BISS – Sisyphos, Bundesbern und der Krisenstab

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Tizians Sisyphos.

Sisyphos ist König von Korinth, weise und kommt dennoch in die Hölle. In der Unterwelt wird er von Hermes gezwungen, zur Strafe einen Felsblock ewig auf einen Berg wälzen zu müssen; doch jedes Mal rollt der Stein, schon fast am Gipfel, wieder zu Tale. Dem Griechen Sisyphos verdanken wir das latinisierte geflügelte Wort Sisyphusarbeit; es bezeichnet ein vergebliches und dennoch schweres Unterfangen ohne absehbares Ende.

Im Bundeshaus wälzt ein unsichtbarer Sisyphos den Stein namens “Krisenstab”. In jeder Krise rufen, wenn zu Beginn alles drunter und drüben geht, Politiker und Medien nach dem Krisenstab – möglichst permanenter Art, weil zu schnellem Eingreifen verdammt. Unzählige Male hat der Sisyphos den Stein schon gewälzt, zwei, drei Mal lag er kurze Zeit oben; doch noch jedes Mal stürzte er jäh auf den Bundesplatz.

Zehn Jahre gehörte ich der Eidg. Staatsschutzkommission an, davon sechs Jahre als Präsident. Auch wir hatten ein paar Mal den Auftrag, die Ehre und zweifelhafte Freude, uns über das Dossier Krisenstab zu beugen. Eigentlich lagen Auftrag und Lösung auf der Hand. Jedes Department hätte massgeschneidert, je nach Krise, die Besten in den Stab abordnen müssen. Doch der Stab hätte mindestens auf strategischer Ebene auch den Grundsatz erfüllen müssen: “Gouverner, c’est prévoir.” In akuten Lagen hätte das “natürliche” Departement den Vorsitz geführt, das Ressort, das am meisten von der Materie verstand – das VBS im Krieg, das EDI in der Pandemie, das EFD nach dem Börsenschock und so fort.

Klingt logisch, einfach, machbar. Nur: Bis jetzt kam der eidgenössische Superstab nicht zustande. Das hat einen simplen Grund. Um jähe Krisen zu bewältigen, müssten jeweils sechs Departemente Kompetenzen an dasjenige Dikasterium abtreten, das die Materie à fond kennt. Und da gelangen wir ans Ende der Fahnenstange. Solange in der eidg. “Führungskultur” jeder und jede nur auf das eigene Gärtlein achtet, solange der Erfolg der oder des anderen mit Eifersucht quittiert wird, solange erhält die Schweiz kein schlagkräftiges Gremium, solange rudern wir in Krisen im Kreis herum – wie jetzt wieder zu Corona und zur Ukraine.

Sisyphos wird es trösten; er weiss, was es heisst, den Stein jedesmal in die Tiefe rauschen zu sehen.  In der Antike kennen wir den Grund für seine Strafe nicht so recht. Der Bundesberner Sisyphos weiss wenigstens, woran es liegt; und schweigt – wohlweislich. Sein Schicksal, der Stein namens Krisenstab ist eh schwer genug.

Der steinerne Sisyphos von Naranath Branthan.