entscheidende Rolle wäre zweifellos Stalin zugefallen, der „grünes Licht“ geben musste. Aus deutscher Sicht war der Auslöser zum Angriff nicht primär der sowjetische Aufmarsch, der zwar – so weit die Aufklärungsmittel reichten – minutiös aufgeklärt wurde, sondern das Auslösen eines „unvermeidlichen“ Krieges zum eigengewählten Zeitpunkt und einem Abschluss, bevor die USA zu einen Eingreifen fähig gewesen wäre. Die Kriterien zur Legitimierung des Präventivkriegs sind erfüllt, was die spätere Durchführung nicht in Ansätzen entschuldigt.

Der schlagende Beweis

Den schlagenden Beweis für die Realisierung des Schukow-Plans vom Mai 1941 sieht er in den Kesselschlachten des Sommers 1941:

  • “Hätten Stalin und sein Generalstab defensiv geplant, hätten sie in der Tiefe des sowjetischen Raumes ein gestaffeltes Abwehrdispositiv eingerichtet, wie das Schukow 1943 vor Kursk praktizierte. Aber die Stavka plante gemäss der gültigen Militärdoktrin eine offensive Kriegführung, um den Krieg sofort auf das Territorium des Feindes zu tragen – präventiv oder nach einer möglichst kurzen Grenzschlacht.”
  • “Der Beweis des getätigten Aufmarsches findet sich in der Gefangennahme von 680’000 Russen in den Kesseln von Brijansk, Minsk und Smolensk. Die Rote Armee war am 22. Juni 1941 nicht in ihren Datschas, als die Deutschen überraschend angriffen, sondern in einer für die Verteidigung  untauglichen Angriffsgrundstellung. In defensiver Schlachtordnung hätte Stalin in den ersten Kriegswochen gegen die deutschen Panzer nicht Hunderttausende verloren.”
  • “Die Diskussion über die Präventivkriegsthese tritt durch diese Studie in eine neue Phase, hoffentlich in eine wissenschaftliche. Es ist aber wahrscheinlich, dass auch dieser Ansatz in bewährter Manier im Zeitalter der political correctness totgeschwiegen wird.“